Ein geistliches Leben führen

 

Über das orthodoxe Beten

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Ziel von Gebet und Gottesdienst ist es nach orthodoxem Verständnis nicht, dass bestimmte Bitten vor Gott gebracht werden. Gleichwohl ist es auch nicht gleichgültig, wofür der Beter im Einzelnen bittet. Jedoch gilt nach dem Vorbild des Herrn: "Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe"(Lukas 22:42). Denn Gott fügt in unserem Leben alles genau so, wie es zu unserem Heil gut ist. Im Vordergrund des göttlichen Handelns steht also nicht das temporäre Wünschen des Menschen, sein materielles oder körperliches Wohlbefinden, sondern das Heil seiner unsterblichen menschlichen Seele. So sagt uns der heilige Apostel Paulus: "Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind" (Römer 8:28). Deshalb hört, wenn das Gebet vollkommen geworden ist, das Bitten auf, jedoch nicht die Haltung des Gebetes. Orthodoxes Beten verfolgt deshalb inhaltlich keinen verzweckbaren Nutzen. Das "Ziel" des Gebetes ist nach orthodoxem Verständnis nicht der Inhalt der einzelnen vorgetragenen Bitten, sondern vielmehr, dass der Mensch während des Gebetes in einem geheiligten Raum eintritt, in dem er der Gegenwart Gottes und Seiner Heiligen in seinem Leben Raum gewährt. So ist das Gebet die erste Sache im Leben jedes Christen. Der heilige Theophan der Klausner berichtet uns, dass die heiligen Väter, wenn sie einander begegneten, sich zuerst nach dem Gebetsleben des anderen erkundigten. Die heiligen Väter nannten das Gebet des Atem der Geistkraft (Nous). Der heilige Theophan führt das Denken der heiligen Väter dahingehend aus: "Ist Leben im Geist, so lebt auch der Leib. Ist jedoch kein Gebet da, so ist kein Leben im Geist." Desweiteren ist es für den heiligen Theophan wichtig zu betonen, dass nicht bereits jede äußere Gebetsverrichtung, nicht jedes äußerliche Hersagen von Gebeten, wirkliches Gebet und damit Leben im Geist ist. Jedoch ist die äußere Gebärde und das äußerliche Hersagen der Gebetes für den heiligen Theophan wesentlicher Bestandteil des Gebetes. Sie sind der Anfang der geistlichen Übung des Gebetes und damit geeignet, bei demütiger Geisteshaltung durch die Gnade Gottes wirkliches Gebet hervorzurufen. So ist das Gebet ein Entstehen der zur Erfahrung der Gegenwart Gottes führenden Gefühlen in unserem Herzen. Gleich Stufen steigen wir über das Gefühl der Demut, der Ergebenheit, des Dankes, des Lobpreises, des selbstlosen Bittens, des inbrünstigen Niederfallens, der Zerknirschung über die eigen Sünden und der Ergebenheit in den Willen Gottes und anderer, während unserer Gebetsverrichtungen zur Wahrnehmung der Gegenwart Gottes führenden Empfindungen gleichsam in die Gegenwart Gottes empor. Wenn während unserer Gebetsverrichtungen diese und ähnliche Gefühle unser Herz erfüllen; wenn die Zunge die Gebete liest und unser Ohr sie hört und der Leib die Verneigungen ausführt; wenn dann unser Herz und unserer Seele nicht leer sind, sondern ein auf Gott gerichtetes Gefühl in ihnen regt,dann beten wir nach dem Zeugnis des heiligen Theophan in der Vereinigung (Synergeia) von Seele, Geistkraft (Nous) und Leib. Der heilige Theophan sagt dazu: "Das eigentliche Gebet ist nämlich in seinem umfassenden Sinn und seiner äußersten Tiefe ein Stehen vor Gott". Sein letztendliches Ziel hat christliches Beten darin, dass es unaufhörlich wird, als bleibende Orientierung auf Gott  hin, wie uns der heilige Theophan schreibt (vgl.: Theophan in seinem Traktat "der Christ in der Kirche"). 

 

Orthodoxes Beten und orthodoxer Gottesdienst streben deshalb weniger nach vereinzelten Akten, so wichtig sie am Anfang auch für die Ausprägung eines geordneten Gebetslebens sind, sondern danach, dass das Gebet zu einem Habitus, zu einem Wesenszug des christlichen Lebens wird. Da das Gebet der Atem unserer Gottesbeziehung ist, da dieser Atem für den Erhalt des Leben unserem durch die heilige Taufe geborenen und durch den Empfang der heiligen Mysterien (Sakramente) genährten christlichen Leibes überlebensnotwendig ist und wir ohne diesen Atem der Gegenwart Gottes in unserem Leben zu Grunde gehen würden, ist das Gebet für den praktizierenden orthodoxen Christen auch nicht dem Gusto des aktuellen Empfindens unterworfen. Gebet darf zu gewissen Zeiten in unserem Leben durchaus Mühe bereiten. Der Teufel und seine Dämonen nutzen die Teile unseres Lebens, die noch nicht vergöttlicht sind, als Einfallstor in unser seelisches und körperliches Leben. "Seid nüchtern und wachet; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen er verschlinge", so ermahnt uns der heilige Apostel Petrus. Gott gottesdienstlich zu dienen, Vater Ion Bria verwendet dafür den Ausdruck des liturgischen Dienens, nach, das heißt, aus dem Geist der Göttlichen Liturgie heraus, bedeutet beständig in seiner Gegenwart zu weilen und beständig vor seinem Angesicht zu wandeln, wie Professor Vater Vasilij Felmy sagt. Daraus ergibt sich der Maßstab des christlichen Lebens: "Ein Christ muss Gottesdienst halten in der Ganzheit seiner Existenz, in allen Wegen und Situationen seines Lebens" (Vater Georges Florowsky).

 

Neben dem kirchlichen Gottesdienst steht - oder besser gesagt aus ihm heraus entfaltet sich - deshalb das persönliche Gebet des orthodoxen Christen. Dieses ist durch die sogenannte "Gebetsregel", das ist eine feststehende Anzahl von Gebeten, die der orthodoxe Christ am Morgen und am Abend betet. Wie alles im geistlichen Leben unterliegt der Umfang dieser Gebetsregel der Absprache zwischen dem einzelnen orthodoxen Christen und seinem geistlichen Vater (Beichtvater). 

 

In den einzelnen orthodoxen Lokalkirchen haben sich zwei Typen orthodoxer Gebetbücher entwickelt, die heute in der gesamten Orthodoxie gebräuchlich sind. Seit dem 16. Jahrhundert entwickelte sich im Moskauer Russland die heute gebräuchliche Form des russisch-slawischen Gebetbuches. Es ist außer in den Kirchen slawischer Zunge auch in der rumänischen Kirche verbreitet. Neben Auszügen aus den kirchlichen Gottesdiensten und den zur Kommunion-Vorbereitung üblichen Kanon- Hymnen enthält es zwei "Zellenregeln" (wohl monastischen Ursprungs), die eine Zusammenstellung von verschiedenen Vätergebeten für das Morgen- und Abendgebet enthalten. Die russische Frömmigkeit neigt dazu - genau wie bei den Kanon-Hymnen zur Kommunion-Vorbereitung - im Gebetsleben des einzelnen Gläubigen auf die Vollständigkeit einen besonderen Augenmerk zu legen, während die griechische Frömmigkeit eher am Vermögen des Einzelnen ausgerichtet ist. Die griechische Seelsorgetradition fragt eher dannnach, wie viel dem Einzelnen jeweils zumutbar ist, damit die Gebetsregel mit dem persönlichen Lebensumständen vereinbar, das heißt in der persönlichen Lebenssituation praktikabel, bleibt. Dabei darf man weder die russische Tradition als "veräußerlichten Ritualismus" missverstehen, denn auch der heilige Seraphim von Sarov empfahl einer Bäuerin eine nach ihm genannte sehr kurze Auswahl von Gebeten am Morgen und am Abend, noch darf man die griechische Tradition als laxe Bequemlichkeit missdeuten, denn es geht vielmehr darum, wieviel man wirklich beten kann und nicht darum, was man um der eigenen Faulheit und Bequemlichkeit wegfallen lassen kann. Gott nimmt Rücksicht auf unsere Schwächen, jedoch blickt er auch direkt in eines jeden Menschen Herz. Beschummeln können wir deshalb nur uns selbst, Gott weiß um unsere Bemühen und kann dieses von einer Mogelpackung sehr wohl unterscheiden.

 

Die Gebetbücher der griechischen Tradition haben sich aus dem Stundenbuch (Horologion) entwickelt. Sie enthalten deshalb Teile der kirchlichen Gottesdienste und des Stundengebetes, sowie die zur Kommunion-Vorbereitung üblichen Kanon- Hymnen. Nach der griechischen Tradition betet man am Morgen den Mitternachtgottesdienst und am Abend die Komplet. Sowohl von den Gebetbüchern der slavischen wie der griechischen Tradition gibt es inzwischen Übersetzungen in die deutsche Sprache. Während der Osterwoche (Lichten Woche) wird anstelle der sonst üblichen Morgen und Abendgebete das österliche Stundengebet gebetet.

 

Orthodoxes Gebet ist stets ein Beten mit den Worten der Kirche (= des Gottesdienstes) und der Heiligen. Frei formulierte Gebete sind weder verboten, noch sind sie, wie im persönlichen Gebet der westlichen Christen, ständig üblich. Dabei verbindet sich orthodoxes liturgisches Empfinden mit dem der heiligen Apostel und Jünger des Herrn. Beim heiligen Evangelisten Lukas lesen wir: "Und es begab sich, dass Er an einem Orte war und betete. Und da Er aufgehört hatte, sprach einer Seiner Jünger zu Ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte. Und er sprach zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: "Unser Vater in den Himmeln, Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel. das für uns notwendiges Brot gib uns immerdar. Und vergib uns unsre Sünden, denn auch wir vergeben allen, die uns schuldig sind. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel" (Lukas 11:1-4). Christliche Beten war schon aus der jüdischen synagogalen Tradition der Antike, in das es eingebettet war, ein liturgisch formuliertes Gebet. Dies ist für orthodoxe Christen wichtig, da die orthodoxe Kirche der Teil der Christenheit ist, der die geschriebenen und ungeschriebenen Tradition(en) der Apostel und heiligen Väter treu bewahrt hat. Das Glaubensleben der heiligen Kirche entsteht so aus der Schriftliches und Mündliches umfassenden apostolischen Verkündigung und Überlieferung (παράδοσης).  Orthodoxen Christen beten deshalb mit den Worten der Heiligen, die Gott besonders nahe stehen.

 

 

Die orthodoxe Gebetsregel - unsere Chance zur Disziplin beim Beten

Orthodoxe Christen beten außer in den Gottesdiensten auch täglich morgens sie sich von der Ruhe der Nacht erhoben haben, vor und nach dem Essen und bevor sie sich wieder zum Schlafen hinlegen.  Dabei halten sie sich an eine persönliche Gebetsregel. Das sind keine Vorschriften, wie oder wie lange man zu beten hat, sondern so werden zusammengefasst die Gebete bezeichnet, die ein Christ am Tag in der Regel betet. Üblicherweise bestehen die Gebetsregeln aus einer bestimmten Reihe von Morgen- und Abendgebeten, die im orthodoxen Gebetbuch zusammengefasst sind und jeweils etwa eine halbe Stunde in Anspruch nehmen. Manche Christen nutzen aus Zeitgründen auch kürzere  Gebetsregeln wie zum Beispiel die des Heiligen Serafim von Sarov, während Priester und besonders Mönche oft viel umfangreichere Gebetsregeln haben. 

 

Viele der im Gebetbuch zusammengestellten Gebete wurden von großen Heiligen verfasst. Diese Gebete drücken auch sehr gut aus, was wir manchmal nur schwer in Worte fassen können. Außerdem haben viele Christen persönlich feststellen können, dass eine solche Gebetsregel uns dabei hilf, uns selbst zu einer gewissen Disziplin beim Beten zu erziehen – man hat eine Regel, an die man sich hält, auch wenn man eigentlich keine besonders große Lust zum Beten hat. Dann ist unser Gebetsleben nicht so sehr von den Schwankungen unseres Gefühls abhängig.

 

“Die Gebetsregel ist sind vor allem in Zeiten wichtig, wo das Herz kalt ist. Eigentlich hat man dann keine große Lust mit Gott zu sprechen. Und dann betet man trotzdem anhand der Gebetsregel – nicht aus Liebe zu Gott, die man gerade in dem Moment nicht empfindet, aber aus der Überzeugung heraus , dass die Worte, die man spricht, wahr sind. Wenn dagegen das Herz für Gott brennt, braucht man keine Regeln, dann fließen Herz und Mund von allein über.”

Von einem russischen Priester

 

Dabei muss man aufpassen, dass man die Gebete nicht nur automatisch runterleiert, aber immerhin schläft das Gespräch mit Gott nicht gänzlich für Tage und Wochen ein. Auch fällt einem beim Gebet immer irgendwo  einen Satz auf, den Gott einem zeigen möchte, an dem man hängenbleibt und der Anlass zum Nachdenken und Weiterbeten mit eigenen Worten ist.

 

Wie wir Orthodoxen beten

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Ein biblisches Bild für das orthodoxe Beten finden wir im Evangelium des heiligen Apostels Johannes. Dort beschreibt unser Herr und Erlöser Jesus Christus Seine Kirche mit dem Bild des Weinstocks. Dabei ist Christus, der Erlöser der Weinstock Selbst, Gott, der Vater, ist der Winzer und die Reben sind die an Christus Gläubigen. Dort im heiligen Evangelium heißt es: „Wer in Mir bleibt und in wem Ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von Mir könnt ihr nichts vollbringen.“ (Vers 5) Um in Christus zu bleiben, um mit Gott zu leben, müssen wir Zeit in seiner Gegenwart verbringen. Und dieses Bild wird von Christus vollendet im Lobpreis der Liebe: „Wie Mich der Vater geliebt hat, so habe auch Ich euch geliebt. Bleibt in Meiner Liebe ... Dies trage ich euch auf: Liebet einander!“ (Johannes 15:9.17). So beinhaltet orthodoxes Beten immer Beides: Durch das Gebet Zeit in der liebenden Gegenwart Gottes zu verbringen und aus dieser Erfahrung des von Gott geliebt Seins heraus Seine Liebe weiterzugeben, indem wir füreinander beten. Doch dieses können wir nicht aus uns selbst heraus tun, deshalb hat Christus nachdem Er seine Mission, die Schöpfung wieder mit Gott zu versöhnen, erfüllt hatte, versprochen den „Tröster-Beistand“ zu senden, den „Geist der Wahrheit, Der vom Vater ausgeht“ (Johannes 15:27). Das Pfingstfest, an dem dies Wirklichkeit geworden ist, ist der Geburtstag der Kirche Im Leben jedes Einzelnen von uns hat sich dieses Pfingstgeschehen im Mysterium der Myronsalbung ereignet. Der heilige Apostel Paulus erinnert uns an die Erfüllung dieser Heilszusage Christi, wenn er sagt: „Ihr habt den Geist empfangen, Der euch zu Söhnen macht, den Geist, in Dem wir rufen: ‚Abba, lieber Vater.“ (vgl. Römer 8:14-17)  Der ganze Sinn unseres christlichen Lebens ist unsere Vereinigung mit Gott, und diese ist nicht möglich ohne die Vereinigung mitChristus, dem Mensch gewordenen Gottessohn, in Seiner Heiligen Kirche. Deshalb beginnen wir unsere Gebete stehts mit dem Gebet an den Heiligen Geist:

 

Himmlischer König, * Tröster, Du Geist der Wahrheit, * der Du überall bist und alles erfüllst, * Schatzkammer der Güter und Chorführer des Lebens, * komm´ und nimm Wohnung in uns, * reinige uns von jedem Fehl * und errette, o Gütiger, unsere Seelen.

