Orthodoxes Leben im Kreis der Familie

 

Liebe und Ehe aus Sicht der Orthodoxen Kirche

 

Metropolit Arsenios,

griechischer orthodoxer Metropolit von Austria

und Exarch des Ökumenischen Thrones für Ungarn

 

 

Die orthodoxe Position über Liebe und Ehe schließt mit Entschiedenheit und unzweifelhaftem Willen an die Idee der Menschenrechte an, wie sie von der Generalversammlung der Vereinten Nationen 1948 proklamiert wurden und welche sich allmählich zur Grundlage eines sogenannten „Weltethos“¹ entwickelt haben.

 

Die Menschenrechte, wie sie heute als Rechte von allgemeiner Gültigkeit verstanden werden, haben als Grundlage die Menschenwürde, eine Idee, welche sowohl in der biblischen als auch in der patristischen Tradition tief verwurzelt ist.

 

Die Menschenwürde hängt mit nichts Anderem unmittelbarer als mit der Tatsache zusammen, dass allein der Mensch nach dem Bild und Gleichnis Gottes erschaffen ist.²Ich möchte hier den von dem berühmten Theologen Claus Westermann angeführten Kommentar zu  der betreffenden Bibelstelle wörtlich zitieren: „Damit ist dem Menschen eine Würde verliehen, die in seinem Geschaffensein von Gott begründet ist. Dabei ist wohl zu beachten, dass die Gottebenbildlichkeit nicht etwa dem Menschengeschöpf noch dazu verliehen wird; sie ist explikativ gemeint: damit, dass der Mensch von Gott geschaffen ist, ist er zu Gottes Ebenbild geschaffen. Diese dem Menschen mit seinem Geschaffensein verliehene Würde ist vollkommen unabhängig von allen möglichen Unterschieden zwischen Menschengruppen, von völkischen, religiösen, rassischen und sozialen Unterschieden. Sie eignet dem Menschen jenseits aller dieser Differenzierungen.“³

 

Die Stelle aus Gen 1,26 mit der Schlussformel „lasset uns Menschen machen“ hebt die Erschaffung des Menschen aus dem übrigen Schöpfungswerk heraus und weist auf die Besonderheit  der menschlichen Existenz hin. Der Mensch wird dabei nicht das kontingente Produkt einer unpersönlichen Schicksalsmacht, sondern das Ergebnis einer lebendigen Person, einer Intention, eines freien Entschlusses. All das macht als Konsequenz nicht nur den personalen Gott aus, sondern auch den Menschen, worin er sich vom Rest der Schöpfung unterscheidet.

 

Wenn man das besondere Verhältnis Gottes zum Menschen als ein Gemeinschaftsverhältnis auslegt, dann wird noch deutlicher, dass alles, was ein solches Verhältnis stören würde, a priori verwerflich und unheilig ist. Jeder Mensch hat als persönliches Werk Gottes das Recht auf ein persönliches Verhältnis zu seinem Schöpfer, was natürlich noch offensichtlicher macht, dass jede Art von Diskriminierung eines Mitmenschen vor allem das Verhältnis Gottes zu diesem Mitmenschen berührt. Fazit: Alle Menschen sind gleich, weil alle von dem einen Schöpfer und unter denselben Bedingungen, d. h. aus dem Nicht-Seienden (creatio ex nihilo), geschaffen sind.

 

Die alttestamentliche Konzeption über die Würde aller Menschen und deren Gleichheit vor Gott setzt sich im Neuen Testament weiter fort: „Denn es ist hier kein Unterschied: Sie sind alle Sünder und haben die Herrlichkeit (δόξα) verloren, die Gott ihnen zugedacht hat, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist⁴(...) Ihr alle, die ihr auf Christus getauft worden seid, habt Christus angezogen. Hier ist nicht Jude oder Grieche, hier ist nicht Sklave oder Freier, hier ist nicht Mann oder Frau. Denn ihr seid alle Einer in Christus Jesus.“⁵

 

Diese Vorstellung von einer besonderen Würde, die allen Menschen zukommt und die alle Menschen unabhängig von ethnischer Herkunft oder sozialer und rechtlicher Stellung teilen, gehört auch zu den Grundlagen der Ethik der Väter der Kirche. In der Auslegung von Mt 25, 31-46 (insbesondere 25, 40) verwahrt sich der heilige Johannes Chrysostomos gegen eine Begrenzung christlicher Hilfe auf die christlichen Brüder unter Hinweis auf die grundsätzliche Gleichheit aller Menschen und die gemeinsame Teilhabe an der menschlichen Natur. Deutlich wird diese gemeinsame Natur zum Bezugspunkt für die Gleichheit aller Menschen auf universaler Ebene: „Denn die Gnade ist auf alle ausgegossen und verschmäht nicht Juden, Griechen, Barbaren, Skythen, nicht den Freien, den Sklaven, Männer, Frauen, den Alten und den Jungen. Alle werden auf gleiche Weise zugelassen und eingeladen nach Maßgabe gleicher Würde.“

 

Der bewusste Respekt für die Würde (dignitas) jeder menschlichen Person zeigt sich nach Johannes Chrysostomos vor allem in der Liebe für den Nächsten (πλησον), und selbst für den Feind, nicht nur durch Worte, sondern durch Taten. Dieser Ausdruck von Liebe sei Anfang und Ende der Tugend.⁷ Die Liebe zum Mitmenschen stellt auch in neuerer Zeit bei dem berühmten Schweizer Pädagogen J. Pestalozzi den Kernpunkt des pädagogischen Systems dar: „Liebe, und eine mit Liebe im Kinde entquellende Geistestätigkeit sind also offenbar der gemeinschaftliche positive und unveränderliche Anfangspunkt, von welchem die Entwicklung aller Anlagen zu unserer Veredlung ausgeht und ausgehen muss.“⁸

 

Wenn die Liebe zum Mitmenschen die Quintessenz der christlichen Ethik ist, dann ist jeder Christ, und vor allem die Kirche verpflichtet, jede Entscheidung dieses Mitmenschen in Hinsicht auf die Gestaltung seines Lebens oder seiner sexuellen Vorlieben völlig zu respektieren, weil die Kirche einfach das von Anfang an dem Menschen von Gott angelegte Geschenk respektiert, nämlich sich frei für die eine oder die andere Alternative zu entscheiden. Gott machte den Menschen bei der Schöpfung zum Herrn über das Gute oder das vom Guten Abweichende und unterstellte alles der eigenen Meinung, der freien Entscheidung und dem eigenen Willen des Menschen.

 

Die Kirche nimmt nach der orthodoxen Auffassung also aus tiefster Überzeugung jeden Menschen, unabhängig von seiner Stellung innerhalb der Gesellschaft oder seiner sexuellen Präferenz und Orientierung in ihrem Schoß auf. Sie tut es nicht aus Zwang, sondern aus freiem Willen und echter Liebe zum Mitmenschen, weil sie glaubt, dass jeder Mensch, also auch derjenige, der sich für eine andere Form der Sexualität als die von Natur aus dem Menschen zugedachte entschieden hat, den vollen Respekt und Achtung als Gottes persönliches Geschöpf genießen muss. Die Kirche freut sich sogar und muss sich über diejenigen Menschen freuen, die sich trotz ihrer sexuellen Vorlieben, welche nicht dem traditionell von der Kirche vertretenen Vorbild entsprechen, in vielen Bereichen des Lebens, wie z. B. in der Kunst, der Wissenschaft oder der Politik auszeichnen und durch ihre Lebensweise das Gute zu tun versuchen.

 

Die Orthodoxe Kirche präsentiert ein christliches Lebensmodell, das auf dem Evangelium und seiner Lehre gründet. Diese Lebensweise ist eine Idealvorstellung, der man freiwillig nachfolgen kann oder eben auch nicht. Eine von dieser Idealvorstellung abweichende Lebensweise wird von der Kirche respektiert, aber stimmt nicht mit ihrer Lehre überein. Diese abweichenden Lebensweisen können nicht als mit der orthodoxen Vorstellung von der Heiligkeit der Eheschließung zwischen Mann und Frau gleichrangig betrachtet werden.

 

Die christliche Vorstellung für die höchste und vollständige Form des „Mit-einander-Seins“, des „Einander-leiblich und seelischen-Begegnens“ ist nach dem Glauben der Kirche nur in der liebenden, von Gott gesegneten Verbindung zwischen Mann und Frau zu sehen. Das ist, was Ehe in ihrem Kern bedeutet:  Die von Gott gesegnete freiwillige Verbindung von Mann und Frau, mit dem Ziel, sich gegenseitig zu erfüllen und mit der Potenzialität, Kinder zu zeugen, d. h. neue Menschen mit dem Segen und der Hilfe Gottes ins Sein zu bringen und später der Gesellschaft zu übergeben.

 

In der christlichen Vorstellung von Ehe und Familie hängen beide Begriffe unmittelbar mit der Verbindung zwischen Mann und Frau zusammen. Warum? Weil das die Lehre der Bibel, des Evangeliums Jesu Christi, die Lehre der heiligen Väter ist: „Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen, und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen“.Das ist die Quintessenz des Einander-Erfüllens / Voneinander-Erfüllt-Seins. Jede Abschweifung von der von Gott gegebenen und bestimmten Art von Beziehung zwischen Mann und Frau wird deutlich in der Bibel abgelehnt. Johannes Chrysostomos unterstreicht die Wichtigkeit der Vereinigung zwischen Mann und Frau als „echte Lust“, die den Bedingungen der Natur entspricht. (10)

Die Ehe hat dem christlichen Verständnis nach einen sehr wichtigen sakramentalen Charakter: „Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Denn niemand hat jemals sein eigenes Fleisch gehasst, sondern er nährt und pflegt es, wie auch der Christus die Gemeinde. Denn wir sind Glieder seines Leibes. Deswegen wird ein Mensch Vater und Mutter verlassen und seiner Frau anhängen, und die zwei werden ein Fleisch sein. Dieses Geheimnis ist groß, ich aber deute es auf Christus und die Gemeinde.“¹¹

 

An dieser Stelle findet die Heiligkeit der Institution der Ehe und des familiären Lebens als Grundstein, auf dem sich die heilige Beziehung der Ehepartner stützt, ihre Begründung. In dem Ehebund erhält jedes Glied, der Mann und die Frau, seine existentielle Fülle unter der unabdingbaren Voraussetzung, dass sie die Ehe- und Hausgemeinschaft auf die Liebe und Hingabe (γάπη) gründen. Nicht nur das Begehren (ρως) schafft die Ehegemeinschaft, sondern die Liebe, das Sich-für-den-Anderen-Opfern (θυσία), für den Anderen zu jeder Zeit – sei es eine günstige oder eine schwierige – da zu sein. Die Familie ist wiederum das organische Zentrum zur Verwirklichung der Liebe (γάπη), die alle Gemeinschaft trägt.

 

Quelle und Maß aller menschlichen Liebe (γάπη) ist im Neuen Testament die Gottesliebe. Der Epheserbrief führt diesen Gedanken weiter aus: das Vorbild aller ehelichen Liebe ist dem Christen die Liebe Christi zu seiner Gemeinde. Wie sich Christus als Haupt der Kirche für sie opfert und durch sein  Opfer deren Heil erfolgt, genau so führt der Mann seine Frau als deren Haupt auf geheimnisvolle Weise zum Heil, da sie etwas aus seinem Dasein ist. In der christlichen Ehe zwischen Mann und Frau spiegelt sich die geheimnisvolle Bindung zwischen Christus und seine Kirche wider. Der Mann ist das Abbild des Bräutigams Christus und sieht in der Person seiner Frau die Kirche als Braut. Diese Vorstellung von Christus als dem Ehe-Herrn liegt der Haustafel des Epheserbriefs zugrunde. In Eph. 5, 31 ist der Gedanke typologisch zu Ende gedacht, das Genesiswort vom Drange des Mannes zur Frau und der Vereinigung (Henosis) der Ehegatten wird als ein „großes Geheimnis“ erklärt und auf Christus und die Kirche bezogen. Diese typologische Deutung des Verhältnisses zwischen Mann und Frau und dessen Zurückführen auf das Verhältnis zwischen Christus und der Kirche ist bei berühmten hochgelehrten Kirchenvätern, wie z. B. bei dem heiligem Gregor von Nyssa, vorzufinden.

