Orthodoxe Predigten & Betrachtungen - Biblische Themen

 

Menschwerdung und Offenbarung

 

In der theologischen Sprache ist mit »Offenbarung« nicht irgendeine, sondern nur die Offenbarung Gottes gemeint, d. h. der Akt oder Prozess, durch den Gott sich zeigt und ausdrückt. Die klassische Theologie unterscheidet zwei Arten der göttlichen Offenbarung: die natürliche und die übernatürliche. Erstere wird in der Welt, in der Geschichte und im Gewissen der Menschen verwirklicht (vgl. Röm 1,19; 2,14; 1Kor 1,21 u.a.). Sie allein kann dem Menschen die Erlösung und das Heil nicht verschaffen, deshalb muss sie durch die übernatürliche Offenbarung ergänzt werden. Damit meint man den Prozess, durch den sich Gott den Menschen unmittelbar offenbart. 

 

Betrachten wir nun diese Unterscheidung aus einer anderen Perspektive, die dem Geist der Väter der Ostkirche entspricht, bei denen diese Trennung zwischen natürlich und übernatürlich nicht besonders beliebt ist: Nach dem 1. Johannesbrief »ist Gott Liebe«. Das Geheimnis der sog. Perichorese, d.h. die gegenseitige Durchdringung der drei Personen der Dreieinigkeit, ist das Geheimnis der Liebe Gottes. Gott, der weder Anfang noch Ende hat und der die Liebe selbst ist (weil die drei Personen in der Perichorese als Liebe existieren), öffnet sich, drückt seine Liebe aus und schafft freie und vernünftige Wesen nach seinem Bilde, die ihm ähnlich sind, damit sie an seiner Seligkeit teilhaben. Diese gottähnlichen Wesen sind, indem sie in der materiellen Welt leben, sowohl an dieser materiellen als auch an der geistlichen Welt beteiligt. Mit dieser Öffnung nach außen erschafft der dreieinige Gott die Materie und die Zeit. Der Anfang von Materie und Zeit bildet auch den Anfang der Offenbarung Gottes. 

 

Diese Offenbarung Gottes geschah durch sein Wort, seinen Logos. Wenn wir uns den Prozess der Offenbarung als eine Linie vorstellen, so würde sie mit der Schöpfung durch das göttliche Wort beginnen: »Und Gott sprach: Es werde Licht! ... Es werde eine Feste ... Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut ... Es werden Lichter an der Feste des Himmels ... Es wimmle das Wasser von lebendigem Getier ... « (Gen 1,3.6.11.14.20) oder, wie die Psalmen sagen: »Denn wenn er spricht, so geschieht's, wenn er gebietet, so steht's da« (Ps 33,9) oder »der Himmel ist durch das Wort des Herrn gemacht« (Ps 33,6). Das Ende der Linie, die Vollendung und Vervollständigung der Offenbarung bildet die Menschwerdung des Wortes. Es heißt im Prolog des Johannes-Evangeliums: »Im Anfang war das Wort ... alle Dinge sind durch dasselbe gemacht ... und das Wort ward Fleisch ...« (Joh 1,1.3.14). Zwischen beiden Enden stehen die Propheten, durch die »Gott vor Zeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern«, bevor er durch den Sohn zu uns spricht (Hebr 1,1.2). Also der Sohn, der »im Anfang bei Gott« war (Joh 1,2) und der »in des Vaters Schoß ist, der hat ihn uns verkündigt«. Und Gott, den niemand »je gesehen« (Joh 1,18) hat, offenbarte sich den Menschen.

 

Mit dem Sohn erreicht die Offenbarung Gottes ihre Fülle, weil sich Gott den Menschen durch seinen Sohn in der ganzen ihnen zugänglichen Fülle zu eigen gab. Und »von seiner Fülle haben wir alle genommen ..., die Gnade und Wahrheit (der Offenbarung Gottes) ist durch Jesus Christus geworden« (Joh 1,16.17). So ist das Wort als Person der dreieinen Gottheit der einzige Mittler der göttlichen Offenbarung. Die Linie der Offenbarung, von der oben die Rede war, wechselt durch das Wort, durch Christus, die Richtung. Sie geht nach oben in die Dimension des Unendlichen, um den unendlichen Gott zu erreichen, der sich nun am Ende der Zeit und der Materie, der Welt, als Richter offenbart.

 

Der Inhalt der Offenbarung ist Gott, der sich durch seinen Sohn offenbart. Und wenn die Menschwerdung des Sohnes das Ereignis der Fülle der Offenbarung ist, so ist das fleischgewordene Wort, Jesus Christus, ihr Inhalt. In der Menschwerdung offenbarte sich Gott nicht nur indirekt, indem er seinen Willen oder seine Wirkungen kundtat, nahm die Offenbarung selbst konkrete menschliche Gestalt an: »Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden« (Joh 1,17). 

 

Die Menschwerdung des Sohnes Gottes geschah in Jesus Christus. Das eröffnet den Menschen die Möglichkeit, Gottes teilhaftig zu werden. Dies geschieht durch den Heiligen Geist in der Kirche. Haupt der Kirche ist der menschgewordene auferstandene Christus. Ihre Glieder sind Menschen, die an Christus glauben und mit ihm und durch ihn auch miteinander verbunden sind. So ist Christus selbst die Kirche, dem jeder begegnet und mit dem sich jeder vereint, der in die Kirche kommt. 

 

Die Kirche bewahrt die Offenbarung, denn in der Kirche wird den Gläubigen das menschgewordene Wort, durch das sich Gott offenbarte, vermittelt: einmal als Leib und Blut Christi und zum anderen als Verkündigung des Evangeliums. Diese zwei Aspekte des Wortes werden übrigens im orthodoxen Gottesdienst durch den Kleinen und den Großen Einzug angedeutet: im Kleinen wird das Evangelium, im Großen werden Brot und Wein, die für die Eucharistie bestimmt sind, feierlich durch die Kirche zum Altar getragen, so dass auf ihm die beiden Elemente liegen, die die Kirche konstituieren: das Evangelium und die Gaben der Eucharistie. Beide sind das Tor zur Offenbarung. Und dieser Zugang betrifft nicht nur die rein intellektuelle Erkenntnis, die etwa vom Hören des Wortes abhängig ist, sondern vielmehr die ganze Existenz des Menschen. Denn die wahre Erkenntnis Gottes vollzieht sich dadurch, daß Gott den Menschen erkennt: »Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin« (1 Korinther 13:12). 

 

Quelle: Andreasbote

 

 

Das Gleichnis vom undankbaren Diener

 

Archbishop Dmitri (Royster) of Dallas, Exarch für Mexiko

 

Das Thema dieser Parabel ist die Vergebung. Wenn einem Schuldner  seine Schuld  oder sein Vergehen vergeben wird, dann muss auch er vergeben. 

 

Der Herr hatte bereits gesagt, dass Vergebung mehr  ist als ein Gebot: es  ist eine Bedingung dafür, selbst Vergebung zu erlangen. In der Bergpredigt (Matthäus 6), als Er die Jünger beten lehrte, machte Er klar, dass wir nur in dem Maße um  Vergebung bitten können, wie wir selbst vergeben:  „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. In den drei kurzen Aussagen, die dem Herrengebet unmittelbar folgen – über die Vergebung, das Fasten und  den Besitz – wiederholt der Herr ausdrücklich die grundlegende Voraussetzung für die, die Bürger des Himmelreichs werden wollen.

 

 

„Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben“ (Matthäus 6:14). 

 

Hier  ist  anzumerken,  dass  Jesus in seiner Lehre über die Vergebung zwei unterschiedliche Worte benutzt: im Gebet selbst werden Vergehen oder  Sünden gegen den Mitmenschen „Schuld“ genannt (griechisch: φειλήματα = „opheilémata“), in den folgenden Versen aber „Verfehlungen“ (griechisch:  παραπτώματα = „paraptómata“) (vgl. Matthäus 6:12 zu Matthäus 6:14)  –  die  beiden  Begriffe  bedeuten  das  gleiche  aber  die Betonung  ist  anders:  „Schuld“ beinhaltet alles, was wir unserem Mitmenschen in der Begegnung mit ihm schuldig sind, denn wir sind als Abbild Gottes geschaffen, aber versäumen zu tun – Sünden durch Unterlassung; „Verfehlungen“ sind eine Art der Beeinträchtigung der Rechte Anderer oder ein Übergriff – Sünden durch Verübung.

 

 

Das Gleichnis, über das wir gerade reden, wird als Antwort auf eine  Frage Petri erzählt:  „Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Siebenmal? Jesus sagte zu ihm: Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal“ (vgl. Matthäus  18:21-22). Dann  erklärte  der  Herr  in  unvergesslicher Veranschaulichung in einem Gleichnis die unbedingte Notwendigkeit der Vergebung. Es ist wichtig zu sehen wie der Herr beginnt:

 

 

 Fürwahr, Er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten Ihn für den, Der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber Er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf Thm, auf dass wir Frieden hätten, und durch Seine Wunden sind wir geheilt (Jesaja 53:4-5).

 

„Mit dem Himmelreich ist es deshalb wie mit einem König, der beschloss, von seinen Dienern Rechenschaft zu verlangen. Als er nun mit der Abrechnung begann, brachte man einen zu ihm, der ihm zehntausend Talente schuldig war. Weil er aber das Geld nicht zurückzahlen konnte, befahl der Herr, ihn mit Frau und Kindern und allem, was er besaß, zu verkaufen und so die Schuld zu begleichen. Da fiel der Diener vor ihm auf die Knie und bat: Hab Geduld mit mir! Ich werde dir alles zurückzahlen. Der Herr hatte Mitleid mit dem Diener, ließ ihn gehen und schenkte ihm die Schuld. Als nun der Diener hinausging, traf er einen anderen Diener seines Herrn, der ihm hundert Denare schuldig war. Er packte ihn, würgte ihn und rief: Bezahl, was du mir schuldig bist! Da fiel der andere vor ihm nieder und flehte: Hab Geduld mit mir! Ich werde es dir zurückzahlen. Er aber wollte nicht, sondern ging weg und ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt habe. Als die übrigen Diener das sahen, waren sie sehr betrübt; sie gingen zu ihrem Herrn und berichteten ihm alles, was geschehen war ... (Das Gleichnis endet mit den ernüchternden Worten des Königs: Du elender Diener! Deine  ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich so angefleht hast. Hättest nicht auch du mit jenem, der gemeinsam mit dir in meinem Dienst steht, Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte? Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Folterknechten, bis er die ganze Schuld bezahlt habe“. Anschließend lesen wir nochwie der Herr wiederholt, was Er in Seiner  Predigt gesagt hat: „Ebenso wird mein himmlischer Vater jeden von euch behandeln, der seinem Bruder nicht von ganzem Herzen vergibt.“

 

 

Der heilige Johannes Chrysostomus, Erzbischof von Konstantinopel ist einer der ganz großen Heiligen unserer Kirche. Nicht nur die Gebete der Göttlichen Liturgie, die seinen Namen trägt und die wir an den meisten Sonntagen im Kirchenjahr feiern, gehen auf ihn zurück, sondern der heilige Johannes Chrysostomus hat als besonders von Gott begnadeter Prediger seiner Gemeinde das Wort Gottes immer wieder von Neuem ausgelegt. Viele seiner Predigten, Schriftkommentare und Briefe sind bis heute erhalten. So haben wir in seinem erhaltenen Werk eine orthodoxe Auslegung des gesamten Neuen Testamentes und vieler Teile des Alten Testamentes. Für sein großes Talent als Ausleger der Heiligen Schriften nennen wir Orthodoxen ihm bis heute „Goldmund“ (griechisch: Chrysostomus).

 

Der heilige Johannes war ein Kind der Großstadt Antiochia, der drittgrößten Metropole im römischen Reich, wo er im Jahre 345 geboren wurde. Er wuchs in einem wohlhabenden Elternhaus auf, wo er eine behütete Kindheit verbrachte. Nach dem frühen Tod seines Vaters gehörte ihm die ganze Fürsorge und Aufmerksamkeit seiner Mutter, die ihrem Sohn eine gute Erziehung zukommen ließ, die sich sowohl auf den christlichen Glauben, wie auch die antike heidnische Bildung seiner Epoche stützte. Aber schon seit seiner Kindheit war der Johannes dem einfachen Volk zugetan und verstand es, sich unter die Menschen zu mischen und so beherrschte er nicht nur das brillante Griechisch der Oberschicht, sondern auch das Volksgriechisch der einfachen Leute. Der heilige Johannes erhielt eine gute Ausbildung als weltlicher Redner, die eine unabdingbare Grundvoraussetzung für jedes öffentliche Amt war. Darüber erwarb der heilige Johannes aber auch theologisches Wissen und geistliche Weisheit. So wurde er in die sogenannte antiochenischen Schule der Theologie eingeführt, wodurch er die Auslegung der Heiligen Schriften nach ihrem Wortsinn erlernte. Aber nicht nur theologisches Wissen erwarb der heilige Johannes. Den das Lebensideal des Mönchtums sprach ihn ebenfalls an. Gegen den Widerstand seiner Mutter zog er in eine Mönchssiedlung außerhalb der Stadt. Dort lebte er in strenger Askese und hat dabei in kurzer Zeit seine körperliche Gesundheit ruiniert.

 

Um das Jahr 380 holte ihn der antiochenische Bischof aus der monastischen Einsamkeit und weihte ihn zum Diakon. Später wurde er ebenfalls zum Priester geweiht. Der heilige Johannes erkannte hierin der in seiner neuen Aufgabe als Priester und Seelsorger voll und ganz auf. Schon bald war er über die Grenzen der Stadt Antiochia hinaus als großer Prediger bekannt. Doch der heilige Johannes verstand den christlichen Glauben nicht als eine weltabgewandte Frömmigkeit oder Philosophie, sondern als eine das gesamte Leben des Christen umfassende Einheit. So wurde für den jungen Priester Johannes die Sorge um die Armen, Kranken und Witwen ein großes Anliegen. Seine große christliche Konsequenz, die einheit seiner glänzenden Worte und Taten  machten ihn beim gesamten Volk beliebt.

 

In seinen Predigten legt der heilige Johannes zunächst den Schrifttext wortgetreu aus. Es folgen meist längere Ermahnungen, wie die Hörer das Wort der Schrift im Leben umsetzen sollten. Immer aber ging der heilige Johannes als wahrer Priester seinen Gläubigen mit seinem Lebenswandel als gutes Beispiel voran. Offen benannte der Heilige das Übel der Vergnügungssucht und andere Leidenschaften (= Laster), die unter dem Volk der Stadt Antiochia weit verbreitet waren. Besonders bekannt wurde eine Reihe von Predigten, die der heilige Johannes hielt als die Stadt in großer Not war. Nach einem Tumult, bei dem der Mob Standbilder des Kaisers umgestürzt hatte, drohte damals ein Strafgericht durch den Herrscher in Konstantinopel, das aber abgewendet werden konnte. Da sich die Standbilder des Kaisers auf Säulen erhöht aufgestellt waren, wurde dieser Predigtzyklus „Säulenpredigten“ genannt.

