Orthodoxe Predigten & Betrachtungen - Geistliche Themen

 

Vom Gebet des Herrn

 

Gebet ist ein Aufstieg des Geistes zu Gott oder eine Bitte an Gott um das Nötige. Wie war es also möglich, dass der Herr bei Lazarus und zur Zeit des Leidens betete? Denn Seine heilige Vernunft, die doch ein für allemal existenziell mit Gott dem ­Logos (Wort Gottes) geeint war, bedurfte weder eines Aufstieges zu Gott noch einer Bitte an Gott, Christus ist ja einer. Nein, [Er betete,] weil Er unsere Stelle vertrat, das Unsrige in sich nachbildete, uns ein Vorbild wurde, uns lehrte, Gott zu bitten und uns zu Ihm zu erheben, und durch Seine heilige Vernunft uns den Weg zum Aufstieg zu Gott bahnte. Denn wie Er die Affekte auf sich nahm, um uns den Sieg über sie zu geben, so betete Er auch, wie gesagt, um uns den Weg zum Aufstieg zu Gott zu bahnen und „für uns   alles,   was   recht   ist,   zu   tun“,   wie   er   zu   Johannes   sagte,   und   Seinen   Vater   mit uns zu versöhnen, und diesen als Urgrund und Prinzip zu ehren und zu zeigen, dass er kein Gottesfeind ist.                                 

Heiliger Johannes von Damaskus: Genaue Darlegung des orthodoxen Glaubens,

3. Buch, 24. Kapitel.

 

Erklärungen zum Vater Unser    

 

...Damit scheint mir Christus sagen zu wollen, man solle die Gebete nicht lang machen, das heißt lang, nicht der Zeit nach, sondern durch die Menge und Länge der Worte. Wir sollen ja auch bei unserem Gebete Beharrlichkeit zeigen. "Im Gebete", heißt es, "verharrend“. Der Herr selbst führt dann jenes Gleichnis mit der Witwe an, die den  unbarmherzigen, grausamen Richter durch beharrliches Bitten umstimmte, sowie das andere Beispiel mit dem Freunde, er zu unzeitiger Nachtstunde daherkommt und den Schläfer von seinem Lager aufscheucht, nicht wegen seiner Freundschaft, sondern durch seine Beharrlichkeit. Mit beiden Gleichnissen wollte er uns aber keine andere Lehre geben, als die, dass wir alle mit Beharrlichkeit uns an ihn wenden sollen. Dagegen   will   er   ganz   und   gar   nicht,   dass   wir   mit   meilenlangen   Gebeten   zu   ihm kommen, sondern dass wir unsere Anliegen mit aller Einfachheit vorbringen. Eben das hat er mit den Worten angedeutet: "Sie glauben, sie würden ob ihrer vielen Worte Erhörung finden".

 

Er weiß ja, wessen wir bedürftig sind 

 