 

In dem berühmtesten seiner hermeneutischen Werke, der Auslegung des Hoheliedes der Liebe, wird der erotische Drang der menschlichen Seele zu Christus dem erotischen Drang einer Braut zum ihrem Bräutigam gegenübergestellt. Der erotische Drang des  zu Gott emporstrebenden Menschen wird immer mit zwei Objekten unterschiedlichen Geschlechts in Zusammenhang gebracht. Wie jeder Bräutigam zieht Christus seine Braut (die menschliche Seele) zu einem endlosen Liebesverhältnis heran, und die Braut erwidert die Gefühle ihres Bräutigams, indem sie sich auf ein endloses Streben nach ihm einlässt. Die zum eigentlichen Guten und Schönen schauende Seele findet in ihm immer wieder etwas Neueres und noch Wunderbares: „Es kommt niemals zu einem Stillstand im Verlangen nach dem Schauen, weil das in Aussicht Stehende bestimmt großartiger und göttlicher als das bereits Gesehene ist.“ Deshalb hört die Braut in ihrer Bewunderung und in Ihrem Erstaunen nicht auf, weiter nach ihm zu streben, und dies hat kein Ende.¹²

 

In der Auslegung des Hoheliedes der Liebe durch berühmte Väter der Kirche (Origenes, Gregor von Nyssa) wird das mystischen Verhältnis zwischen Christus und seiner Kirche mit der liebenden-leidenschaftsvollen Zuneigung eines Bräutigams zu seiner Braut verglichen, was deutlich darauf hinweist, dass in der patristischen Tradition bei der echten Art von Liebe und des erotischen Verbindens immer an die Verbindung zwischen einem Mann und einer Frau gedacht wurde. Dieses erotische Verbinden, dieses Liebend-Einander-Begegnen, findet seine mystische Zuspitzung im sakramentalen Leben der Kirche, im Sakrament der Ehe, weil die Ehe ein Geheimnis der Liebe ist. Nur in einer auf der Tugend gestützten Ehe kann man echte Liebe, Ruhe und sein Glück finden. Die Ehe hat nach Johannes Chrysostomos die Funktion eines „Hafens der Besonnenheit“, das beide Ehepaare vor jedem Sturm (Ungestüm der Natur) schützt.¹³ Der Sturm entsteht, wenn es zu Übertreibungen kommt: Das ist zum Beispiel der Fall bei einem Übermaß an Enthaltsamkeit. In seinem Kommentar von 1 Kor. 7, 5 äußert sich der Heilige Vater zu diesem Thema: „Christus hat angeordnet durch den Mund des Paulus, dass sich beide Ehegatten nicht einander entziehen dürfen; manche Frauen aber haben sich mit dem angeblichen Wunsch der Enthaltsamkeit, als ob sie etwas Frommes machten, von ihren Männern entfernt und haben sich selbst zum Ehebruch und ins Verderben geführt.“¹⁴

 

„Jeder darf sich dem Anderen außer im gegenseitigen Einverständnis nicht entziehen. Was soll das heißen? Weder die Frau, sagt Paulus, darf sich ihrem Mann entziehen, wenn es seinem Willen nicht entspricht, noch darf der Mann sich seiner Frau entziehen, wenn seine Frau es nicht will. Aus welchem Grund? Weil sich aus dieser Enthaltsamkeit viel Böses ergibt; weil sich daraus viele Ehebrüche, viel Unzucht und Familienzerstörungen ergeben haben.“¹⁵

 

Also alles mit Maß. Sich innerhalb der Ehe einander zu entziehen, widerspricht der Natur der Ehe, die eigentlich das Seelisch- und Leiblich-Einander-Begegnen zwischen Mann und Frau bedeutet. Ein solches sexuelles Verhalten entspricht der Natur der Ehe, und alle Menschen neigen von Natur aus dazu , weil jeder Mensch aus dem liebenden Verkehr zweier Menschen ins Sein gekommen ist! Gregor von Nyssa äußert sich deutlich dazu: „Ich weiß wohl, dass auch die Ehe der Segnung Gottes nicht ermangelt. Denn ein ausreichender Fürsprecher für die Ehe ist die allgemeine Natur der Menschen, welche all denen, die durch die Ehe ins Leben kommen, diese Neigung dazu automatisch eingeflößt hat.“¹

 

Im patristischen Bewusstsein wird also auch anhand des biblischen Zeugnisses die Beziehung zwischen Mann und Frau als natürliches Verhalten betrachtet. Jede andere Art von Beziehung steht im Widerspruch mit dem natürlichen Ablauf der Natur.

 

Dieses unerschütterliche Festhalten der Orthodoxen Kirche an der Ehe zwischen Mann und Frau bedeutet zugleich keine Missachtung oder Verurteilung derjenigen Brüder in Christus, welche entschieden haben, eine andere Art von Leben zu führen. Die Orthodoxe Kirche weist gegenüber diesen Personen nicht nur eine Haltung von Toleranz auf.  Toleranz ist mehr als eine Idee. Sie ist nicht mit der Ethik des Mit-Leidens, das in der patristischen Tradition von ausschlaggebender Bedeutung zur Überwindung einer Schwäche ist, zu verwechseln. Toleranz bedeutet für die Orthodoxe Kirche Akzeptanz oder genauer gesagt Respekt der freien Entscheidung des Anderen. Die Kirche steigt herab zu den Schwächen jedes einzelnen Menschen, empfindet Mitleid für ihn, betet für ihn, arbeitet mit ihm zusammen, sodass er seine Schwächen überwinden kann. Die Kirche hält sich nicht von dem Menschen, der eine andere Gesinnung und Lebensweise als sie vertritt, fern, sie weist ihn nicht ab, sondern versucht, ihm in heilsamer, gerechter Weise die richtige Motivation zu einer Lebensänderung zu geben. Im Fall eines Scheiterns ihres Versuches, wenn sich der Andersdenkende für einen anderen Kurs in seinem Leben entscheidet, überlässt die Kirche das Werk dem Heil Gottes.

 

Der Weg zu Gott besteht im ständigen Kampf gegen unsere Schwächen, im ständigen Bemühen, sich selbst zu übertreffen. Im weiteren Streben nach der Überwindung unserer Schwächen, der kleinen und großen, liegt eigentlich der wahre Genuss, nicht in der Erreichung des Zieles selbst: „darin besteht in Wahrheit das Gottschauen, dass derjenige, der zu Gott aufschaut, nie von seinem Verlangen lässt“.¹⁷

 

Es ist leicht nachzuvollziehen, dass die Überlieferung der Kirche in ihrer tiefschürfenden Weisheit – durch das Sakrament der Ehe und der heilige Institution der Familie als „Hauskirche“ – seit jeher eine existentielle Wahrheit gelehrt hat, welche die jungen Generationen heute wieder zu entdecken scheinen, und so erfährt, dass Freude nicht gleich Genuss ist. Der Genuss „füllt“, aber nährt und sättigt nicht. Er lässt den Menschen immer hungrig und hinterlässt schließlich im Herzen des Menschen eine schreckliche Leere, von welcher manche Menschen leider denken, dass nur der Tod in der Lage wäre, sie zu besänftigen. Die Wahrheit, an welche uns Christus erinnert, ist ein Zeichen der Hoffnung für die Zukunft, ein Stern für das Morgen. Die Freude wird nicht aus dem Genuss geboren, sie entspringt vielmehr aus einem Leben der tief verwurzelten Kommunion und daraus, dass man für das geliebt wird, was man ist, jenseits aller Komplexe und Maskeraden.

 

Die Freude entspringt aus der Tatsache, sich von jemandem ohne Bedingungen geliebt zu fühlen, seine beste Seite in Bezug auf Intelligenz, Herz und Willen in einer authentischen Beziehung ausdrücken zu können. Die Freude ist eine Frucht der Liebe, welche der Mensch für Gott empfindet und welche er „aus ganzem Herzen, ganzer Kraft und ganzer Seele“ durch seine Existenz und fleischliche Liebe zum Ausdruck bringt. Diese Freude jedoch benötigt viel Zeit und Geduld, um ihre Vollständigkeit zu erreichen.

 

† Metropolit Arsenios von Austria

 

Vorsitzender der Orthodoxen Bischofskonferenz in Österreich

 

 

 

1   Vgl. H. Küng/J. Hoeren, Wozu Weltethos? Religion und Ethik in Zeiten der   Globalisierung. Hans Küng im Gespräch mit Jürgen Hoeren, Herder Spektrum 5227, Freiburg/Basel/Wien 2002.

 

2   Gen 1,26f; Vgl. Gen 9,6. Zum εκών siehe G. v. Rad, Art. εκών. D. Die Gottesebenbildlichkeit im: ThWNT 2 (1935), 388, H. Wildberger, Das Abbild Gottes Gen 1, 26-30, in: ThZ 21 (1965), 245-260; Der Mensch als Bild Gottes (Hg.), L. Scheffczyk, in: Wege der Forschung Bd. CXXIV, Darmstadt 1969.

 

3   Das Alte Testament und die Menschenrechte: Jörg Baur (Hg.), Zum Thema Menschenrechte Theologische Versuche und Entwürfe, Stuttgart 1977, 7.

 

4   Röm. 3, 22-24.

 

5   Gal. 3, 27f.

 

6   Hom. in Joh 8, 1 (PG 59, 65, 33-38). Vgl. auch Max. Conf., Questionae ad Thalassium 15, PG 90, : ‘’τ πνεμα τ γιον, οδενς πεστι τν ντων· κα μάλιστα το λόγου καθοτιον μετειληφότων’’.

 

7   Epist. ad Cor., Hom XXIII, 3, PG 60, 619. ‘’ρχ κα τλος τς ρετς’’.

 

8   Pestalozzi, Ansichten und Erfahrungen, 4 Brief, 6 (Ausg. Werke, 3 Bd., S. 332-333).

 

9   Mk 10, 6-9. Vgl. Gen. 1, 24.

 

10 Vgl. PG 60, 416-417. ‘’ γρ γνησία δον κατ φύσιν στίν΄΄.

 

11 Eph. 5, 32

 

12 Vgl. Greg. Nyss., Hom. 11 (zu Cant. 5, 2c-f).

 

13 Vgl. De Virginitate 9, 1: λιμν ... σωφροσύνης τος βουλομένοις ατ χρσθαι καλς, οκ φιες γριαίνειν τ φύσιν.

 

14 In Math. Evangellium Hom. 86, PG 58, 768

 

15 Hom. 19, PG 61, 152.

 

16 De Virg. 7 PG 46, 353: ο γρ γνοομεν τι κα οτος τς το θεο ελογίας οκ λλοτρίωται. λλ πειδ τούτου μν ατάρκης συνήγορος κα κοιν τν νθρώπων φύσις στν α­τό­μα­τον τν πρς τ τοιατα ροπν ντιθεσα πσι τος δι γάμου προϊοσιν ες γένεσιν

 

17 Greg. Nyss., Vita Moysis PG 44, 404A. ‘’ν τούτ ντος το ληθς δεν τν θεόν, ν τ μ λξαι ποτε τς πιθυμίας τν πρς ατν ποβλέποντα’’.

 

 

Quelle: www.orthdoxe-kirche.at

 

 

Das orthodoxe Haus und seine Ikonen

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Die Lebensgestaltung der Menschen in einem traditionsbewussten russischen Haushalt ist mit den mannigfachen Traditionen des orthodoxen Brauchtums zutiefst verwoben. Das spirituelle Zentrum eines jeden christlich-orthodoxen Haushaltes ist der Platz des gemeinsamen Gebetes. Dieser Ort des Gebetes ist gleichzeitig der Platz im Haus oder der Wohnung wo die Familie ihre Familien-Ikonen aufbewahrt. Seit apostolischer Zeit wenden sich die Christen in Richtung Osten zum Gebet, denn aus dieser Richtung wird Christus der Herr einst wiederkommen, um Gericht über Lebende und Tote zu halten. Deshalb ist dieser Platz des Gebetes, der Herrgottswinkel wie man im Deutschen oder die "schöne Ecke" (Красный угол = "Krasnyj Ugol") wie man im Russischen sagt, auch immer nach Osten ausgerichtet.

 

Hier in der Schönen Ecke des Hauses befinden sich die wichtigsten Ikonen der Familie. Hier versammelt sich die Familie in der Regel am Morgen und am Abends zum gemeinsamen Gebet. Diese Ikonen-Ecke ist gleichsam der Hausaltar einer jeden Christlich- orthodoxen Familie. Die Gestaltung dieser Ikonen-Ecke (εικονοστάσι/Красный угол/icoane de colț) variiert in den einzelnen orthodoxen Volkskulturen. So bewahrte die orthodoxen Christen in den Ländern Südosteuropas und des Nahen Ostens, wo die Christen jahrhundertelang unter islamischer Dominanz leben mussten,  ihre Ikonen in kleinen Wandschränkchen oder Wandnischen mit Türen auf, während man in Osteuropa die Ikonen offen als häuslichen Ikonostas präsentierte. Diese Ikonenecke russischer Prägung wollen wir nun näher betrachten. Im Zentrum der Ikonen-Ecke befindet sich in der Regel eine Christus-Ikone und eine Kreuz-Ikone. Zur Linken befindet sich dann, analog zum kirchlichen Ikonostas eine Ikone der Gottesmutter mit dem Christus-Emanuel-Knaben auf den Armen. Rechts von der Mitte befinden sich die Ikonen der in der Familie besonders verehrten Heiligen. In einigen Regionen Russlands und der Ukraine werden die Ikonen mit gestickten Zierhandtüchern, den Ruschniki, gerahmt. Vor allem in Norden Russlands gibt es auch Vorhänge, mit denen die Ikonenecke verhängt werden kann. Dieses ist vor allem in den Schlafzimmern der Eheleute üblich gewesen. Vor den Ikonen brennt in der Regel ein immerwährendes Licht in einer "Lampada" genannten Ewig-Licht-Ampel, die von der Deckel oder einer besonderen Halterung an der Wand mit drei Ketten vor der Ikonen- Ecke herabhängt.

 

 Verschiedene historische Beispiele für die Gestaltung eines Krasnyj Ugol:

 

Aus Karelien Beispiel 1.
Aus Karelien Beispiel 1.
Aus Karelien Beispiel 2.
Aus Karelien Beispiel 2.
Karelien Beispiel 3
Karelien Beispiel 3
Privathaus in Nordwestrussland.
Privathaus in Nordwestrussland.
Privathaus in Nordwestrussland.
Privathaus in Nordwestrussland.
Ikonenecke im Schlafzimmer des Zarewič Alexej im Liwadija-Palast auf der Krim.
Ikonenecke im Schlafzimmer des Zarewič Alexej im Liwadija-Palast auf der Krim.
Ikonen-Ecke auf dem Landgut der Famliie Lermontow im Gouvernement Pensa. Beispiel 1.
Ikonen-Ecke auf dem Landgut der Famliie Lermontow im Gouvernement Pensa. Beispiel 1.
Ikonen-Ecke auf dem Landgut der Famliie Lermontow im Gouvernement Pensa. Beispiel 2.
Ikonen-Ecke auf dem Landgut der Famliie Lermontow im Gouvernement Pensa. Beispiel 2.