 

So wurden die seelsorgerlichen Fähigkeiten des heiligen Johannes auch dem Kaiser in Konstantinopel bekannt. So verwundert es nicht,dass er kurze Zeit später vom Kaiser zum neuen Bischof der Stadtstadt ausersehen wurde. Der amtierende Patriarch war verstorben und so suchte der kaiserliche Hof in Konstantinopel nach einem fähigen Kleriker, der sowohl unbescholten war, als auch frei von Bindungen an eine der kirchlichen Parteiungen war, die um die Neubesetzung des  Bischofsstuhl in Konstantinopel konkurrierten. Da allgemein bekannt war, dass der heiligen Johannes nicht nach einem Bischofsstuhl strebte, bediente man sich bei Hofe einer diplomatischen List. Ein kaiserlicher Gesandter begab sich in aller Heimlichkeit Antiochia. Dort nötigte er den heiligen Johannes zu ihm in den Wagen zu steigen. Erst unterwegs wurde ihm eröffnet, dass seine Reise anh den kaiserlichen Hof nach Konstantinopel ging.

 

Im Jahre 397 wurde der heilige Johannes zum Bischof von Konstantinopel geweiht. Als Patriarch von Konstantinopel war er jedoch nicht einfach der Bischof der Stadt, sondern zugleich auch der Seelsorger des Kaisers und damit der Prediger des kaiserlichen Hofes und Haushaltes. Zugleich war er der Gastgeber für hohen geistlichen Besuch in der Hauptstadt. Doch anders als seine Vorgänger veranstaltete der heilige Johannes keine großen Empfänge und Gastmähler. Vielmehr lebte er konsequent asketisch und führte ein einfaches Leben. Hierzu rief er auch seine Mitbischöfe auf, war ihm bald der Widerstand, ja sogar die Feindschaft verschiedener einflussreicher Persönlichkeiten bei Hofe eintrug.

 

Auch in Konstantinopel war Erzbischof Johannes ein Freund des einfachen Volkes und trug Sorge um die Armen der Stadt. Auch hier hörte man seine Predigten gerne, wenn auch seine strengen sittlichen Forderungen meist auf taube Ohren stießen. Der heilige Johannes war auch in Konstantinopel nicht Hofbischof sondern ganz Hirte der christlichen Herde der Kaiserstadt. Als Bischof lag ihm auch die gute Ausbildung und die Sorge um ein würdiges Leben seiner Priester besonders am Herzen. Auch war er in keiner Weise an den gesellschaftlichen Intrigen und politischen Machtspielen interessiert, in die der Patriarch der Kaiserstadt oft verwickelt wurde.

 

Mit seinen sittenstrengen Forderungen hatte sich der heilige Johannes schnell viele Feinde unter den Reichen und Einflussreichen gemacht. Besonders die mächtige und verschwenderische Kaiserin wollte sich ihren prunkvollen Lebenswandel nicht vom Bischof zum Vorwurf machen lassen. Da der heilige Johannes vor allem Seelsorger und nicht kirchlicher Machtpolitiker war, wirkte sich bald ein Konflikt mit Erzbischof Theophilos von Alexandrien als geradezu verhängnisvoll aus. Schon in der Vergangenheit hatten die beiden christlichen Metropolen Alexandrien und Antiochien um ihre Vorrangstellung in der christlich-orthodoxen Oikumene konkurriert. Zu dieser kirchenpolitischen Konstellation traten unterschiedliche theologische Traditionen hinzu. Denn während die antichenische Theologenschule der literalen, also wörtlichen Schriftsinn betonten, legte die alexandrinischen Theologenschule die Worte der Heiligen Schrift in Bildern und Allegorien aus. In der orthodoxen Theologie haben beide Auslegungsformen ihren legitimen Platz. Damals wurden sie jedoch für einen innerkirchlichen Machtkampf zwischen Alexandrien und Antiochien beziehungsweise Konstantinopel missbraucht. So war dem Alexandriner Theophilos der Antiochener Johannes als Patriarch von Konstantinopel ein Dorn im Auge. Hinter dem Rücken des heiligen Johannes zog er seine diplomatischen und kirchenpolitischen Fäden. Theophilos verschaffte sich Einfluss bei Hofe und brachte dort den heiligen  Johannes mit leicht gefälschten Zitaten aus Predigten im Kaiserhaus in Misskredit.

 

Als Johannes im Jahre 402 einer Gruppe von Mönchen, die Theophilos exkommunizieren wollte, Zuflucht gewährte und die Angelegenheit durch eine kirchlichen Synode regeln lassen wollte, sah Theophilos seine Stunde gekommen. Er, der sich wegen seines unkanonischen Vorgehens  eigentlich vor der Synode verantworten sollte, trat nun als Ankläger gegen den heiligen Johannes auf. Geschickt konnte er seine gesellschaftlichen und kirchenpolitischen Parteigänger ins Spiel bringen. Am Ende wurde der heilige Johannes als Erzbischof von Konstantinopel abgesetzt und in die Verbannung geschickt. Doch diese währte nicht lange, denn der Kaiser ließ ihn nach wenigen Tagen zurückholen. Doch das Verhältnis zwischen dem Patriarchen und dem Hof war zerrüttet. Die kirchlichen und politischen Gegner des heiligen Johannes wirkten im Untergrund weiter. Der heilige Johannes selbst war ein durch und durch unpolitischer Bischof. Als solcher blieb seinem bisherigen Lebenswandel treu und nannte das Unrecht offen beim Namen. Erzbischof Johannes war nicht bereit die christlichen Prinzipien zu verraten und die Zustände bei Hofe schönzureden.

 

Als Folge seiner unbeugsamen Haltung kam es im Jahre 404 einem Tumult während der Osterfeierlichkeiten in der Kathedrale. Der Erzbischof Johannes wurde festgenommen und an die Ostgrenze des Reiches in die Verbannung geschickt. Doch hatte der heilige Johannes weiterhin regen Briefkontakt mit seinen Freunden, die seine Rehabilitierung anstrebten. Doch seine Gegner waren politisch stärker. Da der römische Patriarch seine Absetzung nicht als rechtmäßig ansah, sollte der heilige Johannes daraufhin noch mehr isoliert werden. Die Begleitsoldaten trieben ihn bei Wind und Wetter, durch Sonnenglut und strömenden Regen auf einem langen Fußmarsch durch unwirtliche Gegenden bis an den äußersten Winkel des Reiches am  Schwarzen Meer im heutigen Georgien. Diesen Strapazen und Entbehrungen war die ohnehin angeschagene Gesundheit des heiligen Johannes nicht mehr gewachsen. Der Heilige Johannes verstarb während des Marsches am 14. September 407 im Städtchen Komana an der Küste des Schwarzen Meeres. Seine letzten Worte waren: "Gott sei gelobt für alles!"

 

Im Jahre 438 wurden die Reliquien des heiligen Johannes Chrysostomus feierlich in die Apostelkirche von Konstantinopel übertragen. Im Jahre 1204 wurden sie von franko-lateinischen Kreuzfahrern geraubt und ruhten seit dieser Zeit im Petersdom in Rom. Erst im Jahre 2004 hat Papst Johannes Paul II. sie als eine Geste der Versöhnung feierlich an den Patriarchen von Konstantinopel zurückgegeben.

 

 

Der heilige Johannes Chrysostomos erblickt in den beiden Geldbeträgen, den zehntausend  Talenten, die dem König geschuldet werden und den 100 Denaren, die dem anderen Diener geschuldet werden, ein Symbol für den Unterschied zwischen dem, was man Gott schuldet und dem, was man dem Mitmenschen schuldet.

 

„Er schuf uns, als wir nicht waren und um unseretwillen machte er alles was zu sehen ist: Himmel, Meer, Luft, und alles, was darin ist, lebende Tiere, Pflanzen, Samen ... Von allem was auf Erden ist, hat Er nur uns die lebendige Seele eingehaucht, die wir haben. Er pflanzte den Garten, Er gab eine Gehilfin, Er setzte uns über all die wilden Tiere, Er krönte uns mit Herrlichkeit und Ehre. Danach, als der Mensch undankbar gegen seinen Wohltäter gewesen war, gewährte Er ihm eine noch größere Gabe ... Er sandte sogar Seinen eigenen Sohn um deretwillen, die von Ihm Nutzen gehabt hatten und Ihn hassten, und öffnete uns den Himmel und breitete selbst das Paradies aus und machte uns zu Söhnen, uns, die Feinde, die Undankbaren“ (Über Matthäus, Homilie 61).

 

 

So also stehen die zehntausend Talente für eine unendliche Schuld, die in keiner Weise zurückgezahlt werden kann, aber die Liebe Gottes und Sein Mitleid bewegen Ihn dazu, uns alles zu erlassen, was wir Ihm geschuldet haben und immer noch schulden.

 

Andererseits stehen die hundert Denare für das, was wir unseren Mitmenschen schulden, eine Schuld, die wir durch Güte und Mitleid(en) zurück-zahlen  können.  Wenn  wir  Gott  wirklich  dankbar  dafür sind,  dass  Er  uns  unsere zahllosen Sünden durch Seinen Sohn vergeben  hat, dann können wir unmöglich unseren Schuldnern die eigene Vergebung für die vergleichsweise armseligen und geringfügigen Schulden verweigern. Nach dem frommen Vater Theophylaktos ist das „Weggehen“ des Dieners, nachdem ihm vergeben worden war, mehr als nur ein körperlicher Abgang; er vergisst Gott und fällt wieder zurück in die Unmenschlichkeit, nachdem er die unschätzbare Freude der Vergebung erfahren hatte (Erklärung des Heiligen Evangeliums nach Matthäus, 18:28-30).

 

In allen Offenbarungen Jesu über den Willen Gottes, ist die Verpflichtung  zu vergeben  das  Fundament  des  „Neuen  Gesetzes“.  Es  ist  auch  das schwierigste Verlangen. Der Sohn Gottes kam in die Welt, um die Vergebung der Sünden zu verkünden und sie allen zu gewähren. In Jesus Christus haben wir „durch ihn die Erlösung, die Vergebung der Sünden“(Kolosser 1:14). Wir müssen vergeben, denn uns wurde vergeben. „Ertragt euch gegenseitig, und vergebt einander, wenn einer dem andern etwas vorzuwerfen hat. Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!“ (Kolosser 3:13).

 

 

Das Gleichnis vom Festmahl 

 

(Lukas 14:15-24)

 

Als aber einer das hörte, der mit zu Tisch saß, sprach er zu Jesus: Selig ist, der das Brot ißt im Reich Gottes! Er aber sprach zu ihm: Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein. Und er sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, den Geladenen zu sagen: Kommt, denn es ist alles bereit! Und sie fingen an alle nacheinander, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muß hinausgehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. Und der zweite sprach: Ich habe fünf Gespanne Ochsen gekauft und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. Und der dritte sprach: Ich habe eine Frau genommen; darum kann ich nicht kommen. Und der Knecht kam zurück und sagte das seinem Herrn. Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen herein. Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da. Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, daß mein Haus voll werde. Denn ich sage euch, daß keiner der Männer, die eingeladen waren, mein Abendmahl schmecken wird. 

 

Von Gott inspiriert und geleitet vom Heiligen Geist, haben die Heiligen Väter der Kirche die Lesung des Gleichnisses vom Festmahl in die Zeit des Advents gelegt, zwei Sonntage vor den Fest der Geburt unseres Herrn und Retters Jesus Christus. Wie ein strahlender Brillant zeigen die Facetten dem Leser viele passende Bilder. 

 

Einer aus dem Gefolge Christi, der durch die ernsten Lehren unseres Herrn gerührt war, sie aber nicht ganz verstanden hatte, meinte es gut als er bemerkte, „selig, wer im Reich Gottes am Mahl teilnehmen darf“ (Lk 14,15). Darauf beginnt der Herr mit der Erzählung des Gleichnisses. Denn Er hatte gemerkt, dass dieser Jünger und die Pharisäer, die mit ihm waren, gefolgert hatten, dass in das Reich Gottes eingeladen zu werden dasselbe sei, wie im Reich Gottes zu sein. Seine Absicht ist, die Juden zu lehren – und durch sie uns – dass die, die sich brüsten nahe dem Himmelreich zu sein, es nicht erreichen werden, ja sogar ausgeschlossen werden können, wenn sie Gott nicht gehorsam sind. 

 

„Ein Mann veranstaltete ein großes Festmahl und lud viele dazu ein“ (Lk 14,16). Wenn man in Palästina früher ein Fest vorbereitete, wurde das lange vorher schon angekündigt. Die Einladungen wurden verschickt und als angenommen bestätigt. War der Tag schließlich herangekommen und alles bereitet, wurden die Diener ausgesandt, die geladenen Gäste zu rufen. Eine Einladung angenommen zu haben und dann nicht hinzugehen, wurde als große Beleidigung empfunden. 

 

Im Gleichnis ist Gott der Gastgeber und die ursprünglich geladenen Gä- ste sind die Juden, die während ihrer ganzen Geschichte auf den Tag gewartet hatten, dass Gott sie rufen würde. Aber als Gott sie rief, weigerten sie sich tragischerweise Seiner Einladung zu folgen. Die Armen, die von den Straßen und Plätzen der Stadt aufgesammelt wurden, die Krüppel, Blinden und Lahmen, sind die Zolleinnehmer und Sünder, die herbeikamen und unseren Herrn auf eine Art willkommen hießen, wie die Juden es nie getan hatten. 

 

Die von den Landstraßen und Zäunen gesammelt wurden sind die Heiden, für die immer noch Platz war beim Festmahl Gottes. Erst als die Juden sich geweigert hatten der Einladung Gottes zu folgen und Seine Festtafel leer gelassen hatten, ging die Einladung an die Heiden. Der Befehl im Gleichnis, der manchmal falsch verstanden wird, „...und nötige die Leute zu kommen, damit mein Haus voll wird“, drückt nur die große Liebe aus, die Gott für uns alle hat und dass Er willens ist alles zu tun, um Seine Schöpfung zu retten. Hier müssen wir auch die Worte des Hl. Paulus hinzufügen, „denn die Liebe Christi drängt uns“ (2Kor 5,14). Im Reich Gottes gibt es nur einen Zwang und das ist der Zwang Seiner unaufhörlichen Liebe zu uns. 

 

Das Gleichnis spricht von der Drohung an die Juden, die die Einladung Gottes verweigert hatten, und dass diese den Sündern, den Verlorenen und den Heiden als ein wunderbares Geschenk eine Freude gebracht hat, von der sie nie hätten gewagt zu träumen. Aber es offenbart auch die großen Wahrheiten, die unverändert bleiben und doch immer neu und lebenswichtig für heute sind. Im Gleichnis entschuldigen sich die geladenen Gäste und die Ausreden der Menschheit werden leider bis heute noch auf fast gleiche Weise gemacht. 

 

„Aber einer nach dem andern ließ sich entschuldigen“. Der Diener suchte sie einer nach dem anderen auf und erhielt von Jedem die gleiche Antwort. Es gibt keinen Grund zu glauben, dass sie alle zusammen einen Plan geschmiedet hätten, den Gastgeber zu beleidigen. Aber obwohl nicht abgesprochen, taten sie doch alle dasselbe. Sie waren alle von einer Art und obwohl sie dem Diener einzeln antworteten, antworteten sie alle in ähnlicher Weise. 

 

Als die Armen zum Festmahl geladen wurden, beeilten sie sich zu kommen. Wenn wir zum göttlichen Mahl geladen werden, beginnen wir uns zu entschuldigen. Der Erste sagte, „ich habe einen Acker gekauft und muss jetzt gehen und ihn besichtigen.“ Der Hl. Gregor der Große schreibt dazu, „mit dem Acker ist die irdische Substanz gemeint. Deshalb geht der hinweg, der um der Sache des Gewinnes willen nur an weltliche Dinge denkt“. Er erlaubt den Ansprüchen des Geschäfts sich die Ansprüche Gottes anzumaßen. Wie viele von uns sind so mit den Dingen dieser Welt befasst, dass sie nur wenig Zeit haben für Gottesdienst oder Gebet. Um der Verehrung des Mammon willen haben wir den Dreieinen Gott vergessen. Wir sind vom schmalen Pfad der Gerechten abgekommen. 

