orthodoxe Traditionen

 

Dein Besuch eines Gottesdienstes

 

Erzpriester Elias Esber  

 

Zunächst

 

* Wenn du einen Gottesdienst besuchst, versuche schon einige Minuten vor Beginn des Gottesdienst in der Kirche zu sein und einen Platz gefunden zu haben, denn der Gastgeber im Gotteshaus ist der HERR persönlich und jedes Wort von Ihm ist heilig und wichtig und du solltest keines von ihnen verpassen. Schließlich gehst du auch nicht verspätet zu deiner Arbeit oder zu anderen Einladungen. Denke daran: Auch der Herr hat dich eingeladen!

 

* Wenn du nun die Kirche besuchst und Gottes Einladung folgst, dann achte auch auf deine Kleider, dass sie sauber und ordentlich sind und dem heiligen Haus und einer Feier mit dem HERRN gerecht werden.

 

* Sei dir auch bewusst: Die Kirche ist ein heiliges Haus, dem mitsamt seiner Ikonen, die uns die Heiligen zeigen, welche ihr Leben mit Gebet und in Demut verbracht haben, Respekt und Ehrfurcht gebührt. 

 

In der Kirche

 

* Als erstes: Trete in die Kirche hinein, bekreuzige dich, küsse die Ikone und verbeuge dich vor ihr.

 

* Wenn du nun in dem Gotteshaus bist, versuche doch einmal die Welt draußen zu lassen und die Zeit in der Kirche als einen Moment der Stille, des Zurücklassens und Besinnens zu betrachten. 

 

* Öffne dabei aber gleichzeitig deine Augen und Ohren für das Heilige Geschehen: Konzentriere dich, bete mit und lasse dich nicht von unbedeutenden Dingen, die neben dir geschehen, ablenken. Denn du solltest versuchen nicht bloß ein Zuschauer zu sein, sondern aktiv teilzunehmen. Bete und singe mit uns und höre jedes Wort, vor allem das des Evangeliums. 

 

* Siehe es so doch einmal so: Diese Stunde in der Woche gehört alleine dir und Gott! Deswegen sei ganz da, denn du hast die wunderbare Möglichkeit deine ganzen Sorgen und Schmerzen der Woche im Gebet vor den HERRN zu bringen. 

 

* Denke daran, in der Kirche bist du jetzt bei Gott. Hier kannst du sorglos sein, denn es herrscht die Zeit des HERRN, welche die Zeit der Gnade ist. 

 

* In der Kirche und während des Gottesdienstes hast du nun die Möglichkeit dich zunächst mit dir selbst und dann mit deiner Umgebung zu versöhnen. Bitte Gott um Verzeihung für deine Sünden und Fehler. Reinige dein Herz, denn schon gleich während der Heiligen Kommunion wirst du den HERRN empfangen. Dazu muss dein Herz rein sein.

 

* Vergewissere dich deswegen, bevor du zu der Heiligen Kommunion gehst, ob du reinen Herzens bist. Du solltest dir bewusst sein, was gleich passiert, denn du wirst Jesus Christus empfangen! Frage dich, ob du dazu bereit bist. Bitte Gott noch einmal um Verzeihung.

 

Nach dem Gottesdienst

 

* Nun gehst du aus der Kirche hinaus, du füllst dich anders, du bist voller Freude, denn du bist rein und zuversichtlich, dass der Herr dich angenommen hat. 

 

* Wenn das nicht der Fall sein sollte und ich sage dir, es ist nicht schlimm, dann versuche dich am nächsten Sonntag doch noch einmal anzustrengen. Dazu könntest du deine Bemühungen verdoppeln und intensiver beten. 

 

* Zum Schluss solltest du aber auch immer die wunderschöne Gemeinschaft deiner Gemeinde und ihrer Leute nicht vergessen. Freue dich, dass ihr alle im Namen Gottes versammelt seid.

 

 

Über die Andacht der Kleinen Wasserweihe

 

S. E. Metropolit Augoustinos

Griechische Orthodoxe Metropolie von Deutschland

 

anlässlich einer Kleinen Wasserweihe im Orthodoxen Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München 

 

Das Gebet der „Kleinen Wasserweihe“ wird in der griechischen Sprache Ἁγιασμὸς genannt. Man könnte es deshalb wörtlich mit „Heiligung“ übersetzen. Dies mag überraschen, da man es doch üblicherweise gewohnt ist, zwischen „Heiligem“ und „Profanem“ zu unterscheiden: Wie kann etwas, das wir alltäglich nutzen, wie zum Beispiel ein Haus oder eine Wohnung, „geheiligt“ werden?

 

Für die orthodoxe Kirche ist die dichotomische Trennung zwischen Heiligem und Privatem stets problematisch gewesen. Denn auch die Unterscheidung zwischen einer gewissermaßen schlechten materiellen und einer „guten“ spirituellen Welt schafft mehr Probleme als es sie löst. Wichtig ist den orthodoxen Christen nämlich, dass die Dinge in unserem Leben, ja, unser ganzes Leben selbst, Ursprung und Ziel haben. Ursprung des menschlichen Lebens ist Gott, sein Ziel die Suche der Gottesnähe. Und diese Nähe zu Gott wird ja gerade eben auch durch die Materie bewirkt. Angefangen vom Taufwasser, durch das wir in die Kindschaft Gottes aufgenommen werden, ist es die Materie, die – wie die orthodoxe Theologie es formuliert – ihren eigentlichen Sinn zurückerhält und zum Mittel der Gnade Gottes wird. Und diese Gnade setzt immer unser Mitwirken (συνέργεια) voraus.