 

Die heiligen Ikonen begleiten einen orthodoxen Christen von der Geburt bis zum Sterben. Deshalb bestimmen die Anwesenheit der heiligen Ikonen die religiöse Grundstimmung, ja die Identität eines christlich-orthodoxen Hauses. Während die traditionelle evangelische Frömmigkeit am Lesen des Gotteswortes in der Konfirmations- oder Familienbibel orientiert ist, verbindet das Gebet vor dem Herrgottswinkel beziehungsweise dem Hausaltar die orthodoxe und katholische Frömmigkeit miteinander. Jedoch gibt es zwischen dem katholischen Devotions- oder Andachtsbild und einer orthodoxen Ikone gravierende theologische Unterschiede. Denn durch die heiligen Ikonen wird für den orthodoxen Gläubigen „Gottes wirkliche konkrete Nähe“ sichtbar und erfahrbar. Die orthodoxen Ikonen sind damit nicht einfach "Heiligenbilder" in abendländischen Sinn. Als bildhafter Ausdruck des orthodoxen Glaubens wurden sie unter ständigem Gebet und im Fasten gemalt. Die Ikonen sind deshalb wiederum selbst "bildgewordenes Gebet". Sie sind gleichsam ein Spiegelbild der göttlicher Wirklichkeit, von dem unsere irdische Wirklichkeit nur ein schwaches Abbild sein kann. Wenngleich auch die Ikonen von Menschenhand geschaffen wurden, so weisen sie doch beständig im Abbild auf das Urbild, auf Gottes himmlische Herrlichkeit hin. Deshalb ist es auch bei wundertätigen Ikonen nicht die Herstellungsweise oder das Material , was eine Ikone geistlich charakterisiert und somit im orthodoxen Sinne zu einer Ikone macht, sondern das, was die heiligen Ikonen in Analogie zur Heiligen Schrift im Heiligen Bild aussagen. 

 

Zeichen der Nähe zur orthodoxen Frömmigkeit: Ein römisch-katholischer Hausaltar in Italien.
Zeichen der Nähe zur orthodoxen Frömmigkeit: Ein römisch-katholischer Hausaltar in Italien.
Beispiel einer rumänischen Ikonen-Ecke aus Siebenbürgen
Beispiel einer rumänischen Ikonen-Ecke aus Siebenbürgen

 

Auch konfrontieren uns die heiligen Ikonen nicht mit einer individuellen Frömmigkeit wie es die abendländische Kirchenmalerei seit der Gotik versucht, sondern die Ikonen lassen vor unseren Augen die wichtigen Stationen des in Christus gekommenen Heiles aufscheinen. Die Ikonen sprechen auch nicht zu uns von dem, was sich beim Gebet auf Seiten des menschlichen Beters ereignet, sondern sie stellen vielmehr dem vor ihnen Betenden Gottes Selbstoffenbarung vor Augen. Aus diesem Grunde können sie auch in zeitloser Weise dieselbe christliche Botschaft verkünden ohne in eine Erstarrung zu verfallen oder die Veränderung des immer wieder neuen Ausdrucks suchen zu müssen. Durch die heiligen Ikonen sprechen die auf ihnen abgebildeten Heilstaten Gottes immer wieder zum sie betrachtenden Menschen. Damit werden die Verheißungen der Königsherrschaft Gottes, die uns Christus im Wort durch Sein heiliges Evangeliums geoffenbart hat, durch die heiligen Ikonen im Bilde anschaubar. Die Bibel als das Wort Gottes und die heiligen Ikonen als Abbilder des Göttlichen Heiles verkünden beide das von der Kirche verkündigten, im Gebet und in der Feier der Göttlichen Liturgie betrachteten und durch die Sakramente vergegenwärtigten Heiltaten Gottes.

 

Was eine Ikone jedoch für einen orthodoxen Christen bedeutet, erfährt man erst, wenn man die Orthodoxen in ihrem Umgang mit den Ikonen beobachten. Die vielen Ikonen, die orthodoxe Christen in ihren Kirchen und Häusern haben, dienen nicht einfach zum frommen Anschauen, etwa als ein spirituelles Hilfsmittel, um sich an die Heilswahrheiten oder an Christus oder einen bestimmten Heiligen zu erinnern. Die Ikonen selbst sind für den orthodoxen Gläubigen heilige Gegenstände. Vor ihnen verbeugt man sich, wirft sich nieder, küsst sie ehrfürchtig und zündet vor ihnen Öllampen und Kerzen an. Doch hat die Ikone in ihrer Materie, also als bemaltes Holz an sich, keinen religiösen oder theologischen Wert. Sie ist nur ein Mittel, das auf das durch sie Abgebildete hinweist. Nicht das bemalte Holz, sondern die in der Ikone abgebildete heilige Person verehrt der orthodoxe Gläubige. Deshalb werden die heiligen Ikonen wie alle sakralen Kultgegenstände und Personen, die mit dem Gottesdienst zu tun haben, geweiht. Der Sinn dieser kirchlichen Weihe liegt darin, dass Gott durch Personen oder Gegenstände, die zur Welt gehören, in die Welt hineinwirkt, um mit Seinem Segen dort gegenwärtig zu sein. Die ist im Übrigen auch der spirituelle Sinn für die Existenz der Kirche und der theologische Grund für ihre Heilnotwendigkeit. So wird eine jede Ikone, nachdem der Ikonenmaler sie ferig "geschrieben" hat, geweiht:  Erst durch diese kirchliche Weihe wird sie vom Profanbild zur heiligen Ikone, durch die Gott selbst unter uns zugegen sein will.

 

Krasnyj Ugol in einer Privatwohnung in Kiew.
Krasnyj Ugol in einer Privatwohnung in Kiew.
Krasnyj Ugol, Privathaus.
Krasnyj Ugol, Privathaus.
Krasnyj Ugol, Privathaus.
Krasnyj Ugol, Privathaus.
Krasnyj Ugol
Krasnyj Ugol
Krasnyj Ugol
Krasnyj Ugol
Krasnyj Ugol
Krasnyj Ugol

 

Durch die Ikonen-Ecke des Hauses ist Gott im Heim der orthodoxen Familie präsent und gegenwärtig. Deshalb hielt man sich bei der traditionellen Inneneinrichtung eines russischen Hauses auch streng an eine von der späteren Positionierung der Ikonen-Ecke vorgegebenen Kanon. So musste beim Bau des Hauses die Himmelsrichtungen beachtet werden, denn man richtete die Ikonen-Ecke, wie bereits erwähnt, in der die heiligen Ikonen dann später aufgestellt werden sollten, in der hinteren Ecke des Hauptraumes an der nach Osten gerichteten Ecke oder Wand ein. Dies war auch der am besten beleuchtete Teil des Hauses, da beide Wände, die zur Ecke zusammenliefen, für gewöhnlich ein Fenster hatten. Die heiligen Ikonen wurden dann in der Ikonen-Ecke des Hauptraumes so angebracht, dass jeder, der den Raum betrat, als erstes die Ikonen sah. Traditionell bekreuzigt ein orthodoxer Christ sich als erstes vor den heiligen Ikonen, wenn er den Raum betritt und begrüßt erst dann den Gastgeber und die übrigen anwesenden Personen. Unter der Ikonen-Ecke stand gewöhnlich auch der Esstisch. Um ihn herum waren mehrere Bänke aufgestellt. Die Bank, die in der Ikonen-Ecke stand, galt als die der wichtigste Sitzplatz des Hauses. Sie wurde die „große Bank“ genannt. Hier saß dem altrussischen Brauch zufolge der Hausherr und die Ehrengäste. Alle anderen Familienangehörigen setzten sich dem Alter nach an den Tisch: die Älteren neben den Hausherrn und die Gäste, die Jüngeren etwas weiter entfern von ihm. Im alten Russland saß die Hausfrau und die Töchter nicht mit am Tisch, da ihnen die Sorge um die Tafel oblag. Sie aßen später gesondert von der Tischgemeinschaft.

 

Diese Grundordnung war sowohl in der Isba des russischen Bauern, wie auch im Hause des russischen Fürsten oder Bojaren gegeben. Seit dem 17. Jahrhundert, als westeuropäische Sitten auch in Russland tonangebend wurden, veränderte sich viele russische Bräuche, jedoch blieb die Ikonen-Ecke weiterhin der religiöse Mittelpunkt eines russischen Hauses. Jedoch war die Ikonen-Ecke in den Häusern des Adels oft nur noch in auf eine einzige oder nur wenige Ikonen reduzierte Form vorhanden. 

 

 

Beispiel einer zeitgenössischen kleinen häuslichen Časovnaja.
Beispiel einer zeitgenössischen kleinen häuslichen Časovnaja.

 

Mit dem Aufstieg des Moskauer Fürstentums im 14. Jahrhundert entwickelte sich auch eine eigenständige (nord)russische Kultur, die von einer besonderen Geistigkeit und Frömmigkeit geprägt war. Diese Kultur im russischen Norden und Osten unterschied sich von der ostslavischen kirchlichen Alltagskultur im Westens der Rus, also in den ukrainischen und belorussischen Gebieten Polen-Litauens. Die griechischen, arabischen und südslawischen bischöflichen Gesandten, Mönche und Kaufleute berichten immer wieder fasziniert von dieser eigenen (alt)russischen Welt am nordöstlichen Rand des orthodoxen Kulturkreises. Diese Welt war auch von einer besonderen (nord-)russischen Frömmigkeit, die von orthodoxen Besuchern aus dem Süden wahrgenommen, aber durchaus in einem positiv bis sogar lobendem Unterton geschildert wurde, geprägt. Das besondere Wesensmerkmal der (alt)moskauer Lebensweise war ihre besonders intensive Ausrichtung auf das kirchliche Gebet, vor allem das Stundengebet und den Besuch der Göttlichen Liturgie. Die Griechen berichten immer wieder begeistert von den langen, feierlichen und intensiv besuchten Gottesdiensten der Russen. Die Ausrichtung auf Gebet und Gottesdienst ist zunächst einmal kein besonderer Wesenszug der (alt)russischen Frömmigkeit, sondern in der gesamten Orthodoxie werden Gebet und kirchlicher Gottesdienst als der eigentliche "Alltag des Christen" aufgefasst. In Grunde bilden sie den Rhythmus und das Zentrum zu dem wir immer wieder zurückkehren, oder anders gesagt, aus dem wir für unsere alltäglichen Beschäftigungen heraustreten, um so bald als möglich zu ihm zurückkehren zu können. Grundlage  dafür ist die ernste Aufforderung der Heiligen Väter an uns, die schon bei den Heiligen Aposteln, vor allem beim Heiligen Apostel Paulus grundgelegt ist, dass wir ohne Unterlass beten sollen. Dies schlug sich in der Moskauer Rus in einer besonders innigen Verbindung aller Bevölkerungssschichten mit dem kirchlichen Gottesdienst nieder. Als der Buchdruck im 16. Jahrhundert auch Russland erreichte, wurde es möglich, die bisher handgeschriebenen liturgischen Bücher, aber auch eine Auswahl ihrer Texte in verschiedenen Gebetbüchern, zu drucken und damit einem breiteren Kreis der Bevölkerung zugänglich zu machen. Waren die liturgischen Texte bisher vor allem in den Klöstern zugänglich gewesen, so kamen sie nun auch in die Hände der Laien. Es entstanden in der Folge eine Vielzahl von Gebetsssammlungen, wie z.B. der "Ustav des häuslichen Gebetes". Besonders weite Verbreitung fand dann das (alt)russische Gebetbuch. Es wurde im 17. Jahrhundert unter dem Moskauer Patriarchen Josif II zusammengestellt und enthält neben der bisher für das Gebet der Laien üblichen Gebetsregel für die Morgen- und Abendgebete auch viele Teile des kirchlichen Stundengebetes. Damit wurden ausgedehnte, über den gesamten Tag verteilte Gebetszeiten nicht nur in den Klöstern, sondern auch für des Lesens kundige, weltlichen Laien möglich. In Verbindung damit entwickelte sich zunächst am Zarenhof und in den Häusern des russischen Adels und von dort dann ausgehend auch bei den wohlhabenden russischen Kaufleuten der Brauch, neben der Ikonen-Ecke auch ein Gebetszimmer (Молитвенная комната) oder sogar eine besondere kleine Hauskapelle (часовня домашняя) einzurichten, um dort mit dem Lesen des Stundengebetes, von Akafist- und Kanon-Hymnen ein an der kirchlichen Gottesdienstordnung orientiertes Gebetsleben führen zu können.

 

Ikonostas der Časovnaja zu Ehren des Heiligen Erzengel Michael, 17. Jahrundert, Karelien. Der Ikonostas schließt an der Ostwand die Kapelle ab. Es gibt keinen Altarraum.
Ikonostas der Časovnaja zu Ehren des Heiligen Erzengel Michael, 17. Jahrundert, Karelien. Der Ikonostas schließt an der Ostwand die Kapelle ab. Es gibt keinen Altarraum.
Eine von mehreren Časovnajas in der Mueumsanlage in Kischi (Karelien). Typisch für die Bauform der nordrussisch-karelischen Kapelle ist der gegenüber der Vorhalle erhöhte Hauptraum mit Ikonostas und kunstvoll gestalteter Decke (Himmel/небо).
Eine von mehreren Časovnajas in der Mueumsanlage in Kischi (Karelien). Typisch für die Bauform der nordrussisch-karelischen Kapelle ist der gegenüber der Vorhalle erhöhte Hauptraum mit Ikonostas und kunstvoll gestalteter Decke (Himmel/небо).
Blick auf den oberen Rang der Ikonostas und den Himmel (небо) genannte Deckengestaltung.
Blick auf den oberen Rang der Ikonostas und den Himmel (небо) genannte Deckengestaltung.
Ikonostas in der Časovnaja zu Ehren des Heiligen Großmärtyrers Georg bei Archangelsk.
Ikonostas in der Časovnaja zu Ehren des Heiligen Großmärtyrers Georg bei Archangelsk.
Ikonostas einer neuerbauten Časovnaja in Karelien.
Ikonostas einer neuerbauten Časovnaja in Karelien.
Ikonostas einer zeitgenössischen Časovnaja bei Moskau.
Ikonostas einer zeitgenössischen Časovnaja bei Moskau.
Časovnaja zu Ehren des Heiligen Alexander Newsky in Riga. Diese Časovnaja stand gegenüber dem Rigaer Bahnhof und bot den Reisenden vor Fahrantritt Gelegenheit zum Gebet.
Časovnaja zu Ehren des Heiligen Alexander Newsky in Riga. Diese Časovnaja stand gegenüber dem Rigaer Bahnhof und bot den Reisenden vor Fahrantritt Gelegenheit zum Gebet.
Gebetszimmer (Моленная) des Zaren Alexej Michaliovic in Kolomenskoje.
Gebetszimmer (Моленная) des Zaren Alexej Michaliovic in Kolomenskoje.
Ikonostas eines weiteren Gebetszimmers (Моленная) in den Moskauer Zarenpalästen (Крестовая палата).
Ikonostas eines weiteren Gebetszimmers (Моленная) in den Moskauer Zarenpalästen (Крестовая палата).
Durch den Buchdruck wurden die kirchlichen Bücher in Russland allgemein verfügbar.
Durch den Buchdruck wurden die kirchlichen Bücher in Russland allgemein verfügbar.