Aber, sagst du, wenn Er schon weiß, wessen wir bedürfen, wozu soll man dann noch beten? Nicht um Gott zu belehren, sondern um Ihn zur Erhörung deiner Bitte geneigt zu machen, um dich an beharrliches Bitten zu gewöhnen, dich zu demütigen, dich an deine Sünden zu erinnern.    "Ihr also" sagt Christus, sollt so beten: "Vater unser, der du bist in dem Himmel." Beachte, wie er zuallererst den Zuhörer aufrichtet, und ihn schon durch das erste Wort an alle erdenklichen Wohltaten erinnert. Wer nämlich Gott den Namen Vater gibt, bekennt durch diese Anrede allein schon auch seinen Glauben an die Verzeihung der Sünde, Nachlass der Strafe, Rechtschaffenheit, Heiligung, Erlösung, Gotteskindschaft, Erbschaft und Bruderschaft mit dem Eingeborenen, sowie die Gemeinschaft des Heiligen Geistes. Es ist ja nicht möglich, Gott den Namen Vater zu geben, ohne all dieser Gnadengaben teilhaft geworden zu sein. Durch ein Zweifaches regt Er also ihre Aufmerksamkeit an: durch die Würde dessen, den Er nennt, und durch die Größe der Gaben, die sie empfangen hatten. Wenn Er aber sagt: in dem Himmel, so tut Er dies, nicht um Gott gleichsam in den Himmel einzuschließen, sondern um den Betenden von der Erde abzuziehen, ihn in die höheren Regionen und zu den himmlischen Dingen zu erheben. Er lehrt uns aber auch, gemeinsam für unsere Brüder zu beten. Er sagt nämlich nicht: Mein Vater, der Du im Himmel bist, sondern: "Unser Vater"; er will damit unsere Gebete zu einer Fürbitte für die gemeinsame Kirche erheben und uns lehren, nie den eigenen Vorteil im Auge zu haben, sondern immer und überall den des Nächsten. Dadurch macht er aber auch die Feindschaften unmöglich, unterdrückt den Stolz, verbannt den Neid und öffnet der Quelle alles Guten, der Liebe, den Zugang, beseitigt die Ungleichheit unter den Menschen und zeigt, dass der König nicht viel höher stehe als der Bettler, da wir ja es, aus niederem Stande zu sein, wenn wir der höheren, geistigen Geburt nach auf gleicher Stufe stehen, und keiner etwas vor dem anderen voraus hat, wenn der Reiche nicht mehr besitzt als der Arme, der Herr nicht mehr ist als sein Sklave, der Herrscher nicht mehr als sein Untertan, der König nicht über einem einfachen Soldaten steht, ein Philosoph nicht über dem Barbaren, ein Gelehrter nicht über dem Ungelehrten. Allen hat ja Gott den gleichen Geburtsadel verliehen, da e sich würdigte, der gemeinsame Vater aller Menschen genannt zu werden. An diesen Adel wollte er uns also erinnern und an die Gabe von oben, an die gleiche Standeswürde aller Brüder, an die Liebe, wollte uns von der Erde abziehen und dem Himmlischen zuwenden. Sehen wir nunmehr, um was Er uns sonst noch bitten heißt. Eigentlich genügt ja dieses Wort "Vater" allein schon, um die Forderung jeglicher Tugend daraus abzuleiten. Wer nämlich Gott einen   Vater nennt, und zwar den gemeinsamen Vater aller, der sollte billigerweise ein solches Leben führen, dass er solch edler Abstammung nicht unwürdig erscheint, und sollte einen dieser Gabe entsprechenden Eifer im Guten an den Tag legen. Indes begnügt sich der Herr damit nicht. Er fügt noch eine andere Bitte hinzu und sagt: "Geheiligt werde Dein Name." Das ist ein Gebet, würdig dessen, der Gott seinen Vater nennt; ein Gebet, in dem man jeder anderen Bitte die Ehre des Vaters voranstellt und alles andere seinem Lobpreis unterordnet. Der Ausdruck: "Es werde geheiligt" hat nämlich den Sinn: Es werde verherrlicht. Gott besitzt zwar schon von sich aus die Fülle aller Herrlichkeit, die Ihm auch immerdar bleibt, gleichwohl befiehlt Er beim Gebete, darum zu bitten, dass Er auch durch unser Leben verherrlicht   werde. So   hat   Er   auch   früher   gesagt:   "Euer   Licht   soll   leuchten   vor   den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater loben, der im Himmel ist". Auch die Seraphim, die Gott verherrlichen wollten, riefen: "Heilig, heilig, heilig" . "Es werde geheiligt"hat also den Sinn von: Es werde verherrlicht. Christus wollte damit sagen: Bitte, dass wir so rein leben, dass unseretwegen alle Dich verherrlichen. Auch das ist wieder eine Frucht vollkommener Lebensweisheit, allen gegenüber ein so tadelloses Leben zu führen, dass ein jeder, der es sieht, Gott dafür lobt und preist. "Dein Reich komme". Gerade so redet wieder ein gutgesinntes Kind Gottes. Es hängt nicht am Sichtbaren, hält die irdischen Dinge nicht für etwas Großes, sondern fühlt sich hingezogen zum Vater und sehnt sich nach den zukünftigen Dingen. Das ist die Wirkung eines guten Gewissens und einer Seele, die von allen irdischen Dingen losgeschält ist...

 

Quelle: Der heilige Johannes Chrysostomus;

Kommentar zum Matthäusevangelium, 19. Predigt.

 

 

Das orthodoxe Verständnis von Inkarnation und Kreuzigung

 

Thomas Zmija von Gojan

 

Im alten Orient und in der Antike war die Kreuzigung eine sehr weit verbreitete Hinrichtungsart. Sie entwickelte sich aus dem Erhängen, sollte aber anders als dieses die Todesqual möglichst in die Länge ziehen. Dazu wurde die betreffend Person an einen aufrechten Pfahl - mit oder ohne Querbalken - gefesselt oder genagelt. Im Römischen Reich wurden vor allem Nichtrömer und entlaufene oder aufständische Sklaven gekreuzigt.