 

Und weil unser Beten sich stets auf unsere Vereinigung mit Gott gerichtet ist, ist orthodoxes Beten - ob zu Hause oder in der Kirche - stets kirchliches Beten. Und da wir durch den Empfang der heiligen Taufe und Myronsalbung in den mystischen Leib Christi auf Erden, die Heilige Orthodoxe Kirche, eingegliedert sind, wo wir am Kelch des Heiles teilhaben und auch durch den Empfang der übrigen Mysterien Anteil an der Fülle des Heiles erlangen, suchen wir orthodoxen Christen so häufig wie nur möglich, am Gebet des versammelten Volkes Gottes in der Kirche teilzuhaben. Dort ist unser Gebet getragen von der  Gemeinschaft der Heiligen, dort erfahren wir sakramental das Wirken Gottes und Seinen Segen während der Gottesdienste - vor allem während der Feier der Göttlichen Liturgie - wenn sich das Volk Gottes betend um seinen Bischof und die gottgeweihten Priester versammelt. Dort erfahren wir unsere gnadenhafte Teilhabe am innergöttlichen Dialog der Liebe zwischen unserem Herrn Jesus Christus, der der eigentliche Liturg unserer Gottesdienste ist, und Seinem Himmlischen Vater. Dieser Dialog bildet die Grundlage all unseren Betens. Durch Ihn sind wir  berufen, sind wir eingeladen zur liebenden Teilhabe an der innergöttlichen Gemeinschaft. Nach der Lehre des heiligen Apostels Paulus ist die Kirche der Leib Christi, in dem alle Getauften Glieder und Organe sind (1 Korinther 12:12ff; Epheser 4); der Ort, an dem wir unsere Teilhabe der innergöttlichen Gemeinschaft durch den Empfang der Sakramente erfahren. Alles Beten der Orthodoxen will deshalb die Verherrlichung des Dreieinigen Gottes verwirklichen. Deshalb gehört das Bekenntnis desOrthodoxen Glaubens zu unseren täglichen Gebeten.

 

Orthodoxes Beten ist Anbetung und deshalb auf die heiligen Ikonen als Fenster zur Ewigkeit hin ausgerichtet. In der Gemeinschaft der Gläubigen ergibt sich daraus eine auch räumlich ausgerichteten Orientierung aller Betenden auf Gott.

 

So ist das orthodoxes  Beten der von der langen Erfahrung und Tradition derHeiligen Kirche geformte Mitvollzug des öffentlichen und feierlichen Gottesdienstes, den der Einzelne sich im Rahmen der als Hauskirche verstandenenFamilie auch in seinem privaten Leben in schichterer Form aneignet und nach seinen Kräften einübt und pflegt. Der Weinstock und der Leib Christi sind die biblischen Bilder für die Wirklichkeit der Kirche als einem  lebendigen Organismus, von dem wir uns nur mit dem Risiko von Verkümmerung und geistlichen Tod abspalten oder trennen können. Dieses Bewusstsein der über räumliche und zeitliche Grenzen hinweg alle Orthodoxen verbindenden Gebetsgemeinschaft hat eine überaus tröstliche und das Leben auch in Krisen und Schwächen und hoffentlich auch in unserem Sterben tragende Kraft.

 

Deshalb wissen sich wir Orthodoxen auf ihrer Pilgerfahrt auf Erden auch nicht allein. wir sind unterstützt, behütet und getragen durch die Gemeinschaft der himmlischen Kirche, die allheilige Gottesgebärerin, die Engel und Heiligen und die gesamte Gemeinschaft der vollendeten Gerechten. Dehalb beten wir in unseren Gebetszeiten vor allem zur allheiligen Gottesgebärerin, aber auch zu den Engeln und Heiligen, damit sie uns durch den Beistand ihrer Gebete helfen, uns umgeben und schützend begleiten. So sprechen wir auch täglich den Lobpreis der Gottesmutter:

 

Die Du geehrter bist als die Cherubim * und unvergleichlich herrlicher als die Seraphim, * die Du unversehrt Gott, das Wort, geboren hast, * in Wahrheit Gottesgebärerin, Dich preisen wir hoch.

 

Als orthodoxe Christen beten täglich morgens, wenn wir uns von der Ruhe der Nacht erhoben haben, vor und nach unseren Mahlzeiten und bevor wir uns wieder zum Schlafen hinlegen. Denn wir begreifen das Gebet als den kirchlich geprägten Atem des Lebens und als die rhythmische Gliederung unserer Lebensprozesse, die für unser geistliches Wachstum auf Christus hinnotwendig sind. Das haben früher alle Kulturen der Welt gewusst, und wir Orthodoxen haben diese Weisheit bis heute pfleglich bewahrt. Das rhythmische Einschwingen in das kirchliche Gebetsleben ist das aber das Gegenteil von mechanischer Monotonie. Es bringt vielmehr Geist, Seele und Leib in Einklang und verhilft zu der konkreten, nicht nur gedanklich beschworenen Erfahrung, dass der Mensch als Ganzer zum Heil berufen ist. So betet auch unser Körper aktiv mit durch unzähliges Bekreuzigen, Verbeugungen und bei manchen Anlässen sogar völligen Niederwerfen bis zur Erde. Auch unsere stehende Gebetshaltungist Ausdruck unserer aktiven Zuwendung zu Gott. Überdies ist sie Zeichen der Würde des Menschen, der den göttlichen Personen mit Ehrfurcht von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen darf. Dies erfahren wir auch mit unserem Gesichtssinn vermittelt durch die heiligen Ikonen, aus denen uns Christus und die Heiligen anschauen.

 

Aber auch unsere anderen Sinne sind am Gebet beteiligt: Wir singen oder rezitieren die Gebete im Leserton, wir riechen den zur Verehrung Gottes und als ein Symbol unserer Gebete dargebrachten Weihrauch und kommen im kirchlichen Gottesdienst mit anderen heiligen Dingen wie dem Evangelienbuch, gesegnetem Brot (Antidoron) und Weihwasser in körperlichen Kontakt. Die geheiligten Dinge wie Antidoron, Weihrauch oder Weihwasser sind nicht aus sich heraus heilig, sondern dadurch, dass sie vom Priester unter Gebet Gott dargebracht, also zu Ihn erhoben wurden als Symbol für die Erhebung der materiellen Schöpfung zum Ursprung ihres Seins. Besonders sinnfällig wird dies während des kirchlichen Abendgebetes, der Vesper, wenn wir unter Gesang beten: "Aufsteige mein Gebet wie Weihrauch vor Dein Angesicht" (Ps 140:2). Während der Gottesdienste werden diese Gott geheiligten Dinge dann wieder als ein Segen an die Gläubigen ausgeteilt. Doch sie alle stehen mit dem Gebet der Kirche in ursächlicher Verbindung, sieht doch auch der heilige Apostel Johannes die Gebete der Heiligen als Weihrauch zum Altar des Lammes aufsteigen; (vgl.: Offenbarung 5:8; 8:3f.).

 

Wir Orthodoxen erfahren uns in unserem Gebet und in unserer Gottesbeziehung nicht isoliert im stillen Kämmerlein, sondern als Glieder der kirchlichen Heilsgemeinschaft. Die um fasst die auf Erden Lebenden und die zum Herrn schon Vollendeten und Entschlafenen. Deshalb sind die Fürbitten für Lebende undEntschlafene ein wichtiges Element unserer Gebetspraxis. Die Namen der Entschafenen werden nicht nur in die persönlichen Gebete eingefügt, sondern auch auf eigens dafür vorgesehene Zettel oder in ein dazu gedrucktes Büchlein geschrieben und dem Priester zum öffentlichen Gebet anvertraut. Vor allem während der Feier der Göttlichen Liturgie betet er dann für Kranke, Reisende, Verstorbene, aber auch für die Anliegen anderer Menschen, an deren Schicksal wir besonders Anteil nehmen.

 

Für viele Anliegen bestellen die Gläubigen beim Priester besondere Gebets-Andachten (Moleben) und Gedenkandachten für die Entschafenen (Pannychida), in denen die uns seit Kindertagen vertrauten Texte und Melodien erklingen und die Namens-Zettel zur Fürbitte gelesen werden. Auch der Beerdigungs-Gottesdienst (Parastas) ist keine tröstliche Trauerfeier für die Hinterbliebenen, sondern eine einzige große Fürbitte für die Entschlafenen, deren Seelen wir mit zahlreichen gesungenen und rezitierten Gebeten vertrauensvoll und in bleibender Gebets-Verbundenheit in die liebenden Vaterhände Gottes übergeben.

 

 

Über das Gebet

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Das Gebet ist die Verwirklichung des inneren Lebens der Kirche und unsere geistliche Verbindung zu Gott. Es ist mit dem Glauben so untrennbar verbunden. Ohne dass wir Beten, also „mit Gott sprechen“, können wir von uns auch nicht sagen, dass wir glauben. So ist das Gebet die „Atmosphäre des christlichen Glaubens“ und gleichzeitig der „Atem der Kirche“. Das Gebet ist der Faden, aus dem das „geistliche Kleid des kirchlichen Lebens“ gewebt ist.

 

 

So durchdringt das Gebet gleich einem alles verbindenden Band ganze Leben der Kirche. Gleichzeitig führt es die Gläubigen in das gemeinsame Leben des Leibes Christi hinein. Das Gebet belebt uns als Glieder am Leib Christi, der Kirche. Es spendet uns geistliche Nahrung, führt uns zur Demut und Läuterung und gewährt uns alle notwendigen Formen geistlicher Hilfe (Epheser 4:16). Es vereinigt uns als Glieder der Kirche mit unserem himmlischen Vater und mit unserem Herrn Jesus Christus. Auch führt es uns als Mitglieder der irdischen Kirche in die innige Gemeinschaft mit den Mitgliedern der himmlischen Kirche, der allheiligen Gottesgebärerin und Immerjungfrau Maria, den heiligen Engeln alle übrigen Heiligen. Das Gebet ist der Atem unserer Seele. Es ist in unserem irdischen Leben als Christen betändig bei uns und verschwindet damit auch nicht, wenn wir zu Gott entschlafen. Vielmehr verstärkt es sich noch im Himmelreich und wird dort noch intensiver und reiner.

 

 

In allen Heiligen Schriften des Neuen Testaments finden wir die Aufforderung an uns zum unablässigen Gebetes: Betet ohne Unterlass“ (1. Thessalonicher 5:17);„betet allezeit mit Bitten und Flehen im Geist“ (Epheser 6:18); „Jesus aber sagte ihnen ein Gleichnis darüber, dass sie allezeit beten und nicht nachlassen sollten“ (Lukas 18:1).

 

Das vollkommene Vorbild für unser persönliches Gebet ist  uns von unserem Herrn Jesus Christus Selbst gegeben worden. Er hinterließ uns als Beispiel, wie wir beten sollen, indem Er Selbst uns  das Gebet des „Vater Unser“ gelehrt hat.

 

Das orthodoxe Kirche kennt zwei Grundformen des Gebetes. Es gibt zum einen das öffentlich Gebet, an dem wir in der Feier der Göttlichen Liturgie und den anderen Gottesdiensten und Andachten in der Kirche teilnehmen und andererseits das private Gebet, das wir in unseren Häusern vollziehen. Daneben können wir das Gebet unterscheiden in das Gebet aus Worten, die insbesondere im kirchlichen Gottesdienst gesungen werden,  und das geistliche Gebet, auch inneres Gebet genannt, das ein Gebet unseres Geistes im Herzen ist.

 

Wenn wir den Inhalt des christlichen Gebetes beschreiben möchten, so können wir sagen, das das Gebet:

 

a) Lobpreis oder Verherrlichung Gottes

b) Danksagung für Seine Wohltaten

c) Reue für unsere Verfehlungen und Sünden

d) inständige Bitte um das Erbarmen und die Hilfe Gottes

e) Unsere Bitte an Gott, um die Vergebung unserer Sünden

 

f) Dank für die uns von Gott geschenkten Wohltaten die wir kennen und die wir nicht kennen, also für die Gabe aller guter Dinge der Seele und des Leibes, sowohl de himmlischen wie der irdischen Güter ist.

 

 

Unser Geben kann für uns selbst oder für unsere Mitmenschen geschehen. Das Gebet füreinander bringt die gegenseitige Liebe zwischen den Mitgliedern der Kirche, aber auch für all unsere Mitmenschen zum Ausdruck. Da nach dem Wort des Apostels „die Liebe niemals aufhört“ (1.Korinther 13:8), beten wir als auf Erden lebenden Mitglieder der Kirche nicht nur füreinander, sondern wir  beten auch, entsprechend dem Gebot unseres Herrn Jesus Christus zur Nächstenliebe, für all unsere Verstorbenen. Die die himmlischen Glieder der heiligen Kirche, , die allheilige Gottesgebärerin und Immerjungfrau Maria, die heiligen Engel alle Heiligen beten gleichermaßen für uns auf Erden, aber genauso für die „Ruhe der Seelen ihrer Brüder und Schwestern“, die Hilfe durch das Gebet, die Fürsprache bei Gott, nötig haben. Schließlich wenden auch wir uns mit der flehentlichen Bitte an die Engel und Heiligen im Himmel, damit sie für uns und unsere Brüder und Schwestern beten. Auf dieser Verbindung des Himmels mit der irdischen Sphäre sind auch die Anteilnahme der Engel an uns und unsere Gebete an sie gegründet.