 

In der Zeit zwischen 1562 und 1667 folgte in der russischen Kirche durch die Reformen des Patriarchen Nikon die bis heute andauernde Abspaltung (Schisma oder russisch Raskol) der Altritualisten von der orthodoxen Kirche. Da sich die Altritualisten (старообря́дцы) dogmatisch nicht von der orthodoxen Kirche unterscheiden, ist die Bezeichnung Altgläubige (старове́ры) eher irreführend. Eine weitere Bezeichnung für diese, aus der Orthodoxie hervorgegangene, heute aber in verschiedene Gruppen aufgespaltene Glaubensgemeinschaft ist "Altorthodoxe" (древлеправосла́вные). Da sie aber keine Kirchengemeinschaft mit den anderen orthodoxen Kirchen unterhalten und deshalb letztendlich außerhalb der Katholizität (Собо́рность) der Kirche stehen, ist auch diese Bezeichnung weniger zweckdienlich.

Patriarch Tichon hatte eine Revision der liturgischen Bücher veranlasst, um die in der Vergangenheit in die Texte eingetragenen Abschreibefehler berichtigen zu lassen. Gleichzeitig veranlasste er die Angleichung des russischen Rituals an das griechische Vorbild, das bei den Orthodoxen im südslawischen sowie im ukrainischen und weißrussischen Gebiet maßgeblich war. Teile der russischen Bevölkerung und der Priester verweigerten sich jedoch diesen Reformen und bildeten in der Folgezeit verschiedene altritualistische Gruppierungen. Sie zerfallen in die beiden Hauptgruppen der priesterlichen (поповцы) und der priesterlosen (беспоповцы) Altritualisten. Die priesterlichen Altritualisten stellen den gemäßigten Teil der konservative Opposition gegen die kirchlichen Reformen durch Patriarch Nikon dar. Sie streben nach einer Fortsetzung des kirchlichen Lebens, wie es bis zu den kirchlichen Reformen existierte. Die theologischen Positionen der priesterlosen Altritualisten sind sowohl von einer antiklerikalen, als auch von apokalyptischen Komponente geprägt. Die priesterlosen Altritualisten behaupten, dass der Antichrist schon in die Welt gekommen sei, zwar nicht leiblich, aber "im Geiste", und die wahrhafte Kirche nicht mehr auf Erden existieren könne. Sie glauben deshalb, dass es auch kein gültiges Priestertum mehr geben kann, und feiern daher die Gottesdienste nach einer Ordnung für Lesergottesdienste. Außer der Taufe vollziehen sie keine anderen Sakramente mehr. Die priesterlosen Altritualisten lehnen sowohl die orthodoxe Kirche, als auch den Staat ab, weil sie in diese Instrumente des Antichristen sehen. Abweichend von den Orthodoxen halten die Altritualisten das moskowitische kirchliche Brauchtum des 16. Jahrhunderts für unveränderlich und letztendlich für heilsnotwendig. Aus diesem Grund ist ihnen eine stark auf das äußerliche, auf das Einhalten von ritualistischen Regeln orientiertes kirchliches Leben, aber auch ein starker, an den altmoskowitischen interpretierten christlichen Werten orientierter, Ethos eigen. Sie selbst betrachten sich deshalb als die eigentlichen Bewahrer der ursprünglichen russisch-orthodoxen Traditionen.

Das Verhältnis der orthodoxen Kirche zu den altritualistischen Christen war im Laufe der Geschichte nicht immer vom christlichen Geist aber auch nicht immer einheitlich geprägt. Anfangs wurden die Gegner der Kirchenreformen von der orthodoxen Kirche als Häretiker verurteilt (Synode der russischen Kirche im Jahre 1666/67) und altritualiste Gemeinden wurden daraufhin vom russischen Staat verfolgt. Um diesen Verfolgungen zu entgehen, zogen sich die Altgläubigen oft in entlegene Gegenden, nach Sibirien oder ins Ausland zurück. Erst seit der Mitte des 18. Jahrhunderts nahmen die Verfolgungen langsam ab, aber es blieben auch dann noch viele diskriminierende Gesetze in Kraft. Erst ab 1905 wurden die Existenz der altritualistischen Gemeinden staatlich legalisiert. Trotzdem besaßen die altritualistischen Gemeinden immer eine starke Anziehungskraft, so dass im 18. und 19. Jahrhundert in einigen Gegenden Russland fast die Hälfte der Bevölkerung zu ihnen gehörte. Wichtigste Förderer und finanzielle Träger der altritualistischen Gemeinschaften waren in den Städten reiche Kaufleute und Fabrikanten, im nördlichen Russland die dort wohlhabenden Staatsbauern, im Wolgagebiet aber breite Teile der dortigen ländlichen Bevölkerung.

In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts stellten dann die Forschungsergebnisse der Kaiserlichen Russischen Akademie der Wissenschaften heraus, dass der (alt)russische Ritus tatsächlich nicht vom (alt)byzantinischen Ritual abwich, sondern dass sich der heutige griechische Ritus erst unter dem Einfluss verschiedener Faktoren im 13. und 14. Jahrhundert allmählich zu seiner heutigen Form hin verändert hat. Dieser Prozess erklärt dann schlüssig den Unterschied zwischen dem russischen und griechischen Ritual in der Mitte des 17. Jahrhunderts.

Das bekannteste Unterscheidungsmerkmal der Altritualisten ist ihre Art sich zu bekreuzigen. Die Altritualisten bekreuzigen sich mit 2 Fingern, wie er auch im Segensgestus der Christus-Ikonen abgebildet wird, die Orthodoxen aber mit 3 zusammengelegten Fingern. Die Deutung der jeweiligen Fingerpaare ist ähnlich. Die Altritualisten legen zum Bekreuzigen den Zeige- und den Mittelfinger zusammen, als Andeutung, dass Christus Gott und Mensch in einer Person ist; die übrigen drei Finger berühren sich mit den Spitzen, um das Bekenntnis zur Allheiligen Dreieinheit abzubilden. Die Altritualisten betrachten diese Art der Handhaltung beim Schlagen des Kreuzzeichens als das einzige richtige Kreuzzeichen. 

Weitere Unterschiede im Gottesdienst sind: Die Altgläubigen 2 x Alleluja und die Rechtgläubigen 3 x. Die Göttliche Liturgie zelebrieren die Altgläubigen mit 7, die Rechtgläubigen mit 5 Opferbroten (Prosphoren), die Prozession (Krestnaja Wchod) führen die Altgläubigen im Uhrzeigersinn, mit dem Lauf der Sonne, die Rechtgläubigen gegen den Uhrzeigersinn durch.

Die liturgischen Bücher der Altritualisten weichen an vielen Stellen im wörtlichen Ausdruck, nicht aber im Inhalt von den orthodoxen Büchern ab. Damals im 16. Jahrhundert waren aber viele Gläubigen in Russland der Meinung, dass mit den rituellen und textlichen Angleichungen an den griechischen Brauch gleichzeitig auch Glaubenswahrheiten angetastet würden. Viele Russen stellten wegen der vorangegangenen Union der byzantinischen Kirche mit den Katholiken und die erfolgte Eroberung Konstantinopels durch die osmanischen Türken (1453) die Treue zur Orthodoxie bei den Griechen eher in Frage. Der orthodoxe Glaube wurde von vielen Russen mit der exakten Form, in den ihn das damalige russische Ritual kleidete, gleichgesetzt. Damit war für diese Gläubigen dann aber durch die Veränderungen im Ritual auch die Treue zum orthodoxen Glauben betroffen. Sie waren der Auffassung, dass zur Erhaltung eines Umfeldes, in dem der orthodoxe Mensch seine Seele retten kann, nicht nur die Bewahrung des orthodoxen Glaubens, sondern auch die peinlich-genaue Bewahrung der (alt)russischen kirchlichen Überlieferung, ihrer sie tragenden geistige und kulturellen Kräfte und damit der im Heiligen Moskau als dem Dritten Rom gewachsene Ritus notwendig seien. Wie auch viele andere zelotische oder fundamentalistische Strömungen in der Orthodoxie unserer Tage (z .B. die Altkalendarier) verwechselten sie die Treue zur Heilige Tradition der Kirche mit der bloßen Kopie einer als normativ empfundenen Vergangenheit. Der kirchliche Umgang mit der Heiligen Tradition als dem lebendigen Herz der orthodoxen Kirche kann aber weder in einer äußerlichen Kopie (Zelotismus oder Fundamentalismus) noch in einer willkürlichen Veränderung (Protestantismus oder Modernismus), sondern nur in der jeweiligen zeitgemäßen Aktualisierung und Anwendung der Heiligen Tradition liegen. Denn wir sind als orthodoxe Christen berufen, aus der Kraftquelle und dem Reichtum der Heilige Tradition unserer orthodoxen Kirche im Hier und jetzt unserer konkreten Gegenwart zu leben.

Der große Verdienst der Altritualisten ist es aber bis heute geblieben, dass sie sich um viele Denkmäler der mittelalterlichen russischen Kultur gekümmert zu haben: alte Handschriften und Bücher wurden von ihnen sorgsam aufbewahrt, ebenso Kirchengerät und Ikonen. Als in der Zeit nach Peter dem Großen die orthodoxe Ikone fast ganz aus den russischen Kirchen verschwand und durch Andachtsbilder im westeuropäischen Stil ersetzt wurden, bewahrten sie treu das Erbe der altrussischen Ikonenmalerei. In ihren kirchlichen Zentren entstanden hervorragende Ikonenmalschulen und ganze Malerdörfer schrieben weiterhin Ikonen nach den genuin orthodoxen Regeln.

Insofern sind die Altgläubigen auch für die orthodoxe Kirche in Russland stets eine Verbindung zum alten Russland geblieben. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts, aber dann besonders nach der Oktoberrevolution, als sich auch die orthodoxe Kirche in einer Verfolgungssituation wieder fand, begannen die Orthodoxen mit einer schrittweisen Neubewertung und einer neu erlangten Wertschätzung den altritualistischen russischen Mitchristen zu begegenen. Im Jahre 1971 hob das Moskauer Patriarchat den Bann über den altrussischen Ritus auf. Seitdem bemüht sich die russische Orthodoxie die im Laufe der vergangenen Jahrhunderte entstandene Wunden zu heilen und ein neues verständnisvolleres Miteinander zu entwickeln.

Gebetsraum einer altritualistischen  Klostergemeinschaft im Altai.
Gebetsraum einer altritualistischen Klostergemeinschaft im Altai.
Altritualistische Kapelle in Lettland.
Altritualistische Kapelle in Lettland.
Private Kapelle einer Moskauer Kaufmannsfamilie Anfang des 20. Jahrhunderts.
Private Kapelle einer Moskauer Kaufmannsfamilie Anfang des 20. Jahrhunderts.

 

In den Gebieten des russischen Nordens, vor allem in Karelien und der Gegend am Weißmeer, übernahmen auch die wohlhabenden Staatsbauern diese Frömmigkeitsform mit den dazugehörenden Kapellenbauten. Dort entwickelte sich auch die besondere nordrussische Bauform der Časovnaja als einer kleinen Kirche mit Ikonostas aber ohne Altarraum. Nach dem Raskol waren solche Kapellen sowohl bei den Orthodoxen wie bei den Altritualisten in ganz Nordostrussland verbreitet. In den russischen Städten gab es vor der Oktoberrevolution sowohl rein privat genutzte Kapellen, als auch öffentliche  frei zugängliche. Nach der Machtübernahme der Kommunisten wurden die meisten russischen Kapellen jedoch zerstört oder profaniert und dem Verfall preisgegeben. Heute werden sie wieder liebevoll restauriert und sind in vielen Orten in Russland wieder die Stätten des frommen Gebetes und der persönlichen aber auch der kirchlichen Andacht (Moleben). Gerade in den russischen Dörfern sind sie heute oft die kirchlichen Brennpunkte, von wo aus sich nach den Jahrzehnten der staatsatheistischen Verdrängung, wieder kirchliches Leben und eine orthodoxe Kirchengemeinde zu entwickeln beginnt.

 

Hier können die Bilder eines Vortrags zum Thema der orthodoxen Kapellen in Russland und Griechenland

angeschaut  werden:

 

Beispiel einer Ikonen-Ecke im Hause der Nachkommen russischer Emigranten in Paris.
Beispiel einer Ikonen-Ecke im Hause der Nachkommen russischer Emigranten in Paris.