 

Man könnte also vom rechten Gebrauch der Dinge reden, die Gott uns schenkt. So kann auch ein Haus, eine Wohnung, zum Segen werden für die, die darin wohnen, für die Menschen, die hier zusammenkommen. Gott schenkt uns diese Möglichkeiten, Gott schenkt uns seinen Segen. Und wir sind dazu berufen, richtig damit umzugehen. So ist auch der Ἁγιασμὸς kein von unserem Mittun losgelöster Ritus; dies würde ein magisches Verständnis voraussetzen, was uns fremd ist. Er ist vielmehr Dank für Gottes gute Gaben, Bitte um Seinen reichen Segen und Auftrag an uns, dementsprechend zu handeln. 

 

 

 

 

Der orthodoxe Gebrauch des Weihwassers

und anderer heiliger Gegenstände im Hause 

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

In der Orthodoxen Kirche ist es üblich, verschiedene Dinge weihen zu lassen. 

 

In fast jeder gläubigen orthodoxen Familie werden neben den heiligen Ikonen ein Fläschchen mit Weihwasser und eine Prosphore (griechisch πρόσφορα von πρόσφορον, Opfer) aufbewahrt. Die Prosphore wird, solange sie noch weich ist, in kleine Stückchen geschnitten. Danach werden diese getrocknet, und jeden Morgen wird vor dem Frühstück ein Stückchen mit etwas Weihwasser verzehrt. Dies wird üblicherweise nach den Morgengebeten gemacht. Durch das Gebet wird der Geist geheiligt, der sich vor dem Tageswerk an Gott wendet, und mit der Prosphore und dem heiligen Wasser empfangen wir Gottes Segen gleichsam im Essen und Trinken. 

 

Um genügend Weihwasser (das griechische Wort für Weihwasser αγιασμα ("Agiasma") bedeutet "Geheiligtes", der slavische Ausdruck святая вода ("svataja wada") bedeutet "heiliges Wasser" zu Hause zu haben, kann man dieses in der Kirche vom Altardiener erbitten. Ist jemand in unserer Familie erkrankt oder befindet sich jemand in Not und Schwierigkeiten, so können wir auch eine Bittandacht mit einer kleinen Wasserweihe in der Kirche lesen lassen.

 

Um Prosphoren zu erhalten, muss man in der Kirche vor Beginn der Liturgie Gedenkzettel abgeben, auf denen die Namen der uns Nahestehenden, sowohl die der noch Lebenden, als auch die der bereits Verstorbenen, von uns aufgezeichnet worden sind. Mit diesen Gedenkzetteln wird während der Proskomedie - das ist der erste Teil der Göttlichen Liturgie, der vom Priester während der Stundenlesung vollzogen wird – ein kleines Opferbrot, die Prosphore, in den Altarraum gebracht. Dieser entnimmt der Priester dann kleine Brotteilchen und legt sie zum Gedächtnis für die Lebenden und Verstorbenen, deren Namen bei der Proskomedie und während der inständigen Ektenie in den Gebeten der Göttlichen Liturgie gelesen werden, um das Lamm (griechisch άμνος, kirchenslawisch Агнецъ), das später Verlauf der Liturgie in den reinen und heiligen Leib Christi verwandelt werden wird. So tragen wir, indem wir vor Beginn der Liturgie unsere Gedenkzettel und Prosphoren abgeben, unsere Lieben und ihre Nöte mit unseren Gebeten vor Christus. Es ist ein schöner Brauch in vielen griechischen Gemeinden, dass die Gläubigen die benötigten Prosphoren, sowie Wein für die Kommunion und Öl für die Lampen als Spende zur Kirche bringen. Die Frauen haben die Prosphoren schon am Vortag in ihren Häusern gebacken. In russischen Gemeinden werden die Prosphoren jedoch in der Regel unter der Leitung der Matuschka im Gemeindehaus gebacken.

 

Nach den Morgengebeten essen die orthodoxen Gläubigen ein kleines Stück von der aus der Kirche mitgebrachten Prosphore und trinken einen Schluck vom Heiligen Wasser (Weihwasser).
Nach den Morgengebeten essen die orthodoxen Gläubigen ein kleines Stück von der aus der Kirche mitgebrachten Prosphore und trinken einen Schluck vom Heiligen Wasser (Weihwasser).

  

Außer der Prosphore und dem Heiligen Wasser werden in den Häusern der orthodoxen Christen noch andere heilige Dinge aufbewahrt. In der ersten Woche nach Ostern wird in der Kirche der Artos geweiht, ein besonderes großes Brot mit der Darstellung der Auferstehung Christi. Dieses Brot steht die ganze Lichte Woche in der Kirche vor der Königstür der Ikonostas. Während der Prozessionen, wenn alle mit Fahnen, Ikonen und dem Kreuz ins Freie hinausgehen und unter Gesängen und der Lesung des Evangeliums die Kirche umschreiten, wird gewöhnlich auch der Artos mitgetragen. Am Samstag der Osterwoche wird er nach einem besonderen Gebet in Teile geschnitten, die danach an die Gläubigen verteilt werden. Der Artos wird zu Hause für besondere Gelegenheiten aufbewahrt. Er wird bei Krankheit zur Stärkung der seelischen und körperlichen Kräfte eingenommen. 

 