 

Der Zweite sagte, „ich habe fünf Ochsengespanne gekauft und bin auf dem Weg, sie mir genauer anzusehen.“ Der Hl. Augustinus schreibt, „die fünf Ochsengespanne bedeuten die fünf Sinne des Leibes. Durch diese leiblichen Sinne werden die weltlichen Dinge gesucht.“ Er hat den Ansprüchen der Neuheit erlaubt, sich die Ansprüche Gottes anzumaßen. Das ist oft der Fall, wenn wir etwas Neues erwerben. Wir werden dadurch so in Anspruch genommen, dass die Ansprüche Gottes aus unserem Leben verdrängt werden. Wir kaufen vielleicht ein Boot oder eine Hütte an einem abgelegenen Ort. Dann beginnen wir uns zu entschuldigen, „wir würden ja gerne zur Liturgie kommen, aber ...“. Es ist so gefährlich leicht, dass uns ein neues Spiel, ein neues Hobby oder auch eine neue Freundschaft so in Besitz nimmt, dass wir keine Zeit mehr für Gott haben. 

 

Der Dritte sagte mit noch mehr Entschiedenheit als die Anderen, „ich habe geheiratet und kann deshalb nicht kommen.“ Eines der gnädigen Gesetze des Alten Testaments stellt fest: „Wenn ein Mann neuvermählt ist, muss er nicht mit dem Heer ausrücken. Man soll auch keine andere Leistung von ihm verlangen. Ein Jahr lang darf er frei von Verpflichtungen zu Hause bleiben und die Frau, die er geheiratet hat, erfreuen“ (Dtn 24,5). 

 

Ohne Zweifel hatte der Mann genau dieses Gesetz im Sinn. Es ist eine der großen Tragödien des Lebens, dass wir den „guten Dingen“ erlauben die Ansprüche Gottes zu verdrängen. Es gibt nichts schöneres als ein Zuhause. Und doch darf es nicht egoistisch ausgenutzt zu werden. Die leben am Besten zusammen, die mit Gott im Herzen leben. Die dienen einander am Besten, die auch ihren Mitmenschen dienen. Die Atmosphäre eines Daheim ist am heiligsten, wenn die darin Lebenden als Glieder der großen Familie Gottes leben. 

 

Unser Herr benutzte Symbole um Seine Worte besser verständlich zu machen, wenn der Sinn für das Volk zu tief war, um verstanden zu werden. Das Symbol des Festmahls zeigt uns zwei unterschiedliche Aspekte. Man kann es verstehen als das Himmlische Festmahl, das auf alle wartet, die gerufen sind und in das Reich Gottes eingelassen werden. Es ist aber auch zu verstehen als das Mystische Abendmahl, das uns in der Heiligen Kommunion angeboten wird. Die Jünger Christi wussten, dass die Ankunft Gottes durch den „Messias“ schon lange vorabgebildet war als „Fest“ für Sein Volk, und dass dann dieses Volk verkünden würde: „Seht, das ist unser Gott, auf Ihn haben wir unsere Hoffnung gesetzt, Er wird uns retten. Das ist der Herr, auf Ihn setzen wir unsere Hoffnung. Wir wollen jubeln und uns freuen über Seine rettende Tat“ (Jes 25,9). 

 

Liebe Freunde, wir sind jetzt mitten in der heiligen Zeit des Advent. Das ist eine Zeit großer Erwartung und Vorbereitung. Es ist die Zeit, da Gott uns die freudige Gelegenheit bietet, erneuert zu werden. Aber es ist auch eine Zeit, in der wir alle nur zu bereit sind Ausreden zu suchen. Unser Herr wird neu geboren in uns und wir werden „gerufen“ dem Stern der Weisen zu folgen, der Jungfrau Maria und dem Christuskind Unterschlupf zu bieten, unseren Platz bei den Hirten und Tieren einzunehmen und an Seinem Mystischen Mahl teilzuhaben. Er wird uns einladen, aber wir müssen die Einladung annehmen. Es darf keine Ausreden geben. Wir können Ihn nicht wirklich verehren, wenn unsere Anbetung nicht in mehr als nur Worten ausgedrückt wird. Es liegt eine tiefe Wahrheit in einer Inschrift an der Wand einer mittelalterlichen Kirche:

 

Gott der Herr spricht zu dir:

 

du nennst mich ewig – aber du suchst mich nicht!

du nennst mich allmächtig – aber du fürchtest mich nicht!

du nennst mich gnädig – aber du ehrst mich nicht!

du nennst mich das Licht – aber du suchst mich nicht!

du nennst mich den Weg – aber du gehst mich nicht!

du nennst mich die Wahrheit – aber du glaubst mir nicht!

du nennst mich das Leben – aber du willst mich nicht!

du nennst mich liebevoll – aber du liebst mich nicht!

du nennst mich Meister – aber du dienst mir nicht!

wenn ich dich verurteile, rüge mich nicht. 

 

Das ist leider nur zu oft wahr – und ist es nicht schrecklich, dass es wahr ist? Warum kann es eine so schrecklich große Kluft geben zwischen den Worten, die so leicht über unsere Lippen kommen und den Taten in unserem Leben? „Bitte, entschuldige mich!“ Wenn wir wahrhaft beten, dann müssen wir dem Ruf zu dienen auch folgen. Sonst werden wir die sorgenvolle Stimme der Verurteilung hören, „Was sagt ihr zu mir: Herr! Herr!, und tut nicht, was ich sage?“ (Lk 6,46). Erfinden wir keine Ausreden! – Lasst uns alle herbeikommen! „Wer Gott anhangt und Ihn liebt, der komme und erfreue sich an diesem schönen, hellstrahlenden Fest. Wer ein dankbarer Knecht ist, trete mit Freude ein in die Freude des Herrn“ (aus der Katechetischen Rede des Hl. Johannes Chrysostomos). Erfinden wir keine Ausreden!

 

Quelle: Father George C. Massouras in www.goarch.org/en/resources/sermons.

 

 

Das Gleichnis vom Verlorenen Sohn 

 

Unter den Gleichnissen des Herrn, ist das vom Verlorenen Sohn, das dritte im 15. Kapitel des Lukas-Evangeliums, vielleicht das am besten bekannte. Es ist die Perikope für den zweiten Sonntag der Periode des Triodions, dem Buch für die Gottesdienste der Großen Fastenzeit, und seine Botschaft ist das eine Thema der Fastenzeit: wenn eines von Gottes Kindern Ihn wegen etwas oder wegen einem anderen verlässt, Gott wird es, gleichgültig wie weit es sich verirrt hat, wenn es reuevoll zurückkehrt, mit offenen Armen aufnehmen.

 

Hymnen und Verse meditieren über die Evangeliumslesung vom Sonntag des Verlorenen Sohns und heben Punkte hervor, die sich jeder orthodoxe Christ zu Herzen nehmen muss. In fast jeder Zeile der liturgischen Texte werden die Ausdrücke seines Bewusstseins gesündigt zu haben, seine Entscheidung zum Vater zurückzukehren und die Gesinnung mit der er zurückkehrt, in den Mund des Beters gelegt. Dadurch identifizieren wir uns selbst mit dem Sohn, der irrt, und erkennen an, dass auch wir auf unsere Art unsere Gaben verschleudert und den Schenker zurückgewiesen haben.

 

„Jesus sagte: Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht. Da teilte der Vater das Vermögen auf.“

 

Der jüngere Sohn glaubt sich der Unabhängigkeit fähig und, wie viele junge Leute, will er sein Heim verlassen und selbstständig leben. Eigenartigerweise sieht er keinen Widerspruch zwischen seinem Wunsch unabhängig von seinem Vater zu sein und der Bitte um sein Erbe. Sogar die neue Art zu leben, die er sich vorstellt, muss er mit Kapital seines Vaters beginnen. Seine Worte verraten seine Egozentrik: „Gib mir das Erbteil, das mir zusteht.“

 

So wie Kindern oft nicht klar ist, wie viel sie ihren Eltern schulden – ihre Geburt, ihre Erziehung, ihre Schulung, ihr Wissen, ihre Gesundheit und viele andere Dinge – so hält auch der Mensch oft nichts von dem, was er Gott schuldet, der ihn durch Seine Vorsehung ins Sein gerufen, ihn mit Ruhm und Ehre gekrönt, mit Talenten und Fähigkeiten ausgestattet hat und ihn erwachsen werden ließ.

 

Der Sohn bittet seinen Vater um das Seinige, ohne zu sehen, dass das Seinige das Geschenk des Vater ist. Menschen nehmen es oft als selbstverständlich an, dass Gott ihnen etwas schuldet. Und, wie der Vater im Gleichnis, der dem Sohn trotz seiner Jugend und Unerfahrenheit gibt um was er bittet, so gibt auch Gott reichlich denen, die ihn darum bitten, auch wenn der Empfänger das Geschenk missbrauchen könnte.

 

„Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen.“

 

Nur an sich selbst und seine Unabhängigkeit denkend, verbringt er die Tage vor seiner Abreise mit den Vorbereitungen für sein neues Leben. Er lässt nichts zurück, er bricht die Gemeinschaft mit seinem Vater ab. Dann reist er nicht zu einem nahegelegenen Ort, sondern weit weg, damit er keine Erinnerung mehr hat an seine Familie oder an die Sorge und Liebe seines Vaters.

 

Der Vater legt ihm nichts in den Weg und zwingt ihn auch nicht seine Dankesschuld anzuerkennen. Er hat ihn alles Notwendige gelehrt und ihm gegeben. Der Sohn ist nun ein Mann und muss seine eigenen Entscheidungen treffen. Unser himmlischer Vater hat uns gleichermaßen das Wertvollste gegeben, Sein eigenes Abbild und mit ihm den freien Willen. Er zwingt uns nicht Ihn als die Quelle von allem was wir haben anzuerkennen.

 

Ohne dass wir unseren Aufenthaltsort ändern, verlassen wir doch oft Gott in unserem Sinn und Herzen, vergessen Ihn und werden zu undankbaren Kindern. Manche verlassen Seine Kirche, die doch der handfeste Beweis Seiner Sorge ist. Wir entfernen uns, wenn auch nur geistig, von ihr, finden manchmal einen billigen Ersatz, werfen ihre Lehre über Bord und eignen uns einen ganz gottlosen Lebensstil an. Das ist das „ferne Land“ und das „Verschleudern des Vermögens durch ein zügelloses Leben“.

 

„Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über das Land, und es ging ihm sehr schlecht. Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten. Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon.“

 

Der Sohn ist leichtsinnig gewesen; statt seine Gaben zu nutzen, um ein anständiges Leben aufzubauen das seiner Erziehung würdig ist, verschleudert er sie in Genusssucht. Nachdem er alles für eine Illusion des Glücks ausgegeben hat, erwacht er und stellt fest, dass er nichts gewonnen hat. Die „große Hungernot“ beschreibt den Zustand seiner Seele. Geistig und moralisch leer, hat er nicht was ihn erhalten könnte.

 

Er sucht sich eine Art Ersatzvater und dieser „Bürger des Landes“ nimmt ihn tatsächlich auf, aber er schickt ihn auf die Felder zum Schweine hüten, zweifellos eine der kläglichsten Aufgaben auf einem Bauernhof. Wie hart ist der Kontrast dieses Bildes mit der Beziehung, die er mit seinem ihn liebenden Vater hatte! Die Leere und Sinnlosigkeit seines Lebens ergeben sich aus der Erklärung, dass er gerne seinen Bauch mit den Schoten gefüllt hätte, die er den Schweinen verfütterte. Jeder Versuch sein wirkliches Bedürfnis zu stillen, lassen ihn unerfüllt zurück. Niemand kann ersetzen, was er verloren hat.

 

„Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben mehr als genug zu essen, und ich komme hier vor Hunger um. Ich will aufstehen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner. Dann stand er auf und ging zu seinem Vater.“ 

 

 

Als er den Tiefpunkt der Leere erreicht, erkennt der Sohn, dass er nichts außer seinem Vater hat. „Da ging er in sich“: Das ist der Beginn der Reue. Sich von der wahren Heimat und von seines Vaters Liebe zu entfernen war eine Verrücktheit. Er musste die Folgen erleiden, um seine Vernunft wieder zu erlangen. Der verlorene Sohn erlebt von neuem den „Sündenfall“. Unsere ersten Eltern suchten Sinn und Zweck des Lebens ohne Gott und sie gehorchten ihm nicht; das ist seitdem die Sünde der Menschheit gewesen.

 

Der Sohn erinnert sich daran, dass sogar die, die nicht zum Haushalt des Vaters gehören und dort nur ihren Lebensunterhalt verdienen, mehr als er haben. Dass er in solchen Kategorien denkt macht seine Reue nicht kleiner. Das Eingeständnis seiner Schuld, das er sogar vor seiner Rückkehr in seinem Herzen trägt, beweist seine Ernsthaftigkeit. Der Vater weiß natürlich um das Fehlen seines Sohnes, aber er wartet darauf, dass der Sohn es selbst zugibt. Nun also sagt der Sohn: „Ich will aufstehen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt.“ Der Hl. Paulus sagt dazu: „Wer ... mit dem Mund bekennt, wird Gerechtigkeit und Heil erlangen“ (Röm 10,10). Vielleicht erinnerte sich der Sohn an das Sprichwort, das besagt: „Ein rechter Mann beschuldigt sich selbst zu Beginn seiner Rede“(Sprüche 18,17 LXX). Wir müssen das Eingeständnis des Sohnes zu unserem eigenen machen, denn in unserem Ungehorsam haben wir gegen unseren himmlischen Vater und unsere wahre Heimat, die Kirche, gesündigt. 

 

„Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner.“

 

Dies ist der Geist wahrer Demut, die Frucht ernsthafter Reue: die Erkenntnis, dass man keine Vergebung verdient. Um Vergebung zu erlangen ist der Sohn gewillt seine Stellung im Haushalt aufzugeben und zum Knecht zu werden. „Viel lieber will ich der Geringste im Hause meines Gottes sein, als wohnen in den Hütten der Sünder“ (Psalm 83:11 LXX).

 

„Ich will aufstehen“, sagt er. „Dann stand er auf“. Diese beiden Aussagen machen uns klar, dass er auf ein Niveau gesunken war, so tief, dass der erste Schritt in der Ausführung seines Vorhabens war aufzustehen, sich aus dem Sumpf zu erheben, und dem Leben, das ihm nur eine Illusion von Glück und Erfüllung gegeben hatte, den Rücken zu kehren. „Wach auf, du Schläfer, und steh auf von den Toten, und Christus wird dein Licht sein“ (Epheser 5:14). Dieser Vers des Hl. Paulus beschreibt sowohl die Bekehrung jener, die Gott nicht zum Vater hatten, wie auch die Wiederbekehrung jener, die vom rechten Wege abgewichen waren. Beide waren spirituell schlafend oder tot.

 

"Der Vater sah ihn schon von weitem kommen, und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Da sagte der Sohn: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein. Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand, und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an die Hand, und zieht ihm Schuhe an. Bringt das Mastkalb her, und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein. Denn mein Sohn war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein fröhliches Fest zu feiern.“(20-24).