 

Die Kraft des Gebetes für andere wird auf vielfache Weise vom Wort Gottes bestätigt. Unser Erlöser sagt zum heiligen Apostel Petrus: „Ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht erlischt“ (Lukas 22:32). Der heilige Apostel Paulus bittet oft Christen, für ihn zu beten: „Denn ich hoffe, dass ich euch durch eure Gebete wiedergegeben werde“ (Philemon 22)„Brüder, betet für uns, damit das Wort des Herrn sich ausbreitet und verherrlicht wird, ebenso wie bei euch“ (2.Thessalonicher 3:1). Auch wenn er räumlich weit von den Gemeinden entfernt war, war der heilige Apostel mit seinen geistlichen Brüdern und Schwestern im gemeinsamen Gebet innig verbunden: „Ich bitte euch, meine Brüder, im Namen Jesu Christi, unseres Herrn, und bei der Liebe des Geistes, dass ihr mir beisteht und für mich zu Gott betet“ (Römer 15:30). Der heilige Apostel Jakobus lehrt: „Betet füreinander, damit ihr geheilt werdet; denn das inständige Gebet eines Gerechten vermag viel“ (Jakobus 5:16). Der heilige Johannes der Theologe sah in der Offenbarung vierundzwanzig Älteste vor dem Thron Gottes stehen und niederfallen vor dem Lamm, und jeder hatte Harfen und Gefäße, gefüllt mit Weihrauch, welches sind die Gebete der Heiligen ( vgl.: Apokalypse 5:8); das bedeutet, sie erhoben und trugen die Gebete der Heiligen auf der Erde zum Himmlischen Thron Gottes.

 

Christliches Gebet bedeutet den Geist und das Herz Gott darzubringen. Solange wir  auf der Erde leben, kommt unser Gebet auf natürliche Weise in verschiedenen äußeren, das bedeutet körperlichen Formen zum Ausdruck: Wir verbeugen uns vor den heiligen Ikonen, werfen uns bis zur Erde nieder, wir bezeichnen uns mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes. Das gilt auch für die Gesten der Priester im Gottesdienst: das Emporhebeder Hände oder die Verwendung von verschiedenen liturgischen Gegenstände im Gottesdienst wie zum Beispiel das Weihrauchfass, die Rhipiden oder die Kerzen.

 

 

Die christliche Verehrung Gottes ist auf ihrer höchsten Stufe Anbetung im Geist und in der Wahrheit (Johannes 4 :23-24). Der christliche Gottesdienst ist die Vollendung und Erfüllung der vielen Symbole und Zeichen der alttestamentlichen Zeit. Denn obgleich die alttestamentarischen Gottesdienste gemäß den Ordnungen Gottes eingerichtet worden waren (Exodus 25:40), dienten sie nur als ein Vorbild (τύπος = "Typos") und ein schattenhaftes Abblid der himmlischen Dinge (Hebräer 8: 5). Mit der Einsetzung des Neuen Bundes in der Menschwerdung unseres Herrn, Erlösers und Gottes Jesus Christus waren sie gleichsam „veraltet und überlebt“. Der heilige Apostel Paulus nennt sie in seinem Brief an die Hebräer „dem Untergang nahe“ (Hebräer 8: 13). Denn der Gottesdienst des Neuen Bundes besteht nicht mehr wie der alttestamentliche Gottesdienst im Jerusalemer Tempel aus der fortwährenden Opferung von Kälbern und Böcken, sondern im Gebet des Lobpreises, der Danksagung, der Fürbitte, in der Darbringung des Unblutigen Opfers des Heiligen Leibes und Kostbaren Blutes Christi und in der Austeilung der Gnade im Empfang der Heiligen Mysterien.

 

Das christlich orthodoxe Gebet umfasst jedoch auch verschiedene äußere Handlungen. Denn als Menschen drücken wir uns vermittels unserer körperlichen Gesten und Handlungen aus. Auch geistliche Dinge erfahren wir, indem wir sie mit unseren Handlungen begleiten und damit im Geiste nachvollziehen. So vermied auch unser Herr Jesus Christus nicht die äußeren Erscheinungsweisen des Gebetes und heiliger Handlungen: Er beugte die Knie, fiel nieder auf Sein Angesicht und betete; Er erhob Seine Hände und segnete; Er hauchte Seine Jünger an und sagte zu ihnen: „Friede sei mit euch“Er wendete bei seinen Heilungen auch äußere Handlungen an; Er besuchte den Tempel in Jerusalem und nannte ihn „das Haus meines Vaters“. Jedoch sagte er, nachdem er die Geldwechsler aus dem Tempel vertrieben hatte: „Mein Haus soll ein Haus des Gebetes heißen.“ (Matthäus 21: 13). Beim orthodoxen Gebet und Gottesdienst geht es also nicht um heiliges Ritual, sondern um ein Offenbarwerden des heiligen Vermittels der Liturgie und ihrer Gesten und Handlungen. Die heiligen Apostel handelten genauso wie unser Herr Jesus Christus und überlieferten uns die das christliche Gebet begleitenden Handlungen durch die Heilige Kirchliche Tradition. In den Heiligen Schriften des Neuen Testamentes finden wir keinen Hinweis über den Brauch, dass sich die Christen zum Schutz und zum Segen mit dem Zeichen des Heiligen Kreuzes bezeichnen. Auch die Gebete der Anaphora, der heiligen Opferung, die während der Feier der Göttlichen Liturgie in allen christlichen Kirchen gesprochen werden, werden uns nicht im Neuen Testament, sondern durch die Heilige Ungeschriebene Apostolische Tradition der Kirche überliefert.

 

So muß wegen unseres körperlichen Menschseins die geistliche Anbetung, die Unsere Seele und unser Geist (νοῦς = "Nous") vollziehen vom körperlichem Gottesdienst begleitet sein, und zwar als ein Ergebnis der engen untrennbaren nahen Verbindung und gegenseitigen Beeinflussung von Geist, Seele und Leib.„Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört? Denn um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leibe“ (1.Korinther 6:19-20).

 

Aber ein Christ ist aufgerufen, Gott nicht nur mit seiner Seele, seinem Geist und in und durch seinem Leib zu verherrlichen, sondern seine ganzen Lebensvollzüge, das heißt alles in seiner Umgebung muss auf die Verherrlichung des Herrn ausgerichtet sein. „Ob ihr also esst oder trinkt oder etwas anderes tut, tut alles zur Verherrlichung Gottes“ (1. Korinther 10:31). So sollen wir durch das Gebet nicht nur selbst heiligen, sondern auch alles, wovon wir Gebrauch machen: „Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, wenn es mit Dank empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und das Gebet“. (1.Timotheus 4:4-5). Der orthodoxe Christ erbittet deshalb den Segen vor den Mahlzeiten und dankt Gott nach dem Essen für die Gabe Seiner reichen Güter. Wir gebrauchen geweihtes Heiliges Wasser (Weihwasser), um unsere Häuser zu segnen, am morgen essen wir ein Stück von der in der Kirche während der Feier der Heiligen Liturgie gesegneten Prospore, die wir am Ende der Liturgiefeier aus der Hand des Priesters als Antidoron empfangen haben.Wir enzünden Kerzen und Öllampen (Lampada) vor den heiligen Ikonen, als Symbol für unser Gebet und das Licht der Auferstehung, dass uns vom Grabe Christi her erstrahlt. Wir tragen seit unserer Taufe ein Gesegnetes Kreuz um unseren Hals als Zeichen unserer Nachfolge Christi. All dies sind leibhafte Zeichen der Anwesenheit Gottes in unserem Leben. Sie wirken zwar nicht aus sich heraus, sondern verbinden uns durch unser Gebet mit der Gegenwart Gottes. Sie rufen uns immer wieder die Worte des Psalms ins Bewusstsein: „Alles, was atmet, und jedes Geschöpf preise den HERRN“Dies geschieht durch das Gebet, vor allem im orthodoxen christlichen Gottesdienst, wenn wir uns mit Geist, Seele und Leib Gottes vergöttlichendem Wirken öffnen.

 

Bei der Ausarbeitung dieses Artikels wurde das Buch von Erzpriester Michail Pomazansky: Orthodoxe Dogmatische Theologie herangezogen.

 

Metropolit Evlogius mit Erzbischof Vladimir von Nizza (rechts) und Bischof Sergej von Prag (links).
Metropolit Evlogius mit Erzbischof Vladimir von Nizza (rechts) und Bischof Sergej von Prag (links).

 

Das gute Dasein

 

S. E. Bischof Sergej von Prag

 

 1. Das geistliche Leben in der Welt 

 

Die Seele des Menschen, zur Erlösung berufen, dürstet während ihres irdischen Lebens ihrem Wesen gemäß nach der Begegnung mit dem Guten und strebt danach, überall das Gute zu entlehnen, zu sammeln, und zu finden. Dieses Gute stellt die Fäden dar, aus denen der Mensch sich die Kleidung für das Festgemach webt, in der er vor dem Thron Gottes stehen und ewig bleiben wird. Die Kleidung, die aus den Fäden des Guten und der Liebe gewebt ist, wird erstrahlen, erglänzen von dem göttlichen Licht. Die aus den Fäden des Bösen, der unguten Werken gewebte Kleidung wird noch dunkler vom Himmlischen Licht und beschämt denjenigen, der sich damit bekleidet zeigt, und bringt ihm bittere Qual. Mit unseren eigenen Händen, d.h. durch unseren eigenen, freilich unvollkommenen und durch die Sünde geschwächten Willen, doch frei, kleiden wir uns entweder in das Gewand der Freude oder in das Gewand der Beschämung. Das Beste, daß uns der Herr als Krone Seiner Schöpfung gegeben hat, den freien Willen, dessen Würde Er selbst schützt, indem Er keinerlei Druck auf uns bewirkt, bewahren wir nicht und unterwerfen ihn oft sorglos der Sünde. Wenn wir ihn aber der Sünde unterworfen haben, wie richten wir ihn auf im Guten, wenn unserer Kräfte gelähmt sind? Mit unseren eigenen Kräften können wir ihn nicht verbessern, aber durch die gnadenvolle Kraft Gottes können wir es: Für Gott ist alles möglich. Solange unsere Seele noch auf dem Weg in das Reich Gottes ist, solange noch Zeit ist, wollen, wir unseren schwachen, kraftlosen Willen stärken und kräftigen durch die gnadenvolle Kraft Gottes und in Ihr die notwendige Kraft und Stütze für den Kampf mit dem Bösen finden. Das Leben ist eine große Anstrengung. Man muß lernen, in Christo weise zu leben, und dann bekommt alles um uns herum einen Sinn und erhält einen Wert für die Ewigkeit. Wenn wir aufmerksam sind, dienen die uns umgebenen Umstände uns  als geistige Lehrmeister, lehren sie uns Gehorsam gegen den Willen Gottes, helfen sie uns, in Geduld und Liebe unseren Lebensweg zu durchlaufen und die Rettung zu finden. Wo wir auch sind, überall umgibt uns die Möglichkeit der Rettung: in welche Umstände uns das Leben auch stellt, wir können immer geistig reifen und uns vervollkommnen. Unser Leben kann in jedem äußeren Umstand ein Weg sein, der uns zu unserem Wohl führt, zur Seligkeit, die schon hier auf der Erde zugänglich sein kann. Jede Sünde ist ein Unglück für uns selbst und für die, die uns umgeben. Die Sünde ist ein trennendes Prinzip, daß uns von den Menschen abstößt. Die nicht ausgerissene Sünde liegt als Last auf dem Herzen und entfernt die Menschen voneinander. Jeder Sieg über die Sünde ist ein Abringen seiner selbst und der anderen für ein Leben aller Menschen in gegenseitigem Verständnis. Beim Sieg über die Sünde wird die gegenseitige Anziehung und Verwandtschaft der Menschen nach Ihrer Natur offenkundig: indem er die Sünde in sich selbst besiegt, hilft ein Mensch dem anderen, sogar ohne den Willen des anderen, die besten Eigenschaften seiner Seele zu entdecken, zieht den anderen gleichsam unwillkürlich zum Guten. Indem er die Sünde in sich selbst besiegt und in seinem inneren Wesen die besten Eigenschaften belebt, deckt der Mensch eben dadurch den geistigen Schatz im anderen Menschen auf, und hilft dem anderen, in sich das zu finden, was er in sich noch nicht sieht. Das Gute findet Widerhall unter den Menschen, die es noch nicht sehen, während sie es schon haben. Solange die Sünde ihn beherrscht, fürchtet der Mensch gleichsam den anderen Menschen, aber beim Sieg über die Sünde in sich selbst steckt er den anderen und die Mitwelt durch das Gute an. Es ist wichtig, dies zu bemerken und zu fühlen, weil im gewöhnlichen Zustand in uns das pessimistische Gefühl überwiegt, daß die Sünde die Welt beherrscht. Solcher Pessimismus hält uns vom Kampf mit der Sünde ab und verringert die Aktivität im Kampf damit. Bei oberflächlicher Bekanntschaft mit einem Menschen sehen wir nichts und können den ungenutzten Schatz des Guten, der dem anderen zu eigen ist, nicht sehen. Dem, der die Sünde in sich besiegt, eröffnen sich diese Kräfte des Guten im anderen, diese Seiten einer Seele, als Reichtum an guten Eigenschaften. Wenn ein sündiger Mensch einen Nahestehenden Gutes tun sieht, findet er auch in sich die Kraft zu christlichem Handeln. Große, mit nichts zu vergleichende Freude ist im Aufsuchen des Guten im Menschen selbst und in den anderen beschlossen, in seiner Vergrößerung in der Welt zeigt sich die Kraft der göttlichen Gnade, sie zeigt sich darin, daß sie unseren gelähmten Kräften hilft, das zu tun, was ohne sie unmöglich wäre. Im Leben ist es oft so, daß der Mensch ,,die Sünde tut, die er nicht will" (Apostel Paulus). Dieser unfreiwillige Gefangene der Sünde findet im Guten anderer die Kraft, die ihn im gewöhnlichen alltäglichen Leben zum Guten bewegt.