Weiterhin gilt das geweihte Wasser des Festes der Taufe Christi (im Deutschen auch Epiphanias genannt, russisch праздник Крещения / Богоявления) als in besonderer Weise geheiligt. Von einigen heiligen Vätern wird es sogar unter die Sakramente gezählt. Dieses Weihwasser heißt auch Großes Agiasma (griechisch), d. h. großes Heiligtum. Dieses Fest der Taufe Christi wird Theophanie genannt, weil der Herr am Jordan das erste Mal seinen Jüngern als Christus (griechisch Ἰησοῦς Χριστός, Jesus, der Gesalbte), d. h. als der von Gott zur Erlösung aller Menschen gesandte Messias und Sohn Gottes erschienen ist. So wie das Wasser des Flusses Jordan den heiligen Leib des Erlösers aufgenommen hat und dadurch geheiligt wurde, so werden nach unserem orthodoxen Glauben alle Gewässer der Erde an diesem Tag geheiligt. Dabei taucht der Priester das heilige Kreuz drei Mal in das Fließgewässer, das an diesem Tag mit seinem Wasser die ganze Schöpfung weiht. Oft tauchen die erwachsenen Gläubigen nacheinander in das geheilige Gewässer. Dieser besondere Gottesdienst heißt Große Wasserweihe auf russisch Великое освящение воды. Nur zu Epiphanie und am Vortag des Festes wird das Weihwasser nach diesem großen Ritus geweiht. Daher heißt dieses Wasser auch Epiphaniewasser oder Taufwasser. Es wird für das ganze Jahr aufbewahrt. Ungeachtet der im russischen Volk verbreiteten Vorstellung, dass das erste Wasser “heiliger” sei, ist dies nicht so. In Wirklichkeit wird an beiden Tagen das Wasser nach dem gleichen Ritus geweiht, und es hat die gleiche segensspendende Kraft.

 

In den südlicheren Ländern wirft der Priester am Schluss der Großen Wasserweihe sein Segenskreuz in den Fluss oder das Meer, nach dem die Jugendlichen dann tauchen. Wer das Kreuz im tiefen Wasser findet, erhält damit einen besonderen Segen und besucht danach mit dem Kreuz alle Haushalte des Ortes. 

 

Das Taufwasser wird in den Kirchen zur Weihe von Ikonen, der liturgischen Gewänder, Kreuze, kirchlichen Geräte und beim Backen der Prosphoren verwendet. Mit ihm werden die Häuser, Wohnungen und andere Dinge gesegnet. 

 

In den Wohnungen der orthodoxen Christen wird auch geweihtes Öl aufbewahrt, das von Pilgerreisen zu heiligen Orten mitgebracht wurde und aus den dort aufgehängten Ewiglichtern stammt. Es wird beim Auftreten von Krankheiten, in seelischer Bedrängnis und in Schwierigkeiten aller Art verwendet. 

 

All dies sind zunächst einmal gewöhnliche materielle Dinge. Aber bei der Weihe erhalten sie durch das Gebet der Kirche eine übernatürliche Qualität und sie vermögen – nicht aus eigener Kraft, sondern durch die Kraft der Gnade Gottes – alle zu heiligen, die sie mit Glauben berühren oder einnehmen. “Ob ihr also esst oder trinkt oder etwas anderes tut: tut alles zur Verherrlichung Gottes”, sagt der Apostel Paulus (1Kor. 10,31). Die geweihten Dinge – Wasser, Brot und Öl – erleichtern die Ausführung von Werken zur Ehre Gottes und heiligen uns. Wenn wir orthodoxen Christen sie im Glauben und unter Gebet verwenden, werden sie uns durch den Segen Gottes, den sie vermitteln, eine Quelle der Kraft, der Hilfe und des Schutzes sein. 

 

Im Großen Rituale (Trebnik) sind Gebete zur Weihe verschiedener Dinge des Alltags enthalten. Es sind dies, Häuser und Wohnungen, Wagen, Tiere, Felder, Brunnen, Viehherden usw. Früher wurde überhaupt jede neue Sache geweiht, bevor sie in Gebrauch genommen wurde. Dadurch stand ihre Verwendung für den orthodoxen Christen von Anfang an unter dem Segen Gottes. 

 

 

Über den Weihrauch in der christlich-orthodoxen Tradition

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Der Gebrauch von Weihrauch im orthodoxen Gottesdienst stellt symbolisch den "Duft des Himmels" dar. Er ist also ein Zeichen für das ewig andauernde Gebet und den immerwährenden Lobpreis Gottes durch die himmlischen Heerscharen der Engel und die in dem Himmeln vor Gottes Thron versammelten Heiligen (vgl.: Apokalypse 8:3-5). Deshalb ist der Weihrauch auch nicht einfach eine "duftende Verzierung" des Gottesdienstes, sondern der Gebrauch des Weihrauchs weist uns mittels unseres Geruchssinns auf die Gegenwart Gottes hin, der wir anbetend und mit Verehrung im liturgischen Geschehen begegnen. So wird der Gebrauch des Weihrauchs im Alten Testament 36 mal und im Neuen Testament 4 mal ( Weihrauch gehörte zu den Gaben der drei Weisen aus dem Morgenland (vgl.: Matthäus 2:11) und ist Sinnbild des Gebetes der Heiligen (Apokalypse 8: 3) erwähnt.

 

Dass der aufsteigende Duft des verbrennenden Weihrauchs als ein Ausdruck der Verehrung und Anbetung verstanden wird, war bereits zur Zeit des Jerusalemer Tempels so. Nach Exodus 30: 7.8 sollte das "Räucherwerk vor dem Herrn" beständig beim Morgen- und Abendgottesdienst auf einem goldenen Altar in der Stiftshütte verbrannt werden. Bis heute gedenken wir an dieses alttestamentliche Weihrauchopfer, wenn wir im heute im orthodoxen Vespergottesdienst wie damals im Jerusalemer Tempel das abendliche Weihrauchopfer darbringen und dabei anbetend singen: "Aufsteige mein Gebet wie Weihrauch vor Dein Angesicht..."(vgl.: Psalm 140:2).