 

In der Zeit der russischen Revolution und der damit verbundenen atheistischen Propaganda wurde bis in die Dörfer hinein ein erheblicher Druck auf die Menschen ausgeübt, auf jede äußere Manifestation íhres orthodoxen Glaubens zu verzichten. Anstelle der Ikonen wurden nun Photographien der jeweiligen bolschewistischen Partei- und Staatsführer oder auch einfach Familienbilder in den ehemaligen Красный угол gehängt. Gerade während der stalinistische Ära mit seinem abgöttischen Personenkult verschwanden die Ikonen auch in den Häusern und Wohnungen der noch verbliebenen Gläubigen aus ihrer bisherigen traditionellen sofortigen Sichtbarkeit. Sie wurden nun nicht mehr im Hauptraum an dominanter Position aufgehängt, sondern entweder in der privaten Zurückgezogenheit der Schlafzimmer oder sogar in Schränken und Kommoden verschlossen verborgen. Hieraus entwickelte sich die heute bei vielen russischen Gläubigen verbreitete Vorliebe die Ikonen anstelle in der schönen Ecke auf einem Brett des Bücherregals, des Wohnzimmerschrankes oder in einer Vitrine aufzustellen.

 

Auch auf vielen russischen Historiengemälden finden wir

Abbildungen des traditionellen russischen Krasnyj Ugol. Hier einige Beispiele:

 

 

Die Heiligen Ikonen im Leben des orthodoxen Christen

 

Thomas Zmija von Gojan

 

Die orthodoxe Volksfrömmigkeit, gleichsam der orthodoxe Gottesdienst im Alltag ist eng mit der kirchlichen Frömmigkeit und der orthodoxen Liturgie verbunden. Nach orthodoxem Verständnis sind das privat und im Familienkreis gesprochene Gebet vor den Haus-Ikonen, der regelmäßige Besuch der Gottesdienste in der Kirche und die vom kirchlichen Leben durchwobenen orthodoxen Volksbräuche auf das engste mit dem Alltagsleben der Christen verbunden. So hat die sichtbare Anwesenheit Christi und Seiner Heiligen vermittels der in den orthodoxen Wohnungen und Häusern anwesenden Heiligen Ikonen einen festen Platz im Bewusstsein und der Mentalität der orthodoxen Gläubigen. 

 

Denn es gibt im orthodoxen Glauben keine grundsätzliche Trennung zwischen der sakralen und profanen Lebenssphäre, wie es für die säkularisierte Lebensauffassung moderner westlicher Menschen so typisch ist. Deshalb bedeutet die Präsenz des Heiligen durch die christlichen Ikonen in unseren Kirchen und Häusern zugleich auch immer eine sichtbar gemachte Predigten der Frohen Botschaft. Die Ikone ist immer eine augenfällige, anblickbare Begegnung mit der Verkündigung Christi in Seiner Heiligen Kirche. Deshalb werden die heiligen Ikonen in der orthodoxen Kirche auch als das gemalte Evangelium Christi verstanden. Dabei soll die Ikone den biblischen Text, der ebenfalls als Ikone, nämlich die Ikone des Wortes verstanden wird, nicht ersetzen, sondern bildlich verständlich machen. Bei einer orthodoxen Ikone handelt es sich deshalb immer um eine bildliche theologische Aussage. Sie deutet den biblischen Text in seinem rechtgläubigen Sinnzusammenhang.

 

In jedem orthodoxen gläubigen Haushalt befindet sich mindestens eine oder mehrere Ikonen an einem festen Ehrenplatz. Dieser sollte immer in Richtung Osten ausgerichtet sein. Oft brennt vor dieser heiligen Ort, den man im katholischen Teil  Deutschland einen „Herrgottswinkel“ nennen würde, den wir Orthodoxen aber die „schöne Ecke“ oder „Ikonen_Ecke“ nennen, ein ewiges Licht in einer "Lampada" genannten Hänge-Lampe. Traditionell wird dieses ewige Licht mit Olivenöl gespeist. Wenn wir das Haus orthodoxer Christen betreten oder wenn wir in unser Heim zurückkehren, bekreuzigen wir uns vor den Heiligen Ikonen und verneigen uns vor ihnen um die dort anwesenden Gegenwart Gottes zu verehren. Dann erst begrüßen wir als Gast den Gastgeber oder die im Raum anwesenden übrigen Menschen.

 

In der Haupt-Ikonenecke des Hauses hängen als dem Ort des gemeinsamen Gebetes die wichtigsten Ikonen der Familie, die wir oft von unseren Vorfahren geerbt haben oder die oft schon Jahrzehnte oder Jahrhunderte in unserer Familie aufbewahrt werden. Dabei ist grundsätzlich zu beachten, dass wir als orthodoxe Christen wissen, dass uns die Heiligen Ikonen nicht "gehören". Sie sind als Sendboten und Botschafter Gottes (gleich wie die Heiligen Engel in unserer Mitte) um uns zu segnen und zu beschützen. Da sie aber grundsätzlich in die Sphäre Gottes gehören, "besitzen" wir sie nicht. Deshalb behalten die orthodoxen Gläubigen wundertätige oder myronspendende Ikonen auch nicht in ihrem Privatbesitz, sondern übergeben sie in aller Regel der Obhut der orthodoxen Kirche, damit sie dort zur öffentlichen Verehrung aufgestellt werden können. 

 

In der Ikonen-Ecke befinden sich meist als wichtigste Ikonen der Familie die Hochzeits-Ikonen der Familie. Sie sind eine Gottesmutter- und eine Christus-Ikone, die der Tradition gemäß jeweils aus der Ikonen-Ecke des Elternhauses der Braut und des Bräutigams stammen. Vor dem Gang zur Heirat in der Kirche wurden Braut (mit der Gottesmutter-Ikone) und Bräutigam (mit der Christus-Ikone) von ihren jeweiligen Eltern gesegnet. Nach der Hochzeit treten die Brautläute mit den beiden Ikonen in den Händen aus der Kirche. Da jede orthodoxe Familie als eine Kirche im Kleinen oder eine Hauskirche begriffen wird, symbolisieren diese beiden Ikonen, die die jungen Leute dann in ihrer Ikonen-Ecke aufhängen werden, zugleich die geistlichen Dimension am Beginn ihrer ehelichen Gemeinschaft, die orthodox immer als eine gemeinsame Reise zur Heiligkeit begriffen wird. Neben den Hochzeits-Ikonen haben orthodoxe Christen oft weitere Ikonen. So besitzt in der Regel jeder orthodoxe Christ eine persönliche Ikone, die er oder sie bei der Heiligen Taufe vom Paten oder den Eltern erhalten hat. Sie zeigt den Namensheiligen des jeweiligen Gläubigen. Im alten Russland wurde sie auf einem Brett geschrieben, das in seinen Abmessungen der Körperlänge des Neugeborenen entsprach. Deshalb werden solche Ikonen "Maß-Ikonen" genannt. Im Laufe ihres Lebens besuchen orthodoxe Christen dann oft verschiedene Wallfahrtsorte. Auch von solchen Heiligen Orten bringen sie Ikonen der dort besonders verehrten Heiligen mit. Früher war es auch üblich, dass orthodoxe Christen, die das nahende Ende ihres irdischen Lebens verspürten, in den Tagen vor ihren Ableben Freunde und gelegentlich auch Widersacher oder Feinde zu sich an ihr Sterbebett riefen, um sie um Verzeihung zu bitten und sich miteinander zu versöhnen. Auch hier gab es die Tradition, dass der Sterbende seinen Besucher mit einer seiner persönlichen Ikonen segnete und sie daraufhin seinem Besucher zu Geschenk machte. Als Jugendlicher habe ich es noch selbst erlebt, dass in meiner damaligen Pfarrei die Ikonen verstorbener Gemeindemitglieder in der Kirche weitergegeben wurden, da diese keine orthodoxen Angehörigen mehr hatten. Mit der Gabe solcher geschenkter Ikonen war in der Regel die Bitte um andauernde Fürbitte und Gebet verbunden.

 

In einigen Gegenden Russlands gab es den Brauch die Ikonen bei "sündhaften Handlungen" mit Vorhängen zu verhüllen, um sie vor der Entweihung durch Unheiliges zu schützen. Dabei drehte es sich in der Vorstellung der Menschen vor allem um die Ikonen in den Schafzimmern der Eheleute. So zog man die Vorhänge zu, wenn die Eheleute sich körperlich nahe waren. Genauso legten die Eheleute dann ihre Taufkreuze ab, die sie ansonsten permanent trugen. Im Vorderen Orient und im Osmanischen Reich waren die Ikonen der orthodoxen Christen oft in Wandnischen oder Wandschränken aufgestellt, die man verschließen konnte, wenn muslimische oder jüdische Gäste das Haus besuchten. 

 

Nachdem eine neue Ikone geschrieben worden ist, wird sie vom Ikonenmaler dem neuen Eigentümer übergeben. Dieser wird sie in reine Tücher oder sauberes Papier einhüllen und die Ikone zunächst einmal mit nach Hause nehmen. Bei nächsten Gelegenheit bringt er die neue Ikone nun in die Kirche. Dort wird sie dem Priester übergeben, der die Ikone entweder in einem Moleben (Gebetsgottesdienst) mit oder Kleine Wasserweihe weihen oder 40 Tage lang auf den Altar stellen wird. Gemäß der russischen orthodoxen Tradition muss jede neue Ikone grundsätzlich geweiht werden. In der griechischen Tradition, wo die Ikonen früher traditionell nicht von in der Welt lebenden Ikonenmalern, sondern fast ausschließlich von Mönchen geschrieben wurden, herrscht mehr die Tradition vor, die neue Ikone 40 Tage auf den Altar zu legen. Ob nun ein Moleben gehalten oder die Ikone auf den Altar gelegt wird: In beiden Fällen wird der Priester einen von vier verschiedenen  Gebetsvarianten für die Ikonenweihe sprechen. Es gibt nämlich je ein besonderes Gebet für die Weihe der Ikonen des Herrn, der Gottesmutter, der Ikonen der Heiligen und ein Gebet für Ikonen mit verschiedenen dargestellten Heiligen. In jedem dieser Gebete richtet der Priester die entsprechende Gebetsbitte an den Herrn und besprengt die zu weihende Ikone anschließend dreimal mit Weihwasser mit den Worten: “Geweiht wird dieses Bild (Name des dargestellten Heiligen) durch die Gnade des Heiligen Geistes, durch Besprengung mit diesem Heiligen Wasser, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.” In Russland werden auch alte Ikonen nach einer Restaurierung oder Entweihung erneut geweiht. Entweiht wird eine Ikone dadurch, dass man sie im Abfall, an einem unreinen Ort oder stark beschmutzt auffindet. Früher gab es in Russland die Tradition vor Ostern oder bei starker Verstaubung die Ikonen des Hauses, diese mit Weihwasser zu waschen.

 

So begleiten die Heiligen Ikonen den gesamten Lebensweg orthodoxer Christen. Auch kranken Menschen wird eine Ikone auf die erkrankte Stelle gelegt, damit die Heilkraft der Ikone dadurch auf den Erkrankten übertragen werde. Die darf man jedoch nicht magisch verstehen. Nicht das Material der Ikone, das Holz oder die Farben heilen, sondern die Ikone wird in der Orthodoxie auch als ein gemaltes Gebet verstanden. Es ist immer das Gebet, dass Gottes Hilfe erfleht und es ist Seine Gnade, Menschenliebe und Barmherzigkeit, die uns hilft. Anderseits weiß die orthodoxe Kirche um die enge leiblich-seelisch-geistige Verbindung im menschlichen Wesen. Diese tritt in Krankheits- und Notzeiten besonders hervor. Insofern vertraut die orthodoxe Kirche im Glauben an Gott darauf, dass auch das gläubige Tun ein handlungsgewordenes Gebet ist. Auch stehen kleine Reise-Ikonen für das Beten und zu Schutz auf Reisen hoch in der Wertschätzung der orthodoxen Gläubigen. Es gibt so gut wie kein Auto in Griechenland oder Russland ohne ein Kreuz oder eine kleine Reise-Ikone. Ob bei anstehenden Examina oder Prüfungen, ob bei Schwangerschaft oder Geburt, ob am Arbeitsplatz oder auf dem Schiff - wir Orthodoxen haben für jede Lebenssituation eine passende Ikone. Denn je öfter wir die Heiligen Ikonen ansehen, umso mehr denken wir an das Urbild; an Christus oder die auf der Ikone abgebildete heilige Person. So wird durch jeden Blick auf eine Ikone auch unser eigener Glauben erneut gestärkt.

 

 

Die Verehrung der Heiligen Ikonen

 

Einer der ersten Eindrücke eines Menschen, der ein orthodoxes Gotteshaus betritt, ist die große Zahl von Bildern des Herrn, der Gottesmutter und der Heiligen, die uns gleichsam von allen Seiten umgeben. Diese Bilder, die von Künstlern geschaffen wurden, heißen Ikonen. Im östlichen Teil der Kirche erhebt sich die Bilderwand oder Ikonostase, die gewöhnlich den Blick des Besuchers sofort fesselt. Rechts und links, auf den Säulen der Kirche und auf der Westwand, überall gibt es eine Vielzahl von Ikonen. Die Wände der Kirche sind oft mit Fresken versehen, auch das sind Ikonen.

 

Jeder orthodoxe Christ hat unbedingt auch zu Hause Ikonen, vor denen er betet und die sein Heim heiligen. Manche haben alte, auf einem Holzbrett gemalte Ikonen, manche solche aus Papier, die auf einem Brett aufgeklebt sind. Aber das Wesentliche ändert sich durch diese Unterschiede nicht. Das Wort „Ikone“ ist griechischen Ursprungs. Es bedeutet „Bild“, „Porträt“. In Byzanz, woher der orthodoxe Glaube in die Rus‘ kam, war dies die Bezeichnung für jede Darstellung des Erlösers, der Gottesmutter oder der Heiligen, sogar für Skulpturen.