Das alte Testament und das darin enthaltene jüdische Religionsgesetz, die Torah, sah nicht die Kreuzigung, sondern die Steinigung als Todesstrafe für besonders schwere Verbrechen vor. Das "Aufhängen" galt, wo es dennoch geschah, als Zeichen für den Ausschluss aus dem Volke Gottes: "Verflucht ist, wer am Holz hängt" (5. Mose 21:22). Darin spiegelte sich die Absicht diese Hinrichtungsart wieder, den Delinquenten zu entwürdigen.

Das Judentum übernahm das Aufhängen - nicht jedoch das Annageln - als Todesart bei extremen religiösen Vergehen wie Gotteslästerung. Man ließ den Verendeten aber nur bis zum Abend nach seinem Tod zur Abschreckung hängen und begrub ihn danach, um das Land (ארץ ישראל) kultisch nicht zu verunreinigen. (vgl.: 1. Mose 40:18; Esra 6:11; Esther 9:13 und Josua 8:29).

Die jüdisch-hellenistische Dynastie der Hasmonäer übernahm die Strafe derKreuzigung von den Römern. Die alttestamentlichen Textfunde aus den Höhlen aus den Höhlen bei Qumran (200-100 vor Christus) passten den Text in 5. Mose 21:22 der neuen Praxis an und deuteten es als "Verflucht ist, wer gekreuzigt" wird. Das Kreuzesholz selber, nicht das Aufgehängt-Werden daran, war den damaligen Juden zum Zeichen des Gottesfluches geworden.

Die Kreuzigung unseres Herrn Jesus Christus wird sowohl in den heiligen Evangelien als auch in frühen außerbiblischen Dokumenten belegt. Über das heilige und lebensspendende Kreuz Christi hat unser heiliger Vater Maximus der Bekenner gesagt: "Wer das Geheimnis des Kreuzes und des Grabes (Christi) erfahren hat, kennt den wahren Grund aller Dinge." Denn im Kreuz Christi sehen wir das unaussprechliche Geheimnis der ganzen Heilstaten unseres Herrn und Erlösers, die mit seinen freiwilligen Tod auf Golgatha ihren Abschluss, ja ihre Bekrönung gefunden haben. Deshalb gehören Christus und das Kreuz nach den Worten unserer Heiligen Väter untrennbar zusammen.

Das Kreuz ist ein Ärgernis (σκάνδαλον), es ist anstößig für die menschliche Weisheit, weil es die Weisheit Gottes geoffenbart hat, die unsere menschliche Weisheit nach den Worten des Apostel Paulus (1 Korinther 1: 24) in Frage stellt. Denn das Kreuz war nicht das Ende, sondern der Anfang eines neuen Lebens, weil Christus nicht nur der Gekreuzigte beziehungsweise der am Kreuz Gestorbene ist, sondern auch der Auferstandene, der den Tod durch Seinen Kreuzestod besiegt hat.

Mit Recht also ergänzt der heilige Maximus das bisher Gesagte mit den Worten: "Wer über das Kreuz und das Grab vordringt und in das Mysterium der Auferstehung eingeweiht wird, erkennt das Ziel, um dessentwillen Gott alle Dinge geschaffen hat" Man kann also im christlichen Sinne nicht vom Kreuz sprechen, ohne die mit ihm in alle Ewigkeit verbundene Auferstehung Christi und die damit für uns gewirkte Erlösung mit ein zu ­schließen. Deshalb ist das heilige und lebensschaffende Kreuz Christi der geistliche Schlüssel, um die Tiefe des Mysteriums auch unser eigenen Erlösung zu verstehen.

 

So ist das Kreuz auch der Schlüssel zu einem echten Verständnis der Person und der Heilstaten des Sohnes Gottes Jesus Christus und Seines Verhältnisses zu uns Menschen. Das Kreuz ist mit der Selbst-Erniedrigung (κένωσις = griechisch "Leerwerden, Entäußerung" ist das Substantiv zu dem von Paulus im Brief an die Philipper gebrauchten Verb ἐκένωσεν = "er entäußerte sich“ (Philipper 2: 7) des Wortes Gottes verbunden und wird als ihr Höhepunkt verstanden. Die Heilswirksamkeit des Opfertodes auf Golgatha fließt ganz und gar aus der Hingabe des Gottessohnes. Unsere Erlösung bleibt also an Christus gebunden, der sich für uns zum Opfer hingegeben hat. Wir dürfen aber nach unseren Vätern nicht einzelne Phasen des Erlösungswerkes Christi isolieren, um ihnen dann eine bevorzugte Funktion zu zusprechen, wie es die Lateiner in ihrer Messopferlehre oder die Protestanten in ihrer Rechtfertigungslehre getan haben. 