 

Der Herr, der in die Tiefe unseres Herzens blickt, sieht, dass wir zu Ihm kommen wollen und wartet nicht, sondern eilt uns entgegen. Er bekleidet unsere spirituelle Nacktheit; Er besiegelt unseren ernsten Wunsch sich mit Ihm wieder zu vereinigen mit einem Ring wahrer Sohnschaft; Er bereitet uns darauf vor, in Übereinstimmung mit dem Evangelium zu gehen (Epheser 6:15: und als Schuhe die Bereitschaft, für das Evangelium vom Frieden zu kämpfen); Er gibt uns die Nahrung, die wir brauchen.

 

Der Empfang des Sohnes zeigt die Natur der Gerechtigkeit Gottes auf. Er vergibt die Sünden jener, die bereuen und wirft ihnen ihre Vergangenheit nicht vor. „Denn ich verzeihe ihnen ihre Schuld, und an ihre Sünden denke ich nicht mehr“ (Hebräer 8:12). Das wurde in Beziehung auf Israel gesagt, aber es gilt genau so für uns, die wir das Neue Israel sind.

 

Die Pharisäer dagegen, die ihrer eigenen Gerechtigkeit folgten, dachten, dass die Gunst Gottes von den Leistungen und gerechten Taten nach dem Gesetz abhängt. Der ältere Sohn reagiert auf den Empfang des verlorenen Sohns durch den Vater wie die Pharisäer es, ihrer menschlichen Vorstellung von Gerechtigkeit folgend, vielleicht getan hätten. Er, wie sie, verstanden nicht die Liebe des Vaters.

 

 

Als er erfuhr, was geschehen war, „wurde er zornig und wollte nicht hineingehen“. Und in seiner Antwort an den Vater, zeigt er sich voller Selbstgerechtigkeit: „So viele Jahre schon diene ich dir, und nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt; mir aber hast du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte“ (28-29). Obwohl er bei seinem Vater geblieben war, ist seine Beziehung zu ihm nicht sehr unterschiedlich von der des jüngeren Sohnes.

 

Die Pharisäer missbilligten, dass der Herr reuige Zöllner und Dirnen empfing; das auserwählte Volk, die Hebräer, missbilligten, dass Gott den Bund auf die Heiden ausdehnte. Heutige Christen könnten ähnlicher Sünden schuldig sein. Schauen einige in unserer Kirche missbilligend oder misstrauisch auf Neue oder Konvertiten? Schauen einige ungnädig auf die Aufnahme von Menschen, die nicht ihrem kleinlichen Standard von Rechtschaffenheit oder Ehrbarkeit genügen? Zucken einige zurück bei der Aufnahme von Leuten, die nicht zu unserer sozialen Schicht gehören?

 

Der Hl. Kyrill von Alexandrien schreibt: „Wie Pharisäer und Schriftgelehrte ob der Sanftmut und Menschenliebe Christi aufschrieen: ‚Wie kann euer Meister zusammen mit Zöllnern und Sündern essen?’ (Mt 9,11) und boshaft und ruchlos ihn beschuldigten, dass er Menschen einlade und lehre, deren Lebensführung unrein war, da legte Er ihnen notwendigerweise das jetzige Gleichnis vor, um ihnen klar aufzuzeigen, dass der Gott Aller sogar von dem, der fest und standhaft ist und weiß wie man ein heiliges Leben führt und der höchstes Lob für die Nüchternheit seines Betragens erzielt hat und ernsthaft Seinem Willen folgt, dann, wenn jemand zu Reue und Buße gerufen wird, sogar wenn er sehr tadelnswert ist, verlange eher Freude und nicht Ärger darüber zu empfinden.“ (Homilien über das Lukasevangelium). 

 

Quelle: Archbishop Dmitri, The Parables, Crestwood N.Y. 1996

 

 

Über das Wort Gottes-

Das Gleichnis vom Sämann 

 

Obwohl der Herr schon vorher gleichnishafte Bilder für Seine Lehren verwendet hat, wie jenes am Ende der Bergpredigt (Matthäus 7:24-27), nennt man doch gewöhnlich das Gleichnis vom Sämann Sein Erstes. Es erscheint in allen synoptischen Evangelien (Matthäus 13:3-13; Markus 4:1-20 und Lukas 8:4-15). Die lukanische Version steht im Lektionar als Evangelium für den 4. Lukas-Sonntag. Der Grund, warum der Herr diese bestimmte Art zu Lehren benutzt, findet sich in allen drei Versionen, aber Seine Erklärung bei Matthäus ist detaillierter und erinnert an die Prophezeiung des Jesaias (6:9 f.), daß das auserwählte Volk nicht vorbereitet sei, Seine Lehren zu hören. 

 

Das Gleichnis vom Sämann ist sicher unter den bekanntesten. Hier folgt die Version des heiligen Evangelisten Lukas 8:4-15: 

 

"Als die Leute aus allen Städten zusammenströmten und sich viele Menschen um ihn versammelten, erzählte er ihnen dieses Gleichnis: Ein Sämann ging aufs Feld, um seinen Samen auszusäen. Als er säte, fiel ein Teil der Körner auf den Weg; sie wurden zertreten, und die Vögel des Himmels fraßen sie. Ein anderer Teil fiel auf Felsen, und als die Saat aufging, verdorrte sie, weil es ihr an Feuchtigkeit fehlte. Wieder ein anderer Teil fiel mitten in die Dornen, und die Dornen wuchsen zusammen mit der Saat hoch und erstickten sie. Ein anderer Teil schließlich fiel auf guten Boden, ging auf und brachte hundertfach Frucht. Als Jesus das gesagt hatte, rief er: Wer Ohren hat zum Hören, der höre!"

 

Dann erklärt der Herr den Jüngern die Bedeutung Seiner Gleichnisse: 

 

"Da sagte er: Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu erkennen. Zu den anderen Menschen aber wird nur in Gleichnissen geredet; denn sie sollen sehen und doch nicht sehen, hören und doch nicht verstehen."

 

 

Und fährt dann mit der Deutung dieses Gleichnisses fort: 

 

"Auf den Weg ist der Samen bei denen gefallen, die das Wort zwar hören, denen es aber der Teufel dann aus dem Herzen reißt, damit sie nicht glauben und nicht gerettet werden. Auf den Felsen ist der Samen bei denen gefallen, die das Wort freudig aufnehmen, wenn sie es hören; aber sie haben keine Wurzeln: Eine Zeitlang glauben sie, doch in der Zeit der Prüfung werden sie abtrünnig. Unter die Dornen ist der Samen bei denen gefallen, die das Wort zwar hören, dann aber weggehen und in den Sorgen, dem Reichtum und den Genüssen des Lebens ersticken, deren Frucht also nicht reift. Auf guten Boden ist der Samen bei denen gefallen, die das Wort mit gutem und aufrichtigem Herzen hören, daran festhalten und durch ihre Ausdauer Frucht bringen. "

 

 

Die Erklärung des Herrn ist leicht zu verstehen und es braucht eigentlich keiner weiteren Erklärung. Andererseits ist sie in jeder Generation so weiterentwickelt worden, daß sie direkt auf die jeweiligen Zeitgenossen anwendbar war. Das ist gewiss nicht falsch, denn jede Generation hat seinen eigenen geistigen “Wegrand, Felsen und Dornen”. Jedoch brauchen wir uns gar nicht so sehr auf unsere eigenen Fähigkeiten zur Interpretation verlassen, denn wir haben einen Reichtum an Erklärung und Auslegung bei den heiligen Vätern. Mit ihrer, ihnen von Gott gegebenen Einsicht in den Sinn der Heiligen Schrift haben sie nicht nur viele Fragen, die sich zu den Lehren des Herrn ergeben vorausgeahnt und beantwortet, sondern sie haben uns auch auf die wichtigen Stellen in den Prophezeiungen und in anderen Büchern der Bibel aufmerksam gemacht. 

 

Der Heilige Kyrill von Alexandrien schreibt über die drei Arten von Menschen, die durch die drei Arten von Boden dargestellt werden, auf die der Same des Wortes fiel. Zu der ersten Art sagt er: “Kein heiliges oder göttliches Wort wird einkehren bei denen, die ein hartes und unnachgiebiges Herz haben, denn nur durch die Hilfe eines solche Wortes kann die erfreuliche Frucht der Tugend wachsen. Menschen solcher Art sind wie Wege, die von unreinen Geistern beschritten werden und vom Satan selbst, und sie werden nie heilige Frucht hervorbringen, denn ihre Herzen sind dürr und treulos.” (Kommentar zum Lukas-Evangelium, Homilie 41)

 

Die zweite Art hat “eine Religion ohne Wurzel ...Wenn diese Art Menschen aus der Kirche kommen vergessen sie sofort die heilige Lehre, die sie dort gehört haben. Solange Christen in Frieden gelassen werden, werden sie an ihrem Glauben festhalten, aber sobald eine Verfolgung droht sind sie bereit zu fliehen um Sicherheit zu suchen.”

 

Dieser heilige Vater beschwört uns zum Schluss, die zarten Triebe des Glaubens und Vertrauens, sobald sie aus dem Humus unseres Herzens und Verstandes sprießen, nicht durch die Sorgen der Welt zu ersticken. Wir dürfen uns nicht davon täuschen lassen und meinen, Dornen und neue Triebe könnten friedlich nebeneinander leben. 

 

 

Der Heilige Johannes Chrysostomos verjagt jeden Zweifel, wenn er die drei Grundelemente des Gleichnisses festlegt: “Unter dem Samen versteht Er nämlich Seine Lehren, unter dem Feld aber die Seelen der Menschen; der Sämann ist Er Selbst.” (Zu Matthäus, Homilie 44) 

 

Er beantwortet auch die Frage, warum der göttliche Sämann Seinen Samen auch dort sät, wo er keine Frucht bringt: “Wie nämlich der Sämann keinen Unterschied macht unter dem Saatgrund, sondern einfach unterschiedslos den Samen ausstreut, so macht auch Jesus keinen Unterschied zwischen Reich und Arm, Gebildeten und Ungebildeten, Lauen und Eifrigen, Mannhaften und Feigen, sondern sprach zu allen.”  

 

Obwohl, wie der Herr den Jüngern sagt, es viele geben wird, die Gottes Wort nicht empfangen oder die es wieder verlieren, dürfen sie nicht zögern es allen zu bringen. Für einen gewöhnlichen Bauern wäre solch wahlloses „Säen” wohl sinnlos, denn, um noch einmal mit dem Hl. Johannes Chrysostomos zu reden, “ein Felsen wird ja doch nicht zum Erdreich werden und die Straße muss Stra- ße bleiben, so gut wie die Dornen: Dornen. Auf geistigem Gebiet dagegen ist es nicht so. Da kann ein Felsen umgewandelt und zu fruchtbarem Erdreich gemacht werden, und ein Weg kann dem Gebrauch entzogen werden und nicht mehr jedem Vorübergehenden zugänglich sein und dafür zum fetten Ackerland werden; und die Dornen können beseitigt werden, damit der Same ruhig drauf gedeihe. Wäre das nicht möglich, so würde auch der Herr nicht säen.”

 

In anderen Worten, jeder Mensch kann bekehrt werden. 

 

Und so können wir eine wertvolle Lehre aus dem Gleichnis unseres Herrn ziehen: Es geziemt sich nicht dem, der Bote Gottes sein könnte, selbst zu entscheiden, wem er das Wort Gottes bringt oder vorenthält, wen er als zu hartherzig oder in Sünde verstrickt beurteilt, als zu leichtfertig oder unstet, zu beschäftigt mit anderen Dingen oder zu versunken in Vergnügen und Luxus. Das Evangelium ist für jeden und die Evangelien und die Geschichte des Christentums bieten viele Beispiele der Bekehrung aller drei Arten von Menschen. Es obliegt uns allen, die wir versuchen Christus zu folgen, den Boden unserer Seele zu jäten; denen zu widerstehen, die unseren Glauben verurteilen oder lä- cherlich machen; die Erfahrung der Heiligen Ernst zu nehmen, die uns Vorbild sind in der Vertiefung unseres Glaubens durch Gebet, Fasten und gute Werke; und überzeugt zu sein, daß es unmöglich ist ein Doppelleben im Dienst an Gott und an den Götzen dieser Welt zu führen. Dann können auch wir als Menschen bezeichnet werden, die Frucht bringen. 

 

Quelle: Erzbischof Dmitri (Orthodox Church in Ameica:

The Parables, Biblical, Patristic and Liturgical Interpretation, New York 1996.

 

 

Der Sämann 

 

Das Gleichnis vom Sämann aus der Evangeliumsperikope vom 4. Lukas-Sonntag (Lk 8,5-15), ist wahrscheinlich das bekannteste aus den Evangelien. Aber dieses Gleichnis ist vielleicht besser in seinen negativen Aspekten bekannt (in den Beispielen des Samens, der keine Frucht bringt) als in seinen positiven. Natürlich wissen wir, dass der Same wächst, wenn er auf „guten Boden“ fällt, aber wir sehen wohl nicht so recht die Bedingung für sein Keimen, die im Evangelium genannt werden. 

 

Jesus erklärt seinen Jüngern – Er sprach hier nicht zu einer Volksmenge – dass der Samen das Wort Gottes ist. Der Sä- mann, d.h. Gott oder Gottessohn, sät den Samen. Manchmal fällt der Samen auf den Weg, die Vorübergehenden treten darauf und die Vögel picken ihn auf. Diejenigen, bei denen er auf den Weg gefallen ist, haben das Wort zwar gehört, aber der Teufel kommt und reißt es ihnen wieder aus dem Herzen. Manchmal fällt der Samen auf einen Felsen und weil er dort kein Wasser bekommt, trocknet er aus und verdorrt. Diejenigen, die das Wort zwar freudig aufnehmen, aber keine Wurzeln haben, verlieren was sie empfangen haben, wenn sie in Versuchung kommen. Manchmal fällt das Wort zwischen die Dornen und die Dornen ersticken es. So ersticken auch weltliche Sorgen, Reichtum und Vergnügungen das Wort, das doch schon begonnen hatte Wurzeln zu schlagen. Und manchmal fällt das Wort auf „guten Boden“ und bringt hundertfache Frucht. Das sind diejenigen, „die das Wort mit gutem und aufrichtigem Herzen hören und daran festhalten“

 

Es genügt nicht, dass das Wort „auf guten Boden“ fällt. Die Gründe warum der Samen in den anderen Beispielen keine Frucht bringt, zeigen uns die Bedingungen, die für ein wahrhaft spirituelles Leben nötig sind. Wir dürfen nicht am Weg bei den Vorübergehenden stehen bleiben. Bis zu einem gewissen Maße ist ein Rückzug von der Welt nötig, Stille, innere Einkehr (das Ausmaß ist zwar individuell unterschiedlich, aber in jedem Falle ohne Ausnahme notwendig), die beschützt, was göttlich gesät wurde. Der Boden, auf den der Samen fällt, muss feucht sein, er muss oft und regelmäßig begossen werden; das heißt dass wir dauernd und regelmäßig zum Gebet und zu anderen Quellen der Gnade Zuflucht nehmen müssen, ohne uns auf Gefühlsmomente oder eine ‚Inspiration’ zu verlassen. Wir dürfen uns nicht einfach weigern ein festes Raster in unserem Leben zu haben, wie feste Tagesabläufe oder gewisse Lebensregeln: diese sind vielleicht ein nutzloses Hindernis für den freien Flug des Adlers, aber meistens sind sie ein Hilfe für die Kinder und die Krüppel, die wir sind. Wir dürfen den Dornen, d.h. den Reizen und Zerstreuungen dieser Welt nicht erlauben, das Wort zu ersticken: das sind nicht sträfliche Leidenschaften oder weltliche Reichtümer oder übertriebener Ehrgeiz; oft behindern Vergnügungen, die an sich nicht notwendigerweise schädlich sind (Reisen, Partys, Theater, Romane usw.) eine innige Beziehung zwischen Gott und uns. Der „gute Boden“ ist eine Mischung aus natürlichen Gaben und der Gnade (und die Gnade kann auch natürliche Mängel ausgleichen). Aber, auch wenn „guter Boden“ da ist, ist doch kein geistliches Leben möglich ohne tägliche und geduldige Anstrengung, ohne gewisse Dinge zu unterdrücken, ohne eine gewisse Regelmäßigkeit und Stabilität sowohl im weltlichen wie im geistlichen Leben (die „Wurzeln“), ohne innere Einkehr und Gewissenserforschung (diese Ausdrücke sind zwar modern, aber die Wüstenväter haben das alles schon gemacht). Kurz gesagt, der Same des Wortes kann in uns nicht wachsen und gedeihen ohne eine gewisse Askese. Askese ist nicht in Mode: die Leute reden lieber über Spiritualität. Aber es gibt kein wahrhaft spirituelles Leben ohne ein asketisches Fundament: Das Wort Gottes wird nicht Besitz von unserer Seele ergreifen, wenn wir nicht den Boden bearbeitet und die Dornen zurück geschnitten haben.