 

Für das wirkliche, nicht phantomartige Glück muß man die Sünde besiegen. Man muß aufmerksam darauf blicken, was den Menschen äußerlich bewegt und ihn innerlich beherrscht, auf sein Verhalten und seine Wünsche achten. Dies ist ein schwieriges Gebiet, aber in den gegenseitigen Beziehungen der Menschen besteht das Leben. Man muß sie durch das Licht der Wahrheit Christi heiligen, damit diese Beziehungen nicht für uns selbst und die, die mit uns zusammentreffen, schädlich werden. Wenn Frieden in der Seele ist, wird diese Freude niemals fortgenommen werden. Die Friedlosigkeit bringt andererseits immer Unglück. Wenn im inneren des Menschen Frieden ist, dann wirft das friedvolle Herz Licht auf alles. Der Friede des Herzens ist die wichtigste Errungenschaft. Die von einem solchen Herzen erhellten Handlungen wenden alle Beziehungen zum Nutzen, indem sie unser und des anderen geistiges Wohl fördern, dadurch bringen wir auch die Gereiztheit des anderen zum Stillstand. Hier ergibt sich Gutes sowohl für den, der Sanftmut zeigte, als auch für den, gereizt war..Hiervon rührt auch das Glück im Leben. Der Sieg über das Sündhafte ergibt Gutes, und die Bemühung um die eigene Errettung ergibt allgemeines Wohl. Der Zustand des einlenkenden Menschen ist die Bekräftigung des Guten in der uns umgebenden Atmosphäre. Das Gute als positive Kraft entwickelt und ruft ins Leben das in den anderen schlafende Gute, das bislang durch Gleichgültigkeit und den Anflug des Bösen verdeckt ist. Das gute schafft eine Atmosphäre, welche selbst eine Hilfe im Kampf mit dem Bösen und im christlichen Handeln ist. Manchmal scheint es, daß die Arbeit an der Vernichtung der Sünde in sich selbst Egoismus ist, daß ein solcher Mensch mit sich selbst beschäftigt und gemeinschaftlichen Aufgaben gegenüber gleichgültig ist. Doch dies ist nicht so. Ein Mensch, der seine eigene Sündhaftigkeit nicht überwunden hat, kann weder einen guten Einfluß auf die ihn umgebenden Menschen ausüben, noch für andere hilfreich sein, noch ihren Sieg über die Sünden fördern. Er kann nicht mit jenem Nutzen und jener Kraft für das allgemeine Wohl wirken, mit der er es könnte, wenn er die Sünde in sich besiegt hätte. Die Heiligkeit ist ein großes allgemeines Gut und eine große Kraft. Wenn wir wirklich den Nächsten dienen wollen, müssen wir vor allem uns selbst von sündhaften Gewohnheiten und Neigungen reinigen, rein werden, ein gottgefälliges Leben führen. Nur im Maße unserer Vervollkommnung können wir unseren Nächsten in ihrem Kummer und Unglück nützlich sein. Dies ist der einzige Weg zum Dienst an den Nächsten. Wer die Heiligkeit erreicht hat, hat die größte Fähigkeit, den Nächsten zu dienen, erreicht. Es ist ausreichend, sich an die Namen des Hl. Sergij von Radonesh und des Hl. Serafim von Sarow zu erinnern, um sich hiervon zu überzeugen. Zu Ihnen strömte das Volk von überall her, und sie konnten in jeder Not helfen. Sie dienten der Gesellschaft, und dienten ihr in der vollkommensten Weise, da sie wahrhaft Gutes in die Welt brachten: Sie hatten selbst in der Erfahrung erkannt, was das Gute ist, und konnten deshalb auch andere dies lehren. Die Menschen sind vor Gott ein geschlossener Organismus. Einzelne, persönliche Erscheinungen der Heiligkeit reinigen, heiligen gleichsam den ganzen Organismus. Desgleichen verdunkelt, beschmutzt die Sünde eines einzigen Menschen den ganzen Organismus. Indem wir unserer eigenen Errettung zustreben, bringen wir gleichsam unseren Anteil an dem Werk der Errettung der Menschheit.

 

 

 

 

 

 

Der Aufbau des inneren Menschen erfolgt nicht in einem Moment erstaunlicher Taten, sondern im alltäglichen Leben. Ziel des Menschen ist die Ordnung des inneren Lebens, die Errichtung des Reiches Gottes in ihm selbst. Indem wir mit der Sünde kämpfen festigen wir in uns selbst und in der Welt das Göttliche Leben. Der Kampf mit der Sünde eröffnet dogmatische Wahrheiten, und wir nähern uns der Erkenntnis des göttlichen Lebens. Ein solches Leben ist der Aufbau des Reiches Gottes und das Reich Gottes selbst, das in Macht gekommen ist. Verständlicher werden die Worte des Gebetes des Herrn ­ "Dein Reich komme, Dein Wille geschehe". Wenn wir, indem wir die Sünde besiegen und die Trennung überwinden, uns vereinigen, so werden unsere Gedanken und Wünsche uns gemeinsam, wir gelangen zur Einmütigkeit. In dieser Einheit der Gefühle und Wünsche wird uns der Wille Gottes und seine Forderungen an uns verständlich. Dies ist jene Einheit, für die der Herr Christus betete. Diese Einmütigkeit und Vereinigung in der Liebe ist nicht ein abstraktes Ideal, sondern eine praktische Aufgabe der Lebensführung (Lebensgestaltung). Wir können ihm uns annähern, wenn wir unsere geistige Verwandtschaft entdecken. Die Frage der Erlösung ist nicht ein theoretisches Problem, sondern ein Weg der Tätigkeit. Leider haben nicht alle kirchlich geprägten Menschen dies verstanden. Mit der Sünde zu kämpfen, ist notwendig zur gegenseitigen Annäherung und zur Verwirklichung dessen, was als Lebensaufgabe vor uns liegt.

 

Das Vorhandensein von Glück im Leben hängt ab vom Vorhandensein unseres geistigen Lebens. Wie schön die äußeren Formen des Lebens auch sein mögen, wenn der Mensch in sich nicht die Sünde besiegt, erreicht er kein wahres Glück. Die Menschen bringen zur Befriedigung ihrer Eigenliebe sich selbst und andere in katastrophale Umstände. Die persönliche Sündhaftigkeit eines Menschen, nicht von innen heraus besiegt, kann jede, sogar an und für sich selbst gute Sache zur anderen Seite wenden, dem einzelnen Menschen großen Schaden bringen und in Bezug auf historische und kirchliche Ereignisse vieles entstellen. Auf diese Weise ist die Anstrengung zur persönlichen Errettung eine gemeinschaftlich bedeutsame Anstrengung. Die persönliche Errettung ist nicht etwas in sich selbst Begrenztes, sie ist das Salz in allem.

 

Man muß sie suchen, in der Welt, in der Familie, in unserer Umgebung. Wir müssen uns dessen bewußt werden, daß das Reich Gottes in uns (in unserer Mitte) ist. Der äußere Mensch schließt sich auf, der innere wird erneuert. Im Menschen selbst findet ein Kampf statt, ein Zustand ohne Kampf ist ein Zustand, der besagt, daß das geistige Prinzip sich verdunkelt. 

 

Der Zustand des Kampfes ist ein Kennzeichen des geistlichen Wachstums, und dieser geistige Prozeß darf keinen Augenblick aufhören. Jeden Augenblick wählt der Mensch das Gute oder das Böse. Diese Wahl der Wege des Guten oder des Bösen ist Inhalt unseres inneren Kampfes. Den inneren geistigen Kampf darf man nicht verwechseln mit dem, was bei uns "Kampf um Prinzipien" genannt wird, denn im geistigen Kampf ist nicht "die Verteidigung des Prinzips" entscheidend und leitend, sondern die Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung des Gewählten mit dem Willen Gottes. Um so weniger darf man den wirklichen geistigen Kampf durch den sogenannten "Kampf um Prinzipien" ersetzen.

 

Das Licht des Willens Gottes erhellt alles in uns, es muß ständig in uns wirken. Wir wählen lieber das, was uns leichter vorkommt, was uns unserer Natur angemessener erscheint. Wir lassen uns dadurch oft in Versuchung bringen und überlassen uns der sündhaften Strömung in unserem Leben. Die Mühe um die Errettung wird oft auf das Alter verschoben. Wir erwägen, den Anfang der Errettung in der Zukunft zu legen und vergessen, daß man das Alter auch nicht erleben kann. Die Zukunft ist immer um uns, sie ist verbunden mit unserer Buße und Besserung. Das Geheimnis des wahren Lebens besteht darin, daß die Sorge um die Errettung nicht auf unbestimmte Zukunft verschoben wird, daß jeder unserer Schritte von dem Licht der Gerechtigkeit und des Willens Gottes erhellt und in ihrem Licht gebessert wird. Sich daran zu erinnern, daß wir unmittelbar vor dem Verderben stehen und den Weg der Sünde gehen, ist unerläßlich, damit das Licht der Gerechtigkeit unser Leben erleuchtet.

 

Wir wollen gut und glücklich leben. Aber was tun wir dafür? Nicht einmal die morgendlichen und abendlichen Gebete eröffnen uns unseren verderblichen Zustand. Es ist unerläßlich, daß wir in den Sinn des Gebetes eindringen. Dann finden wir auch das Bewußtsein unserer Sündhaftigkeit und das Bewußtsein der Barmherzigkeit Gottes. Diese Gebete bestimmen unser ganzes Leben und unsere ganze Tätigkeit, sie weisen hin auf das, was wir tun sollen, und auf das, was wir mieden sollen. Im abendlichen und morgendlichen Gebet stehen wir vor dem Angesicht Gottes und prüfen uns selbst. Diese Gebete eröffnen uns selbst vor uns. Es ist wichtig, daß wir das wenige, was uns für den Tag bevorsteht, mit der Weisheit Gottes erhellen.

 

Die in uns lebende Sünde verdunkelt uns und veranlaßt uns vor uns selbst zu rechtfertigen. Die Selbstrechtfertigung schiebt uns der Böse unter. Solange in uns das Gewissen nicht erwacht und nicht mehr als nur gegenüber einzelnen Sünden empfindlich ist, haben wir selten das Bewußtsein der Sündhaftigkeit. Wir tragen durch unsere Sünde in alles Entzweiung hinein, und jedes Schlagen unseres Herzens zum Guten ist ein Maß, das ins Gewicht fällt. Unsere Rechtfertigung unserer sündhaften Taten ist der Feind unserer Errettung. Nur das Bewußtsein der Gefährlichkeit der Sünde erzeugt den Willen zum Kampf gegen die Sünde. Wir sind gleichgültig gegen die Sünde, bis uns bewußt wird, das sie uns das Glück nimmt. Wir halten die Sünde für unsere Natur. "Ich bin eben so und so und kann nicht anderes sein. Das ist mein Charakter". Aber der Charakter ist durchaus nicht von der Art, daß man nicht damit kämpfen kann. Im Augenblick der Entscheidung, der Sünde zu widerstehen, muß man daran denken, daß die Sünde uns nicht angehört, sondern sich uns aufgedrängt hat. Unsere Urväter wurden sündlos erschaffen. Die Sünde ist etwas daß in unsere Natur hineingekommen ist, was sich uns aufdrängt und sich gegen diejenigen Zustände der Seele wendet, die für sie, die nach dem Ebenbild Gottes geschaffen ist, natürlich sind. Die Sünden nimmt uns gefangen, kommt als fremdes Element in unsere natürliche Anlage hinein, doch darauf ist alles mit der Sünde verbunden. Das Bewußtsein, daß die Sünde nicht unser eigenes ist, ist außerordentlich wichtig, da es hilft, mit der Sünde zu kämpfen. Der Augenblick der Erleuchtung vom Herrn, in dem wir uns unserer Sündhaftigkeit bewußt werden, ist vor allem verbunden mit dem Willen, da sich die Sünde im Willen des Menschen einnistet, und die "Willensschwäche" vom Bösen kommt. Wenn aber mein eigenes, das von mir ausgeht, mit der Sünde verbunden ist, wie kann ich dann mit mir selbst kämpfen? 

 

Damit in mir der Wille zum Kampf mit der Sünde entsteht, ist das Wissen unerläßlich, daß die Sünde nicht mein eigenes ist. Dieses Wissen festigt den Willen, der Sünde Widerstand zu leisten. Indem er alle Kräfte anspannt, kleidet sich der Mensch in das Gute und trifft mit dem Licht des Guten den anderen, ihm gleichen Menschen. In diesem erscheint auch das Licht, und dies ist ein Sieg über das Böse, ein bedeutendes Ding.

 

Das sündhafte und das geistig richtige Leben vollziehen sich beide im Menschen, und die tägliche Umgebung ist das Mittel, mit dessen Hilfe sich der Mensch in sich kehren soll. Es ist schon gesagt worden, daß die Sünde eine entzweiende Macht ist. Ich will dies an einem Beispiel aus dem Leben erklären. ­ Einige Menschen haben sich gegenseitig beleidigt, wollten sich keine Zugeständnisse machen, haben sichgegenseitig gekränkt und gehen auseinander. Da ist nun das Unglück. Daraus geht hervor, daß man um unseres eigenen Glücks willen mit der Sünde kämpfen muß, d.h. die Neigung zum Zorn ist das Unglück unseres Lebens. Der Mensch ist mit dem Wunsch nach Glück geschaffen und soll und kann lernen, für sein Glück gegen das Unglück zu kämpfen, d. h. gegen die Sünde in dem Umkreis, der ihm besonders nahesteht. Die Kräfte der Sünde und der Heiligkeit sind im Menschen gleichsam im Zustand der "erzwungenen Ruhe". Und abhängig davon, wie wir den Menschen anrühren, beginnt in ihm und in der Welt entweder die Macht des Guten oder die Macht des Bösen wirksam zu werden. Wir brauchen ständig eine Umgebung, die unsere innere Welt reinigen könnte, die uns die Kraft und Möglichkeit geben könnte, uns in unserer Gerechtigkeit und in unserer Ungerechtigkeit offenzulegen, die uns die Möglichkeit echter Selbsterkenntnis geben könnte. Die Umgebung "überhaupt", als zufällige Verbindung von Menschen, hilft hier wenig. Vor den anderen verbirgt der Mensch seine Ungerechtigkeit, verbannt sie nach innen, und bemüht sich, "sauber" zu erscheinen. Er ist beschämt darüber, was man von ihm denken könnte, schämt sich vor der allgemeinen Meinung und zeigt sich deshalb nicht offen. Nur in seiner gewohnten, "häuslichen" Umgebung strömt das im Menschen verborgene Prinzip nach außen. In dieser Hinsicht ist die familiäre Umgebung ein unerläßliches Moment der Selbsterkenntnis. Es ist nicht zufällig, daß wir uns oft fürchten, in einer solchen "häuslichen" Umgebung zu verweilen. Indem wir von ihr fortstreben, "interessieren wir uns für alles", lassen uns von allem beeindrucken", nur um den Umständen, die Selbsterkenntnis fördern, zu entgehen.

 

Die uns nahestehende Umgebung legt uns für uns selbst offen. Doch hier muß man die Möglichkeit der Entstehung der Sünde aufspüren und sie nicht in die Wirklichkeit eintreten lassen. Dies ist der Moment der Trennung von der Sünde.

 

 

2. Der Weg der Gemeinschaft

 

Das christliche Leben ist ein Gehen im Licht. In der grauen Eintönigkeit unseres Lebens sehen und erkennen wir uns nicht in der Fülle unserer irdischen Berufung, in der Fülle der uns von Gott gegebenen Begabungen, wir erkennen nicht einmal uns selbst. Die Begabungen unserer Seele bleiben ungenutzt. Wir halten uns selbst für unnütz und schätzen die anderen genau so ein, indem wir von uns auf die anderen schließen, und sagen: "Wir sind durchschnittliche kleine Leute. Was sollen wir schon machen". "Wir arbeiten nur für unser tägliches Brot". Diese Selbstverkleinerung schwächt oft unseren Willen zum Handeln, indessen sind wir weder klein noch schwach, sondern jeder von uns hat seine Berufung. Jeder Mensch auf der Welt hat seine Bestimmung, ist ein Gesandter Gottes auf der Erde. Für den Herrn ist jede Seele notwendig, und jeder ist verantwortlich für sein Leben und nicht frei von Verantwortung für die anderen. Das Problem liegt nicht in unserer Kleinheit, sondern in der Scheu, Verantwortung auf sich zu nehmen. Wir sagen oft: "Das ist nicht meine Angelegenheit, sollen sich andere darum kümmern, meine kleine Hütte steht zu sehr am Rande". Mit solchen Worten schieben wir unsere Verantwortung auf die anderen. Wenn wir unsere Verantwortung auf den anderen schieben, schieben wir damit auch die Schuld auf den anderen, woraus die Verurteilung entsteht, die zur Entzweiung führt. Nehmen wir als Beispiel, was in unserem Heimatland geschehen ist. Wir wollen uns nicht alle schuldig bekennen, sondern sagen alle, daß diese oder jene an unserem Unglück schuld sind. Indessen ist es so, wenn jeder seine Schuld an der Zerstörung Rußlands erkennt und sie bereut, dann kann der Herr unserem Heimatland die Rettung schenken. Das äußere Leben hängt in vieler Hinsicht von uns selbst ab. Aufgrund des Umstandes, daß er Gesandter auf der Erde ist, hat jeder Einfluß auf das ihn umgebende Leben und damit auf das Leben der Welt. Wenn der böse Wille gleichsam die Kraft des Guten neutralisiert, so hat um so mehr der von der Sünde befreite Wille beträchtliche Bedeutung.