 

 

Der Tod Christi kann nicht aus der Ganz­heitlichkeit des göttlichen Heilsgeschehen, also von Christi ganzem Leben und Wirken auf Erden losgelöst werden. Die Selbsterniedrigung des göttlichen Logos (Judas 53: 3) bezieht sich auf Sein ganzes ir­disches Leben, das als eine unaufhörliche Selbsterniedrigung verstanden werden muss. Mit der Annahme der menschlichen Natur vom Himmlischen Wort, dem Logos, vollzieht sich der grundlegende Schritt zur Heimholung des Menschen und der Schöpfung. Die Menschwerdung und damit die vollkommene Annahme der menschlichen Natur bildet die Grundbedingung unserer Erlösung. Der Kreuzestod, die Auferstehung und die Himmelfahrt des Herrn vervollständigen das Geschehen der Inkarnation. Die Tatsache, das Gott Mensch geworden ist, überrascht am meisten. Alles übrige, was danach geschah, ist nur die  fast selbstverständliche Folge dieses Ereignisses. Wir müssen die Menschwerdung Christi nicht nur statisch, sondern in ihrer ganzen dynamischen, den Verlauf der Geschichte verändernden Dimension betrachten, so dass wir zu einer echten theologischen Bewertung seiner Passion gelangen können. Dazu sagt der russische Theologe Vladimir Lossky: "Die Kenosis ist die Seinsweise der in die Welt gesandten Göttlichen Person, in der sich der gemeinsame Wille der Dreieinheit erfüllt, deren Quelle der Vater ist". Durch Seine Menschwerdung nahm Gott, der Sohn, eine individuelle menschliche Natur an. Da Er aber nicht, wie die anderen Menschen, mit der Erblast Adams geboren wurde, besaß Seine Menschheit, wie es der heilige Maximus ausdrückt: " die Unsterblichkeit und Unverweslichkeit der Natur Adams vor der Sünde". 

 

Hier erhebt sich nun aber die Frage: Weshalb ist Er dann gestorben und zwar den schmählichen Tod am Kreuz? (vgl.: Philipper 2:8). Die Antwort gibt uns wiederum der heilige Maximus: "Christus unterwarf sich freiwillig den Bedingungen unserer gefallenen Natur". Und Vladimir Lossky: "Von Christus wurden nicht nur die menschliche Natur, sondern auch das, was widernatürlich ist, angenommen, nämlich die Folgen der Sünde". Jedoch blieb er dank der jungfräulichen Geburt frei von den Folgen der Sünde, also dem Erbtod von Adam her. Christus unterwarf sich also freiwillig allen Folgen unserer Sünde, obwohl Er selbst völlig sündlos blieb, um die Tragödie der menschlichen Freiheit (die Verhaftung an die Sünde und, daraus folgend, an den Tod) zu beenden und den Bruch zwischen Gott und den Menschen zu heilen. Der Logos stieg auf diese Weise bis zu den äußersten Grenzen der durch die Sünde verdorbenen Menschheit hinab, also bis in den Tod und sogar in das Reich des Todes. "Er, der Vollkommene Gott, ist nicht nur zum vollkommenen Menschen geworden, sondern Er hat auch alle aus der Sünde stammenden Unvollkommenheiten und Beschränkungen mit auf sich genommen» (Vladimir Lossky). Christus nahm in Seiner gott-menschliche Person die ganze Erniedrigung der durch die Sünde deformierten menschlichen Natur an. So gibt es ein Zusammengehören und Auf-einander-bezogen-sein von Inkarnation und Passion Jesu Christi, wenn wir das Mysterium Seines Erlösungshandelns in rechter Weise verstehen wollen. Durch Seine Menschwerdung nimmt unser Herr und Erlöser Jesus Christus die ganze geschaffene Welt, den Kosmos, in sich auf und vereinigt sie mit Seiner gott-menschlichen Natur, damit die Welt in Seinem Leib (das ist die Kirche) eingegliedert und so geheilt und errettet, geheiligt und vergöttlicht wird. Durch Seinen Kreuzestod befreit Er die Welt aus der Tyrannei der Sünde und des Todes, weil Er die Sünden der ganzen Welt auf sich nahm und "zum Fluch für uns ward" (Galater 3:13), damit die Welt in Ihm neu geschaffen wird. "Der letzte Schrei Christi am Kreuze war eine Offenbarung Seiner wahren Menschheit, die den Tod freiwillig, als Endpunkt Seiner göttlichen Kenosis für uns erlitt" (Vladimir Lossky). Und dieses Erlösungshandeln Christi ist in seiner Zielrichtung nicht metaphorisch, nicht allgemein oder gar unverbindlich, sondern wendet sich stehts an mich, den konkreten, erlösungsbedürftigen einzelnen Menschen. Deshalb singen wir in der Großen und Heiligen Woche auch den folgenden Hymnus:

