Die orthodoxen Fastenregeln im Kirchenjahr

 

Das orthodoxe Fasten

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Das Fasten ist weder ein gedankenloses Traditionsritual noch gruppenidentifizierender Selbstzweck kirchlicher Menschen. vielmehr ist es zutiefst mit dem geistlichen Leben des orthodoxen Christen verbunden. In jeder Woche fasten wir an zwei Tagen - soweit es sich nicht um fastenfreie Zeiten während der Nachfeier der besonders großen Festtage handelt - um uns am Mittwoch als Warnung den Verrat des Judas Iskariot in Erinnerung zu rufen und am Freitag der Leiden und des Todes unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus zu gedenken.

 

Außer diesen wöchentlichen Fasttagen gibt es vier größere Fastenzeiten (vor Ostern, vor Weihnachten, vor Mariae Entschlafen und vor dem Fest der Apostel Petrus und Paulus), mit denen wir uns auf die vier größten Feste im Kirchenjahr vorbereiten. Außerdem gibt es noch einzelne Fasttage, wie zum Beispiel den Gedenktag an die Enthauptung Johannes des Täufers.

 

Das orthodoxe Fasten soll generell dazu dienen, uns ganzheitlich - also mit Körper, Geist und Seele  - zu reinigen und wieder mit neuem Elan auf die Gemeinschaft mit Gott und das kommende wichtige Fest auszurichten. Deshalb sind die Fastenzeiten auch keine "kirchlichen Diättage", sondern eine Zeit geistlichen Konzentration auf das Wesentliche in unserem Leben. Deshalb verzichten wir einerseits in dieser Zeit auf Fleisch, Fisch, Milchprodukte und Öl. An bestimmten Festtagen ist jedoch trotz der Fastenzeit Fisch auf der Tafel der orthodoxen Christen erlaubt. Das gleiche gilt für Wein und Öl an den Samstagen und Sonntagen. Anderseits ist diese Enthaltsamkeit von bestimmten Speisen nur der leibliche, also äußerliche Aspekt des Fastens. Er ist nicht das eigentliche Ziel orthodoxen Fastens. Er ist gleichsam nur das vorbereitende Mittel, damit wir in diesen Zeiten unser Gebetsleben vetiefen, öfter zu den Gottesdiensten in die Kirche gehen und in besonderer Weise vorbereitet auch zur Heiligen Beichte und zur Göttlichen Kommunion hinzutreten können. Auch vermeiden wir in den Fastenzeiten - soweit als möglich - weltliche Vergnügen und Zerstreuungen wie Kino-, Theater- oder Konzertbesuche etc.. Dabei missversteht man das orthodoxe Fasten grundsätzlich, wenn man es als Drangsalierung oder Zwangsjacke begreift. Die orthodoxe Kirche will uns mit dem Fasten nicht die Lebensfreude vergällen, sondern uns einen geistlichen Freiraum in unserem Alltagsleben verschaffen. Einen Freiraum, der uns aus unseren eingefahrenen Lebensabläufen befreien will, damit wir Gottes leise Stimme, die uns zur Gemeinschaft mit IHM ruft, erneut deutlich in unserem Leben vernehmen können. Da es sich beim Fasten um einen Freiraum handelt, wird sich die Gestaltung dieses Freiraums bei jedem von uns etwas anders gestalten. Auf was wir verzichten und wie wir in dieser Zeit unser ganz persönliches geistliches Leben gestalten werden, hängt von unserer ganz persönlichen Lebenssituation und unseren je eigenen Lebensumständen ab. Deshalb gestalten orthodoxe Christen diese "persönliche Auswahl" aus den gegebenen Ausgestaltungsmöglichkeiten des orthodoxen Fastens nicht willkürlich und selbstständig, sondern in vertrauensvoller Absprache mit ihrem geistlichen Vater oder ihrem Gemeindepriester.

 

 

Das Weihnachtsfasten

 

Nach dem Fest des heiligen Apostels Philipp, am Abend des 14. November, beginnt die Fastenzeit vor Weihnachten bis incl. dem 24. Dezember. Es gelten die bekannten Fastenregeln, das heißt nur vegetarische Speisen (ohne Fleisch, Eier, Milchprodukte, Öl, Wein). Dienstag und Donnerstag können aber Tintenfische, Muscheln, Öl und Wein genossen werden. Samstag und Sonntag ist auch Fisch erlaubt.