 

Unser Herr sagt zu den Jüngern, dass Er in Gleichnissen redet, denn andere „sollen sehen und doch nicht sehen, hören und doch nicht verstehen“. Diese Worte sind nicht unbedingt als Zurückweisung oder endgültige Verdammung derer zu verstehen, denen es nicht gegeben ist, „die Geheimnisse des Reiches Gottes zu erkennen“. Im Gegenteil, unser Herr hat Mitleid mit denen, die noch nicht bereit sind, seine Lehre freudig aufzunehmen. Deshalb lehrt er in Gleichnissen, gleichsam verschleiert. Die Seelen, die bereit sind zu hören – und zu hören wünschen – werden die geheimnisvolle Bedeutung der Gleichnisse verstehen. Die anderen werden sie nur nach dem Buchstaben hören und nicht verstehen. Dass Er diese damit im Dunkeln lässt, erspart ihnen die Sünde der bewussten Zurückweisung der göttlichen Botschaft. Aber sie sind nicht von der Aussage der Botschaft ausgeschlossen. Denn durch ihre eindruckvolle Erzählung, ihre lebhaften Bilder wird das Gleichnis einen bleibenden Eindruck auch auf die machen, die sie nicht verstehen; sie wird in ihrem Gedächtnis haften bleiben und vielleicht kommt der Tag, wenn auch sie bereit sein werden zu verstehen und wenn unter dem Eindruck der Worte, an die sie sich erinnern, ihnen der Geist der Botschaft klar wird. 

 

Quelle: A Monk of the Eastern Church:

The Year of Grace,

A Spiritual and Liturgical Commentary

on the Calendar of the Orthodox Church, Crestwood N.Y. 1992.

 

Auferweckung des Sohnes der Witwe von Nain.
Auferweckung des Sohnes der Witwe von Nain.

 

Die Witwe von Nain

 

An diesem zwanzigsten Sonntag nach Pfingsten (3. Lukas-Sonntag) zeigt uns die Kirche, wie das Erbarmen Jesu einen Sieg über den Tod davonträgt. Jesus kommt durch die Stadt Nain; Er trifft auf den Leichenzug des einzigen Sohnes einer Witwe; bewegt vom Schmerz der Mutter, heißt Er sie, nicht zu weinen; dann fasst Er die Bahre an und befiehlt dem jungen Mann aufzustehen. Der Tote richtet sich auf, beginnt zu sprechen, und Jesus übergibt ihn seiner Mutter. Das Volk wird von Furcht ergriffen und preist Gott (Lukas 7:11-17).

 

Wie gesagt, das Thema dieses Evangeliums ist das Erbarmen Jesu. Durch reinen Zufall trifft Jesus auf diesen Leichenzug. Jesus ist fremd in Nain, Er ist der Familie fremd, die das Leid getroffen hat. Es scheint keinen Grund zu geben, aus dem Jesus in Nain Seine besondere Kraft zeigen will. Aber doch, es gibt einen Grund, einen einzigen Grund: Jesus, der den Schmerz der Mutter sieht, „hatte Mitleid mit ihr“. Das erste Wort Jesu ist nicht der dem Toten gegebene Befehl, sondern das an die Mutter gerichtete tröstende Wort: „Weine nicht!“ Und als der junge Mann sich aufrichtet, lesen wir im Evangelium nicht, dass Er zu ihm gesprochen hat (auch wenn er ohne Zweifel zu ihm gesprochen hat), sondern wir lesen, dass Jesus „ihn seiner Mutter gab“. (Man bemerke, dass das Evangelium sagt, „ihn gab“ und nicht „ihn zurückgab“. Indem Jesus den jungen Mann auferweckt, hatte Er ein besonderes Besitzrecht über ihn erlangt, und diese barmherzige Gabe macht Er jetzt der Mutter.)

 

Auferweckung der Tochter des Jairus.
Auferweckung der Tochter des Jairus.

 

Die Evangelien berichten von drei durch Jesus bewirkten Auferweckungen: die  des Sohnes der Witwe von Nain, die von Jairus' Tochter und die des Lazarus. In allen drei Fällen scheint in erster Linie das Mitleid Jesu gegenüber dem Schmerz der Nächsten der Grund für das Wunder zu sein. Die drei Fälle zeigen uns einen liebenden und mitfühlenden Jesus. Wenn auch dieser Mitleidsgedanke zuvorderst betont werden muss, so darf man doch nicht verkennen, dass die Auferweckungswunder auch einen anderen Grund haben: sie offenbaren, dass der Messias alle Macht über das Leben und den Tod hat.

 

Auferweckung des Lazarus.
Auferweckung des Lazarus.

 

Einige Details des heutigen Evangeliums bringen diese Macht ans Licht: da ist die Autorität, mit der Jesus den Leichenzug stoppt; die feierliche und gebieterische Form Seiner Worte: „Ich befehle dir, junger Mann: Steh auf!“; und die Tatsache, dass der Evangelist, der in den ersten Zeilen desselben Kapitels einfach von „Jesus“ spricht, jetzt das Wort „Herr“ gebraucht: denn es handelt sich um die Begegnung des Herrn des Lebens mit dem Tod und menschlichem Schmerz. Bemerken wir, dass die drei in den Evangelien überlieferten Auferweckungsfälle alle aufeinanderfolgenden physischen Aspekte des Todes betreffen. Jesus auferweckt die noch auf ihrem Bett liegende Tochter des Jairus, Er auferweckt den Sohn der Witwe von Nain, den man auf einer Bahre trägt, Er auferweckt den schon beigesetzten und zerfallenden Lazarus: Die Herrschaft Jesu über den Tod ist vollkommen; das gilt für die verschiedenen Aspekte des geistigen wie auch des physischen Todes, und die Auferweckungsberichte der Evangelien zeigen symbolisch, wie Jesus das Leben den Sündern wiedergibt.

 

Christus heilt die Schwiegermutter des Petrus.
Christus heilt die Schwiegermutter des Petrus.

 

Schließlich sollte man mehr Aufmerksamkeit, als es im allgemeinen geschieht, auf die Rolle der Frauen beiden Fällen von Auferweckung richten. Hier ist es der Schmerz der Mutter, der Jesus bewegt (und man könnte sagen, dass die Witwe von Nain einen wichtigeren Platz im heutigen Evangelium hat als ihr Sohn). Die Frau des Jairus vereint ihre Tränen denen ihres Mannes. Marta deutet Jesus an, dass Er ihren Bruder auferwecken könnte. Ähnlich ist es außerhalb der Evangelien. Petrus auferweckt Dorkas (Gazelle) auf das Drängen der Witwen von Lydda (Apostergeschichte 9:36-41). Elias auferweckt den Sohn der Witwe von Sarepta wegen des Schmerzes der Mutter (3. Könige 17:17-23). Auch wegen der Mutter auferweckt Elischa den Sohn der Schunemiterin (4.Könige 4:18-37). Der Verfasser des Briefes an die Hebräer hat also recht zu schreiben: „Frauen haben ihre Toten durch Auferstehung zurückerhalten“ (Hebräer 11:35). Vielleicht werfen diese Textstellen (wie das heutige Evangelium) ein verschleiertes Licht auf einen Aspekt des spirituellen Dienstes der Frauen. DieBekehrung der Sünder ist der Auferstehung der Toten ähnlich; nun hat das Gebet der Frauen, insbesondere der Mütter und der Frauen, deren Leben vollkommen Gott geschenkt und geweiht ist, oft einen bemerkenswert wirkungsvollen Wert der Fürbitte, und in diesem Sinn kann ein verborgenes und kontemplatives Leben ein apostolisches Leben sein.

 

 

Quelle: Ein Mönch der Ostkirche, Das Jahr der Gnade des Herrn,

eine Einführung in das orthodoxe liturgische Jahr.

 

 

Predigt zum Herrentag des Gedenkens an die Vertreibung aus dem Paradies (Matthäus 6: 14-21)

 

Erzpriester Michail Rahr

 

Liebe Brüder und Schwestern, 

 

der letzte Sonntag vor dem Beginn der Großen Fastenzeit ist dem Gedenken an die Vertreibung unserer Ureltern aus dem Paradies gewidmet. Wir wurden in den zurückliegenden Wochen schon liturgisch auf die Zeit der „geistlichen Melancholie“ eingestimmt – sowohl durch die Gebete und Hymnen aus dem Fastentriodion, als auch durch die entsprechenden Lesungen aus der Heiligen Schrift. Im Morgengottesdienst sangen wir noch gestern: „An den Flüssen Babylons, dort saßen wir und weinten, wenn wir an Sion dachten“ (Ps. 136: 1). Dieser von heftigstem Heimweh durchdrungene Psalm, den die Juden in der babylonischen Gefangenschaft sangen, drückt auf lyrisch-prophetische Weise auch unsere Sehnsucht nach der verlorengegangenen Harmonie mit unserem Schöpfer aus. So müssen auch Adam und Eva einst bitterlich weinend vor den Toren des verschlossenen Paradieses gestanden haben. - Und weiter wurde uns im Gleichnis vom verlorenen Sohn deutlich gemacht, dass die Erkenntnis der eigenen Verfehlungen Ausgangspunkt für die Rückkehr in das Haus des Himmlischen Vaters  sein muss (s. Lukas 15: 17-18).

 

 

Auch wenn die Strafe für den Sündenfall hart erscheinen mag, hat Gott doch niemals den Menschen Seine Gnade entzogen. Denn würde uns Gott auch jetzt nur nach unseren Werken vergelten, wäre niemand vor schlimmster Strafe sicher: „Wenn Du auf das Unrecht acht hättest, Herr, Herr, wer könnte bestehen“ (Psalm 129: 3). So aber ist Gottes Gnade unendlich, denn Er hat es so gefügt, dass wir es selbst in der Hand haben, ob uns Seine allesverzeihende Milde zuteil werden soll, oder nicht. „Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer Himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben“ (Matthäus 6: 14-15). So einfach ist das. Wir sind mit einem freien Willen, mit Herz und Verstand ausgestattet, und nun hängt es von uns ab, ob wir unseren Nächsten ihre Verschuldigungen unsgegenüber verzeihen wollen, oder nicht. - Können wir denn überhaupt begreifen, welche Macht wir von Gott anvertraut bekommen haben?! Mit in unseren Händen liegt die Entscheidung über unser ewiges Wohl und Wehe! Und deshalb dürfen wir es niemals zulassen, dass Hass, Streit und Zwietracht unser familiäres, gemeindliches, gesellschaftliches oder sonstiges Zusammenleben beeinträchtigen. Die metaphorische Ankündigung des letzten Gerichts, die wir vor einer Woche hörten, zeigt uns ja, was passiert, wenn sich am Ende herausstellt, dass wir für Gott wie Fremde waren, weil wir Seine Kinder nicht als unseresgleichen betrachtet haben. Nach den Worten des Apostels sind wir doch dazu berufen „Kinder Gottes ohne Makel mitten in einer verdorbenen und verwirrten Generation“ zu sein, unter der wir „als  Licht der Welt“ leuchten mögen (Philemon 2: 15). Alle sonstigen frommen Werke, jegliche Form der Enthaltsamkeit werden uns dann nicht nützen, wenn wir unserem Nächsten gegenüber keine Milde walten lassen wollen bzw. wenn wir für Außenstehende kein leuchtendes Vorbild, sondern abstoßendes Beispiel für isolatorische Selbstherrlichkeit sind. Es kann doch wahrlich nichts Schlimmeres geben, als beim Einlassbegehren zum Brautgemach Christi Adressat dieser Worte zu sein: „Amen, Ich sage euch: Ich kenne euch nicht“ (Matthäus 25: 12). Mögen wir alle davor bewahrt werden, dann wieder vor verschlossenen Türen des zu stehen, - diesmal aber endgültig, für immer und ewig.

 

 

Davor will uns die Kirche behüten. Alles, was die Heilige Schrift über die Endzeit und das Strafgericht Gottes verkündet, dient zu unserer Erbauung, damit wir permament auf der Hut sind und die Zeichen der Zeit erkennen. Niemand soll jedoch dabei in Angst und Panik geraten oder sich gar zu unüberlegten Schritten verleiten lassen und falschen Propheten nachlaufen (siehe Lukas 21: 8). Aber eine Warnung sollten wir besonders ernst nehmen, dass nämlich der Hass sogar zwischen den nächsten Verwandten Ursache für das Verderben vieler Menschen sein wird (siehe Lukas 21: 16-17). Und deshalb ist es als prophylaktische Maßnahme unerlässlich, während der Großen Fastenzeit ein Gegengift in Form von Nächstenliebe zu entwickeln. Das ist das Kriterium, anhand dessen wir in sieben Wochen feststellen können, ob wir richtig gefastet haben, oder wieder mal bloß nach „Schema F“ vorgegangen sind.

 

Der christliche Glaube basiert doch darauf, dass der Mensch gewordene Gott Sein Erlösungswerk nicht in Form einer „persönlichen Beziehung“ des Individuums mit seinem Erlöser anbietet, sondern zur Errettung des Menschen die Kirche gegründet hat, ohne die es kein Heil gibt. Somit ist es nur folgerichtig, dass wir all jene, die Christus aus Liebe zu ihnen erlöst hat, ebenso lieben. Nur gemeinsam mit ihnen allen, in der Kirche, können alle Menschen zur Einheit im Glauben gelangen, welche uns alle zu Kindern Gottes macht, die gemeinsam den Weg des Heils beschreiten. In in der heutigen Lesung heißt es: „Bedenkt die gegenwärtige Zeit: Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf. Denn jetzt ist das Heil uns näher als zu der Zeit, als wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe, darum lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts. Lasst uns ehrenhaft leben wie am Tag, ohne maßloses Essen und Trinken, ohne Unzucht und Ausschweifung, ohne Streit und Eifersucht. Legt (als neues Gewand) den Herrn Jesus Christus an, und sorgt nicht so für euren Leib, dass die Begierden erwachen“ (Römer 13: 11-14). Das vollzieht sich aber nicht automatisch, sondern erfordert von jedem einzelnen ein Höchstmaß an Einfühlungsvermögen und Duldsamkeit: „Nehmt den an, der im Glauben schwach ist, ohne mit ihm über verschiedene Auffassungen zu streiten. Der eine glaubt, alles essen zu dürfen, der Schwache aber isst kein Fleisch. Wer Fleisch isst, verachte den nicht, der es nicht isst; wer kein Fleisch isst, richte den nicht, der es isst. Denn Gott hat ihn angenommen. Wie kannst du den Diener eines anderen richten? Sein Herr entscheidet, ob er steht oder fällt. Er wird aber stehen, denn der Herr bewirkt, dass er steht“ (Römer 14: 1-4).