 

Um meinetwillen wurdest Du gekreuzigt,

um mir die Vergebung zu spenden.

Deine Seite wurde durchbohrt,

daß Du mir Ströme des Lebens sprudeln lässt.

Angeheftet wurdest Du mit Nägeln,

damit ich glaube an die Größe Deiner Kraft

un der Tiefe in deiner Leiden zu Dir riefe:

Lebenspender, Christus, Ehre sei Deinem Kreuze,

 

Deinem Leiden, oh Erlöser!

 

 

Gebet als Ausdruck des inneren Lebens der Kirche

 

Erzpriester Michail Pomazanskij

 

Das Gebet ist die Verwirklichung des inneren Lebens der Kirche und die geistliche Verbindung mit Gott in der Heiligen Dreiheit und wechselseitig mit allen anderen. Es ist vom Glauben so sehr unabtrennbar, dass man es als die Atmosphäre der Kirche oder der Atem der Kirche nennen könnte. Gebete sind die Fäden des lebendigen Gewebes des kirchlichen Organismus’, und sie gehen in alle Richtungen. Das Band des Gebetes durchdringt den ganzen Leib der Kirche und führt jeden Teil davon in das gemeinsame Leben des Leibes, belebt jeden Teil, spendet ihm Nahrung, gewährt ihm die Reinigung und andere Formen der gegenseitigen Hilfe (Epheser 4: 16). Es vereinigt jedes Glied der Kirche mit dem himmlischen Vater, die Mitglieder der irdischen Kirche mit den Mitgliedern der himmlischen Kirche. Es verschwindet nicht, sondern es verstärkt sich noch im Himmlischen Königreich und wird dort erhöht.

 

Durch die ganze Heilige Schrift des Neuen Testaments geht das Gebot des un- ablässigen Gebetes: Betet ohne Unterlass (1. Thessalonicher 5: 17); betet allezeit mit Bitten und Flehen im Geist (Epheser 6: 18); Jesus aber sagte ihnen ein Gleichnis darüber, dass sie allezeit beten und nicht nachlassen sollten (Lukas 18: 1).

 

Das vollkommene Vorbild des persönlichen Gebetes ist uns vom Herrn Jesus Christus Selbst gegeben worden. Er hinterließ uns als ein Beispiel das Gebet „Vater unser“ – das Gebet des Herrn.

 

 

Gebet ist:

 

a) die Form des kirchlichen Lebens,

b) ein Werkzeug seiner Aktivität, und

c) seine Kraft der Überwindung.

 

Gebet ist von zweierlei Art: öffentlich und privat. Es gibt Gebet, das aus Worten besteht, und insbesondere gesungen wird, und es gibt geistiges Gebet, das heißt inneres Gebet, oder das Gebet des Geistes im Herzen.

 

Der Inhalt des Gebetes ist:

 

a) Lobpreis oder Verherrlichung;

b) Danksagung;

c) Reue;

d) inständige Bitte um das Erbarmen Gottes, um die Vergebung der Sünden, um die Gabe guter Dinge der Seele und des Leibes, sowohl im Himmlischen als auch im Irdischen.

 

Die Reue vor Gott hat manchmal die Form eines Gespräches mit der eigenen Seele – so, wie dies oft in den Oden der Kanones geschieht.

 

 

Das Gebet kann für einen selbst oder für andere geschehen. Das Gebet füreinander bringt die gegenseitige Liebe zwischen den Mitgliedern der Kirche zum Ausdruck. Da nach dem Wort des Apostels die Liebe niemals aufhört (1. Korinther 13: 8), beten die irdischen Mitglieder der Kirche nicht nur füreinander, sondern sie beten auch, entsprechend dem Gesetz der christlichen Liebe, für alle Verstorbenen (für die himmlischen Mitglieder); und die himmlischen Glieder beten gleichermaßen für jene auf der Erde, genauso wie für die Ruhe der Seelen ihrer Brüder, die Hilfe im Gebet nötig haben. Schließlich wenden wir uns mit der flehentlichen Bitte an jene im Himmel, für uns und unsere Brüder zu beten. Auf dieser Verbindung des Himmlischen mit dem Irdischen sind auch die Anteilnahme der Engel an uns und unsere Gebete an sie gegründet.

