Orthodoxe Predigten & Betrachtungen-Allgemeine Themen im Leben des Christen

 

Über das orthodoxe Verständnis der Predigt

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Die orthodoxe Predigt (griechisch ὁμιλία = „Homilia“ = „jemanden Anreden“ oder auch „Unterricht“) dient der Auslegung der christlichen Heilsbotschaft, wie sie uns in der Heiligen Schrift, in der Heiligen Apostolischen Tradition und in den Vollzügen des kirchlichen Lebens begegnet. Der wesentliche Sinn der christlich-orthodoxen Predigt ist ein immer besseres Verstehen der gesamten christlichen Glaubensbotschaft. Diese orthodoxe Glaubensbotschaft ist der Kirche in ihrer Gesamtheit nicht nur im treuen Bewahren, sondern auch in ihrer authentischen Verkündigung anvertraut.

 

Zwar gehört die Predigt im orthodoxen Gottesdienst zu den besonderen pastoralen Aufgaben des Bischofs oder des Priesters, da das Charisma der kirchlichen Lehre und der verbindlichen Auslegung der christlichen Glaubensbotschaft integraler Bestanteil des sakramentalen, priesterlichen Charismas ist. Aber der Bischof kann auch besonders Befähigte mit der Aufgabe zu predigen beauftragen. Diese Beauftragung kann der Bischof an Diakone, Lektoren, Lehrer oder Theologen geben. Sie ist im Fall der Lehrer oder Theologen auch nicht auf christliche Männer beschränkt, denn wir kennen unter unseren heiligen Frauen viele befähigte Mitarbeiterinnen der Heiligen Apostel, wie die heilige Thekla und die heilige Maria Magdalena. In ihrer Nachfolge stehen wiederum andere heilige Frauen, die ganzen Völkern das Evangelium verkündeten, wie zum Beispiel die heilige apostelgleiche Nino, die Erleuchterin der Georgier. Sie alle erfüllen den Auftrag des Herrn: „Gehet und verkündet, denn das Königtum der Himmel ist nahe“ (Matthäus 10:  7).

 

Deshalb hat die Predigt, im Gegensatz zu anders lautenden Vorurteilen, im orthodoxen Gottesdienst einen hohen Stellenwert, jedoch auch ihren angemessenen Platz im ersten Teil der Liturgiefeier, im Wortgottesdienst, der Liturgie der Katechumenen. Das Hören des Wortes Gottes und seine Deutung in der Predigt ist unsere Begegnung mit Christus in der Ikone Seines Wortes. Deshalb wird das Evangelienbuch als Ikone Christi in seinem Wort beim kleinen Einzug feierlich durch die Mitte der Gemeinde zu Altar und dann zur Verkündigung auf den Ambo getragen. Traditionell erfolgt deshalb die Predigt auch nach der Lesung des Evangeliums, auch wenn es sich in der russischen Tradition  heutzutage aus pastoral-praktischen Gründen meist am Ende der Liturgiefeier vor der Entlassung  stattfindet. Die Feier der Göttlichen Liturgie findet dann aber ihre Krone in der leibhaft-sakramentalen Gemeinschaft der Gläubigen mit Christus, die uns durch die Teilhabe an den eucharistischen Gaben geschenkt wird. Ein evangelischer Predigtgottesdienst oder eine katholische Wort-Gottes-Feier, wie sie die beiden abendländischen Kirchen aus reformatorischen Erwägungen entwickelt oder aus pastoralen Notwendigkeiten eingeführt haben, bricht nach orthodoxem Verständnis gleichsam schon auf halbem Wege ab. Sie führt nicht zur liturgisch-sakramentalen Vereinigung mit Christus und verwirklicht deshalb nach orthodoxem Verständnis auch nicht die erneute mystische Verbindung der Gläubigen untereinander zum Einen Leib Christi auf Erden, der Heiligen Kirche. Damit wird nach orthodoxem Verständnis die treu zu bewahrende liturgische Struktur des apostolischen Gottesdienstes aus Wortgottesdienst (Verkündigung Christi) und Eucharistiefeier (liturgisch-sakramentale Begegnung mit dem verkündeten Christus in der Feier der Göttlichen Liturgie) zerbrochen, die das Wesen des christlichen Glaubens und seiner liturgischen Feier ausmacht.

 

Vor Seiner glorreichen Himmelfahrt gab der Herr seinen Aposteln den Auftrag zur Mission und zur Predigt. Sie sind auf das engste miteinander verbunden, denn sie sind beide Verkündigung Jesu Christi, des inkarnierten Wortes Gottes. Damals sprach der Herr zu den heiligen Aposteln: „Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern und taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie alles zu halten, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt.“ (Matthäus 28: 19-20). In diesen Worten unterscheidet Christus für uns die zwei Arten oder Stufen des christlichen Lernens. Die erste bezieht sich mehr auf ungetaufte Menschen und zielt auf die Vorbereitung zum Empfang der Heilige Taufe („und lehrt alle Völker und tauft sie“) ab. Die zweite ist an die gläubigen Mitglieder der Kirche gerichtet („und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe“).