 

Wir leben täglich und treten täglich mit den einen oder anderen Menschen in Verbindung. Indem wir mit einander in Verbindung treten, können wir uns nach der schlechteren oder besseren Seite offenlegen. Leider legen wir gewöhnlich nicht das Licht und das Gute, die sich in uns befinden, offen. Unsere Gaben werden neutralisiert durch die graue Eintönigkeit unseres Lebens. Wir kennen oft selbst nicht die Schätze unserer Seele, und davon legt sich eine gewisse Verdunkelung über unsere Seele. Für die Erfüllung unserer Bestimmung, für die Eröffnung unserer selbst ist es nötig, daß sich unsere inneren Augen öffnen. Erst dann sehen wir in unserer Seele die Schätze, die vor unserem inneren Blick verborgen sind. Wir müssen in uns selbst diese Schätze entdecken und den anderen helfen, sie aufzuschließen. Besonders zu unterstreichen ist die Bedeutung des letzteren: Indem wir anderen helfen, sich zu entdecken, öffnen wir uns vor uns selbst in unserer Tiefe. Gerade deswegen ist die Gemeinschaft mit anderen Menschen nützlich. Sie ist für uns die Schule der Rettung, die Schule der geistigen Anspannung: Die Gemeinschaft mit den Menschen zu meiden ist für einen Christen nicht immer nützlich.

 

In der Einsamkeit wird der Mensch fast immer arm. Je mehr er sich von den Menschen entfernt, desto mehr wird er selbst arm. Wenn wir als Einzelgänger leben, schneiden wir uns gleichsam vom allgemeinen Leben, vom Leben des gesamten Organismus ab, und in dieser Vereinzelung trocknen wir aus, da wir dann nicht von den Säften des allgemeinen Lebens genährt werden. Durch die Gemeinschaft mit den Menschen werden die unentdeckten Kräfte des Menschen zum Vorschein gebracht: Durch die Berührung der verwandten Grundströmungen (Grundlagen) geraten diese Kräfte in Bewegung. Die Gemeinschaft mit den Menschen bereichert auf diese Weise unsere Seele, sie erblüht durch die Fülle der gegenseitigen Annäherung mit anderen Menschen. Jeder Mensch ist individuell, aber jeder Mensch kann das in ihm Fehlende durch die Gemeinschaft mit dem gesamten Organismus der Menschheit ergänzen. Die Menschen sind Gottes Blumen, man muß es wie eine Biene verstehen, den Honig aus diesen Blumen zu sammeln, sich durch die Individualität der anderen bereichern und seine eigene Individualität den anderen öffnen. Manchmal fällt uns die Gemeinschaft schwer, aber wir sind zum gemeinschaftlichen Leben berufen, und die Gemeinschaft mit den Menschen ist deshalb eine christliche Pflicht. Indem der Mensch mit anderen in Gemeinschaft tritt und die Entzweiung schöpferisch überwindet, öffnet er seine Werte, bereichert sich selbst und bereichert eben dadurch die anderen. Immerhin kann uns jede Begegnung viel geben. Wenn wir den uns umgebenden Menschen gegenüber aufmerksam sind, so nehmen wir unausbleiblich Reichtum mit, finden wir Wertqualitäten ­ das Licht und das Gute. In jedem Menschen gibt es Wertvolles, nur erlaubt unsere Sündhaftigkeit nicht, dies zu erkennen. Gewöhnlich kommen wir nur äußerlich in Berührung und geben uns nicht die Mühe, zum wahren Wesen eines Menschen vorzudringen. Wir entdecken den Menschen von seiner seelischen Seite nicht in seiner ganzen Fülle. Wir treffen mit lwan, Peter, Maria und Darja zusammen und schätzen sie in den meisten Fällen falsch ein, indem wir sie rein äußerlich betrachten.. Wir sagen.­ "Der ist sympathisch und der nicht". Wenn wir irgendwelche Fehler eines Menschen sehen, gehen wir ihm oft aus dem Weg und fassen das, was für ihn nicht wesentlich ist, als seine wahre Wirklichkeit auf und verurteilen ihn, ohne zu versuchen, zum Wesen vorzudringen. Dadurch entfernen wir uns voneinander, weil wir nicht versuchen, das, was uns trennt, zu überwinden. Wir haben uns daran gewöhnt, mit Menschen in Verbindung zu stehen, die uns angenehm sind, wenn eine natürliche Neigung zueinander besteht. Wenn wir im Kontakt auf das geringste Hindernis stoßen, wenden wir keine Willensanstrengung zu dessen Überwindung auf. Es fällt uns schwer, mit einem Menschen zu sprechen, dem gegenüber wir voreingenommen sind, aber eben diese Hemmung müssen wir überwinden. Der Herr will uns sammeln, der Böse hingegen sucht uns voneinander zu trennen. Durch die Überwindung der Entzweitheit erkennen wir miteinander das Eine, das in uns von Gott stammt, das unsere Kraft darstellt und uns das Gute im Leben ­ das gute Sein gibt. Die Sünde hat das ganze Menschengeschlecht entzweit. Durch den Sieg über die Sünde im Menschen nähern sich die Menschen einander an, weil sie zu ihrem ursprünglichen Zustand der Gemeinsamkeit der menschlichen Natur ­ als eines in sich einigen Organismus ­ zurückkehren. Die Sünde beraubt den Menschen. Wenn wir nicht überwinden, was uns trennt, sehen wir nicht das wirkliche Leben eines jeden Menschen, sondern seine Fassade, die wir irrtümlich als seine Wirklichkeit auffassen. Unsere Entzweitheit, unser Rückzug auf uns selbst entstellt unser Leben. 

 

Zugunsten der Gemeinschaft mit den Menschen müssen wir oft in uns selbst gegen ein unangenehmes Gefühl ankämpfen, uns überwinden, eine gewisse Anstrengung vollbringen, unsere Feindseligkeit bekämpfen, was (insgesamt) schon eine gute Tat oder eine gute Eigenschaft ist. In der Tat ist dies unsere Aufgabe für jeden Tag und für jeden von uns. 

 

Die Umgänglichkeit ist eine Gabe Gottes, sich selbst aus einem verschlossenen zu einem umgänglichen Menschen zu wandeln, um seine Dürftigkeit zu erganzen, ist eine verdienstliche Tat. 

 

 

3. Das gute Dasein

 

Wo ist in unserem Alltag Gutes und Freude? Wie kann man unser Leben erhellen? Wie einen Pfad zum Licht finden? Der Herr ist Quelle des Lichts und der Freude, der Böse aber bringt uns Dunkel. Wir sind Knechte des Bösen. Der Feind treibt Dunkelheit in unser Herz, und im Dunkel sehen wir das Leben verkehrt. Das Dunkel unseres Herzens verkehrt unser Leben. Wir machen verkehrte Schritte, sagen unpassende Worte, machen verkehrte Bewegungen, sehen nicht mehr das wahre Gesicht eines Menschen und schätzen den anderen Menschen falsch ein, indem wir seinen zeitweiligen, ihm in einen gegebenen Moment aufgedrängten Zustand für sein wirkliches Wesen halten. Indem wir eine Anwandlung für die Wirklichkeit halten, befinden wir uns in einem Zustand, der uns in gemeinsames Unglück und in Entzweiunq führt. Unsere Urväter wurden sündlos erschaffen. Seit der Zeit des Sündenfalls kommt die Sünde gleichsam zu unserer natürlichen Anlage hinzu, drängt sich uns auf und nimmt uns gefangen. Alles bei uns geschieht mit der Beimischung der Sünde, und durch die Sünde verlieren wir die Daseinsfreude.

 

Man muß sich bewußt machen, daß das Verharren in der Sünde mein wohl, meine Daseinsfreude zerstört, und dieses Bewußtsein führt zu dem Wunsch, sich von der Sünde zu befreien. Wir müssen uns bewußt machen, daß unsere Befangenheit in den Leidenschaften nicht unser Wesen ist, daß die Sünde nicht das meine ist, sondern etwas mir Aufgedrängtes, das mir Unglück bringt. Dann entsteht in mir der Wunsch, mich von dem mir fremden Element zu befreien. In der Sünde zeigen wir uns nicht in unserer wahren Gestalt. Die Sünde ­ das Böse ­ ist unser uneigentlicher Zustand, eine Fata Morgana, etwas nicht Wesenhaftes. Wahre Wirklichkeit ist nur das Gute und Gott. Die für etwas Wirkliches angesehene Fata Morgana, ­ das ist das Dunkel­ bringt uns Unglück und hindert uns, den Augenblick der Freude und des Lichts zu ergreifen, der uns jeden Tag geschenkt wird.

 

Im Zustand des Dunkels verharrend berauben wir uns selbst des Glücks, der Freude und des Lichts. Das Böse ­ die Sünde ­ beraubt den Menschen, indem es ihm nicht erlaubt, in der Fülle seiner geistigen Kräfte in Erscheinung zu treten. Wenn die Sünde nicht wäre, würde der Mensch sich in der Fülle seines geistigen Wesens öffnen. Der Zustand des Dunkels und der Bosheit, in dem wir uns befinden, ist der Beginn jener Hölle, in die wir wirklich geraten, wenn wir nicht zur Besinnung kommen. Wir schaffen uns selbst die Hölle. Unser Leben ist wirklich schwierig und grau, aber wir sind selbst schuld daran. Wenn wir uns der Sünde als Gefahr, die uns Verderben bringt, bewußt geworden sind, beginnen wir, der Sünde zu widerstehen und allmählich unseren Willen zum Guten zu wenden: Man muß Mühe darauf verwenden, das zu überwinden, was mein gutes Dasein verhindert. Wir bemühen uns aber nicht, uns von den zu befreien, was nicht das Unsere ist, und uns zudem noch Unglück bringt. Gewöhnlich vertauschen wir da etwas. Wir stellen dies als etwas vermeintlich Gutes dar, z.B. geben wir Geiz als Umsicht aus, und sagen: "Ich bin wie alle, so machen es alle","das ist keine große Sünde", und die uns aufgedrängten Zustände fassen wir als unsere eigenen auf. Dies schwächt unseren Willen im Kampf mit der Sünde. Wenn wir die Gedanken zu einem einzigen zusammenfassen, daß das Leben uns zum Wohl gegeben ist, irgend etwas aber unser gutes Dasein behindert, dann ist das schon viel.

 

Unser tägliches Leben ist das Mittel zum Aufbau des wahren Lebens. Wir haben die Mittel zum Ziel gemacht. Unsere wirklichen Schritte, die aus dem Unwirklichen kommen, bringen Böses, Trauer und Leiden mit sich. Wir gehen wie im Traum, und, im Dunkel der Sündhaftigkeit und Leidenschaften versunken, sehen wir nur Dunkel. Der Böse hindert uns, Licht zu sehen. Wir sind blinde Werkzeuge dunkler Kräfte, worunter wir leiden. Unsere mechanische Lebensweise vergiftet unser ganzes Dasein, denn wir sind nicht Schöpfer des Lebens, sondern seine Sklaven. Das Gehen im Dunkel nimmt uns die Freude des Daseins. Wie sollen wir verbleiben? Man muß die Augen Öffnen. Wenn das gute Dasein für mich Wert hat, dann werde ich alle Anstrengungen machen, es zu erreichen. Dies ist eine Sache, die völlig im Rahmen des Möglichen liegt. Dies ist für uns etwas Wertvolles. Dies ist eine verborgene Qualität in uns selbst und um uns herum. 

 

Unsere Seele ist für die Ewigkeit geschaffen, wir aber kümmern uns überhaupt nicht darum. Wir bemühen uns, alle möglichen Güter zu erwerben, ausgenommen die Güter der Ewigkeit. Wir sind schlechte Kaufleute. Wir setzen unsere Seele zu niedrig an. Dabei gibt es nichts Wertvolleres als unsere Seele. Wir kaufen nur das, was in der Ewigkeit keinerlei Wert hat, und das, was in der Ewigkeit zählt, erwerben wir nicht. Das kommt daher, daß bei uns alles verwirrt ist, und jede Wertordnung gestört ist: Die Sünde vernebelt uns die wahre Lage der Dinge. Wenn wir die ganze Verkehrtheit und Unrichtigkeit unseres Lebens wirklich spüren, erfolgt der richtige Kauf. Im Licht Gottes beginnt der Mensch, sich in der Wirrnis unseres Lebens zurecht zu finden und zum Guten und Ewigen zu streben.

 

Es ist wichtig, daß jeder Tag nicht fruchtlos in die Ewigkeit geht. Wir dürfen uns nicht mit dem mechanischen Ablauf unseres Lebens zufrieden geben. Man muß im täglichen Leben Wertinhalte finden. Jeder Tag ist uns gegeben, um daraus wenigstens ein Minimum jenes Guten, jener Freude zu gewinnen, die im Grunde die Ewigkeit ist, und die mit uns in das künftige Leben eingeht. Um aus jedem Tag Wertinhalte zu gewinnen, müssen wir gegenüber jedem Moment unseres Lebens schöpferisch eingestellt sein. Durch eine schöpferische Einstellung können wir unsere Untätigkeit überwinden, uns aus dem Dunkel der Leidenschaften, die uns gefangen halten, befreien. Wenn ich für mich wirklich Gutes und Freude will, so muß ich mir ein Leben schaffen. Die Sünde nimmt mir die Freude des Lebens, trennt mich von Gott, verhüllt mich sogar vor mir selbst und hindert mich, die Schönheit der von Gott geschaffenen Welt zu sehen.

 

Folglich führt die Überwindung der Sünde zu einer positiven (freudigen) Auffassung der Welt, zur Erkenntnis Gottes, und bringt zugleich die Gestaltung eines neuen, wirklichen Lebens, zu dem der Mensch im Grunde auch berufen ist, mit sich.