 

Die Kraft des Gebetes für andere wird vielfach vom Wort Gottes bestätigt. Der Erlöser sagt zum Apostel Petrus: Ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht erlischt (Lukas 22: 32). Der heilige Apostel Paulus bittet oft Christen, für ihn zu beten: Denn ich hoffe, dass ich euch durch eure Gebete wiedergegeben werde (Philemon 22). Brüder, betet für uns, damit das Wort des Herrn sich ausbreitet und verherrlicht wird, ebenso wie bei euch (2. Thessalonicher 3: 1). Als er weit entfernt war, war der Apostel mit seinen geistlichen Brüdern im gemeinsamen Gebet verbunden: Ich bitte euch, meine Brüder, im Namen Jesu Christi, unseres Herrn, und bei der Liebe des Geistes, dass ihr mir beisteht und für mich zu Gott betet (Römer 15: 30). Der Apostel Jakobus lehrt: Betet füreinander, damit ihr geheilt werdet; denn das inständige Gebet eines Gerechten vermag viel (Jakobus 5: 16). Der Heilige Johannes der Theologe sah in der Offenbarung vierundzwanzig Älteste vor dem Thron Gottes stehen und niederfallen vor dem Lamm, und jeder hatte Harfen und Gefäße, gefüllt mit Weihrauch, welches sind die Gebete der Heiligen (Apokalypse 5 : 8); das bedeutet, sie erhoben und trugen die Gebete der Heiligen auf der Erde zum Himmlischen Thron.

 

 

Gebet ist: den Geist und das Herz Gott darzubringen. Solange wir jedoch im Körper auf der Erde leben, kommt unser Gebet auf natürliche Weise in verschiedenen äußeren Formen zum Ausdruck: in Verbeugungen und im Sich-zur-Erde-Niederwerfen, im Zeichen des Kreuzes, im Emporheben der Hände, in der Verwendung verschiedener Gegenstände in den Gottesdiensten, und in all den äußeren Handlungen in den öffentlichen Gottesdiensten orthodoxer Christen.

 

Die christliche Verehrung Gottes ist auf ihrer höchsten Stufe Anbetung im Geist und in der Wahrheit (Johannes 4: 23-24). Die christlichen Gottesdienste sind unvergleichlich erhabener als die des AT. Obgleich die alttestamentarischen Gottesdienste gemäß dem Gebot Gottes eingerichtet worden waren (Exodus 25: 40), dienten sie nur als ein Beispiel und ein Schatten der himmlischen Dinge (Hebräer 8: 5). Sie wurden dann als „veraltet und überlebt“ beiseite getan – sie waren „dem Untergang nahe“ (Hebräer 8: 13) – mit der Einsetzung des Neuen Bundes, der durch das Heilige Blut des Herrn Jesus Christus geheiligt wurde. Der Gottesdienst des Neuen Testaments besteht nicht in fortwährenden Opferungen von Kälbern und Böcken, sondern im Gebet des Lobpreises, der Danksagung, der Fürbitte, im Darbringen des Unblutigen Opfers des Leibes und Blutes Christi, und in der Austeilung von Gnade in den Heiligen Mysterien.

 

Das christliche Gebet umfasst jedoch auch verschiedene äußere Handlungen. Der Herr Jesus Christus vermied nicht die äußeren Erscheinungsweisen des Gebetes und heiliger Handlungen: Er beugte die Knie, fiel nieder auf sein Angesicht und betete; Er erhob Seine Hände und segnete; Er hauchte Seine Jünger an und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch. Er verwendete auch äußere Handlungen bei seinen Heilungen; Er besuchte den Tempel in Jerusalem und nannte ihn „das Haus meines Vaters“: Mein Haus soll ein Haus des Gebetes heißen (Matthäus 21: 13). Die Apostel handelten genauso.

 

Die geistliche Anbetung muss von körperlichem Gottesdienst begleitet sein, und zwar als ein Ergebnis der nahen Verbindung und gegenseitigen Beeinflussung von Seele und Leib. Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört? Denn um ei- nen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leibe (1. Korinther 6: 19-20).