 

 

Für uns alle ist nun diese Zeit da. Sie ist ein Geschenk der Liebe Gottes. Lassen wir sie nicht ungenutzt verstreichen. Vergeben wir uns also gegenseitig von ganzem Herzen, damit wir selbst Gnade vor unserem Herrn und Richter finden! Und sorgen wir uns lediglich in dem Maße um den Leib, wie es für ein gesundes und vollwertiges Leben notwendig ist. All das sind unerlässliche Grundvoraussetzung dafür, um den Herrn Jesus Christus als neues Gewand anlegen zu können, denn darum soll es uns gehen im Vorfeld der Großen Woche und der Auferstehung des Herrn. Amen.

 

 

Über das Hören des Wort Gottes

 

Geistliche Betrachtung über das Gleichnis vom Sämann (Markus 4: 1-9)

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Viele Menschen lassen sich sehr schnell von etwas begeistern. Wenn ihnen jemand etwas Erstrebenswertes vor Augen stellt, dann wollen sie dies unbedingt verwirklichen. Vor allem junge Menschen besitzen die Fähigkeit, sich für Ideale zu begeistern und sich dann mit ganzer Kraft für ihre Umsetzung einzusetzen.

 

Dieser fest entschlossene Anfang ist an für sich gut und richtig. Das gilt sowohl im geistlichen wie im weltlichen Leben. Die entscheidende Frage aber ist, ob der entsprechende Mensch nicht nur einen guten Anfang zu setzen vermag, sondern es ebenfalls versteht, den ursprünglichen Elan auf dem Weg zum Ziel hin am Leben zu erhalten. Denn wo echte Werte im Spiel sind, wo es um jene Ideale geht, die unser Leben tragen sollen, da gibt es nun einmal keine schnellen Erfolge. Die Heiligen Väter beschreiben aus diesem Grund den geistlichen Weg eines Christen als permanenten Einübungsweg[i]. Ein mit mir befreundeter orthodoxer Mönch verglich diesen einmal mit einem Ruderboot, das unser geistliches Leben symbolisieren soll. Wir sitzen in diesem Boot auf dem Fluss unseres Lebens mit seinen alltäglichen Problemen und Schwierigkeiten. Rudern wir nicht mehr, machen wir also keine geistlichen Anstrengungen mehr, so wird die Strömung, das sind die alltäglichen Versuchungen unserer kleineren oder größeren Sorgen, aber ebenso die Oberflächlichkeit und Nichtigkeiten, mit der der Widersacher unser Leben aus der geistlichen Bahn zu werfen versucht, uns immer weiter zurücktreiben lassen. Resignieren wir dann innerlich, geben wir unsere geistlichen Bemühungen auf, so drohen wir an den Sandbänken und Felsinseln unserer Leidenschaften und sündhaften Gewohnheiten existenziellen Schiffbruch zu erleiden.

 



[i] Askese (griechisch σκησις) ist ein vom griechischen Verb askeín (σκεν) =üben abgeleiteter geistlicher Begriff in den Schriften der Heiligen Väter.

 

 

Das menschliche Leben kann oft sehr mühsam sein. Es begegnen uns Schwierigkeiten, innere und äußere Widerstände. Dies ist nicht etwa so, weil Gott uns in Versuchung führen will, sondern weil Er möchte, dass wir im Glauben an Ihn zur vollen Reife eines geistlichen Menschen heranwachsen. Gott möchte, dass wir geistlich reif werden, das heißt, dass wir uns immer mehr in das demütige Vertrauen auf Seine Gnade einüben. Der heilige Apostel Paulus sagt: „Wir sollen nicht mehr Unmündige sein, hin und hergeworfen und umhergetrieben von jedem Windhauch der Meinungen … sondern in allem hinwachsen zu Ihm, der das Haupt ist, Christus“ (Epheser 4, 14–15). Deshalb geht es im Leben eines Christenmenschen um das Erlangen geistliche Reife, also um Vertiefung unserer Gottesbeziehung. Dieses wachsen in der Gottesbeziehung bezeichnen die Heiligen Väter mit dem griechischen Wort der „Theosis“. Die Theosis ist jedoch nichts von uns selbst Gemachtes, das heißt, wir können sie nicht aus unserem eigenen Vermögen, auch nicht aus unseren geistlichen Bemühungen heraus erschaffen. Somit ist Askese im orthodoxen Verständnis eben kein spiritueller Leistungssport weniger auserwählt Frommer, sondern ein geduldiges Einüben aller gläubigen Christen, damit wir es mehr und mehr erlernen, das Geschenk der göttlichen Gnade anzunehmen. Somit ist und bleibt die Theosis ein Geschenk jener fortdauernden göttlichen Liebe zu uns, mit der Gott unser Heil wirkt. Deshalb sind unsere geistlichen Bemühungen nur eine gläubige Antwort, ein Annehmen des göttlichen Gnadengeschenkes, denn alles Gute und jegliche Güte hat ihren Ursprung und Quell in Gott dem Herrn allein. Damit wir aber in der Lage sind, diese Gabe Gottes im Herzen anzunehmen, müssen wir durch die christliche Askese, die geduldige Einübung in das geistliche Leben eines Christen, unser Herz dafür auch bereit machen.

 

Im Gleichnis vom Sämann spricht unser Herr Jesus Christus zu uns darüber, womit der Einübungsweg in ein geistliches Leben beginnt: Denn der erste Schritt auf diesem Weg ist unsere Bereitschaft, auf die Botschaft des Heiligen Evangeliumshören zu wollenAn der Art, wie wir zuhören, ob wir innerlich bereit sind, unser Herz[i]  und unseren Geist [ii] für Gottes Heiliges Wort zu öffnen, entscheidet sich maßgeblich, ob der Same der frohen Botschaft[iii] in unserem Herzen Wurzeln schlagen kann und dann beginnen wird, dort Frucht zu bringen. Während gläubige Christen die Heilige Schrift als sicheren Wegweiser auf dem geistlichen Weg zur Aneignung des in Christus gewirkten Heiles ansehen und wir Orthodoxen sie darüber hinaus als die Heilige Ikone des Göttlichen Wortes betrachten, durch die uns Jesus Christus, den Eingeborenen Sohn Gottes, das Wort[iv] des Vaters, der aus Rettungsliebe zu uns Mensch geworden ist, aufscheint und die deshalb beim Kleinen Einzug der Göttlichen Liturgie[v] feierlich in unsere Mitte getragen wird, stehen im Herzen vieler anderer Menschen dem rechten Hören auf das Wort Gottes verschiedenste Widerstände und große Missverständnisse über das Wesen des Wort Gottes entgegen. Denn diese Menschen betrachten die Heilige Schrift entweder als eine Art kirchliches Märchenbuch voller phantastischer Geschichten oder als ein trickreiches psychologisches Mittel der Kirche zur Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit, als ein moralisch nutzbares Herrschaftsinstrument zur Aufrechterhaltung ihrer Kontrolle. Nichts ist weiter von der frohen Botschaft Christi entfernt, als diese beiden Irrtümer. Aber richtig ist, dass wir beim Lesen oder Hören der Heiligen Schrift immer das finden werden, was wir vorher auch zu finden erwarten. Denn der Verständnisschlüssel der heiligen Worte ist der Glaube. Wer keinen Glauben besitzt, wird aus den Worten der Schrift nur Fabeln oder Zwang vernehmen, wer aber glaubt, wird dagegen Christus zu sich sprechen hören , denn Er ist „das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. Er war in der Welt, und die Welt ist durch Ihn gemacht; aber die Welt erkannte Ihn nicht. Er kam in Sein Eigentum; und die Seinen nahmen Ihn nicht auf. Allen aber, die Ihn aufnahmen, denen gab Er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an Seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind“ (Johannes 1:9-13). Deshalb ist der Glaube der Weg zur „Freiheit der Kinder Gottes.“ Wir werden weder gegen unseren eigenen freien Willen, noch automatisch oder gar durch Zauberhand erlöst. Es braucht also, um mit den Bildern des Gleichnisses vom Sämann zu sprechen, einen geeigneten geistlichen Boden, ein gutes vorbereitetes Erdreich. Das Samenkorn des Wortes Gottes bedarf der Nährstoffe, des Wassers und der Sonne, damit es heranreift und schließlich zu einer Pflanze oder gar einem großen Baum wird und reichlich Frucht trägt.

 



[i] Nach der Lehre der Heiligen Väter ist das Herz das Personenzentrum des Menschen, der Sitz seiner unsterblichen Seele.

 

[ii] Im orthodoxen Verständnis ist der Geist (giechisch: nous) weit mehr als bloß unser Verstand. Er ist die Summe aller kognitiven Kräfte des Menschen, sowohl seiner verstandesmäßigen als auch seiner seelischen.

 

[iii] Evangelium von griechisch: euangelion = frohe Botschaft.

 

[iv] Christus ist der Eingeborene Sohn Gottes, das Wort (Logos) Gottes des Vaters (vgl: Johannes 1: 1-18)

 

[v] Zum kleinen Einzug singen wir: „Kommt, lasset uns anbeten und niederfallen vor Christus, errette uns, Sohn Gottes, der du von den Toten auferstanden bist, die wir Dir singen: Halleluja.“

 

 

So ähnlich ist es auch mit unserem Herzen. Auch dieses braucht eine Aufnahmebereitschaft, eine Vorbereitung für das Wort Gottes. Wer nur so dahinlebt und sich um Gott nicht kümmert, wer sein Leben auf Egoismus und Materialismus gründet, wer nur die Güter der Schöpfung Gottes für sich alleine genießen will, ohne an das Wohlergehen und das Heil seiner Mitmenschen denken zu wollen, wer sich egoistisch in sich selbst verschließt, der wird auch achtlos vorübergehen, wenn Gott zu ihm spricht. So handelte der Reiche, der den armen Lazarus vor seiner Tür ein ganzes Menschenleben lang übersah (vgl.: Lukas 16: 19-31). Nicht das er reich an irdischen Gütern war, war sein Problem, sondern das sein Denken und Fühlen ganz auf sich selbst und sein egoistisches Wohlergehen gerichtet war, so dass ihm Gott und seine Mitmenschen vollkommen egal waren. Ein solcher Mensch mag das Wort Gottes zwar hören, aber er misst ihm keinen Wert oder das Leben verändernde Bedeutung bei. Und bevor er sich auf Gott einlässt, hält er es für besser, nur auf sich selbst zu schauen und ganz auf die eigenen Kräfte zu vertrauen. Wenn wir uns in solch ein Gedankengebäude selbst einschließen, dann leben wir ein Leben, indem es Gott nicht gibt. Und weil wir dann unser Leben so leben, als ob es Gott nicht gäbe, wird auch Gott nach unserem irdischen Ende nicht zur Gemeinschaft mit Ihm zwingen. Er wird vielmehr unsere Ablehnung Ihm gegenüber, die unser ganzes Leben geprägt hat, akzeptieren. Das werbende Wort Gottes fiel dann zeit unseres Lebens auf den Weg und wurde von den Vögeln der Selbstsucht aufgefressen. Christus lässt uns durch die vielfache Mahnung des Evangeliums nicht im Unklaren darüber, wohin die lebenslange Ablehnung Gottes führt: Der Reiche findet sich in der Hölle seiner selbstgewählten Gottesferne wieder.

 

Es gibt aber auch Menschen, die sind übervoll von eigenen und fremden Sorgen. Sie leben sehr gewissenhaft, aber kreisen doch nur immer um sich selbst. Der Alltag hat sie voll im Griff; es bleibt kaum Zeit für Angehörige und Freunde und schon gar nicht für Gott. Diese Menschen nehmen sich weder für das geistliche Leben, geschweige denn für den Besuch der Gottesdienste noch für Zeiten des Gebetes Zeit. Immer ist etwas Wichtigeres zu tun. Gott muss in ihrem Leben halt warten. Und Er wartet voll Liebe und geduldig darauf, dass die Menschen Seine liebevolle Einladung hören mögen. Doch das Konzert der Bedürfnisse ist immer lauter als die leise Stimme der Einladung Gottes. Hier können wir sagen, dass der Same des Wortes Gottes zwar gehört wird, aber nicht bis in Herz der Menschen durchdringen kann, sondern gleichsam unter die Dornen des geschäftigen Lebens fällt. Natürlich kann dann dieses Samenkorn nicht aufblühen, weil die Dornen der Sorgen und der Geschäftigkeit jeden geistlichen Impuls quasi im Keim wieder ersticken.

 

Wie aber sieht es aus mit einem Menschen, der sich schnell begeistern lässt für die gute Botschaft Gottes, die er hört? Wird das Wort Gottes in seinem Herzen auf fruchtbaren Boden fallen? Fürs erste scheinbar schon. Wir kennen das aus unserem eigenen geistlichen Leben: Die hohen Vorsätze und jener große Eifer, mit dem wir zu Beginn der Fastenzeit beginnen. Doch unser Herr Jesus Christus warnt uns mit Seinem Gleichnis - nicht vor dem hohen Entschluss und der guten Absicht - sondern davor, in einer allzu schnellen Begeisterung die notwendigen kleinen Schritte, die das geistliche Leben vor allem ausmachen, überspringen zu wollen. Es fehlt uns dann das notwendige Fundament der geduldigen Einübung in das geistliche Leben. Ein solcher Mensch ist dann oberflächlich schnell für etwas zu begeistern, doch wenn die Versuchungen auftauchen, wenn er in Bedrängnis gerät, wenn er sich angesichts mancher Prüfungen und Widrigkeiten für Gott und das geistliche Leben entscheiden soll, dann gibt er wieder viel zu schnell auf. Es scheint ihm zu mühevoll wieder und wieder durch dem Empfang der  Heiligen Beichte aufzustehen, wenn er durch die Versuchungen in die Sünden gefallen ist – und so richtet er sich vielleicht sogar in einem äußerlich kirchlich erscheinenden Leben ein. Doch jedes ernsthafte Streben nach dem Erlangen der Heiligkeit ist im Herzen dieses Menschen bereits erloschen.

 

Um nicht missverstanden zu werden: Das Gleichnis des Herrn beschreibt hier uns alle – einen jeden von uns. Wir alle stehen in der permanenten Versuchung, der geistlichen Lethargie nachzugeben, die erste Liebe zu verraten und uns immer mehr in der Mittelmäßigkeit eines erkaltenden christlichen Lebens einzurichten. Das Wort Gottes fällt dann in uns gleichsam auf Felsen, der nur noch an der Oberfläche ganz dünn mit dem Humus des Glaubens bedeckt ist. Was so verheißungsvoll begonnen hat, findet so ein langsames und immer weiter fortschreitendes geistliches Ende. Gottes Liebe ruft uns immer noch auf den Weg der ewigen Gemeinschaft mit Ihm. Doch in unserem Herzen haben wir bereits aufgehört, den Worten des Herrn Glauben zu schenken. Die Gnade Gottes ist weiterhin da, Seine liebenden Hände sind weit zu uns ausgestreckt. Er sagt gleichsam zu uns: Komm, habe keine Angst. Auch wenn du in der Versuchung der Sünden gefallen bist: Stehe wieder auf! Setze das Streben nach der Gemeinschaft mit mir, die Askese des geistlichen Lebens fort! Hier ist die helfende Hand meiner Gnade!