 

Die besondere liturgische Bedeutung der Darbringung des Weihrauchs bereits in der Zeit des alten Testamentes zeigt sich auch in der Bedeutung des hebräischen Wort „ruach“ (rûah → רוּחַ), das in den alttestamentlichen Texten für Darbringen des Weihrauchopfers verwendet wird und das mit Geist, Wind, Atem bzw. Atem Gottes, aber auch mit Duft, Feuerluft oder Feuernebel übersetzt werden kann. Schon damals werden der aufsteigende Duft und Rauch in einem engen liturgischen Zusammenhang mit der Anwesenheit Gottes gesehen. Dies sehen wir auch an der Vision des Heiligen Prophet Isaias (Jesaja): In einer Schauung erblickt der Heilige für den Bruchteil einer Sekunde die Anwesenheit und den Abglanz der Herrlichkeit Gottes im Tempel. Dabei sitzt der Allmächtige als Herrscher (Pantokrator) des Himmels und der Erde auf dem himmlischen Thron und der Saum Seines Mantels (Symbol seiner Allmacht und Herrlichkeit) erfüllt den gesamten Tempel. Der Herr der himmlischen Heerscharen ist dabei umgeben von den Heiligen Engeln (Seraphim = Feuerwesen), die aus Respekt vor Gottes Heiligkeit ihr Angesicht und ihre Füße mit ihren Flügeln bedecken. Unablässig singen sie den himmlischen Lobgesang des Dreimal Heilig. Der donnernde himmlische Lobgesang bringt die Fundamente des Tempels zum Erbeben und Jesaja erlebt in seiner Vision, wie sich der Raum mit Rauch erfüllt. Der Prophet merkt nun in seiner Vision, dass er als Mensch nicht vor dem unfassbar Großen und Allheiligen Gott (be)stehen kann. In der Gegenwart Gottes erkennt er sich als für die Gegenwart Gottes unwürdig. Daraufhin berührt ein Engel seinen Mund mit einer glühenden Kohle vom Rauchopferaltar, damit er rein werde und damit würdig für die Anwesenheit in der Allheiligen Gegenwart des Gottes sei (vgl.: Jesaja 6: 1-8). Von dieser Textstelle ausgehend wird die Darbringung des Weihrauchs und die Beräucherung der Gläubigen im orthodoxen Gottesdienst auch als ein Zeichen der Reinigung verstanden.

 

Jedoch darf man die liturgische Darbringung des Weihrauchs nicht veräußerlicht verstehen. Der eigentliche Akt besteht in der Gebetsstimmung der Seele, die den Akt des Räucherns begleitet und ihm auf diese Weise auch erst die rechte Beziehung auf Gottes Gegenwart hin verleiht. Insofern wird der Weihrauch in der orthodoxen Kirche als Sinnbild für die Opfergaben und Gebete der Gläubigen verstanden (vgl.: Psalm 140: 2;  Apokalypse 5: 8 & 8: 3).

 

In der orthodoxen Kirche werden zwei Arten des Weihrauch-Gefäßes verwendet. Ein zweiteiliges Rauchfass (Кадило) das an drei (vier) Ketten hängt, die oft mit kleinen Glöckchen besetzt sind und ein in der Hand direkt getragenes Rauchfass. Dabei ist das an Ketten getragene Rauchfass allein dem Gebrauch des Bischofs, Priesters und Diakons vorbehalten, während bestimmte  in der Hand direkt getragenes Rauchgefäße (griechisch: Παραδοσιακά Λιβανιστήρια, russisch: кадильница oder кадильник) in der griechischen Kirche während der Fastenzeit und im Abendgottesdienst Verwendung finden. Darüber hinaus gibt es bestimmte Rauchertassen (Кадильница келейная oder Кадильница домашняя) die von orthodoxen Laien während des häuslichen Gebetes verwendet werden können.

 

Das priesterliche Weihrauchfass wird in der liturgischen Symbolik in vielfacher, reicher Weise gedeutet. Das Rauchfass selbst ist dabei ein Sinnbild der allheiligen Gottesgebärerin, die die lebendige Kohle (Christus) ohne zu verbrennen (Immerjungfräulichkeit) in ihrem Leib getragen hat. Der aufsteigende Weihrauch wird als Wohlgeruch der Versöhnung des durch Christus gewirkten Heiles verstanden. Die drei äußeren Ketten symbolisieren die Allheilige Dreieinheit, die Mittler Kette, die den Deckel des Rauchfasses beim Räuchern etwas anbebt symbolisiert die Kenosis, das demütige Herabsteigen des Sohnes Gottes zu unserer Erlösung durch die Inkarnation, die Menschwerdung Gottes. Der Ring mit dem der Priester das Rauchfass hält, versinnbildlicht die Herrschaft Gottes über den gesamten Kosmos. Die Glöckchen werden als die neun Chöre der Engel gedeutet. Ihr Klang weißt auf auf der ganzen Erde verkündete Lehre Christi hin. Diese Symboldeutung des Weihrauchgefäßes gehört zu der sinnbildhaften Liturgieausdeutung, mit der die Heiligen Väter in der orthodoxen Kirche das irdische liturgische Geschehen als Abbildung (Ikone) des himmlischen Geschehens begreifen.   

 

Griechische Mönchs-Diakon beim Gottesdienst mit an Ketten hängendem und mit kleinen Glöckchen besetztem Weihrauchfass.
Griechische Mönchs-Diakon beim Gottesdienst mit an Ketten hängendem und mit kleinen Glöckchen besetztem Weihrauchfass.
Das in der Hand direkt getragene Weihrauchfass (griechische Variante).
Das in der Hand direkt getragene Weihrauchfass (griechische Variante).
Kadilnitza, griechische Variante.
Kadilnitza, griechische Variante.
Kadilnitza, russische Variante. In der russischen Kirche findet die Kadilnitza in der Regel nicht im kirchlichen Gottesdienst Verwendung.
Kadilnitza, russische Variante. In der russischen Kirche findet die Kadilnitza in der Regel nicht im kirchlichen Gottesdienst Verwendung.
russisches Handweihrauchgefäß (Кадильница / кацея).
russisches Handweihrauchgefäß (Кадильница / кацея).