 

Ein Christ ist aufgerufen, Gott nicht nur mit seiner Seele und in seinem Leib zu verherrlichen, sondern auch alles in seiner Umgebung muss auf die Verherrlichung des Herrn ausgerichtet sein. Ob ihr also esst oder trinkt oder etwas anderes tut, tut alles zur Verherrlichung Gottes (1. Korinther 10: 31). Man muss sich durch das Gebet nicht nur selbst heiligen, sondern auch das, wovon wir Gebrauch machen: Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, wenn es mit Dank empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes das und Gebet (1Tim 4,4-5). Der Christ ist aufgerufen, dem, was ihn umgibt, gewissenhaft beizustehen, und in seinem Bewusstsein soll der Aufruf des Psalms verwirklicht werden: Alles, was atmet, und jedes Geschöpf preise den Herrn. Dies geschieht durch die orthodoxen christlichen Gottesdienste, wenn man sie in ihrer Ganzheit nimmt.

 

Ikone "O Eingeborener Sohn und Wort Gottes".
Ikone "O Eingeborener Sohn und Wort Gottes".

 

O eingeborener Sohn und Wort Gottes – Betrachtung über den Christus-Hymnus des heiligen Kaisers Justinian

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Du eingeborener Sohn und Wort Gottes, Unsterblicher, der Du freiwillig um unseres Heiles willen wolltest Fleisch annehmen aus der heiligen Gottesgebärerin und immerwährenden Jungfrau Maria, ohne Dich zu verändern wurdest Du Mensch und gekreuzigt, Christus, unser Gott, hast Du im Tod den Tod bezwungen, Du, einer der Heiligsten Dreieinheit, gleich verherrlicht mit dem Vater und dem Heiligen Geiste: Errette uns!

 

In diesem Hymnus des heiligen Kaisers Justinian besingt die orthodoxe Kirche in jeder Feier der Göttlichen Liturgie in der zweiten Antiphon die ,, Frohe Botschaft von Jesus Christus, dem Eingeborenen Sohn Gottes" (Markus 1:1) Durch die Menschwerdung des Sohnes Gottes hat Gott Sein Volk besucht (vgl.: Lukas 1:68); Er hat die Vorhersagen und Verheißungen erfüllt, die ER im Alten Testament Abraham und seinen Nachkommen gegeben hatte (vgl.: Lukas 1:55), dadurch dass ER Seinen ,,geliebten Sohn" (vgl.: Markus 1:11) zu uns herabgesandt hat.

 

Wir glauben und bekennen im orthodoxen Glaubensbekenntnis über die Menschwerdung Christi: ,,Für uns Menschen und zu unserem Heil ist ER vom Himmel herabgestiegen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist aus Maria der Jungfrau und ist Mensch geworden".

 

In CHRISTUS JESUS Jesus, der in Bethlehem zur Zeit des Königs Herodes und des Kaisers Augustus von einer Tochter Israels zu unserem Heile geborenen wurde und Seiner menschlichen Natur nach aus der allheiligen Gottesgebärerin und Immerjungfrau Maria ein Mensch aus dem alttestamentlichen Gottesvolk geworden ist; Der während der Herrschaft des Kaisers Tiberius und unter dem Statthalter Pontius Pilatus in Jerusalem am Kreuz starb und am dritten Tage glorreich von den Toten auferstand; ER ist der MENSCHGEWORDENE EWIGE SOHN GOTTES. ER ist ,,von Gott ausgegangen" (Johannes 13:3); ,,von den Himmeln herabgestiegen" (Joh 3:13; 6:33) und ,,hat Fleisch angenommen" (1 Johannes 4:2). Denn ,,DAS WORT ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben SEINE HERRLICHKEIT gesehen, die HERRLICHKEIT DES EINZIGEN SOHNES VOM VATER, voll Gnade und Wahrheit ... Aus SEINER FÜLLE haben wir alle empfangen, Gnade um Gnade." (Johannes 1:14.16).

 

Das WORT GOTTES (λόγος = der Logos) ist FLEISCH GEWORDEN, um uns mit GOTT ZU VERSÖHNEN und uns so ZU ERRETTEN: Gott hat ,,uns GELIEBT und SEINEN SOHN als Sühne für unsere Sünden gesandt" (1 Johannes 4:10). Wir wissen, daß ,,der VATER DEN SOHN GESANDT hat als den ERLÖSER DER WELT" (1 Johannes 4:14), ,,daß ER ERSCHIENEN ist, um die Sünde hinweg zu nehmen" (1 Johannes 3:5).