 

Indem wir die Sünde überwinden, bringen wir das Gute zum Vorschein, indem wir das Gute zum Vorschein bringen tauchen wir gleichsam in die Ewigkeit ein und schaffen das neue Leben. 

 

Wie kann man dieses schöpferische Leben angehen? Quelle unseres Lebens ist das Herz.

 

 

Unser Herz ist ein Feld des Kampfes des Bösen mit Gott, und dieser Kampf geht in jeder Stunde und in jedem Augenblick vor sich. Man muß ständig in Aufmerksamkeit über sein Herz wachen, die Anschläge des Bösen durchschauen und sie abwehren. Dann haben wir eine schöpferische Einstellung zu jedem Augenblick unseres Lebens. Wir stehen gleichsam ständig an der Grenze von Gut und Böse.

 

Es liegt in unserem Willen, uns schöpferisch zum Guten zu wenden, oder uns in Ohnmacht dem Bösen zu unterwerfen. Der Böse will uns beherrschen, und wir müssen uns ihm widersetzen. Der Böse drängt uns zur Sünde durch den Anschein eines Guten und bewegt uns zu etwas, was für uns nicht Gutes ist. Unter dem Anschein des Glücks schiebt er uns die Sünde unter.

 

In jedem Menschen gibt es mehr Gutes als Böses, nur ist das Gute mit dem Bösen verquickt. Ihr werdet mir sagen: "Wie das? Wieso sehen wir in den anderen soviel Böses? Ein ganzes Meer von Bösem". Ja, das Böse ist wie ein Meer, das Gute ­ wie ein Ozean. Das Böse drängt aus uns heraus, fällt in die Augen, das Gute aber ist in uns verborgen, verstreut, nicht gebündelt. Das Böse ist frech, das Gute aber ist bescheiden. Das Böse ist Dunkelheit, Sünde, unsere Ohnmacht, Zerfall, Unglück, Tod. Das Gute ist Licht, Einigung, Kraft Freude, Leben. 

 

Das mühsame Durchlaufen jedes Tages und jeder Stunde können wir hell und freudig machen, wenn wir aus dem Leben Gutes, Licht und Wärme nehmen. Ich muß meine Aufmerksamkeit richtig auf das mich umgebende Leben lenken. Wenn ich mein inneres Auge zum Licht richte, so werde ich es auch sehen. Die Aufmerksamkeit ist ein bedeutsamer Vorgang des geistigen Lebens. 

 

Kämpfe, strenge dich an, zwinge dich, das Licht zu finden und du wirst es sehen. Es heißt: "Suchet so werdet ihr finden" (Matthäus 7: 7). Unser Wesen ist zu zwei Dritteln mit Licht erfüllt, aber dieses innere Licht wird von uns nicht an den Tag gebracht. Das Licht ist Leben, und das Dunkel ist Nichtsein. Indem wir das Dunkel besiegen, lassen wir in unser Herz das Licht oder den Herrn ein. Das ist nicht mehr ein passiver, sondern ein schöpferischer Augenblick. Durch unsere Passivität werden wir in die graue Eintönigkeit unseres Lebens hineingezogen. Da wir das Licht in uns nicht zutage bringen und es nicht ausstrahlen, lassen wir uns selbst in dieser grauen Eintönigkeit verbleiben, und darunter leiden wir. Man muß schöpferische Kraft an den Tag legen, wenn wir das neue Leben schaffen, können wir mit der Quelle des Lichts, die alles erhellt, in Berührung kommen.

 

Der Herr erschuf die Welt durch das Wort, indem Er sagte: "Es werde Licht". In unserem schöpferischen Leben sind wir eine Widerspiegelung des Schöpfers, der die Welt erschaffen hat. Wenn wir in Aufmerksamkeit wachsam sind und diese in den Bereich des Lichtes lenken, dann erscheint in uns der Gedanke des Guten als Widerspiegelung des schöpferischen Gedankens Gottes. Der Gedanke des Guten ist selbst Licht und bringt uns Licht,­ das schöpferische Prinzip, ­ da er von der Quelle des Lichtes ausgeht. Der gute Gedanke leuchtet und dringt ein in das Chaos der alltäglichen Kräfteverhältnisse von Gut und Böse und schafft neues Leben. Er weckt uns auf und führt uns zur Überwindung des Dunkels. Es heißt: "Glaubt an das Licht, daß ihr Kinder des Lichtes werdet" (Joh. 12,36). Das göttliche Licht strömt ständig in die Welt ein. Nur durch das Dunkel unserer Seele wird dieses Licht von uns abgewendet. Unser Dunkel erlaubt uns nicht, dieses Licht zu ergreifen. Erst wenn wir das Dunkel zerstreuen, werden wir durch das Licht erhellt. Es gibt sogar die Ausdrucksweise: "Mir kam eine Erleuchtung" (Mir ging ein Licht auf). Als wenn ein Lichtstrahl vom Himmel auf uns fällt und alles in uns und um uns erhellt. Hier wird die Kraft Gottes sichtbar. Gleichsam durch uns spricht der Herr: "Es werde Licht". Das Licht tritt in Erscheinung, und vor unseren Augen eröffnet sich das neue Leben, dessen Existenz wir nicht einmal vermuteten. Wir können unser graues Leben in ein neues Sein verwandeln, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf den Gedanken des Guten gerichtet halten. 

 

Der gute Gedanke kann als Impuls unseres Lebens unseren Willen zur Überwindung des Bösen bewegen, neues Leben schaffen, und unseren Lebensweg erhellen. Um es nicht soweit kommen zu lassen, bemüht sich der Böse auf jede Weise, unsere Aufmerksamkeit zu verdunkeln. Man muß ständig in Aufmerksamkeit wachen und die Anwandlungen des Bösen abwehren.

 

Die Aufmerksamkeit ist eine bedeutende Bewegung des Willens. Unser Unglück liegt darin, daß unser Wille durch die Sünde geschwächt ist. Wir müssen unseren Willen so erziehen, daß er uns hilft, aus dem bedeutungsleeren Treiben von Gedanken und Gefühlen herauszutreten in den Bereich eines anderen Seins, in den Bereich des Lichtes. Der Sünde liefern wir uns sklavisch aus, dem Herrn überlassen wir uns freiwillig, da wir uns in die Quelle des Lichts versenken. Sicherlich, damit der Wille uns aus dem alltäglichen Treiben heraus in den Bereich des Lichtes bringt, ist es notwendig, das Sündhafte zu überwinden. Dafür aber muß man Mühe aufwenden, Anstrengungen des Glaubens erkennen lassen. Dafür zeigt sich der Mensch, indem er das Sündhafte überwindet, durch den Willensakt frei, aber "Wer Sünde tut, ist der Sünde Knecht (Johannes 8: 34).

 

Wir können das Leben ausnutzen, aber es darf uns nicht beherrschen. Der Apostel Paulus sagt: "Alles ist mir erlaubt, aber nichts darf mich beherrschen" (I. Kor. 6,12). Wir haben keinen Maßstab gegenüber dem uns umgebenden Leben. Es ergibt sich, daß nicht alles notwendig ist, worum wir uns so sehr bemühen, und wenn notwendig, dann nicht in diesem Umfang. Wir gehen aber mit ganzer Seele in der Betriebsamkeit auf. Ich werde nicht Herr meines Lebens, sondern bedeutungslose Dinge beherrschen mich. Eine Leidenschaft oder ein Gegenstand darf mich nicht beherrschen, sonst werde ich zum Sklaven des Augenblicks. Ich habe den Augenblick nicht ergriffen und damit Böses in die Welt gebracht. In diesem Augenblick ist in meinem Herzen das Böse. Man muß es besiegen, sein Herz friedlich werden lassen und auf die Seite des Guten treten. Andernfalls verschwindet unsere Freiheit, geht unsere Entscheidungsfreiheit verloren. Indem wir bei der Überwindung der Sünde schöpferische Kraft entwickeln, entdecken wir in uns die nie versiegende Quelle des Guten und beginnen, die Freude in jedem Augenblick des Lebens zu spüren. Dann ist unsere Einstellung zu jedem Augenblick unseres Lebens nicht mehr mechanisch, sondern schöpferisch. In der Überwindung der Sünde überwand ich ein gewisses Dunkel und spürte Freude, da in mein Herz der Herr oder das Licht eingetreten ist. Wenn in unserem Herzen Licht ist, erscheint uns alles um uns herum im Licht, und das wahre Licht kommt nahe zu uns. Unser sündhaftes Leben ist ein entstelltes, uneigentliches Sein, das uns Unglück bringt. Das wahre Sein gibt es nur im Licht, es bringt uns Gutes. 

 

Im Bereich der Vernunft strengt sich der Mensch an, denkt und arbeitet oft lange Jahre, indem er sein Denken ständig auf einen Punkt lenkt. Und bei intensiver Anspannung des Willens im Denkprozess geschieht eine Berührung mit dem göttlichen Licht und eine neue Erfindung kommt zutage. Doch im Bereich des Guten, des Lebens des Herzens, strengen wir uns nicht an. Wenn wir unser Denken auf das Gute konzentrieren würden, dann würden wir wirklich Bedeutendes erreichen. Unser Unglück besteht darin, daß wir nicht an das Gute glauben. Wir leben in irgendwelchen Illusionen und geben uns darüber nicht Rechenschaf. Wenn wir in den Bereich lichter Gedanken eintreten, vertreiben wir das Dunkel unseres Herzens und beginnen damit, neue zu schaffen, indem wir das Böse verdrängen. 

 

Das Gute ist ewig, und von Gott ausgehend, strebt es zu ihm zurück. Diese Bewegung des Guten zu Gott ist das wahre Leben: Die Errichtung des Reiches Gottes auf der Erde.

 

Man muß Anstrengung auf das Gute verwenden, dann holt das Gute selbst nach uns aus. Ich gehe zum Vater, und der Vater geht mir entgegen (Gleichnis vom verlorenen Sohn). Die Zusammenfassung der Kräfte des Guten in uns, die sich in chaotischer Unordnung befinden, ist die Eroberung des Reiches Gottes. Der Böse herrscht in unserem Herzen. Wenn wir ihn aus unserem Herzen vertreiben, machen wir dort Platz für den Herrn frei. Der Herr tritt in unser Herz ein und herrscht in ihm. Dadurch wird das Reich Gottes errichtet. Das Reich Gottes ist ein wirkliches Gutes hier auf der Erde ­ es ist die Freude im Heiligen Geist. Dann eröffnet sich für uns das Leben des Himmels. Das Ideelle wird real. Das ist das eigentliche, wirkliche Leben. Wir beten: "Dein Reich komme" ­ das ist etwas Wirkliches. 

 

 

Ergebnis der Überwindung unserer Sünde ist der Friede in unserem Herzen, und wir spüren die Freude des Daseins, des Lebens. Das Verharren in der Sünde ist ein Zustand der Verfinsterung, das Verharren im Kampf mit der Sünde dagegen ein Zustand im Lichte, in der Heiligkeit, der seine Quelle im Heiligen Geist, aus der Quelle des Lebens ­ Gott ­ findet. Deshalb auch präzisiert der Apostel Paulus, daß das Reich Gottes "nicht Nahrung und Trank, sondern Rechtsschaffenheit und Frieden und Freude im Heiligen Geist" ist (Römer 14: 17). In einem solchen Zustand vereinigt sich der Mensch mit Gott und spürt mit seinem ganzen Wesen die Freude im Heiligen Geist. Dies geschieht deshalb, weil der Mensch zu Gott zurückkehrt zu seinem Vater, in sein Heim.

 

Die grundlegende Aufgabe unseres Lebens ist, das Dunkel aus unserem Herzen zu vertreiben. "So lasset uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichtes" (Römer 13: 12), sagt der Apostel Paulus. Wenn wir die Dunkelheit unseres Herzens durch Licht ersetzen, werden wir vom Heiligen Geist erfüllt. Der Heilige Geist schafft das neue Leben, indem Er es aus dem Nichtsein ins Sein ruft. Das Reich Gottes wird in unserem Herzen aufgerichtet. Man muß sich nur bemühen, sein Herz für Gott zu öffnen. "Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an" (Apokalypse 3: 20). Sicherlich ist das Reich Gottes nicht leicht zu erhalten, es wird mit Mühe genommen. "Das Himmelreich wird mit Anstrengungen genommen, und die Mühe aufwenden, erreichen es" (Matthäus 2: 12). Aber das Reich Gottes ist mein Wohl und das allgemeine Wohl und läßt sich durchaus hier auf der Erde verwirklichen, nicht nur in den Wolken. Das Begreifen dieses Gedankens bringt mich zu dem Wunsch, mich von der Sünde zu befreien, diesem mir fremden Element, das mich der Freude des Lebens beraubt. Dafür muß ich mich zum Kampf mit der Sünde regen. Diese Anstrengungen bringt das neue Leben mit sich, das von Freude erfüllt ist, und neue, uns bisher unbekannte Erlebnisse.

 

Die Worte Anstrengung, Mühe, Askese, sollten uns nicht erschrecken. In der modernen Sportbegeisterung werden gewaltige Anstrengen erbracht: Die Menschen stehen früh auf, legen sich Beschränkungen im Essen auf und trainieren stundenlang. Dies ist auch eine besondere Mühe, Askese, jedoch unternommen zur Erreichung irdischer Ziele ­ "des vergänglichen Siegeskranzes" (1. Korinther 9: 25). Um so mehr ist für den Christen eine besondere Mühe zur Überwindung der bösen, sündhaften Natur notwendig, die unser Glück verhindert und uns des ewigen Lebens beraubt. Freilich ist es schwer, den Kampf mit der Sünde zu beginnen. Der Böse ist listig. Wir sündigen nicht immer deshalb, weil uns die Sünde angenehm erscheint, sondern nähern uns der Sünde allmählich an, indem wir das Gute durch Böses ersetzen. Der Böse in Gestalt einer Schlange war sehr listig, als er zu Eva sagte: "Hat Gott wirklich gesagt: Esst von keinem Baum im Garten?" "Nein, " antwortete Eva, "Er hat uns verboten, von einem Baum zu essen, der in der Mitte des Gartens steht und hat verboten, ihn anzurühren". Und Eva schien es, daß die Früchte des Baumes der Erkenntnis des Guten und Bösen besonders schön und wohlschmeckend sind und Erkenntnis verheißen ­ "ihr werdet sein wie Götter, die das Gute und Böse erkennen" ! 