 

Warum sagen wir „heilige Ikone“, „heiliges Bild“? Die Ikonen werden in der Kirche geweiht, und durch diese Weihe kommt die Gnade des Heiligen Geistes auf sie herab. Es gibt eine große Zahl wundertätiger Ikonen: Durch sie geschehen durch Gottes Gnade viele Wunder, und die Menschen. die sie verehren, erhalten Trost und Hilfe. Wenn wir vor einer Ikone beten, müssen wir verstehen, dass die Ikone selbst nicht Gott ist, sondern nur das Bild Gottes oder eines Heiligen. Deshalb beten wir auch nicht zur Ikone, sondern zu demjenigen, der auf ihr dargestellt ist. Den Worten der Heiligen Väter und Kirchenlehrer gemäß geht „die Ehre, die wir dem Abbild darbringen auf das Urbild selbst über“, Dies bedeutet, dass unsere Verehrung Gott selbst gilt, wenn wir ein Bild Gottes verehren.

 

Wann sind die Ikonen entstanden?

 

In der Kirche des Alten Testaments war die Darstellung Gottes verboten.

 

Das von Gott erwählte Volk lebte unter Heiden, die Götzen und Bilde: furchtbarer Götter anbeteten. Ihnen dienten sie und brachten ihnen Opfer dar, darunter auch Menschenopfer. Der Herr aber gebot Seinem Volk durch den Propheten Mose, sich kein Abbild zu schaffen, das heißt kein Götzenbild und es nicht wie Gott anzubeten. In jener Zeit hatte noch niemand Gott gesehen. Der Herr Jesus Christus war noch nicht in die Welt gekommen,und deshalb wäre jede Darstellung Gottes der bloßen Phantasie entsprungen und irrig gewesen.

 

Erst nach der Menschwerdung des Herrn, das heißt nachdem der Erlöser einen menschlichen Leib angenommen hatte, wurde eine solche Darstellung möglich.

 

Der kirchlichen Überlieferung nach war die erste Ikone das „nicht von Menschenhand geschaffene Bildnis des Erlösers“, das ohne Zutun menschlicher Hände entstanden war.

 

Dies geschah während des irdischen Lebens des Erlösers. Der Herrscher der Stadt Edessa, Fürst Abgar, war schwer erkrankt. Als Abgar von den zahlreichen Wundern und Heilungen hörte, die der Herr vollbrachte, schickte er einen Maler, damit dieser den Erlöser zeichne. Aber vom Gesicht des Herrn ging ein solches Leuchten aus, dass der Maler Ihn nicht malen konnte. Da trocknete der Herr Sein Gesicht mit einem Tuch ab, auf dem sich Sein göttliches Antlitz abbildete, und schickte dieses Tuch dem Fürsten. Als Abgar das Bild erhielt, wurde er von seiner Krankheit geheilt.

 

Die ersten Ikonen der Gottesmutter wurden noch während ihres Lebens vom Apostel und Evangelisten Lukas gemalt. Der kirchlichen Überlieferung nach sagte die Allheilige Gottesgebärerin, als sie ihre Darstellung sah: „Die Gnade des von mir Geborenen und mein Erbarmen sollen diese Bilder begleiten. “

 

So entstanden die ersten Ikonen. Aber die heilige Kirche wurde danach im Laufe von drei Jahrhunderten fast ununterbrochen verfolgt, zuerst durch die Juden, die nicht zum Glauben gefunden hatten, dann durch die Heiden. Sie verfolgten, folterten und töteten die Christen um des Namens des Herrn willen. Deshalb war es sehr gefährlich, heilige Bilder offen bei sich aufzubewahren. Die Gottesdienste wurden in unterirdischen Räumen, in Katakomben, gefeiert. Besonders weitläufige Katakomben befanden sich unter der Stadt Rom. Hier sind auf den Wänden die ältesten Ikonen des Erlösers und der Gottesmutter erhalten geblieben. Der Herr Jesus Christus wurde oft symbolisch in Form eines Fisches oder Lammes dargestellt.

 

Auf Griechisch heißt Fisch „ICHTHYS“. Die Buchstaben dieses Wortes sind die Anfangsbuchstaben der Wörter: „Jesus Christus, Gottes Sohn, Erlöser“. Daher war der Fisch als Symbol für Christus besonders verbreitet. Kleine Fische aus Metall, Stein oder Perlmutt wurden oft am Hals getragen, wie wir jetzt das Taufkreuz tragen. Manchmal wurde auch das an den Herrn gerichtete Wort „Rette“ darauf geschrieben, so wie man auch jetzt auf den Taufkreuzen die Worte „Rette und bewahre“ schreibt.

 

Es sind auch Darstellungen der Apostel, der Märtyrer, der Heiligen und Engel erhalten geblieben. Die Verfolgung der Kirche hörte zu Beginn des IV. Jahrhunderts unter dem römischen Kaiser Konstantin auf, der selbst Christ wurde. Kirchen wurdengebaut. Ihre Inneneinrichtung wurde immer reicher und mannigfaltiger. Damals begann man, die Kirchen mit großen Fresken zu schmücken welche die Geschichte des Alten und Neuen Testaments darstellten. Diese Bilder waren für alle, sogar für Analphabeten, anschaulich und verständlich.Der heilige Neilos vom Sinai (V. Jahrhundert), ein Schüler des Johannes Chrysostomus, schrieb über eine solche Ausstattung der Kirchen mit Ikonen: „Es soll die Hand des hervorragendsten Malers die Kirche mit Darstellungen des Alten und Neuen Testaments ausstatten, damit diejenigen, welche die Buchstaben nicht kennen und daher die heiligen Schriften nicht lesen können, bei der Betrachtung dieser Bilder der heldenhaften Taten derer gedenken, die Christus Gott wahrhaft gedient haben.“

 

Aber die Ikone ist nicht einfach eine Illustration der Erzählungen der Heiligen Schrift, sondern eine der Formen der Offenbarung und Erkenntnis Gottes. In sichtbaren Bildern und Symbolen spiegelt die Ikone die geistige Welt wieder und öffnet sie für die Betrachtung und das Verstehen. Mit anderen Worten, die Ikone erzählt uns von den gleichen Dingen wie das Evangelium und der Gottesdienst, aber sie spricht in der ihr eigenen Sprache.

 

In der Kirche herrscht Harmonie, alles ist eng miteinander verbunden. Deshalb ist es nicht möglich, die Darstellung eines Festes oder eines Heiligen, den Sinn und die Bedeutung der Details zu verstehen, wenn man das Ereignis der Heilsgeschichte, dem zu Ehren dieses Fest begangen wird oder das Leben des Heiligen, dessen Gedächtnis die Kirche an diesem Tag feiert, nicht kennt. Wie im Gottesdienst, ist auch jedes Detail einer Ikone mit Sinn erfüllt und hat seine besondere Bedeutung. Da aber die Ikone die geistige Realität darstellt, d. h. das, wofür es in der sichtbaren Welt kein Ebenbild gibt, werden die geistigen Begriffe durch Symbole wiedergegeben. Zum Beispiel bedeutet der Heiligenschein auf dem Haupt die Heiligkeit bzw. den Glanz der Herrlichkeit Gottes. Auf der Ikone des Erlösers wird im Heiligenschein immer ein Kreuz gemalt, im Kreuz die Buchstaben „O WH“. Es ist dies ein griechisches Wort, das mit „Seiender“ (Der ICI Bin) übersetzt wird und darauf hinweist, dass auf der Ikone Gott der Heer dargestellt ist. Daneben -zumeist an beiden Seiten -steht der abgekürzte Name „HC XC“ -Jesus Christus.

 

Quelle: Лоргус & Дудко: Книга о церкви.

 

 

Der orthodoxe Umgang mit den Kranken zu Hause 

 

Die Einladung des Priesters in die Wohnung 

 

Die Krankheit eines Angehörigen ruft - wie in jeder Familie - auch unter orthodoxen Menschen große Aufregung hervor. Nach orthodoxer Vorstellung bildet jede Familie eine „Kirche im Kleinen“. In dieser Hauskirche der christlichen Familie erleben wir von Kindheit an eine spezifische, von den Regeln der orthodoxen Frömmigkeit geprägte, Lebensgestaltung. Zu den Traditionen dieses orthodoxen Way of Life gehört es, dass sich in dem Zimmer, wo der Kranke liegt, möglichst eine Ikone befinden soll, vor der ein Ewiglicht (Lampada) brennt. Dies gilt natürlich nur für den Fall, dass der Kranke gläubig ist oder wenn er nichts dagegen hat. Der Kranke, der oft in einer gedrückten Stimmung ist, kann seine Schmerzen leichter überwinden, wenn er vor dem Bild des Erlösers oder der Gottesmutter ein brennendes Ewiglicht sieht und dorthin seine Gebete und Hoffnungen richten kann.

 

Wenn jemand in der Familie krank ist, ist es gut, wenn Verwandte, Freunde und Bekannte zusammenkommen, um dem Erkrankten nahe zu sein und natürlich auch um gemeinsam mit ihm zu beten. Dies kann entweder ein Gebet aus dem Gebetbuch oder auch ein spezielles Gebet für die Kranken sein. Es kann aber auch eine kurze Bittandacht (Moleben) für den Kranken sein, die der Priester dann in der Wohnung feiert.

 

Wenn die Erkrankung schwer und langwierig ist, ist es sinnvoll zu überlegen, ob der Priester neben einer Bittandacht für den Kranken gebeten werden soll, dem Erkrankten das Sakrament des heiligen Öls (Krankensalbung) oder die heilige Kommunion zu spenden. Dafür kann man einen Priester nach Hause einladen. Vorher ist es hilfreich mit dem Priester zu besprechen in welchem gesundheitlichen Zustand der Kranke ist, ob er sich bei Bewusstsein befindet, wie lange er nicht in die Kirche wird gehen können, ob er Nahrung zu sich nehmen kann, ob er die Kommunion empfangen kann, wie stark sein Glaube ist und ob er die Spendung des Sakramentes wünscht.

 

 Der Empfang der heiligen Kommunion zu Hause

 

Wenn der Kranke kommunizieren möchte, kann man sich problemlos an einen Priester wenden und ihn bitten, ins Haus zu kommen. Wenn der Wunsch des Kranken, die heilige Kommunion oder die Krankensalbung zu empfangen offensichtlich ist, wird der Priester niemals ablehnen zu kommen. Aber wenn Sie den Priester einladen, lassen Sie ihn den Tag und die Stunde des Besuches selbst bestimmen, da er die Gottesdienstordnung in der Kirche berücksichtigen muss. Sie sollten überlegen, wie der Priester zu Ihnen nach Hause kommen kann, eventuell ist es angebracht, ihn mit dem Auto abzuholen. 

 

Vor dem Besuch des Priesters sollte man den Kranken waschen, ihm ein frisches Gewand anziehen und neben seinem Bett ein kleines Tischchen aufstellen, auf das man ein sauberes Tischtuch legt. Man bereitet Ikonen vor, vor denen der Priester die Gebete verrichten wird, zündet das Ewiglicht an und legt Kerzen bereit. Alles andere wird der Priester mitbringen. 

 

In der Regel geht der Priester, wenn er die Heiligen Gaben mit sich trägt, sofort zum Kranken, um die Sakramente zu spenden. Stellen Sie vorher kochendes Wasser bereit; es wird mit Wein vermischt und dem Kranken nach der Kommunion gegeben. Während der Spendung der Kommunion stehen alle zusammen am Bett des Kranken und beten gemeinsam mit dem Priester; sobald der Priester beginnt, dem Kranken die Beichte abzunehmen, verlässt man das Zimmer und schließt die Zimmertür. Nachdem der Priester dem Kranken die Kommunion gespendet hat, gratuliert man ihm zum Empfang der Heiligen Gaben und wünscht ihm baldige Genesung und körperliche und seelische Kraft. 

 

Das Sakrament der Krankensalbung

 

Wenn das Sakrament der Krankensalbung zu Hause gespendet wird, lädt man üblicherweise nur einen Priester ein, obwohl es gemäß den Regeln sieben Priester sein sollten. Man bereitet Olivenöl in einem kleinen Glas vor, das danach nicht mehr im Haushalt verwendet werden soll. Außerdem sind sieben Kerzen und eine Schale mit Korn (Reis oder Weizen) vorzubereiten, in der die sieben Kerzen aufgestellt werden. Weiterhin sollen ein Handtuch oder eine saubere Baumwollserviette vorhanden sein (auch eine Mullbinde oder Watte sind möglich), um das überschüssige Öl vom Körper des Gesalbten zu wischen. 

 

Vor dem Sakrament der Krankensalbung kann der Priester dem Kranken die Beichte abnehmen. Diese Beichte kann sehr lange dauern, denn der kranke Mensch vermag seine Gedanken oft nur schwer zu sammeln und spricht manchmal mit Mühe. Schon bei der Besprechung mit dem Priester sollte man dafür nicht weniger als eine Stunde veranschlagen. Nach der Beichte beginnt der Priester den Ritus der Krankensalbung, wobei alle anwesend sein können. Bei schwerkranken Menschen liegt der Sinn der Krankensalbung darin, Gott nicht nur um die Genesung zu bitten, sondern auch um die Vergebung aller Sünden, auch all derer, die man vergessen hat oder derer man sich selbst nicht einmal bewusst ist. Es kommt vor, dass eine schwere Krankheit lebensbedrohlich ist und man den Priester erst dann ruft, wenn der Tod schon bevorsteht. Man sagt den Kranken oft nicht, wie ernst ihr Zustand ist, und sie können sich daher nicht würdig auf ihren Tod vorbereiten. In der Orthodoxie ist es üblich, dem Kranken zu verstehen zu geben, dass er dem Tode nahe ist, denn es ist notwendig, dass er sich auf ihn vorbereitet. 