 

Die liturgische Verwendung des Weihrauchs ist über Urkunden erst in nachkonstantinischer Zeit nachweisbar. Im vierten Jahrhundert wurde seine liturgische Verwendung zuerst im Osten üblich und verbreitete sich von dort aus auch im Westen. Aber bereits der heilige Ephraim der Syrer erwähnt die Verwendung des Weihrauchs während der Feier der Göttlichen Liturgie in seinem Testament (vgl.: Ephraim Syri, Opera Omnia, Rom 1743) und der heilige Johannes Chrysostomus erwähnt diese christliche liturgische Praxis in seiner 89. Homilie zum Matthäusevangelium. Im dritten Kanon der Apostolischen Kanones wird erwähnt, dass die Gläubigen in der Liturgiefeier neben Brot und Wein auch Öl für die Lampen und Weihrauch für den kirchlichen Gebrauch opferten. Da aber die Apostolischen Kanones auf die "Lehre der Zwölf Apostel"(griechisch Diaiache = Διδαχὴ τῶν δώδεκα Ἀποστόλων)  zurückgreifen, gibt es durchaus gute Gründe anzunehmen, dass der gottesdienstliche Gebrauch des Weihrauch sogar bis in apostolische Zeit zurück reichen kann. Der Heilige Dionysios Areopagita erwähnt den Inszens während des großen und kleinen Einzugs. Auch die Jakobusliturgie, eines der ältesten liturgischen Formulare, das uns bis heute den Gottesdienst aus apostolischer Zeit überliefert hat, verlangt die Darbringung des Weihrauchs beim kleinen Einzug (Einzug mit dem Evangelienbuch) und während des großen Einzugs (Übertragung  der Gaben von der Protesis zum Altar). Auch kennt schon der frühchristliche Märtyrer Tertullian (150 – 230 nach Christus) die liturgische Verwendung des Weihrauchs. Nach seinem Worten vermag der "Weihrauchduft aber auch Gedanken zu reinigen und diese zum Gebet verdichten, das zu Gott aufsteigt". 

 

Der deutsche Begriff "Weihrauch" ist eine Ableitung vom althochdeutschen "wîhrouch" und bedeutet so viel wie „heiliges Räucherwerk“. Das Weihrauch-Harz selbst ist das luftgetrocknete Gummiharz, des nur auf der arabischen Halbinsel, Somalia, Eritrea  und in Äthiopien beheimateten Weihrauchbaums. Dieses Harz wird seit der Antike sowohl kultisch als Räucherwerk aber wegen seiner desinfizierenden und entzündungshemmenden Wirkung auch heilkundlich, das heißt zu medizinisch-therapeutischen Zwecken verwendet. Das Weihrauchharz ist grobkörnig bis stückig und von durchscheinend braun-gelber bis rötlich-brauner Farbe.

 

Weihrauchbaum
Weihrauchbaum

 

In der griechische Sprache wird Weihrauch und Rauchwerk durchgängig als "Θυμιάματος" bezeichnet. In der russischen Sprache wird zwischen dem Weihrauch-Harz (ладан) und Räucherwerk (фимиам) verwendet. Dabei versteht man unter Räucherwerk vor allem den heute orthodox alllgemein verwendeten Weihrauch. Zu seiner Herstellung wird das Weihrauch-Harz zu Pulver zermalen und danach mit ätherischen Blumenölen verknetet, die darauf wiederum an der Luft getrocknet werden. Beim Verbrennen (es ist genauer gesagt ein Verschwelen des Weihrauchs indem man in an den Rand (neben!) einer glühenden Kohle legt) wird dann dieses Blumenaroma wieder frei gesetzt. In der russischen Tradition verwendet man jedoch Natur-Weihrauch bis heute für das Totengedenken (Panychida).

 

Griechischer Weihrauch.
Griechischer Weihrauch.

 

Griechischer Weihrauch: Die Grundlage für diesen Weihrauch ist nicht unbedingt das Weihrauch-Harz (Olibanum-Harz), sondern oft auch ein einheimisches Koniferenharz aus Griechenland, in dem Duftextrakte oder ätherische Öle (z. B. Asparagus, Gardenia, Hyazinthe, Nelke, Rose, Thymian, Veilchen, Zitrone, Zypresse), insbesondere aus Blüten (daher auch oft die Bezeichnung „Blütenweihrauch“), eingearbeitet werden. Die Verarbeitung erfolgt in der Regel in Handarbeit in den orthodoxen Klöstern von Mönchen und Einsiedlern unter Gebet.

Dazu werden zuerst Olibanum-Harzstücke zu Mehl zerkleinert.

Anschließend wird das Weihrauchmehl unter Beigabe von verschiedenen Duftstoffen und oft auch mit einem Farbstoff zu einem Teig angereichert und unter ständigen Gebeten geknetet.

 

Danach wird der Teig platt gewalzt und grob zugeschnitten. Nach einer kurzen Trockenpause wird der noch nicht ganz hart gewordene Teig nun in kleine Stücke geteilt (ca. 0,5 cm groß) und mit Magnesia (Magnesiumoxid) bestreut, womit ein Zusammenkleben der Weihrauchstücke verhindert wird.

 

Räuchertassen (Кадильница келейная) für den häuslichen Gebrauch (Griechenland).
Räuchertassen (Кадильница келейная) für den häuslichen Gebrauch (Griechenland).