 

Der Mensch aber hat dann die demütige Bereitschaft zu glauben und auf die Gnade Gottes zu vertrauen bereits innerlich aufgegeben. Die Gnade Gottes und unser darauf antwortender Glaube und das damit verbundene Vertrauen bilden im geistlichen Leben eine Einheit, gleichsam eine spirituelle Kette, an der unser ganzes christliches Leben hängt. Die Gnade Gottes begleitet uns; Gott schenkt uns den guten Anfang, Er begleitet und freut sich über unsere guten Werke und schenkt uns am Ende auch die Vollendung.

 

Wenn der Same des Wortes Gottes in unseren Herzen also in der Beständigkeit eines geistlichen Lebens heranwachsen kann, so wird unser Glaube dadurch zu jenem großen, schattenspendenden Baum werden können, von dem das Gleichnis vom Senfkorn (Matthäus 13:31–32; Markus 4: 30–32) zu uns spricht. Dann werden wir in einem Leben aus der Gnade Gottes heraus reichlich Frucht bringen. Dann wird unser Leben erfüllt sein von jener Gemeinschaft der Gnade mit Gott, die wir orthodoxen Christen die Theosis, die Vergöttlichung nennen. Und dann wird sich an uns das erfüllen, was uns Christus am Ende des Gleichnisses vom Sämann verheißen hat: Die uns durch Gottes Gnade und Erbarmen geschenkte geistliche Frucht unseres Lebens wird unendlich groß sein: 30-fach, ja 60-fach und sogar 100-fach. Denn Gottes Liebe beschenkt uns dann mit einer Gnadenfülle, die keine Grenzen kennt. Amen.

 

 

Die Auferweckung des Mädchens -

ein Hinweis auf die Auferstehung aller Menschen

 

Eine Predigt des Heiligen Johannes Chrysostomus

(Johannes Chrysostomos, 31. Homilie zum Matthäus-Evangelium, 2-4)

 

Nachdem Christus in die Welt gekommen ist, ist der Tod nur noch ein Schlaf. Gleichwohl verlachte man ihn; er aber wurde nicht ärgerlich, als man ihm keinen Glauben schenkte in der Angelegenheit, in der er kurz darauf ein Wunder wirken wollte. Auch für das Lachen tadelte er niemanden, damit er selbst, die Spieler der Flöten und Zimbeln und alles andere zum Zeugnis für den tatsächlichen Tod des Mädchens wurden. ... Als er die Zimbeln und das Volk sah, schickte er sie alle hinaus und wirkte das Wunder in Gegenwart der Eltern; sonst ließ er keine Seele herein. Allein die, die wirklich fortgegangen war, führte er wieder herbei und weckte sie wie aus einem Schlaf auf. Er fasste das Mädchen bei der Hand und vollbrachte das Wunder vor den Augen der Zeugen, um sie durch das Geschaute auf den Glauben an die Auferstehung vorzubereiten. Der Vater hatte gebeten: »Leg ihr die Hand auf« (Matthäus 9: 18). Jesus aber tut mehr. Er legt sie dem Mädchen nicht nur auf, er fasst es bei der Hand und lässt es aufstehen; damit zeigt er, dass ihm alles untertan ist. Ja er lässt es nicht nur auferstehen, er heißt es auch, Speise zu sich zu nehmen, damit niemand das Geschehen für eine Täuschung halte....

 

Du aber bedenke nicht nur die Auferstehung, sondern auch die Tatsache, dass der Herr befahl, niemand davon zu erzählen. Das vor allem lerne daraus, demütig und bescheiden zu sein! Außerdem beachte, dass er die Klageleute aus dem Haus wies und sie einer solchen Gottesschau für unwürdig erklärte. Du aber geh nicht mit den Flötenspielern hinaus, sondern bleibe mit Petrus, Johannes und Jakobus drinnen. Wenn der Herr damals schon solche Leute fortschickte, dann erst recht heute. Damals war es ja noch nicht offenbart, dass der Tod ein Schlaf ist; jetzt aber ist dies klarer als die Sonne. - Doch dein Töchterchen hat er nicht auferweckt? - Er wird es ganz gewiss auferwecken in noch hellerem Glanz. jenes Mädchen ist zwar auferstanden, aber es starb dann wieder. Wenn dein Kind aufersteht, bleibt es künftig am Leben, da es unsterblich ist. Niemand soll in Zukunft mehr klagen und weinen und das Heilswirken Christi in Verruf bringen! Er hat ja den Tod besiegt. Was trauerst du über die Maßen? Zum Schlaf ist ja der Tod geworden. Was jammerst du und heulst du? Als das die Heiden taten, muss es schon lächerlich gewesen sein. Wenn sich aber in dieser Angelegenheit ein gläubiger Christ ungebührlich benimmt, welche Entschuldigung hat er dann? ... Die Heiden wissen nichts von der Auferstehung; gleichwohl finden sie Trostworte und sagen: Trage es tapfer; das Geschehen ist nicht zu ändern und durch Wehklagen nicht wieder gut zu machen. Du aber hast doch weisere und bessere Gründe zu hören bekommen als sie und schämst dich nicht, dich ungebührlicher zu benehmen als sie? Wir sagen nicht: Trage es tapfer, weil das Geschehen nicht zu ändern ist, sondern: Trage es tapfer, weil der Verstorbene ganz sicher auferstehen wird; dein Kind schläft nur, es ist nicht tot; es ruht und ist nicht verloren. Die Auferstehung wird ihm zuteil und das ewige Leben, die Unsterblichkeit und das Leben der Engel. ... Wenn jemand trauern muss, dann muss der Teufel trauern. Er soll jammern, er soll klagen, weil wir besseren Gütern entgegengehen. Seiner Bosheit ist dieses Klagegeschrei angemessen, nicht aber dir, da du gekrönt werden und Ruhe finden sollst....

 

Bedenke, dass auch der Sohn Gottes gestorben ist. Er starb um deinetwillen, du aber stirbst um deinetwegen. Er sprach zwar: »Wenn es möglich ist, gehe der Kelch an mir vorüber« (Matthäus 26: 39), er war betrübt und litt Todesangst; gleichwohl ist er dem Tod nicht aus dem Weg gegangen, sondern hat ihn mit großem Ernst durchgestanden. Er hat nicht einfach nur einen Tod auf sich genommen, sondern den schimpflichsten. Und vor dem Sterben wurde er gegeißelt, und vor der Geißelung ertrug er Hohn und Spott und Schmähung. Dir gab er damit die Lehre, alle Leiden tapfer zu ertragen. Obgleich er starb und den Leib ablegte, hat er ihn doch wieder mit größerer Herrlichkeit angenommen; auch dir hat er damit die Erfüllung einer großartigen Hoffnung in Aussicht gestellt. Wenn das keine Fabel ist, trauere nicht; wenn du das für glaubwürdig hältst, weine nicht! Wenn du aber weinst, wie kannst du einen Heiden überzeugen, dass du gläubig bist?

 

Quelle: Andreasbote November 2003

 

 

Das Gleichnis von den bösen Winzern 

 

Erzbischof Dimitri (Royster) Exarch von Mexiko (OCA)

 

 

Das letzte der Gleichnisse, die im Matthäus-Evangelium im 21. Kapitel aufgeschrieben sind, handelt vom Weinberg oder ‚den bösen Winzern’. Im gleichen Kapitel haben wir zuvor gehört, dass der Herr nach Seinem triumphalen Einzug in die Heilige Stadt (Matthäus 21: 1- 11) nach Bethanien (Matthäus 21: 17) ging, um dort die Nacht zu verbringen. Bei Seiner Rückkehr am nächsten Morgen, bei Seiner Begegnung mit den Hohenpriestern und Ältesten (Matthäus 21: 23), klagte Er sie der Falschheit, der Scheinheiligkeit und der Verführung des Volkes an. Er vergleicht sie mit dem unfruchtbaren Feigenbaum, der durch Seinen Fluch verdorrte (Matthäus 21: 19). Dann beschreibt Er ihren Ungehorsam im ‚Gleichnis von den ungleichen Söhnen’ (Matthäus 21: 28-32). Wie der Sohn, der nur versprach in seines Vaters Weinberg zu arbeiten, erfüllen sie nicht den Willen ihres Vaters. Schließlich erzählt Er ihnen das ‚Gleichnis von den bösen Winzern’, die Perikope für den 13. Matthäus-Sonntag (Matthäus 21: 33-41; siehe auch Markus 12: 1-11 und Lukas 20: 9-18). Damit bringt Er Seine Anklage auf den Punkt, auf dass sie gewahr würden, wie sehr sie doch Gottes Heilsplan entstellt hatten.  

 

„Es war ein Gutsbesitzer, der legte einen Weinberg an, zog ringsherum einen Zaun, hob eine Kelter aus und baute einen Turm. Dann verpachtete er den Weinberg an Winzer und reiste in ein anderes Land.“ (Matthäus 21: 33) 

 

Gott hatte das hebräische Volk auserwählt und einen Bund mit ihm geschlossen. Er sorgte für sie, Er versorgte sie, Er verlieh ihnen den Sieg über ihre Feinde. Das Volk war der Weinberg Gottes und in ihm erhielten sie alles was nötig war; sie hatten Land, seine Grenzen waren gesichert, Gesetze und Ordnungen waren von Gott gegeben. Nach dem Heiligen Ambrosius sind die angeführten Einzelheiten als Symbole zu verstehen: der Zaun ist der Schild göttlicher Macht; die Kelter ist der Schauplatz geistiger Anstrengung um die Früchte der guten Werke hervorzubringen; der Turm ist Obdach oder Leuchtturm des Gesetzes, der sie zur Gerechtigkeit führt . 

 

Könige und Priester waren die Verwalter des Weinbergs Gottes und ihre Pflicht war es, das Volk so zu führen, dass es imstande war geistige Frucht zu bringen und treu zum Bund mit Gott zu stehen. Sie schuldeten Gott Treue und Gehorsam. Die Abreise des Gutsbesitzers in ein anderes Land zeigt, erstens, das Vertrauen, das Gott in Sein Volk hatte und, zweitens, Seine Geduld mit ihren Fehlern. Er gab ihnen jede Gelegenheit, das was Er ihnen anvertraut hatte, weiter zu pflegen, auch wenn sie immer wieder versagt hatten. Aber sie hatten immer die Zeit, zu Ihm in Gehorsam zurückzukehren und die Frucht der Heiligkeit zu erbringen. 

 

 

„Als nun die Erntezeit kam, schickte er seine Knechte zu den Winzern, um seinen Anteil an den Früchten holen zu lassen. Die Winzer aber packten seine Knechte; den einen prügelten sie, den andern brachten sie um, einen dritten steinigten sie. Darauf schickte er andere Knechte, mehr als das erstemal; mit ihnen machten sie es genauso.“ (Matthäus 21: 34-36) 

 

Das dritte Buch der Könige (auch erstes Buch genannt) enthält viele Erzählungen der Verfolgung und Ermordung der Propheten (1. Könige 18:4; 19:10; 24- 27). Gott hatte die Propheten gesandt, den Hebräern Seinen Willen zu verkünden und sie von ihrer Sündhaftigkeit und ihrem Götzendienst zurückzurufen, und sie zu ermahnen den Bund mit Ihm zu halten, einen Bund, die sie oft gebrochen hatten. Der Gutsbesitzer im Gleichnisse Jesu schickt seine Knechte wiederholt in Seinen Weinberg, wo sie erschlagen werden. Damit erinnert Er an die schändlichen Ereignisse in der Geschichte des Volkes Gottes. Jeder Jude, der das hörte, würde erkannt haben, was der Herr damit meinte. 

 

„Zuletzt sandte er seinen Sohn zu ihnen; denn er dachte: Vor meinem Sohn werden sie Achtung haben. Als die Winzer den Sohn sahen, sagten sie zueinander: Das ist der Erbe. Auf, wir wollen ihn töten, damit wir seinen Besitz erben. Und sie packten ihn, warfen ihn aus dem Weinberg hinaus und brachten ihn um.“ (Matthäus 21: 37-39) 

 

So groß war die Sorge um Seinen Weinberg, das Haus Israel, dass Er Seinen eigenen Sohn sandte, um zurückzugewinnen was Sein war. Seine Geduld war noch nicht erschöpft, obwohl sie Seine Boten, die Propheten, verstoßen hatten. Vielleicht dachten die Winzer, der Herr würde nie mehr zurückkommen und sie zur Rechenschaft ziehen für die schlechte Bearbeitung Seines Weinbergs. Vielleicht verstanden die Könige und Hohenpriester die Botschaft der Propheten nicht. Jedenfalls beachteten sie diese Botschaft nicht. Sie hatten den Weinberg Gottes in Besitz genommen und benahmen sich, als hätten sie keinen Herrn, dem sie Rechenschaft ablegen müssten. 

 

Allen, die das Gleichnis hörten, war klar, dass Jesus sich nicht nur auf die Zurückweisung und Ermordung der Propheten durch Israel bezog, sondern auch auf Sich als den Sohn, der gekommen war, von den „Winzern“, das heißt von den Hohenpriestern und Ältesten Rechenschaft zu fordern. Er sagte Seinen eigenen Tod voraus, den die religiösen Führer verlangen würden. (Dass die Winzer den Sohn aus dem Weinberg hinauswarfen, erinnert uns daran, dass Christus zu Seiner Kreuzigung aus der Stadt hinaus geführt wurde.) Die Führer mussten Ihn eigentlich als den Erben erkennen, aber sie dachten nicht daran, dass Gott Selbst eingreifen würde, denn Er hatte sie auch nicht für die Misshandlung Seiner Propheten bestraft. Vielleicht betrachteten sie Jesus nur als einen weiteren Propheten, den man ungestraft misshandeln konnte.

 

 

Jedenfalls, so wie die Winzer sich an die Abwesenheit des Gutsbesitzers gewöhnt hatten, so hatten sich auch die Hohenpriester und Ältesten daran gewöhnt zu leben und zu regieren als ob Gott der Herr nicht mehr da wäre. Obwohl sie sicher bereits beschlossen hatten genau das zu tun, was der Herr in Seinem Gleichnis voraussagte, wagten sie es noch nicht Hand an Ihn zu legen, aus Furcht vor der Menge, die ihn für einen Propheten hielt. Der Weinberg als Symbol für das Volk Gottes wird im Alten Testament häufig benutzt. Die Tempelbeamten kannten die Schrift und haben unzweifelhaft die Absicht im Gleichnis des Herrn erkannt. Der Prophet Jesaia hatte genau dieses Gleichnis vorausgesagt, als er Israel seine Verderbtheit vorwarf und seine Verwüstung prophezeite. 