 

Der Gedanke war da und setzte sich im Herzen fest, es kam der Wunsch und dann der Entschluß, die Sünde zu begehen. Und der Mensch durchbrach das festgelegte Gesetz, die Rangordnung der Werte: Gott, die Engel und der Mensch als Herr der Natur. Er übertrat das Gebot, das ihm von Gott zum Gehorsam gegeben war. Er wollte sich von Gott trennen und selbst Gott werden. Die ursprüngliche Harmonie der Beziehung zwischen Gott und Mensch war gestört, und anstelle eines Herrschers wurde der Mensch durch die Sünde ein Knecht, im Menschen selbst war die Harmonie seiner seelischen Kräfte, des Verstandes, des Herzens und des Willens, gestört. Die Errungenschaften des Intellekts stellten für den Menschen die Harmonie seiner Beziehung zu Gott nicht wieder her.  Der Mensch, der seinen Verstand entwickelte, gewann gleichsam die Herrschaft über die Welt, aber diese Herrschaft bringt dem Menschen nicht Gutes. Nur das von der Sünde gereinigte Herz gibt dem Menschen die von Adam gestörte Harmonie zurück. Der Mensch kehrt in den königlichen Zustand zurück und wird wieder ein Herrscher: die Elemente ordnen sich ihm unter und wilde Tiere umgeben ihn vertrauensvoll, wie wir es bei Heiligen sehen. Die Geschichte des Sündenfalls ist in ihrer psychologischen Seite geschichtlich wahr.

 

Die Psychologie der Urahnen entspricht unserem täglichen Sündenfall. Wie es Eva schien, daß die verbotene Frucht schöner und wohlschmeckender ist als andere und Erkenntnis bringt, so scheint es jetzt auch uns, wenn wir uns irgendeiner Leidenschaft überlassen, daß sie uns Glück bringt. Aber dies ist ein Trugbild.

 

Das Glück kann man nicht erreichen durch die Verletzung des Gesetzes des Seins, durch die Sünde. Wie kann man den Kampf mit der Sünde beginnen? Man muß eine Kraft finden, die die Sünde zerstört und kraftlos macht. Man muß sich mit der Quelle der Kraft des Guten ­ mit Gott ­ verbinden, indem man sich an Ihn mit der Bitte um Hilfe wendet, da die belastende Macht der Sünde unsere Bemühungen kraftlos macht und wir ohne die Hilfe Gottes nicht in der Lage sind, unsere sündhafte Natur zu verändern. 

 

Der Herr ist nahe und kommt uns sogleich entgegen und hilft. 

 

 

Durch eine kleine Anrede an Gott mit den Worten "Hilf, oh Herr" in einem Augenblick, da wir durch die dunkle Macht gefangen sind, rufen wir das neue Leben aus dem Nichtsein ins Sein. Die Hinwendung zu Gott ist ein Akt des Willens, der zur Quelle des Lichts gerichtet ist. Der Gedanke, sich in einem Augenblick der Dunkelheit des Herzens (sei es der Reizbarkeit, des Zorns, des Neides oder einer anderen Leidenschaft) an Gott zu wenden, ausgedrückt in den Worten "Hilf, oh Herr" durchdringt den Raum von der Erde bis zum Himmel, und von dort kommt als Antwort auf seine Anrufung die Hilfe unmittelbar in sein Herz herab, und erhellt als Lichtstrahl die in ihm herrschende Dunkelheit und vertreibt sie. Der Gedanke an Gott ist die Einwirkung des Heiligen Geistes auf uns. Indem wir Gott anrufen, treten wir mit dem Willen in einen anderen Bereich des Seins hinüber. Dieses Hinübertreten in einen anderen Beriech ist schon eine Tat des Glaubens, nämlich als Bemühen, sich aus den mechanisch auf uns wirkenden Lebensumständen zu befreien, aber unsere Tat des Glaubens ist verbunden mit dem Licht der Gottheit. Indem wir uns mit einem Wort an Gott, das Wort, wenden, erhalten wir als Antwort das Göttliche Licht, das der Leitstern in unserem Leben ist. Das vom Himmel kommende Licht gibt unserem neuen Leben die Richtung, und der Mensch bringt die Keimlinge des neuen Lebens auf dieser gleichgültigen, erstarrten Erde hervor. Dieses Licht überströmt uns und bringt die Energie des Guten, die in uns verborgen schlummert, zur Wirkung. Das schlafende Gute, das in uns wie in der Nichtexistenz, in der bloßen Möglichkeit vorhanden ist, tritt hervor und wird nach außen gebracht. Dieser Augenblick der Anrufung des Namens Gottes leitet das Licht in unsere Seele. Irgendwie ist es eine Kleinigkeit, zu sagen "Hilf, oh Herr". Vor uns aber öffnet sich gleichsam der Himmel mit der Gegenwart Gottes und geht Licht verströmend in uns über, und wir tauchen durch dieses Licht gleichsam selbst in die Ewigkeit ein.

 

Die Ewigkeit selbst tritt in unser Leben ein als ein Moment, das uns der Quelle des Lichtes näherbringt. Dieses Licht, das unser Inneres erhellt, wird in uns zum Sammelpunkt der Samenkörner des Guten, aus dem Chaos von Guten und Bösem, das für den gewöhnlichen Lauf unseres Lebens charakteristisch ist. Es erleuchtet alles in uns und um uns und hilft uns dadurch, aus der grauen Eintönigkeit unseres Lebens herauszufinden. Der Herr wird König in unserem Herzen, und dadurch wird das Reich Gottes ­ Freude und Friede ­ geschaffen.

 

Die Überwindung der Sünde gibt nicht allein dem Menschen, der mit dem Bösen kämpft und es besiegt, die Freude des Daseins, sondern bringt durch ihn auch den anderen Gutes. Die persönliche Überwindung der Sünde wird ein Gewinn der ganzen Gemeinschaft, ist die Grundlage der moralischen Erneuerung der Gemeinschaft und verringert das Böse auf der Erde, womit sie das allgemeine Wohl mehrt. Folglich ist der Sieg über die Sünde in uns selbst eine Wohltat, weil er der ganzen Welt Gutes bringt. Indem er die Sünde besiegt, sammelt der Mensch in sich das Gute, wird selbst (innerlich) reich und bereichert dadurch, daß er das Gute zur Geltung bringt, die anderen, da er sich in der Schönheit seiner menschlichen Würde öffnet. 

 

Jeder Mensch hat seine Mission, seine Sendung auf der Erde, eine bestimmte Art Schönheit, durch die er der Welt dienen und sein individuelles Sandkorn in den Organismus der ganzen Welt einbringen soll. Das individuelle Dasein, von der Sünde befreit und in der Fülle des wahren Lebens offenliegend, ist ein Beitrag zum Reichtum der ganzen Welt.

 

Im Prozeß des Kampfes mit der Sünde werden wir selbst gleichsam verwandelt: Von reizbaren Menschen werden wir zu sanftmütigen, von geizigen zu freigebigen, von bösen zu guten, von grausamen zu barmherzigen, von hektischen zu gelassenen. In uns entstehen neue Gefühle und Erlebnisweisen. Uns öffnen sich die Augen. Das Dunkel unseres Herzens wird vom Licht abgelöst. Die Umwandlung des Dunkels unseres Herzens in Licht ist ein Wunder, eine deutliche Erscheinung der Macht Gottes. Dies ist eine Erneuerung, das Ablagen des alten, äußerlichen Menschen und die Formung eines neuen Menschen, eines neuen Geschöpfes, ­ es ist eine Umwandlung.  Im Augenblick unserer Umwandlung treten wir ein in ein anderes Sein und kommen in Berührung mit der Ewigkeit. Das Ewige, Himmlische tritt in unser Leben ein, und wir selbst treten eben dadurch in das Ewige ein. Wir durchleben nun nicht mehr irdische, sündhafte Gefühle, sondern gute, himmlische Gefühle. Dies ist der neue Himmel, den wir erwarten. Dem Menschen ist eine große Kraft gegeben, mit Gottes Hilfe das sündhafte Leben in ein neues Leben zu verwandeln, das Reich Gottes auf der Erde zu schaffen. 

 

Auf dieser sündhaften Erde treten wir, in unserem Herzen beginnend, durch einen schöpferischen Akt und den Prozeß der Umwandlung unserer Natur in ein neues Sein ein. Wir bringen in uns andere Gefühle und Gedanken zur Geltung. Das ist das Reich Gottes. Es wird unser Erbteil, und der Heilige Geist beginnt in uns zu wirken. Die Frucht des Geistes ist "Liebe, Freude Friede, Langmut, Güte, Barmherzigkeit, Glaube, Sanftmut, Enthaltsamkeit", sagt der Apostel Paulus im Brief an die Galater (Galater 5: 22). Dann weicht der Böse von uns und seinen Platz in Herzen nimmt Der ein, der das Licht ist. Jeder Mensch vollbringt dann gleichsam wunder, da er durch die Überwindung der Sünde Gott in sich entdeckt. Im göttlichen Licht beginnen wir, den trügerischen Schein unseres alltäglichen Lebens zu bemerken. Ohne Gott anzurufen und Ihm zu folgen können wir nicht aus der Knechtschaft der Dinge und Umstände herauskommen und bleiben darin. Aber die Hinwendung zu Gott, zur Ewigkeit, verströmt über uns Licht und zeigt uns die Welt in der wirklichen Bedeutung ihrer Dinge. Wir müssen unseren Alltag so oft wie möglich durch einen Strahl des göttlichen Lichtes erhellen, durch die Überwindung der Sünde gleichsam ein Fenster zum Himmel öffnen, damit durch dieses Fenster das himmlische Licht in unsere Herzen strömt. Die Überwindung unserer sündhaften Natur und der Übergang zu einem anderen Sein geschieht durch die Macht, die das Gute ausströmt, durch die Macht Gottes oder die Gnade. Durch die Hilfe der göttlichen Gnade und seinen freien willen, der mit der Sünde kämpfte, wird der Mensch eine neue Schöpfung. Das Gute erfüllt dann unser gewöhnliches Leben und gibt ihm Wert und begleitet uns in die Ewigkeit. Je mehr in dieser Art erhellte Augenblicke es in unserem Leben gibt, desto mehr ist unser Leben vom göttlichen Licht erleuchtet.Wir werden uns von den Leidenschaften lösen. Die Welt wird ihre wahre Schönheit erhalten, und der Mensch sein wahres Sein. Er wird sein Wohl finden und die Freude des Lebens spüren. Das Christentum ist nicht eine Religion der Betrübnis, sondern eine Religion der Freude und der Seligkeit. Der Apostel Paulus sagt: "Seid immer freudig" (Thessalonicher 5: 16). Die Überwindung des Sündhaften im Menschen selbst in jedem Augenblick des Lebens zieht einen freudebringenden Zustand nach sich, der der Anfang jener Freude und jener Seligkeit ist, von der gesagt wurde: "Kein Auge hat gesehen und kein Ohr gehört und in keines Menschen Herz ist gekommen, was Gott denen bereitet hat, die Ihn lieben" (1. Korinther 2: 9). Amen. 

 

 

Unser Weg zu Gott 

 

S. E. Bischof Sergej von Prag

 

Die Menschen beklagen sich ständig darüber, daß das Leben eintönig grau und ihnen zuwider geworden ist und deshalb ziemlich unglücklich aussieht. Wir stehen jeden Tag auf und arbeiten bis zur Erschöpfung und sehen niemals einen Freudenstrahl. Und zu allem anderen sind wir ständig gekränkt, gereizt und verärgert, meistens wegen Kleinigkeiten.

 

Woher kommt dieses belastende Gefühl des Unglücks und der Verlorenheit? Der Ursprung unseres Unglücks liegt darin, daß wir uns dem Einfluß äußerer Umstände unterwerfen, indem wir mechanisch leben, und in die Knechtschaft der Dinge geraten, die keinerlei Bedeutung haben und heute vorhanden sind, morgen aber vielleicht nicht mehr existieren. Mit anderen Worten, wir halten das unaufhaltsam vergehende Leben mit seinem Arger, seinen Kränkungen, seinem Neid und seinem Haß für das wahre Leben.

 

Die ständige Aufregung, in der wir leben, ist die Ursache für den Verlust des Friedens und der Ruhe in unseren Herzen, die infolgedessen in Dunkelheit versinken. Wer im Dunkeln geht, stolpert, in das Dunkel geraten wir aber deshalb, weil wir den sündhaften Zustand unserer Seelen, das heißt ihre Beherrschung durch finstere Mächte, für Wirklichkeit halten. Wenn wir diese Unruhe in unsere seelischen Beziehungen mit anderen hineintragen, entsteht Auseinanderstreben und gegenseitige Entfremdung. Dieses Gefühl des Auseinandertreibens ist Ursache für Leiden. Es ist jedoch unzweifelhaft, daß jeder von uns nach Wohlergehen und Glück strebt, denn Gott gab uns die Erde zum freudigen Verweilen darauf, gab sie uns, damit wir dort glücklich wären und sozusagen an der Herrlichkeit Gottes Anteil hätten.

 

Doch wo sollte man Gutes und Freude im alltäglichen Leben finden? Wir streben gerne nach heroischen Taten in der Hoffnung, daß sie uns die Möglichkeit geben, die Seligkeit zu erlangen. Doch ist dies nur ein flüchtiger Augenblick vergehender Freude. Wir streben jedoch nach ständiger Freude und Wohlergehen im alltäglichen Leben.

 

Ein großes Hindernis auf unserem Weg zur Freude ist der Umstand, daß wir größtenteils mechanisch leben. Wir beurteilen den Menschen nicht nach seinem Inneren, in seiner ganzen Fülle, sondern streifen ihn nur äußerlich, ohne uns die Mühe zu machen, zum wahren Wesen des Menschen vorzudringen. Dies ist eine um so größere Unterlassung, als in Wirklichkeit das Leben jedes einzelnen von uns einen großen Reichtum enthält. Jeder Mensch hat seine eigene Persönlichkeit, jeder hat seine bestimmte Aufgabe, jeder von uns ist gleichsam von Gott gesandt. Gleichzeitig damit, ist besonders hervorzuheben, daß in jedem Menschen mehr Gutes ist als Böses.

 

Es ist natürlich, zu fragen: Wie dies? Um sich herum sieht man soviel Schlechtes, ein ganzes Meer von Bösem. Ja, aber wenn das Böse ein ganzes Meer ist, dann ist das Gute mit Sicherheit ein ganzer Ozean. Das Böse in uns tritt unablässig an die Oberfläche, es fällt ins Auge, das Gute aber ist verborgen, verstreut, nicht gesammelt. Das Böse ist frech, das Gute bescheiden. Das Böse ist Dunkelheit, Sünde, es ist unsere Schwäche und unser Unglück, unser Tod. Das Gute ist heil, eine verbindende Kraft, Macht, Freude. Kurz gesagt, das Gute ist Leben. Wir begegnen einander nicht zufällig. Der Herr verbindet uns in der Familie, in der Gesellschaft, in einem Volk, während der Geist des Bösen sich bemüht, uns zu entzweien, durch Streit auseinander zu bringen. Unsere Aufgabe ist, diese zerstörerische Kraft zu überwinden, denn nur auf diese Weise können wir in uns das eine Gemeinsame erkennen, das von Gott kommt und das uns Wohlergehen und Leben gibt. 