 

Außer im kirchlichen Gottesdienst wir der Weihrauch auch von orthodoxen Gläubigen auch privaten und häuslichen Gebet verwendet. Dafür entzündet man etwas Kohle in einer Räuchertasse (Кадильница келейная)). Es hat sich als hilfreich erwiesen, entweder etwas Asche oder Sand am Grunde der Tasse zu belassen. Wenn die Kohle glüht, legt man den Weihrauch nicht direkt auf die Kohle, sondern an den Rand  desselben. So verbrennt der Weihrauch nicht schnell und unter großer Hitze, so dass er zu "stinken" beginnt, sondern verschwelt nur, seinen aromatischen Duft entfaltend. Nachdem man den Weihrauch in die Räuchertasse gelegt hat, schlägt man ein Kreuzzeichen über den Weihrauch und spricht dabei: "Auf die Gebete unserer Heiligen Väter, Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich unser!" (Die im Text der Liturgie oder der Vesper vorgesehenen priesterlichen Segen über den Weihrauch sollten die Laien bei ihrer persönlichen Andacht nicht verwenden.) Nun kann man vor Beginn der Gebetsregel die heiligen Ikonen durch den Duft des Weihrauchs verehren, wobei man mit der Weihrauch-Tasse jeweils (drei) Kreuzzeichen macht. Auch die Anwesenden kann man so beräuchern. Einige Orthodoxe gehen so mit dem Weihrauch auch Morgens und Abends durch Ihre Wohnung um sie zu segnen. In einigen Gegenden Griechenlands ist es bis heute üblich, den Gast beim Eintritt in das Haus mit Weihrauch zu segnen sowie mit einer kleinen Erfrischung wie Anisschaps oder einem griechischem Kaffee, Wasser und einer kleinen "Süßigkeit vom Löffel" zu begrüßen. Gerade in griechischen Klöstern hat sich dieser Brauch bis heute erhalten.

 


 

Über den Weihrauch in der

christlich-orthodoxen Tradition

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Der Gebrauch von Weihrauch im orthodoxen Gottesdienst stellt symbolisch den "Duft des Himmels" dar. Er ist also ein Zeichen für das ewig andauernde Gebet und den immerwährenden Lobpreis Gottes durch die himmlischen Heerscharen der Engel und die in dem Himmeln vor Gottes Thron versammelten Heiligen (vgl.: Apokalypse 8:3-5). Deshalb ist der Weihrauch auch nicht einfach eine "duftende Verzierung" des Gottesdienstes, sondern der Gebrauch des Weihrauchs weist uns mittels unseres Geruchssinns auf die Gegenwart Gottes hin, der wir anbetend und mit Verehrung im liturgischen Geschehen begegnen. So wird der Gebrauch des Weihrauchs im Alten Testament 36 mal und im Neuen Testament 4 mal ( Weihrauch gehörte zu den Gaben der drei Weisen aus dem Morgenland (vgl.: Matthäus 2:11) und ist Sinnbild des Gebetes der Heiligen (Apokalypse 8: 3) erwähnt.

 

Dass der aufsteigende Duft des verbrennenden Weihrauchs als ein Ausdruck der Verehrung und Anbetung verstanden wird, war bereits zur Zeit des Jerusalemer Tempels so. Nach Exodus 30: 7.8 sollte das "Räucherwerk vor dem Herrn" beständig beim Morgen- und Abendgottesdienst auf einem goldenen Altar in der Stiftshütte verbrannt werden. Bis heute gedenken wir an dieses alttestamentliche Weihrauchopfer, wenn wir im heute im orthodoxen Vespergottesdienst wie damals im Jerusalemer Tempel das abendliche Weihrauchopfer darbringen und dabei anbetend singen: "Aufsteige mein Gebet wie Weihrauch vor Dein Angesicht..."(vgl.: Psalm 140:2).

 

Der Weihrauchbaum wächst in Äthiopien, Somalia und dem Jemen.
Der Weihrauchbaum wächst in Äthiopien, Somalia und dem Jemen.
Das Harz des Weihrauchbaumes. Neben dieser ursprünglichen Form des Weihrauchs gibt es im orthodoxen Gottesdienst auch noch den Rosenweihrauch, zu dessen Herstellung das Weohrauchharz mit ätherischen Blumenölen vermengt wird.
Das Harz des Weihrauchbaumes. Neben dieser ursprünglichen Form des Weihrauchs gibt es im orthodoxen Gottesdienst auch noch den Rosenweihrauch, zu dessen Herstellung das Weohrauchharz mit ätherischen Blumenölen vermengt wird.

 

Die besondere  liturgische Bedeutung der Darbringung des Weihrauchs bereits in der Zeit des alten Testamentes zeigt sich auch in der Bedeutung des hebräischen Wort „ruach“ (rûah  רוּחַ), das in den alttestamentlichen Texten für Darbringen des Weihrauchopfers verwendet wird und das mit Geist, Wind, Atem bzw. Atem Gottes, aber auch mit Duft, Feuerluft oder Feuernebel übersetzt werden kann. Schon damals werden der aufsteigende Duft und Rauch in einem engen liturgischen Zusammenhang mit der Anwesenheit Gottes gesehen. Dies sehen wir auch an der Vision des Heiligen Prophet Isaias (Jesaja): In einer Schauung erblickt der Heilige für den Bruchteil einer Sekunde die Anwesenheit und den Abglanz der Herrlichkeit Gottes im Tempel. Dabei sitzt der Allmächtige als Herrscher (Pantokrator) des Himmels und der Erde auf dem himmlischen Thron und der Saum Seines Mantels (Symbol seiner Allmacht und Herrlichkeit) erfüllt den gesamten Tempel. Der Herr der himmlischen Heerscharen ist dabei umgeben von den Heiligen Engeln (Seraphim = Feuerwesen), die aus Respekt vor Gottes Heiligkeit ihr Angesicht und ihre Füße mit ihren Flügeln bedecken. Unablässig singen sie den himmlischen Lobgesang des Dreimal Heilig. Der donnernde himmlische Lobgesang bringt die Fundamente des Tempels zum Erbeben und Jesaja erlebt in seiner Vision, wie sich der Raum mit Rauch erfüllt. Der Prophet merkt nun in seiner Vision, dass er als Mensch nicht vor dem unfassbar Großen und Allheiligen Gott (be)stehen kann. In der Gegenwart Gottes erkennt er sich als für die Gegenwart Gottes unwürdig. Daraufhin berührt ein Engel seinen Mund mit einer glühenden Kohle vom Rauchopferaltar, damit er rein werde und damit würdig für die Anwesenheit in der Allheiligen Gegenwart des Gottes sei (vgl.: Jesaja 6: 1-8). Von dieser Textstelle ausgehend wird die Darbringung des Weihrauchs und die Beräucherung der Gläubigen im orthodoxen Gottesdienst auch als ein Zeichen der Reinigung verstanden.