 

Die Vorbereitung auf den Tod beinhaltet erstens eine besondere Beichte – eine Lebensbeichte, die Erinnerung an die Sünden der Kindheit, der Jugendzeit und der Reife. Eine solche Beichte läutert den Menschen und bereitet ihn auf das Gericht Gottes vor. Zweitens beinhaltet die Vorbereitung auf den Tod auch den Empfang der Heiligen Gaben Christi und der Krankensalbung. Wenn Sie einen Priester zu einem Todkranken rufen, sollten Sie ihn sowohl um die Kommunion als auch um die Krankensalbung bitten. Wenn es dem Kranken sehr schlecht geht und akute Todesgefahr besteht, kann man den Priester ersuchen, ihm zuerst die Kommunion zu spenden und danach erst die Krankensalbung. Wenn der Kranke während der Krankensalbung stirbt, so gilt das Sakrament als gespendet, wenn der Priester den Kranken mindestens einmal mit dem heiligen Öl gesalbt und einmal das spezielle sakramentale Gebet gelesen hat (wenn die Krankensalbung vollständig gespendet wird, liest es der Priester siebenmal).

 

Wenn der Tod unmittelbar bevorsteht, sollten die Angehörigen die Krankheit nicht als Strafe Gottes, sondern als göttliche Vorsehung für den Menschen betrachten. Die Einstellung des Christen zu einem Sterbenden sollte von Aufmerksamkeit und feierlichem Ernst geprägt sein. 

 

Wenn der Sterbende von seinem Tod zu sprechen beginnt, sollten wir ihm helfen, den Tod mit ruhiger Seele anzunehmen. Man soll zum Kranken nicht sagen: “Nein, du wirst nicht sterben, du wirst bestimmt gesund werden.” Als erstes sollten wir ihn ermuntern, sich nach den kirchlichen Regeln auf den Tod vorzubereiten. Zweitens sollte man ihn nach Kräften beruhigen, denn oft macht nicht der Tod selbst Angst, sondern die Schmerzen, die der Kranke erleidet. Wenn der Kranke sehr starke Schmerzen hat, sollte man alles tun, um sie zu lindern. Leidet der Kranke unter Beschwerden, die seine Krankheit verursacht, sollten wir stets bemüht sein, diese Qualen zu erleichtern, indem wir ihn waschen, neu verbinden, dem Körper Ruhe geben und so Linderung schaffen, die es ihm leichter macht, seine Krankheit zu ertragen. 

 

Aber die größten Qualen eines sterbenden Menschen sind sein seelisches Leiden. Und hier haben wir nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht, dieses Leid durch unsere Anwesenheit und unser Gespräch zu lindern. Bei einem Kranken soll man längere Zeit sitzen bleiben, sich mit ihm an die Ereignisse seines Lebens erinnern, die ihm selbst angenehm waren, wir sollten ihm vorschlagen, an die Menschen zu denken, denen er begegnet ist, ihm zureden, alle Kränkungen zu verzeihen und ihn ermutigen, seinen Besitz entsprechend aufzuteilen. Kurz gesagt, man sollte ihm helfen, langsam ein Resümee seiner Beziehung zur Welt zu ziehen, ein Resümee seines Lebens. Wir sollen den Sterbenden auch beruhigen und ihm versichern, dass sein Lebenswerk fortgesetzt werden wird, dass seine Familienmitglieder von den Hinterbliebenen versorgt werden und ihnen geholfen wird, damit sich der Sterbende über all das keine Sorgen zu machen braucht. Sehr wichtig sind für den Sterbenden die Beichte und der Empfang der Heiligen Mysterien Christi. Wenn ein nichtgläubiger Mensch in Ihren Armen stirbt, so können und sollten Sie ihm im Angesicht des Todes Umkehr empfehlen und vielleicht sogar die Taufe vorschlagen, wenn er ungetauft ist; erzählen Sie ihm über den christlichen Glauben, und schlagen Sie ihm vor, als getaufter Christ zu sterben, mit Gott versöhnt. Dazu rufen Sie einen Priester ins Haus; im äußersten Fall, wenn der Tod schon unmittelbar bevorsteht, können Sie ihn selbst taufen, gemäß dem Ritus der Taufe nach der Laienordnung (Nottaufe).

 

Taufe nach der Laienordnung („Nottaufe“) 

 

Befindet sich ein christlicher Laie bei einem Kranken, der eventuell ungetauft sterben könnte (ein Schwerverletzter, der die Taufe empfangen möchte oder ein Kleinkind), ist es seine Pflicht, die Taufe nach der „Laienformel“ zu spenden. Nach der Taufordnung spricht der Laie folgende Formel: 

 

Getauft wird der Diener (die Dienerin) Gottes (hier wird der Name genannt)

im Namen des Vaters - Amen

-und des Sohnes - Amen

und des Heiligen Geistes – Amen.“ 

 

Wenn es möglich ist, wird der Täufling bei jedem „Amen“ mit Weihwasser besprengt. Wenn kein Weihwasser verfügbar ist, kann auch einfaches Wasser genommen oder die Taufe ohne Wasser gespendet werden. Damit ist die Taufe erfolgt und der Täufling Mitglied der Kirche Christi geworden; somit kann seiner Seele kirchlich gedacht werden. Wenn der Notgetaufte seine Krankheit überlebt, sollte er bald durch einen Priester die heilige Myronsalbung und die heilige Kommunion empfangen.

 

Zusammengefasst von Thomas Zmija von Gojan nach Andreij Lorgus, Michail Dudko, Orthodoxes Glaubensbuch. Eine Einführung in das Glaubens- und Gebetsleben der Russischen Orthodoxen Kirche, Verlag Der Christliche Osten Würzburg 2002. 

 

 

Die orthodoxe Segnung des Hauses oder der Wohnung

 

Wenn orthodoxe Christen in ein neues Haus oder in eine neue Wohnung ziehen, bitten sie den Priester, in einer Bittandacht ein spezielles Gebet mit den Namen derer zu lesen, die in diesem Haus wohnen werden. Man betritt das Haus mit einer Ikone des Erlösers oder der Gottesmutter und Weihwasser. Zuerst wird das ganze Haus (oder die Wohnung) mit Weihwasser besprengt, danach erst werden die Sachen hineingetragen. Wenn im neuen Haus alles eingerichtet und in Ordnung gebracht worden ist, wird die Wohnung geweiht. Dazu lädt man einen Priester ein, der in einem speziell dafür vorbereiteten Zimmer eine Bittandacht feiert. 

 

Man bereitet ein Gefäß für die Wasserweihe, Ikonen, Kerzen, einen Zettel mit den Namen aller Mitbewohner und ein Handtuch vor. Der erste Teil der Wohnungsweihe ist ein Gottesdienst zur Wasserweihe. Nach der Wasserweihe wird das ganze Haus mit Weihwasser besprengt. Dafür sollte man alle Türen öffnen. Es werden auch Gegenstände außerhalb des Hauses gesegnet, Gartentore, der Hauseingang und das Haus von außen. Bei der Hausweihe kann man auch die Haustiere (mit besonderen Gebeten) segnen lassen. Der Priester selbst oder jemand anderer zeichnet auf den Wänden besondere Kreuze. Diese Kreuze beschützen das Haus wie heilige Siegel vor allen geistlichen Feinden. Sie werden in jedem Zimmer, im Gang und in der Küche an die Wände gezeichnet. Nach der Wasserweihe werden die Kreuze, die an die Wände des Hauses gezeichnet worden sind, unter besonderen Gebeten mit heiligem Öl nachgezogen. Danach wird das ganze Haus beräuchert. Schließlich folgt eine Ektenie mit der Nennung der Namen aller, die hier wohnen und “fromm in diesem Hause leben möchten”. Die Hausweihe wird mit dem Küssen des Kreuzes beendet. 

 

Zusammengefaßt von Thomas Zmija v. Gojan nach Andreij Lorgus, Michail Dudko, Orthodoxes Glaubensbuch. Eine Einführung in das Glaubens- und Gebetsleben der Russischen Orthodoxen Kirche, Verlag Der Christliche Osten Würzburg 2002. 

 


 

Der orthodoxe Gebrauch des Weihwassers

und anderer heiliger Gegenstände im Hause 

 

In der Orthodoxen Kirche ist es üblich, verschiedene Dinge weihen zu lassen. In fast jeder gläubigen orthodoxen Familie werden neben den heiligen Ikonen ein Fläschchen mit Weihwasser und eine Prosphore (griechisch πρόσφορα von πρόσφορον, Opfer) aufbewahrt. Die Prosphore wird, solange sie noch weich ist, in kleine Stückchen geschnitten. Danach werden diese getrocknet, und jeden Morgen wird vor dem Frühstück ein Stückchen mit etwas Weihwasser verzehrt. Dies wird üblicherweise nach den Morgengebeten gemacht. Durch das Gebet wird der Geist geheiligt, der sich vor dem Tageswerk an Gott wendet, und mit der Prosphore und dem heiligen Wasser empfangen wir Gottes Segen gleichsam im Essen und Trinken.

 

Um genügend Weihwasser zu Hause zu haben, kann man dieses in der Kirche vom Altardiener erbitten. Ist jemand in unserer Familie erkrankt oder befindet sich jemand in Not und Schwierigkeiten, so können wir auch eine Bittandacht mit einer Kleinen Wasserweihe in der Kirche lesen lassen. 

 

Um Prosphoren zu erhalten, muss man in der Kirche vor Beginn der Liturgie Gedenkzettel abgeben, auf denen die Namen der uns Nahestehenden, sowohl die der noch Lebenden, als auch die der bereits Verstorbenen, von uns aufgezeichnet worden sind. Mit diesen Gedenkzetteln wird während der Proskomedie - das ist der erste Teil der Göttlichen Liturgie, der vom Priester während der Stundenlesung vollzogen wird – ein kleines Opferbrot, die Prosphore, in den Altarraum gebracht. Dieser entnimmt der Priester dann kleine Brotteilchen und legt sie zum Gedächtnis für die Lebenden und Verstorbenen, deren Namen bei der Proskomedie und während der inständigen Ektenie in den Gebeten der Göttlichen Liturgie gelesen werden, um das Lamm (griechisch άμνος, kirchenslawisch Агнецъ), das später Verlauf der Liturgie in den reinen und heiligen Leib Christi verwandelt werden wird. So tragen wir, indem wir vor Beginn der Liturgie unsere Gedenkzettel und Prosphoren abgeben, unsere Lieben und ihre Nöte mit unseren Gebeten vor Christus. Es ist ein schöner Brauch in vielen griechischen Gemeinden, dass die Gläubigen die benötigten Prosphoren, sowie Wein für die Kommunion und Öl für die Lampen als Spende zur Kirche bringen. Die Frauen haben die Prosphoren schon am Vortag in ihren Häusern gebacken. In russischen Gemeinden werden die Prosphoren jedoch in der Regel unter der Leitung der Matuschka im Gemeindehaus gebacken.

 

In der griechischen Tradition wird für die Proskomedie eine große Prosphore verwendet, in der russischen Jedoch 5 kleiner.  Hier wird das Siegel auf eine große Prosphore gedrückt.
In der griechischen Tradition wird für die Proskomedie eine große Prosphore verwendet, in der russischen Jedoch 5 kleiner. Hier wird das Siegel auf eine große Prosphore gedrückt.
Prosphorensiegel gestaltet in der russischen Tradition.
Prosphorensiegel gestaltet in der russischen Tradition.

 

Außer der Prosphore und dem Heiligen Wasser werden in den Häusern der orthodoxen Christen noch andere heilige Dinge aufbewahrt. In der ersten Woche nach Ostern wird in der Kirche der Artos geweiht, ein besonderes großes Brot mit der Darstellung der Auferstehung Christi. Dieses Brot steht die ganze Lichte Woche in der Kirche vor der Königstür der Ikonostas. Während der Prozessionen, wenn alle mit Fahnen, Ikonen und dem Kreuz ins Freie hinausgehen und unter Gesängen und der Lesung des Evangeliums die Kirche umschreiten, wird gewöhnlich auch der Artos mitgetragen. Am Samstag der Osterwoche wird er nach einem besonderen Gebet in Teile geschnitten, die danach an die Gläubigen verteilt werden. Der Artos wird zu Hause für besondere Gelegenheiten aufbewahrt. Er wird bei Krankheit zur Stärkung der seelischen und körperlichen Kräfte eingenommen. 

 

Zu Ostern wird eine besondere Prosphore gebacken, der Arthos. Er trägt als Siegel eine Abbildung der  Auferstehung Christi.
Zu Ostern wird eine besondere Prosphore gebacken, der Arthos. Er trägt als Siegel eine Abbildung der Auferstehung Christi.

 

 

Über den Artos

 

Zu den aus apostolischer Zeit stammenden, heiligen kirchlichen Handlungen in der orthodoxen Kirche gehört es, am heiligen Osterfest zum Ende der nächtlichen Festliturgie den Artos zu weihen. Der Artos steht dann in der Lichten Woche in der geöffneten königlichen Pforte des Ikonostas und während der Gottesdienste vor der Christus-Ikone. Am Samstag vor dem Antipas´cha-Sonntag wird er dann aufgeschnitten und an die Gläubigen verteilt.

Άρτος („Artos“) bedeutet im  Griechischen einfach Brot. Der Artos hat die Form einer großen Prosphore, auf deren Oberseite ein Kreuz oder der auferstandene Erlöser selbst abgebildet ist. Er ist das Zeichen des Sieges Christi über den Tod.

Die symbolische Bedeutung des Artos erschließt sich uns auch aus den Gebeten, die für seine Segnung und seine Zerteilung vorgesehen sind. Der Artos ist ein Sinnbild (Typos) für unseren Herrn Jesus Christus Selbst, das Brot des ewigen Lebens, das von den Himmeln herabkam und Der uns durch Seine Auferstehung am dritten Tage mit der geistlichen Speise gespeist hat.