 

,,Es bedurfte des ARZTES für unsere kranke Natur; es bedurfte des Aufhebers der gefallene Mensch; es bedurfte des Lebendigmachers der des Lebens Verlustige; es bedurfte des Zurückführers zum Guten der der Verbindung mit dem Guten Beraubte; es sehnte sich nach der Ankunft des Lichtes der in Finsternis Gehüllte; es verlangte nach dem Erretter der Gefangene, nach dem Erlöser der Gebundene, nach dem Befreier der vom Sklavenjoch Niedergedrückte. Sind das zu geringfügige und zu unbedeutende Dinge, als dass sie hätten Gott bestimmen dürfen, wie ein Arzt zum Besuch der menschlichen Natur herabzusteigen, nachdem nun einmal die Menschheit sich in einer so kläglichen und armseligen Lage befand?" (Heiliger Gregor von Nyssa, Katechetische Reden 14).

 

Der heilige Gregor von Nyssa weißt mit dieser medizinischen Metapher darauf hin, dass GOTTES GÜTE Ihn dazu drängte, in SEINEM EINGEBORENEN SOHN JESUS CHRISTUS MENSCH ZU WERDEN. Aber wie beim Arzt Güte und fachliches Können notwendig sind, so kommen bei Gott Gerechtigkeit, Güte und Weisheit zusammen, damit das Menschengeschlecht geheilt werden kann. (vgl.: Heiliger Gregor von Nyssa, Katechetische Reden 57 & 68).

 

So ist das WORT FLEISCH geworden, damit wir die LIEBE GOTTES erkennen können. ,,Die LIEBE GOTTES wurde unter uns dadurch offenbart, dass GOTT SEINEN EINGEBORENEN SOHN in die Welt gesandt hat, damit wir DURCH IHN LEBEN" (1 Johannes 4:9). ,,Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß ER SEINEN EINGEBORENEN SOHN DAHIN GAB, damit JEDER, der an IHN GLAUBT, nicht zugrundegeht, sondern das EWIGE LEBEN habe" (Johannes 3:16).

 

So ist das WORT FLEISCH GEWORDEN, damit wir VERGÖTTLICHT werden, damit wir durch die Gnade Gottes ANTEIL AN DEN VERGÖTTLICHENDEN ENERGIEN GOTTES (= den uns zum Heile dienenden und an uns wirkenden Eigenschaften Gottes) erhalten (vgl.:  2 Petrus 1:4): ,,Dazu ist das WORT GOTTES MENSCH geworden und der SOHN GOTTES zum MENSCHENSOHN, damit der MENSCH das WORT in sich aufnehme und, an KINDES STATT ANGENOMMEN angenommen, zum SOHN GOTTES werde" (Heiliger Irenäus von Lyon; Gegen die Häresien 3,19,1). Das WORT GOTTES ,,wurde MENSCH; DAMIT WIR VERGÖTTLICHT WERDEN" (heiliger Athanasius der Große; Über die Menschwerdung des Wortes 54,3). ,,Weil uns der EINGEBORENE SOHN GOTTES ANTEIL AN SEINER GÖTTLICHKEIT geben wollte, nahm ER unsere NATUR an, wurde MENSCH, um die MENSCHEN GÖTTLICH zu machen".

 

Durch die GNADE DES HEILIGEN GEISTES bewegt, GLAUBEN und BEKENNEN wir CHRISTUS JESUS als den ,,MESSIAS (griechisch „CHRISTUS“), den SOHN DES LEBENDIGEN GOTTES" (Matthäus 16:16). Auf den Felsen dieses Glaubens, den der heilige Apostel Petrus bekannte, ist die durch Christus Selbst gegründete orthodoxe Kirche erbaut und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwinden. (vgl. Matthäus 16:18; und der heilige Leo der Große, Predigt über die Menschwerdung 4,3; 51,1; 62,2; 83,3).

 

In der Person Jesu Christi, dem Sohne Gottes, der aus der allheiligen Gottesgebärerin und Immerjungfrau Maria Fleisch angenommen hat, ist uns der ewigen Heilsplan Gottes aufgestrahlt. Das MYSTERIUM DER MENSCHWERDUNG GOTTES in JESUS CHRISTUS besingen wir im Hymnus „O Eingeborener Sohn“ in jeder Feier der Göttlichen Liturgie.