 

Jedoch darf man die liturgische Darbringung des Weihrauchs nicht veräußerlicht verstehen. Der eigentliche Akt besteht in der Gebetsstimmung der Seele, die den Akt des Räucherns begleitet und ihm auf diese Weise auch erst die rechte Beziehung auf Gottes Gegenwart hin verleiht. Insofern wird der Weihrauch in der orthodoxen Kirche als Sinnbild für die Opfergaben und Gebete der Gläubigen verstanden (vgl.: Psalm 140: 2;  Apokalypse 5: 8 & 8: 3).

 

Priesterliches Weihrauchfass (Кадило).
Priesterliches Weihrauchfass (Кадило).
Das vom Priester und Diakon verwendete zweiteilige Weihrauchfass (Кадило) das an drei (vier) Ketten hängt, die oft mit kleinen Glöckchen besetzt sind.
Das vom Priester und Diakon verwendete zweiteilige Weihrauchfass (Кадило) das an drei (vier) Ketten hängt, die oft mit kleinen Glöckchen besetzt sind.
Diakon beim Räuchern während des Gottesdienstes.
Diakon beim Räuchern während des Gottesdienstes.
Das in der Hand direkt getragenes Weihrauchfass (griechisch: Παραδοσιακά Λιβανιστήρια, russisch: кадильница oder кадильник), das vor allem in der griechischen Kirche während der Fastenzeit und im Abendgottesdienst Verwendung findet.
Das in der Hand direkt getragenes Weihrauchfass (griechisch: Παραδοσιακά Λιβανιστήρια, russisch: кадильница oder кадильник), das vor allem in der griechischen Kirche während der Fastenzeit und im Abendgottesdienst Verwendung findet.
Der Kadilnik (кадильник), oft auch in Form einer Räuchertasse, findet auch während der häuslichen Gebete der Orthodoxen Verwendung.
Der Kadilnik (кадильник), oft auch in Form einer Räuchertasse, findet auch während der häuslichen Gebete der Orthodoxen Verwendung.

 

In der orthodoxen Kirche werden zwei Arten des Weihrauch-Gefäßes verwendet. Ein zweiteiliges Rauchfass (Кадило) das an drei (vier) Ketten hängt, die oft mit kleinen Glöckchen besetzt sind und ein in der Hand direkt getragenes Rauchfass. Dabei ist das an Ketten getragene Rauchfass allein dem Gebrauch des Bischofs, Priesters und Diakons vorbehalten, während bestimmte  in der Hand direkt getragenes Rauchgefäße (griechisch: Παραδοσιακά Λιβανιστήρια, russisch: кадильница oder кадильник) in der griechischen Kirche während der Fastenzeit und im Abendgottesdienst Verwendung finden. Darüber hinaus gibt es bestimmte Rauchertassen (Кадильница келейная oder Кадильница домашняя) die von orthodoxen Laien während des häuslichen Gebetes verwendet werden können.

 

Das priesterliche Weihrauchfass wird in der liturgischen Symbolik in vielfacher, reicher Weise gedeutet. Das Rauchfass selbst ist dabei ein Sinnbild der allheiligen Gottesgebärerin, die die lebendige Kohle (Christus) ohne zu verbrennen (Immerjungfräulichkeit) in ihrem Leib getragen hat. Der aufsteigende Weihrauch wird als Wohlgeruch der Versöhnung des durch Christus gewirkten Heiles verstanden. Die drei äußeren Ketten symbolisieren die Allheilige Dreieinheit, die Mittler Kette, die den Deckel des Rauchfasses beim Räuchern etwas anbebt symbolisiert die Kenosis, das demütige Herabsteigen des Sohnes Gottes zu unserer Erlösung durch die Inkarnation, die Menschwerdung Gottes. Der Ring mit dem der Priester das Rauchfass hält, versinnbildlicht die Herrschaft Gottes über den gesamten Kosmos. Die Glöckchen werden als die neun Chöre der Engel gedeutet. Ihr Klang weißt auf auf der ganzen Erde verkündete Lehre Christi hin. Diese Symboldeutung des Weihrauchgefäßes gehört zu der sinnbildhaften Liturgieausdeutung, mit der die Heiligen Väter in der orthodoxen Kirche das irdische liturgische Geschehen als Abbildung (Ikone) des himmlischen Geschehens begreifen.  

 

Kadilnik oder Räuchertasse für den häuslichen Gebrauch.
Kadilnik oder Räuchertasse für den häuslichen Gebrauch.

 

Die liturgische Verwendung des Weihrauchs ist über Urkunden erst in nachkonstantinischer Zeit nachweisbar. Im vierten Jahrhundert wurde seine liturgische Verwendung zuerst im Osten üblich und verbreitete sich von dort aus auch im Westen. Aber bereits der heilige Ephraim der Syrer erwähnt die Verwendung des Weihrauchs während der Feier der Göttlichen Liturgie in seinem Testament (vgl.: Ephraim Syri, Opera Omnia, Rom 1743) und der heilige Johannes Chrysostomus erwähnt diese christliche liturgische Praxis in seiner 89. Homilie zum Matthäusevangelium. Im dritten Kanon der Apostolischen Kanones wird erwähnt, dass die Gläubigen in der Liturgiefeier neben Brot und Wein auch Öl für die Lampen und Weihrauch für den kirchlichen Gebrauch opferten. Da aber die Apostolischen Kanones auf die "Lehre der Zwölf Apostel"(griechisch Diaiache = Διδαχ τν δώδεκαποστόλων)  zurückgreifen, gibt es durchaus gute Gründe anzunehmen, dass der gottesdienstliche Gebrauch des Weihrauch sogar bis in apostolische Zeit zurück reichen kann. Der Heilige Dionysios Areopagita erwähnt den Inszens während des großen und kleinen Einzugs. Auch die Jakobusliturgie, eines der ältesten liturgischen Formulare, das uns bis heute den Gottesdienst aus apostolischer Zeit überliefert hat, verlangt die Darbringung des Weihrauchs beim kleinen Einzug (Einzug mit dem Evangelienbuch) und während des großen Einzugs (Übertragung  der Gaben von der Protesis zum Altar). Auch kennt schon der frühchristliche Märtyrer Tertullian (150 – 230 nach Christus) die liturgische Verwendung des Weihrauchs. Nach seinem Worten vermag der "Weihrauchduft aber auch Gedanken zu reinigen und diese zum Gebet verdichten, das zu Gott aufsteigt".