Doch ist der Artos nur ein Symbol oder Bild (Typos) der eigentlichen Geistlichen Speise, aber noch nicht die Geistliche Speise selbst. Denn der Artos verweist uns bildhaft auf die leibliche Gegenwart des Herrn, an der wir durch unsere Teilnahme am Kelch des Heiles, in der Heiligen Kommunion, teilnehmen können. Die Heilige Eucharistie, die Danksagung für das gesamte Heilwerk Christi, wird in der Kirche seit der Auferstehung des Herrn gefeiert. Seit dem Pfingstfest haben die heiligen Apostel dann im Laufe der Zeit die Gebete und Zeremonien für die Feier der Heilige Eucharistie, die wir heute die Göttliche Liturgie nennen und die in der Zeit der Apostel noch einfach als "das Brotbrechen" bezeichnet wurde, vorgeschrieben.

Deshalb hat das Brot im Leben der christlichen Kirche eine besondere liturgische Bedeutung. In dem Gebet, das unser Herr Jesus Christus uns gelehrt hat, bitten wir "... unser tägliches Brot gib uns heute...". Im griechischen und slawischen Text des Vater Unser steht aber wörtlich "...das für uns notwendige Brot gib uns heute...". Die heiligen Väter haben diese Bitte des Vater Unser immer auf die Heilige Kommunion, den Empfang des Brotes des Lebens, bezogen. 

Während des irdischen Wirkens des Herrn haben die heiligen Apostel das tägliche Brot gemeinsam mit dem HERRN gegessen. Nach der jüdischen Tradition hatte dabei der HERR SELBST als der Vorsteher der Tischgemeinschaft das Segensgebet (hebräisch Bracha (ברכה). Das Wort bedeutet „loben“ oder auch "segen") über den Brotleib gesprochen und dann das Brot zuerst in Teile gebrochen und darauf an Seine Apostel und Jünger ausgeteilt. Nach der Auferstehung des HERRN von den Toten und Seiner Himmelfahrt war der Herrn aber nicht mehr als leibhaft, mit Seiner Person, in der Mitte Seiner Kirche gegenwärtig. Wie uns die Heilige Überlieferung berichtet, pflegten deshalb die heiligen Apostel nach der Himmelfahrt des HERRN zur Erinnerung dessen, dass der HERR geistlich beständig in ihrer Mitte weilt (Matthäus 28:20), während des Brotbrechens, das den Anfang der Entwicklung zu Heiligen Liturgie bildet (Erst im Laufe der apostolischen Zeit und danach haben die heiligen Apostel und in ihrer Nachfolge die Bischöfe die Göttliche Liturgie zu ihrer uns heute vertrauten Form entfaltet), an ihrem Tische den Platz in der Mitte freigehalten und vor Ihn ein Stück Brot zu legen. Am Ende der Mahlzeit hoben sie unter Dankgebeten dieses Stück Brot hoch und riefen: "Christus ist auferstanden!" Diesen Brauch erhielten sie und gaben Ihn an ihre Nachfolger und die neugegründeten christlichen Gemeinden weiter. Die Heiligen Väter ordneten in den folgenden Jahrhunderten dann an, damit dieser apostolische Brauch, das der Ritus der Artos  dem Feste der Auferstehung Christi zugeordnet werde. "Wie bei den Aposteln ein Stück Brot für den Erlöser bestimmt war zum Gedenken des auferstandenen Christus, so erinnert in unserer gegenwärtigen Kirche der Artos, der zum Osterfest in der Kirche vor die Augen der Gläubigen gelegt wird, an die unsichtbare Anwesenheit des auferstandenen Christus unter ihnen."

Wie bereits erwähnt, wird der Artos noch in der Osternacht nach dem "Gebet vor dem Ambon" vor Ende der Göttlichen Liturgie geweiht. Er liegt dann während der Lichten Woche vor dem Ikonostas und wird auch bei den Prozessionen des Osterfestes mit um die Kirche getragen. Am Sonnabend der Lichten Woche wird dann am Ende der Heiligen Liturgie der Artos unter dafür bestimmten Gebeten zerteilt. Der Priester verteilt ihn dann an die Gläubigen.

Im Gebet zur Weihe des Artos, das wir im Trebnik (Rituale) finden, bittet der Priester - den göttlichen Segen auf den Artos erflehend - den HERRN, alle Sorgen zu lindern, die Krankheiten zu heilen und allen, die von diesem Brot essen, Gesundheit zu schenken.

 

 

Weiterhin gilt das geweihte Wasser des Festes der Taufe Christi (im Deutschen auch Epiphanias genannt, russisch праздник Крещения / Богоявления) als in besonderer Weise geheiligt. Von einigen heiligen Vätern wird es sogar unter die Sakramente gezählt. Dieses Weihwasser heißt auch Großes Agiasma (griechisch), d. h. großes Heiligtum. Dieses Fest der Taufe Christi wird Theophanie genannt, weil der Herr am Jordan das erste Mal seinen Jüngern als Christus (griechisch Ἰησοῦς Χριστός, Jesus, der Gesalbte), d. h. als der von Gott zur Erlösung aller Menschen gesandte Messias und Sohn Gottes erschienen ist. So wie das Wasser des Flusses Jordan den heiligen Leib des Erlösers aufgenommen hat und dadurch geheiligt wurde, so werden nach unserem orthodoxen Glauben alle Gewässer der Erde an diesem Tag geheiligt. Dabei taucht der Priester das heilige Kreuz drei Mal in das Fließgewässer, das an diesem Tag mit seinem Wasser die ganze Schöpfung weiht. Oft tauchen die erwachsenen Gläubigen nacheinander in das geheilige Gewässer. Dieser besondere Gottesdienst heißt Große Wasserweihe auf russisch Великое освящение воды. Nur zu Epiphanie und am Vortag des Festes wird das Weihwasser nach diesem großen Ritus geweiht. Daher heißt dieses Wasser auch Epiphaniewasser oder Taufwasser. Es wird für das ganze Jahr aufbewahrt. Ungeachtet der im russischen Volk verbreiteten Vorstellung, dass das erste Wasser “heiliger” sei, ist dies nicht so. In Wirklichkeit wird an beiden Tagen das Wasser nach dem gleichen Ritus geweiht, und es hat die gleiche segensspendende Kraft.

 

 

In den südlicheren Ländern wirft der Priester am Schluss der Großen Wasserweihe sein Segenskreuz in den Fluss oder das Meer, nach dem die Jugendlichen dann tauchen. Wer das Kreuz im tiefen Wasser findet, erhält damit einen besonderen Segen und besucht danach mit dem Kreuz alle Haushalte des Ortes. 

 

Das Taufwasser wird in den Kirchen zur Weihe von Ikonen, der liturgischen Gewänder, Kreuze, kirchlichen Geräte und beim Backen der Prosphoren verwendet. Mit ihm werden die Häuser, Wohnungen und andere Dinge gesegnet.

 

 In den Wohnungen der orthodoxen Christen wird auch geweihtes Öl aufbewahrt, das von Pilgerreisen zu heiligen Orten mitgebracht wurde und aus den dort aufgehängten Ewig-Lichtern stammt. Es wird beim Auftreten von Krankheiten, in seelischer Bedrängnis und in Schwierigkeiten aller Art verwendet.

 

 

All dies sind zunächst einmal gewöhnliche materielle Dinge. Aber bei der Weihe erhalten sie durch das Gebet der Kirche eine übernatürliche Qualität und sie vermögen – nicht aus eigener Kraft, sondern durch die Kraft der Gnade Gottes – alle zu heiligen, die sie mit Glauben berühren oder einnehmen. “Ob ihr also esst oder trinkt oder etwas anderes tut: tut alles zur Verherrlichung Gottes”, sagt der Apostel Paulus (1. Korinther 10: 31). Die geweihten Dinge – Wasser, Brot und Öl – erleichtern die Ausführung von Werken zur Ehre Gottes und heiligen uns. Wenn wir orthodoxen Christen sie im Glauben und unter Gebet verwenden, werden sie uns durch den Segen Gottes, den sie vermitteln, eine Quelle der Kraft, der Hilfe und des Schutzes sein. 

 

Im Großen Rituale (Trebnik) sind Gebete zur Weihe verschiedener Dinge des Alltags enthalten. Es sind dies, Häuser und Wohnungen, Wagen, Tiere, Felder, Brunnen, Viehherden usw. Früher wurde überhaupt jede neue Sache geweiht, bevor sie in Gebrauch genommen wurde. Dadurch stand ihre Verwendung für den orthodoxen Christen von Anfang an unter dem Segen Gottes. 

 

Zusammengestellt von Thomas Zmija von Gojan

 

 

Das Hauspatronatsfest auch Krsna Slava (Slava-Feier) genannt

 

 Thomas Zmija von Gojan

 

Die Slava (kyrillisch Слава) ist ein christlich-orthodoxes Familienfest, das zu Ehren des Schutzheiligen der jeweiligen Familie gefeiert wird. Dieser Brauch wird vor allem in Serbien begangen und ist dort ein wichtiger Bestandteil der Volkskultur. Aber auch in Mazedonien, in Teilen Bulgariens, Albaniens, Rumäniens, Griechenlands und Russlands wird die Slava (von „slaviti“, was übersetzt „feiern“ heißt) gefeiert.

 

Die historischen Ursprünge des Brauches lassen sich heute nicht mehr ganz genau klären. Nach der Auffassung serbischer Historiker besaßen die südslavischen Stammes- und Sippenverbände, aus denen sich dann seit dem 9. Jahrhundert das serbische Volk entwickelte, neben eine ganze Reihe von gemeinsam verehrten Gottheiten auch spezielle Schutzgeister für die einzelnen Familien, die den römischen Laren ähnelten. Um den Serben den Übertritt zum christlichen Glauben zu erleichtern, sei die Feier der Slava ins Leben gerufen worden, wobei christliche Heilige den Platz der früheren Familiengottheiten eingenommen hätten. Für diese Auffassung gibt es jedoch keine gesicherten historischen Quellenbelege.

 

Historisch gesichert hingegen ist die, sowohl bei orthodoxen, wie auch katholischen Christen seit der Spätantike verbreitete Sitte, den Festtag des Heiligen, auf dessen Namen man getauft wurde, als Namenstag (slavisch: Imendan) festlich zu begehen. Seit dem Frühmittelalter könnte sich daraus die Sitte entwickelt haben, ein feierliches Schutzfest zu Ehren eines Heiligenpatrons nun ganzer christlicher Familien- und Sippenverbände zu begehen. Seit der osmanischen Eroberung diente diese Feier bei den unterdrückten christlichen Balkanvölkern auch zur massgeblichen Festigung ihrer christlich-orthodoxen Identität und zur Abwehr gegen die Tendenzen einer damals stets drohenden Islamisierung. 

 

Der wichtigste Unterschied zwischen der Slava und der Feier des Namenstages ist, dass die Slava von einer Generation zur nächsten weitervererbt wird. So wird die Verehrung des Familienheiligen durch die Generationenfolge von den Eltern zu den Kindern weitergegeben, während der Namenstag insofern individuell ist, dass jenes Heiligen als persönlichem Schutzpatron gedacht wird, dessen Name dem Täufling in der heiligen Taufe beigegeben worden ist. In der serbischen Tradition haben nicht nur die Familien, sondern auch Kirchen, Klöster, Schulen, Dörfer und Städte ihren eigenen Hauspatron, der mit einer speziellen Slava alljährlich besonders festlich geehrt wird. Bei der Auswahl der Familienheiligen wurde einst Wert darauf gelegt, dass die Festtermine nach dem orthodoxen Heiligenkalender hauptsächlich auf das Frühjahr, den Herbst oder den Winter fielen, so dass die Arbeit der Erntemonate nicht unterbrochen wurde. Denn in früheren Zeiten konnte dieses Fest bis zu drei Tagen dauern, während man sich heutzutage meist mit einem Tag des Feierns begnügt. 

 

Nach serbischem Brauch werden am Vortag der Slava die Speisen, also der Slavski Kolač, das Koljivo und der SlavaWein in der Kirche durch den Priester gesegnet. Am Tag der Slava geht die Familie in die Kirche und nimmt während der Göttlichen Liturgie an der Heiligen Kommunion teil. Nach dem Gottesdienst kommt der Priester in das Haus der Familie und hält einen kleinen Gebetsgottesdienst (Moleben) zu Ehren des Familienheiligen ab. Für diesen Gebetsgottesdienst werden Weihwasser, Weihrauch, der Slava-Wein und ein Sträußchen Basilikum bereitgestellt. Dabei segnet er den Slavski Kolac und die Koljivo und zündet die Slava-Kerze an. Die gesamte Familie mit ihren Freunden und guten Bekannten versammelt sich an diesem Tag zum Festessen.

 

Darüber hinaus werden verschiedene traditionelle Speisen serviert, zum Beispiel slawischer Kolac (славски колач = festlicher Kuchen) und Koljivo (кољиво). Das Zito darf nicht fehlen, eine Speise aus Weizen, Nüssen, Zucker und Muskatnuss. Nach dem Eintreffen der Gäste nimmt das Familienoberhaupt (Patron) den ersten Löffel Zito und bekreuzigt sich, danach folgen Ehefrau, Söhne, Töchter und anschließend alle anderen, die sich zur Feier eingefunden haben (Zito wird auch bei Hochzeiten und Beerdigungen gereicht und spielt eine wichtige Rolle im mythischen Glauben). Jedoch unterscheiden sich solche Bräuche von Region zu Region und oft auch von Dorf zu Dorf. Daher besteht keine genaue Beschreibung einer Zeremonie oder genau übermittelten Tradition.