 

Dieses Lernen durch die Predigt ist im orthodoxen Sin nur in einem ersten Schritt die rationale Auseinandersetzung mit dem Gehörten. Darauf macht uns der Bericht in der Apostelgeschichte über die Pfingstpredigt des heiligen Apostels Petrus (Apostelgeschichte 2: 14 – 36) aufmerksam. Dort heißt es: „Als sie aber das hörten, ging's ihnen durchs Herz, und sie sprachen zu Petrus und den anderen Aposteln: Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun?“ (Apostelgeschichte 2: 37). Nach orthodoxem Verständnis soll die Predigt mit den Ohren des Gläubigen gehört, mit alle seinen geistigen Kräften (Nous = die Herzens-  und die Verstandeskräfte des Menschen) verstanden und dann mit dem ganzen Menschen begriffen werden und dadurch zum integralen Bestandteil unseres Lebens als Christenmenschen gemacht werden. Von daher wird die orthodoxe Predigt dann auch zu einem lebendigen Zeugnis des rechten Glaubens der gesamten Heiligen Kirche. Eine Trennung in Kleriker oder Amtskirche und Laien, wie sie die abendländische Christenheit kennt, ist der Orthodoxie im Grunde wesensfremd. So sind denn auch die gläubigen Laien ihrerseits wiederum berufen, durch das Zeugnis und Vorbild eines wirklich rechtgläubigen Lebenswandels die Worte des Heiligen Evangeliums und das gesamte Leben der Kirche der Welt zu predigen. Sie werden zu Predigern nicht durch theologische Deutung des Gotteswortes, sondern durch die Predigt ihre guten Taten, mit denen sie Gott verherrlichen. Die vom Heiligen Geist erfüllte Verkündigung, die durch die Priester in der Göttlichen Liturgie ihren Ausgang und Anfangspunkt genommen hat, findet seine Konkretisierung, gleichsam seine Fleischwerdung im orthodoxen Leben des gesamten Volkes Gottes.

 

 

Über das orthodoxe Kreuz

 

Wer schon einmal eine russische orthodoxe Kirche gesehen hat, dem ist sicher aufgefallen, dass das orthodoxe Kreuz auf den Kuppeln ein wenig anders aussieht, als man das in Westeuropa kennt. Traditionell hat das orthodoxe Kreuz nämlich nicht nur einen Querbalken, sondern drei.

 

Wenn man sich nun einmal eine typische Darstellung der Kreuzigung Christi auf einer orthodoxen Ikone anschaut, sieht man auch, was es mit den Querbalken auf sich hat.

 

Der große Querbalken ist der, an den Christi Hände festgenagelt wurden – soweit ist alles bekannt. Der ober kleine Querbalken stellt das Schild dar, auf den Pilatus den Urteilsspruch “INRI” (Jesus von Nazareth, König der Juden) schreiben ließ, und der untere, etwas schief hängende Querbalken ist die Fußstütze, an der Christi Füße befestigt waren. Ob die Kreuzigung nun tatsächlich so und nicht anders aussah, sei einmal dahingestellt, jedenfalls wird sie in der orthodoxen Kirche so dargestellt.

 

 

Der große Querbalken ist der, an den Christi Hände festgenagelt wurden – soweit ist alles bekannt. Der ober kleine Querbalkenstellt das Schild dar, auf den Pilatus den Urteilsspruch “INRI” (Jesus von Nazareth, König der Juden) schreiben ließ, und der untere, etwas schief hängende Querbalken ist die Fußstütze, an der Christi Füße befestigt waren. Gleichzeitig stellt er den "Wage der Gerechtigkeit" dar, wie es im Troparion heißt: "Inmitten zweier Räuber hat sich Dein Kreuz als Wagbalken der Gerechtigkeit erwiesen; dessen eine Seite sich senkte unter dem Gewicht der Gotteslästerung bis in Totenreich; während die andere, der Sünden ledig, sich erhob zur Gotteserkenntnis..." Das heilige Kreuz weist den guten Schächer, der sich zu Christus bekannte, den Weg ins Paradies. Dem Lästerer aber weist es den Weg in das Totenreich, also in die Gottesferne.

 

 

Einige Kirchen haben statt des unteren schrägen Querbalkens so etwas wie einen nach oben offenen Halbkreis in ihrem Kreuz – und wer darin eine Parallele zur islamischen Mondsichel sieht, liegt damit ganz richtig:

 

Diese Form des Kreuzes auf orthodoxen Kirchen tauchte nach der Befreiung von der mongolisch-tatarischen Zwangsherrschaft auf, die seit etwa 1240 auf Russland lastete und nach der Schlacht vom Kulikovo-Feld im Jahre 1380 nach und nach zurückgedrängt wurde. Da die Leute in "Goldene Horde", wie sich die Tataren nannten, größtenteils Muslime waren, wurde der Sieg über die ehemaligen Eroberer gleichzeitig als ein Sieg der Christen über die "Hagarener", so werden die Muslime in den gottesdienstlichen Texten nach der arabischen Magd des Abraham genannt. Dies wird durch das auf dem islamischen Mond stehende Kreuz symbolisiert. Auch die türkischen Muslime ersetzten nach der Eroberung von Konstantinopel das Kreuz auf der Kuppel der Hagia Sophia durch einen muslimischen Halbmond.

 

Heute leben in vielen Gebieten Russland orthodoxe Christen und Muslime friedlich zusammen. Es gibt jedoch bis heute einige Gebiete in Russland, die vorwiegend islamisch geprägt sind (Tatarstan, Baschkirien un der Nordkaukasus).