 

„Was konnte ich noch für meinen Weinberg tun, das ich nicht für ihn tat? Warum hoffte ich denn auf süße Trauben? Warum brachte er nur saure Beeren? Jetzt aber will ich euch kundtun, was ich mit meinem Weinberg mache: Ich entferne seine schützende Hecke; so wird er zur Weide. Seine Mauer reiße ich ein; dann wird er zertrampelt. Zu Ödland will ich ihn machen. Man soll seine Reben nicht schneiden und soll ihn nicht hacken; Dornen und Disteln werden dort wuchern. Ich verbiete den Wolken, ihm Regen zu spenden. Ja, der Weinberg des Herrn der Heere ist das Haus Israel, und die Männer von Juda sind die Reben, die er zu seiner Freude gepflanzt hat. Er hoffte auf Rechtsspruch – doch siehe da: Rechtsbruch, und auf Gerechtigkeit – doch siehe da: Der Rechtlose schreit.“ (Jesaja 5,4-7) 

 

Der Herr beendet Sein Gleichnis mit einer Frage an die Hohenpriester und Ältesten: „Wenn nun der Besitzer des Weinbergs kommt: Was wird er mit solchen Winzern tun? Sie sagten zu ihm: Er wird diesen bösen Menschen ein böses Ende bereiten und den Weinberg an andere Winzer verpachten, die ihm die Früchte abliefern, wenn es Zeit dafür ist.“ (Matthäus 21: 40-41) Als sie Seine Frage beantworten, verurteilen sie sich selbst für das, was sie und ihre Vorgänger getan hatten. Gottes gerechtes Urteil kam nicht nur aus ihrem eigenen Munde, denn der Herr sagt ihnen auch, dass sie als Winzer im Weinberg Gottes ersetzt würden. „Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die erwartete Frucht bringt.“ (Mt 21,43) Das neue Volk ist die Kirche Christi, die gebildet wird aus den treuen Jüngern aus jeder Nation und Rasse der Erde. 

 

Allerdings wurde uns dieses Gleichnis nicht geschenkt, damit wir schadenfroh über das Versagen der Juden sind oder die heutigen Juden verachten. Das Gleichnis gibt uns keine Rechtfertigung für Antisemitismus. Das Gleichnis erinnert Christen daran, dass auch sie einen Bund zu halten haben und dass ihre Untreue und ihr Ungehorsam unter den gleichen Fluch fällt. Es gibt keine Propheten mehr, die Gottes Willen verkünden und das Volk richten, dem der Weinberg anvertraut ist. Der letzte und größte Prophet ist gekommen und hat Gott und Seinen Heilsplan für die Menschheit offenbart. Er ist der Sohn Gottes, der wahre Erbe, und „wir sind Kinder Gottes. Sind wir aber Kinder, dann auch Erben; wir sind Erben Gottes und sind Miterben Christi“ (Römer 8: 16-17). Christus hat in der Kirche ein dauerhaftes Zeugnis Seiner Verkündigung hinterlassen, durch die Seine Lehre von Generation zu Generation tradiert wurde. Die an Ihn glaubten und Mitglieder Seiner Kirche wurden, haben einen Bund mit Ihm geschlossen und sind auch dafür verantwortlich, dass er gehalten wird. Er hat uns auch gesagt, dass Rechenschaft gefordert wird, das Gericht, und „Er wird jedem vergelten, wie es seine Taten verdienen“ (Römer 2: 6; Matthäus 16: 27).

 

 

Viele Christen leben als gäbe es keine Rechenschaft, keinen Tag des Gerichts, wenn der Gutsbesitzer zurückkommt, um von Seinen Knechten die Abrechnung zu verlangen. Sie benehmen sich, als hätte der Herr, nachdem Er das Neue Israel aufgerichtet hatte, es verlassen und würde Seine Knechte und Diener nicht mehr zur Rechenschaft ziehen. Hier unterscheiden sie sich kaum von den Winzern des Gleichnisses. Die Heilige Schrift, sogar die ganze Tradition der Kirche, lehrt das genaue Gegenteil. Der Herr liebt die Kirche, Seinen Rebstock, denn Er hat Sich für sie hingegeben, aber das Werk der Kirche, auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts, muss auf Seine Weise getan werden. 

 

„Haben wir, die Seine Knechte sind, selbstlos im Weinberg des Vaters gearbeitet? Haben wir nicht alle allzu oft die wiederholten Botschaften und Rufe des Herrn des Weinbergs, Seines Wortes Selbst, den Dienst der Engel und das Vorbild der Heiligen verachtet? Teilen wir nicht bei jeder Sünde die Schuld der Juden am Tod des Sohnes? Haben wir nicht verdient, von Gott von Seinem Heil und Seinem Himmelreich ausgeschlossen zu werden?“ (A Monk of the Eastern Church, The Year of Grace of the Lord) 

 

Quelle: Andreasbote September 2009

 

 

Predigt über den christlichen Bekennermut

 

zum 4. Matthäus-Sonntag

 

von Erzpriester Michael Rahr 

 

Liebe Brüder und Schwestern,

 

in der heutigen Evangeliumslesung (Matthäus 8: 5-13) begegnet unser Herr Jesus Christus in Kafarnaum einem römischen Hauptmann, der Ihn um Hilfe für seinen schwer leidenden Diener bittet. Als der Herr daraufhin in das Haus des Hauptmanns gehen will, um den Diener zu heilen, spricht der Hauptmann einmalige, bemerkenswerte Worte: „Herr, ich bin es nicht wert, dass Du mein Haus betrittst; sprich nur ein Wort, dann wird mein Diener gesund“ (8,8). Daraufhin erntet er Lob für seinen Glauben und wird somit zum Vorboten der Bekehrung der Heiden: „Viele werden von Osten und Westen kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen“ (8,11).

 

Aus zweierlei Gründen ist dieser Zenturio, in meinen Augen, Beispiel für uns:

 

1) Wie oft kommt es vor, dass wir uns nur dann an Gott wenden, wenn wir selbst in Not geraten?! Und wie inbrünstig können Gebete von gläubigen oder plötzlich bekehrten Menschen sein, wenn es um ihr eigenes Wohl oder das ihrer nächsten Angehörigen geht (siehe Markus 10: 48; Markus 9: 24). Hier aber bittet der Mann für einen Sklaven, für jemanden, dem juristisch keine Menschenwürde zusteht, dessen einzige Daseinsberechtigung darin besteht, seinem Herrn und Eigentümer zu dienen – und dieser „Eigentümer“ lässt sich (aus römischer Sicht) dazu herab, einen jüdischen Wanderprediger demütig um die Genesung seines Sklaven zu bitten.

 

2) Wir haben es hier mit einem Mann zu tun, der selbst keine Synagoge besuchte und somit, bedingt durch seine Herkunft, nur die heidnische Sicht auf die Welt hatte. Zudem war er durch das Soldatenleben in eiserner Disziplin getrimmt, wodurch für ihn eigenständiges Denken tabu war und Mitleid gegenüber Schwächeren als krankhafte Verhaltensstörung galt. Trotzdem macht sich dieser Mann die Denkweise seiner eigenen Umgebung, seiner Kultur zu eigen, um selbst zum Glauben an den wahren Gott zu kommen (siehe 8: 9). Ein Glauben, wohlgemerkt, der, so scheint es, in der Liebe zum Menschen seinen Ursprung hat oder zumindest unauflösbar mit ihr verbunden ist. So schreibt der heilige Apostel Paulus im Römerbrief: „Wenn Heiden, die das Gesetz nicht haben, von Natur aus das tun, was im Gesetz gefordert ist, so sind sie, die das Gesetz nicht haben, sich selbst Gesetz. Sie zeigten damit, dass ihnen die Forderung des Gesetzes ins Herz geschrieben ist; ihr Gewissen legt Zeugnis davon ab, ihre Gedanken klagen sich gegenseitig an und verteidigen sich – an jenem Tag, an dem Gott, wie ich es in meinem Evangelium verkündige, das, was im Menschen verborgen ist, durch Jesus Christus richten wird.“ (Römer 2: 14-16).

 

Es sind also zwei Punkte: Glaube und Liebe. Und gerade auf diese beiden kommt es an, wenn wir die Kindschaft Gottes erlangen wollen (siehe Matthäus 5: 44). In allen anderen Aspekten kann man vertretbare Kompromisse schließen: bei gegebenem Anlass können Gottesdienste modifiziert, Gebetsregeln verkürzt, das Fasten gemildert, Kanones nicht in ihrer ganzen Strenge angewandt werden – vieles ist denkbar, sofern es dem Heil der Menschen dienlich sein sollte. Doch in zwei Punkten gibt es keine Abstriche: in der Liebe und im Glauben. „Liebt eure Feinde“(Matthäus 5: 44) – kompromissloser, als in der Bergpredigt, kann man das Gebot der Gebote nicht auf den Punkt bringen.

 

Aber der Herr lobt im vorliegenden Fall vor allem den Glauben des Hauptmanns: „Einen solchen Glauben habe ich in Israel noch bei niemand gefunden“ (8: 10). Noch vor den beiden römischen Martyrern Longinus und Kornelius ist dieser römische Offizier ein Vorläufer des Bekennertums der neutestamentlichen Ära. Martyrer und Bekenner nennt man Glaubens- bzw. Blutzeugen, denn durch ihre Standhaftigkeit bezeugen sie die Wahrheit des Evangeliums (denn wer würde schon für eine Lüge leiden oder sogar sterben?).

 

Womöglich gibt es solche unter uns Christen, die Bekennertum und Martyrium mit Fanatismus gleichsetzen. Doch das Evangelium ist eindeutig: „Wer sich vor dieser treulosen und sündigen Generation Meiner und Meiner Worte schämt, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn Er mit den heiligen Engeln in der Hoheit Seines Vaters kommt“ (Markus 8: 38; siehe Lukas 9: 26). Wie gesagt, in Bezug auf den Glauben ist das Evangelium maximalistisch. Und wie könnte es auch anders sein? Wenn jemand nicht bereit ist, sein zeitliches Leben für das ewige Leben zu opfern, dann kann das nur eines bedeuten: er glaubt nicht an das ewige Leben. Und somit glaubt er auch den Worten unseres Erlösers nicht, wenn er deren Wahrheit nicht vor dieser treulosen und sündigen Generation bekennen will.

 

 

Der heilige Maximos Confessor entstammte einer wohlhabender oströmischen Adelsfamilie und wurde um 580 in Konstantinopel geboren. Ab 610 war er Sekretär des Kaisers Herakleios. Im Jahre 614 zog er sich als Abt in das benachbarte Kloster Chrysopolis bei Chalcedon zurück. Der heilige Maximos der Bekenner bekämpfte zu seiner Zeit die Häresien des Monophysitismus, und des Monotheletismus. Für den damals regierenden Kaiser Konstans II. waren theologische Fragen unbedeutend. Im ging es nur um Machterhalt und Politik, dem sich auch die Kirche und die Reinheit des orthodoxen Glaubens unterordnen sollte. Für Konstans war Maximos nur ein Mönch, der den geschuldeten Gehorsam verweigerte. Seine Sorge um den Glauben war ihm vollkommen gleichgültig. Der heilige Maximus wurde deshalb im Jahre 653 in Konstantinopel vor Gericht gestellt, bis 655 eingekerkert und anschließend nach Thrakien verbannt. Als er sich weiterhin weigerte, der monotheletischen Häresie zu zustimmen, wurde der Heilige  im Jahr 662 schwer gefoltert: Wenn man ihn nicht zur Apostasie (Glaubensabfall) bewegen konnte, mußte man ihn eben zum Verstummen bringen. Dem Heiligen Maximos wurde die Zunge herausgeschnitten und die rechte Hand abgehackt. Wenig später wurde er nach Lazika im heutigen Georgien verbannt, wo er im Kastell Schemarion am Schwarzen Meer am 13. August 662 an seinen Verletzungen verstarb.

 

Der heilige Maximos der Bekenner.
Der heilige Maximos der Bekenner.

 

Ich kriege oft zu hören: „Ach, wissen Sie, in der DDR bzw. UdSSR durfte man nicht in die Kirche gehen, deshalb konnten wir unsere Kinder nicht im Glauben erziehen“... Wenn man mal großzügig darüber hinweg sieht, dass besagte politische Gebilde seit mehr als zwei Jahrzehnten nicht mehr existieren, und die Kirche in der Folge dank einer unendlich scheinenden Medienvielfalt inzwischen ungestört die Frohe Botschaft verkünden kann, ist diese Aussage (bzw. Ausrede?) auch faktisch nicht korrekt. In besagten Systemen war das Recht auf Gewissensfreiheit von der Verfassung garantiert; gleichwohl verlangte die Glaubensausübung einen gewissen Bekennermut. Doch wer ihn damals nicht aufbringen wollte, der tut es heute auch nicht. Nur mangelt es heute am „Bekennermut“ gegenüber dem eigenen Ego, gegenüber der eigenen Bequemlichkeit, gegenüber den liebgewonnenen Wochenendvergnügungen, den Familienangehörigen, Freunden, Kollegen etc. Solche nominellen Christen begreifen nicht, dass der Glaube dergestalt auf seine Kompromisslosigkeit auf die Probe gestellt werden muss: „Wer nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben um Meinetwillen verachtet, der kann nicht Mein Jünger sein“ (Markus 14: 26). 

 

Aber dieser Gedanke lässt sich beliebig weiterführen. Junge Christen, die meinen, vor der Ehe schon alles „ausprobieren“ zu dürfen, handeln in eben derselben Art und Weise. Es läuft doch immer wieder auf ein und dieselbe Weigerung hinaus, die Worte Christi vor der Welt zu bekennen. Ja, als Moral und Anstand noch gesetzlich geschützt bzw. die Missachtung derselben gesellschaftlich geächtet wurde, da passte man sich dem Mainstream an und meinte, so auch innerlich nach Gottes Geboten zu leben. Heute erfordert das Leben nach dem Evangelium aber schon rein äußerlich einen gewissen Bekennermut. Wer als Teenager seiner Clique gegenüber erklärt, er werde nicht mit in die Disco gehen, weil heute ein kirchlicher Feiertag ist, wer als junger Erwachsener seine Familienplanung von Anfang an auf dem Fundament beiderseitiger Keuschheit vor der Eheschließung gründet, wer als Vater oder Mutter beim Elternabend deutlich seinen christlichen Standpunkt zu neuesten „Errungenschaften“ der Sexualerziehung kundtut, wer im Kollegenkreis mal darauf verweist, dass die viel beschworene Toleranz auch gegenüber solchen Menschen Bestand haben sollte, die gewisse „alternative Lebensformen“ zwar aus innerer Überzeugung ablehnen, dabei jedoch niemanden verurteilen und die staatlichen Gesetze respektieren, – der zeigt damit, dass er nach seiner christlichen Überzeugung handelt und nach seinem christlichen Glauben lebt.

 

Vergessen wir eines nicht: bei unserer Taufe wurden wir zu „neuerwählten Kriegern Christi“. Wir müssen kämpfen, denn wir gehören in dieser Welt zur „kämpfenden Kirche“. Diakon Andrej Kuraev hat es mal so ausgedrückt: "ein Kadaver schwimmt immer mit der Strömung. Nur wenn jemand gegen den Strom schwimmt, kann man erkennen, dass er lebendig ist." Der Hauptmann von Kafarnaum hat sich dank seines Glaubens an Gott und dank seiner Liebe zum Mitmenschen über geltende Konventionen, über die vorherrschenden Mentalität, über das ihm von Jugend auf eingetrichterte Weltbild hinweggesetzt. Er wurde so, trotz widrigster äußerer Voraussetzungen, zum „Hauptmann des Himmlischen Königs“.

 

Unser Glaube an den von den Toten Auferstandenen ist ein lebendiger Glaube. Es gibt nichts Wichtigeres für uns, als das ewige Leben mit Gott in Seinem Reich. Und das bezeugen wir allwöchentlich durch unsere Teilnahme an der Auferstehungsfeier Christi. Amen.