 

Der deutsche Begriff "Weihrauch" ist eine Ableitung vom althochdeutschen "wîhrouch" und bedeutet so viel wie „heiliges Räucherwerk“. Das Weihrauch-Harz selbst ist das luftgetrocknete Gummiharz, des nur auf der arabischen Halbinsel, Somalia, Eritrea  und in Äthiopien beheimateten Weihrauchbaums. Dieses Harz wird seit der Antike sowohl kultisch als Räucherwerk aber wegen seiner desinfizierenden und entzündungshemmenden Wirkung auch heilkundlich, das heißt zu medizinisch-therapeutischen Zwecken verwendet. Das Weihrauchharz ist grobkörnig bis stückig und von durchscheinend braun-gelber bis rötlich-brauner Farbe.

 

 

Griechischer Blumen-Weihrauch (Θυμιάματος).
Griechischer Blumen-Weihrauch (Θυμιάματος).

 

 

Griechischer Weihrauch: Die Grundlage für diesen Weihrauch ist nicht unbedingt das Weihrauch-Harz (Olibanum-Harz), sondern oft auch ein einheimisches Koniferenharz aus Griechenland, in dem Duftextrakte oder ätherische Öle (z. B. Asparagus, Gardenia, Hyazinthe, Nelke, Rose, Thymian, Veilchen, Zitrone, Zypresse), insbesondere aus Blüten (daher auch oft die Bezeichnung „Blütenweihrauch“), eingearbeitet werden. Die Verarbeitung erfolgt in der Regel in Handarbeit in den orthodoxen Klöstern von Mönchen und Einsiedlern unter Gebet.

 

Dazu werden zuerst Olibanum-Harzstücke zu Mehl zerkleinert.

 

Anschließend wird das Weihrauchmehl unter Beigabe von verschiedenen Duftstoffen und oft auch mit einem Farbstoff zu einem Teig angereichert und unter ständigen Gebeten geknetet.

 

Danach wird der Teig platt gewalzt und grob zugeschnitten. Nach einer kurzen Trockenpause wird der noch nicht ganz hart gewordene Teig nun in kleine Stücke geteilt (ca. 0,5 cm groß) und mit Magnesia (Magnesiumoxid) bestreut, womit ein Zusammenkleben der Weihrauchstücke verhindert wird.

 

In der griechische Sprache wird Weihrauch und Rauchwerk durchgängig als "Θυμιάματος" bezeichnet. In der russischen Sprache wird zwischen dem Weihrauch-Harz (ладан) und Räucherwerk (фимиам) verwendet. Dabei versteht man unter Räucherwerk vor allem den heute orthodox alllgemein verwendeten Weihrauch. Zu seiner Herstellung wird das Weihrauch-Harz zu Pulver zermalen und danach mit ätherischen Blumen-Ölen verknetet, die darauf wiederum an der Luft getrocknet werden. Beim Verbrennen (es ist genauer gesagt ein Verschwelen des Weihrauchs indem man in an den Rand (neben!) einer glühenden Kohle legt) wird dann dieses Blumenaroma wieder frei gesetzt. In der russischen Tradition verwendet man jedoch Natur-Weihrauch bis heute für das Totengedenken (Panychida).

 

Außer im kirchlichen Gottesdienst wir der Weihrauch auch von orthodoxen Gläubigen auch privaten und häuslichen Gebet verwendet. Dafür entzündet man etwas Kohle in einer Räuchertasse (Кадильница келейная)). Es hat sich als hilfreich erwiesen, entweder etwas Asche oder Sand am Grunde der Tasse zu belassen. Wenn die Kohle glüht, legt man den Weihrauch nicht direkt auf die Kohle, sondern an den Rand  desselben. So verbrennt der Weihrauch nicht schnell und unter großer Hitze, so dass er zu "stinken" beginnt, sondern verschwelt nur, seinen aromatischen Duft entfaltend. Nachdem man den Weihrauch in die Räuchertasse gelegt hat, schlägt man ein Kreuzzeichen über den Weihrauch und spricht dabei: "Auf die Gebete unserer Heiligen Väter, Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich unser!" (Die im Text der Liturgie oder der Vesper vorgesehenen priesterlichen Segen über den Weihrauch sollten die Laien bei ihrer persönlichen Andacht nicht verwenden.) Nun kann man vor Beginn der Gebetsregel die heiligen Ikonen durch den Duft des Weihrauchs verehren, wobei man mit der Weihrauch-Tasse jeweils (drei) Kreuzzeichen macht. Auch die Anwesenden kann man so beräuchern. Einige Orthodoxe gehen so mit dem Weihrauch auch Morgens und Abends durch Ihre Wohnung um sie zu segnen. In einigen Gegenden Griechenlands ist es bis heute üblich, den Gast beim Eintritt in das Haus mit Weihrauch zu segnen sowie mit einer kleinen Erfrischung wie Anisschaps oder einem griechischem Kaffee, Wasser und einer kleinen "Süßigkeit vom Löffel" zu begrüßen. Gerade in griechischen Klöstern hat sich dieser Brauch bis heute erhalten.