 

Das Böse und die Sünde bestehlen den Menschen, denn sie verhindern, daß er in der Fülle seines geistigen Wesens in Erscheinung tritt. Wenn der Mensch nicht das überwindet, was uns trennt, dann sehen wir nicht das wahre Leben, sondern nur sein scheinbares Abbild. Solche Entzweiung und Absonderung ist streng zu verurteilen, weil wir zur Gemeinschaft berufen sind. Nur in der Gemeinschaft im Leben entfaltet sich unsere Seele vollständig. Deshalb ist die Verbindung zwischen uns nicht gleichgültig, sie zeigt sich vor allem und hauptsächlich im Wort. Das Wort muß man jedoch als Widerspiegelung des göttlichen Wortes betrachten.

 

Der Herr sprach: "Es werde Licht". Und das Licht erschien. Das Unsichtbare erhielt das Sein vom (göttlichen) Wort. Das Wort kann eine gewaltige Kraft darstellen. Im 32.(33.) Psalm lesen wir: "Die Himmel sind durch das Wort des Herrn gemacht, und ihr ganzes Heer durch den Geist seines Mundes" (Vers 6). 

 

Auch bei uns wird durch das Wort das Verborgene deutlich und tritt hervor. Deshalb muß man mit großer Vorsicht mit dem Wort umgehen. Es ist wichtig, daß unser Wort in einer guten Atmosphäre Gutes verströmt. Mit dem Mittel des Wortes wollen wir ja Wohlergehen erreichen. Deshalb ist es notwendig, daß das Wort, das aus unserem Munde kommt, das Gute enthält, das unser Leben erhellt. Wenn im Gespräch das gute Wort zur Geltung kommt, bleibt nach einem solchen Gespräch lange das Gefühl von etwas Wertvollem, Wesentlichem, Göttlichem zurück. Das Wort soll uns einander nahebringen, Eintracht stiften, nicht aber Entzweiung und Zerstörung verursachen. Wir leben jedoch in unserer Sündhaftigkeit, die die Kraft unseres Wortes abschwächt. Deshalb wird das Wort nicht in voller Kraft in unserem Leben wirksam. Nur das Wort, das der Sünde fern ist, kommt in seiner vollen Kraft zur Geltung, denn in diesem Falle ist es verbunden mit dem (göttlichen) Wort, Das das Licht erschaffen hat. Das Wort, das in eine Umgebung kommt, die widersteht, ist in höchstem Maße wirksam und hat eine große Bedeutung für die Organisation unseres Lebens.

 

Das Wort, das aus den verborgenen Tiefen der Seele hervorkommt, das nicht geschwächt ist durch unsere eigene Sündhaftigkeit und die Kraft des in uns möglichen Guten darstellt, bringt das Licht und das Gute mit sich, sofern es mit der Quelle des Lichts und dem (göttlichen) Wort vereint ist. Das Wort wird Fleisch.

 

Wenn wir das Wort ohne Aufmerksamkeit aussprechen, denken wir nicht daran, daß diese Worte, die zum Himmel gelangen und in die Ewigkeit entschwinden, Träger von Entzweiung, von Zerstörung in der Familie, in der Gesellschaft, in den Völkern, in der ganzen Welt sein können. Wenn wir in Gesellschaft zusammenkommen, beginnen wir gewöhnlich mit Beurteilungen und gehen sehr schnell zur Verurteilung über. Urteil und Verurteilung ist Gift, das das Leben zerstört. Die Verurteilung entzweit uns, stößt uns voneinander ab, doch soll das Wort ­ als Widerspiegelung des (göttlichen) Logos auf der Erde das Licht und die Freude des Daseins in die Atmosphäre der Feindschaft und der Zerstörung, in der wir leben, bringen. Das Wort hat die Ewigkeit in sich. Es ist sehr wichtig, daß unsere Beziehungen zu den Menschen uns die Freude des Lebens bringen. Deshalb muß man die Worte so gebrauchen, daß man ihretwegen nicht verurteilt wird. "Ich sage euch aber, daß die Menschen Rechenschaft geben müssen am Tage des Gerichts von einem jeglichen nichtsnutzigen Wort, daß sie geredet haben" (Matthäus 12: 36).

 

Deshalb muß man in den Beziehungen mit den Menschen zugänglich sein und nicht den Menschen aus dem Wege gehen. Wenn es uns gelingt, das zu finden, was uns gemeinsam ist, was von Gott kommt, dann laßt sich die wahre Freude in unserem Herzen nieder. Auf diese Weise gewinnen wir Qualitäten, mit denen wir fortan leben. Indem wir die Gemeinschaft mit Gott suchen und finden, werden wir Mitarbeiter Gottes auf der Erde. Durch diese Mitarbeit werden wir umgewandelt und treten ein in den Wesenskreis des Lichtes. In einer solchen Umwandlung spiegelt sich das Licht und die Herrlichkeit Gottes, und der Herr Selbst findet in uns eine Grundlage, auf der Er sich uns nähern kann.

 

Wo zwei oder drei versammelt sind in Meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen" (Matthäus 18: 20).

 

Wenn also die Menschen in der Gemeinschaft von Zweien oder Dreien leben, in der Familie oder in einer anderen Gemeinschaftsform und dadurch ihre Entfremdung überwinden, beginnen sie die Gemeinsamkeit ihrer Lebensinteressen zu spüren, die ihnen Glück und Wohlergehen bringt. Die Überwindung der inneren Entfremdung erweckt den Eindruck unserer Identifikation mit den anderen, als ob wir "ein Herz und eine Seele" wären. Wir sind alle nach dem Ebenbild Gottes geschaffen, und eben dieses Ebenbild Gottes vereinigt uns. Auf diese weise erreichen wir allmählich die Einmütigkeit in unseren Willensregungen.

 

Das ist jene Einheit, von der Christus sagte: "Auf daß sie alle eins seien: wie Du, Vater, in mir, und ich in Dir, so mögen auch sie in uns eins sein, Damit die Welt glaube, daß Du mich gesandt hast". (Johannes 17: 21). Infolgedessen ist in der Einheit Leben, und in der Entzweiung ­ Tod. Die Einheit ist gleichsam ein Faden, der von der Erde zum Himmel, zu Gott, dem vereinenden Zentrum, gespannt ist. Die Einheit bringt Wohlergehen, das die Grundlage unserer echten Lebensfreude ist. Das ist das Gesetz des Lebens. Wer davon abweicht, wird unausbleiblich deswegen leiden. Bedauerlicherweise halten wir es in unserer spießbürgerlichen Lebensform gewöhnlich nicht für unsere Aufgabe, in diesem eintönig grauen Leben nach dem zu suchen, was wir von Gott erhalten haben, was allein uns einander näherbringen kann.

 

Wir halten im Gegenteil den Zustand der Entzweiung für das währe Leben und bemühen uns nicht einmal, diese Entzweiung irgendwie zu überwinden, obwohl sie uns die Möglichkeit nimmt, im alltäglichen Leben Freude zu finden, uns daran hindert, unsere Seele zu öffnen und unsere wirklichen Qualitäten zur Geltung zu bringen. Diese Qualitäten existieren in uns, damit wir sie an den Tag bringen. Der Herr hat uns alle mit guten Eigenschaften beschenkt, und uns die möglichen (latenten) Fähigkeiten zu ihrer konkreten Verwirklichung gegeben. Aber wir bringen sie nicht richtig zur Wirkung, nutzen in uns nicht die Kräfte aus, die in uns ruhen, mit denen wir jedoch Berge versetzen könnten. Wenn wir wollen, können wir in uns das flammende Feuer des Guten entzünden. Wenn wir akzeptieren, daß das alltägliche Leben genau genommen nur ein Mittel zum Aufbau des währen Lebens ist, sehen wir, daß wir das Mittel zum Selbstzweck gemacht haben. Infolgedessen gehen wir durchs Leben wie im Traum, in Dunkelheit, Sündhaftigkeit und Leidenschaften versunken, in unserer Aufmerksamkeit beschränkt auf das Dunkel, das wir jetzt vor uns sehen. Der böse Geist hindert uns, auf das Licht zu blicken, und wir werden zum Werkzeug seiner finsteren Kräfte und leiden natürlich darunter.

 

Man muß mit offenen Augen das Leben um sich herum betrachten. Dabei bemerken wir, daß das mechanische Leben, in dem wir völlig aufgehen, unsere Seele vergiftet. Wir wissen freilich, daß unsere Seele für die Ewigkeit geschaffen ist sorgen uns jedoch um diese überhaupt nicht, sondern bemühen uns in jeder Weise, materielle Reichtümer zu erwerben und lassen die ewigen außer acht. Wir sind ziemlich schlechte Kaufleute, da wir unsere Seele zu gering bewerten, während wir in Wirklichkeit nichts Wertvolleres haben. Wir erwerben nur das, was für die Ewigkeit absolut keinen Wert hat und lassen das außer acht, was in die Ewigkeit eingeht. Wir tun dies, weil die Sünde uns die wirkliche Lage der Dinge verschleiert.

 

Erst wenn wir wirklich die ganze Verkehrtheit unseres Lebens erkennen, erst dann findet ein richtiger Handel statt, weil der Mensch das Licht Gottes erkennt, das eine Dunkelheit erleuchtet, sich im nichtigen Getriebe des Lebens zu orientieren und sich nach Gott und der Ewigkeit auszurichten beginnt. Wir sollten nicht vergessen, daß jeder von uns bestimmte Talente erhalten hat, und daß wir verpflichtet sind, dieses uns von Gott gegebene Talent zum Vorschein zu bringen und in die Breite wirken zu lassen. ­

 

Das Offenlegen dieses Talentes ist direkt in unsere Hände gelegt. Bei der Begegnung mit anderen Menschen müssen wir in uns selbst alles überwinden, was uns von ihnen trennt. Dadurch bringen wir unsere Fähigkeiten zum Vorschein, legen die uns anvertrauten Talente offen und bereichern durch diese Qualitäten uns selbst und die anderen. Jede Begegnung, bei der wir uns mit Aufmerksamkeit auf die uns umgebenden Menschen einstellen, wird für uns zu einer Quelle echter Bereicherung, da sich in einer solchen Begegnung immer das Licht und das Gute einstellen. In jedem Menschen ist Schönheit zu finden, doch hindert uns unsere Sündhaftigkeit daran. Deshalb müssen wir auch im Alltagsleben seine wahre Qualität suchen, indem wir einen mechanischen Ablauf ablehnen. Damit erreichen wir, daß kein einziger Tag leer in die Ewigkeit geht, sondern daß jeder Tag für uns zumindest Quelle eines Mindestmaßes an Freude und Wohlergehen wird, die als Bestandteile der Ewigkeit mit uns ins ewige Leben gehen. Wenn wir uns diese Inhalte verdienen wollen, müssen wir in uns die schöpferischen Kräfte wecken, durch die wir unsere Untätigkeit überwinden und uns von dem Dunkel unserer Leidenschaften die uns beherrschen, befreien können. Leidenschaften und Sünde nehmen uns die wahre Freude des Lebens und hindern uns, die Schönheit des göttlichen Lichts zu sehen. Deshalb führt gerade die Überwindung der Sünde zu einer freudigen Auffassung der Welt und zugleich zur Schaffung eines neuen, wahren Lebens, was eigentlich auch die Aufgabe eines jeden Menschen ist. Auf diese Weise erreichen wir, daß der äußerliche, alte Mensch in uns abstirbt und ein neuer Mensch entsteht. Durch die Überwindung der Sünde entdecken wir das Gute, mit dem wir, wenn euch nur für einen Augenblick, in die Ewigkeit eintauchen.

 

Wir können wir dieses schöpferische Leben verwirklichen? Dadurch daß wir ständig wachsam sind, um alle Mängel im Leben unserer Seele ins Bewußtsein zu bringen, und sie zu beseitigen. Es ist zu spüren, daß wir uns wirklich auf der Grenze von Gut und Böse befinden. In unserem Herzen tobt fast in jedem Augenblick der Kampf des Bösen mit Gott. Das Böse bringt unablässig Dunkel in unser Herz: Reizbarkeit, Zorn, Neid, Verurteilung, Trägheit. Wenn wir mit Gottes Hilfe das Dunkel überwinden, tritt in unser Herz das Licht, oder sogar der Herr Selbst, ein. 

 

 

Es ist sehr wichtig, daß wir uns darüber klar sind, daß der Herr die Welt durch das Wort geschaffen hat, denn Er sprach: Es werde Licht! 

 

Wenn wir uns bemühen, ein aufbauendes Leben zu führen, werden wir gleichsam zu einer Widerspiegelung des Schöpfers Selbst. In uns treten gute Gedanken als Widerspiegelung des schöpferischen Denkens Gottes auf. Ein guter Gedanke ist an und für sich selbst Licht, weil er uns Licht bringt in Gestalt eines schöpferischen Prinzips, das er von der Quelle des Lichtes ­ Gott ­ erhält. Der gute Gedanke dringt (leuchtend) ein in das Chaos der Kräfteverhältnisse von Gut und Böse und führt zur Überwindung des Dunkels. Es ist geschrieben: "Solange das Licht unter euch ist, glaubt an das Licht, daß ihr Kinder des Lichtes werdet. Als er dies gesägt hatte, ging Jesus fort und verschwand" (Johannes 12: 36). 

 

Das Licht Gottes erhellt uns immer und überall, aber das Dunkel unserer Seele stößt es ab. Wenn irgendein Gedenke uns erleuchtet, haben wir oft das Gefühl, als wenn dies ein Lichtstrahl vom Himmel war, der alles erhellt und erleuchtet, was uns vorher unklar war. Ein solcher Lichtstrahl weckt uns gleichsam vom Schlaf auf und zeigt die Macht Gottes.

 

"Es werde Licht", sprach Gott, und das Licht erschien. Aber es erscheint auch jetzt, und dadurch tritt vor unseren Augen das neue Leben ein. Durch dieses Licht können wir unser eintönig graues Leben in ein neues, helles, freudiges Dasein verwandeln, wenn wir nämlich unsere besondere Aufmerksamkeit in die Richtung dieses Lichtes lenken, das in Form des Gedankens des Guten, der uns zur Überwindung des Bösen anregt, in uns eindringt.

 

Durch die schöpferische Kraft, die in uns zutage tritt, entdecken wir in uns die Quelle des Guten, und wir lernen, die Freude des Daseins zu spüren. Infolgedessen verliert unsere Beziehung zu unserem Leben seinen mechanischen Charakter und erhält schöpferische Züge. Diese schöpferische Tätigkeit bringt gleichzeitig die Erhellung unseres Lebens. ­ 

 

 

Im geistigen Bereich zwingt sich der Mensch oft, manchmal jahrelang zu überlegen und zu arbeiten. Bei angespannter Anstrengung kann man zur Berührung mit dem göttlichen Licht gelangen. Indem wir in den Bereich erhellter Gedanken eintreten, vertreiben wir das Dunkel unseres Herzens und beginnen eben dadurch ein neues Leben zu schaffen, das uns von dem Bösen befreit. Unser Unglück besteht darin, daß unser Wille durch die Sünde geschwächt ist. Deshalb muß man den Willen so erziehen, daß er uns hilft, aus unseren verworrenen Gefühlen herauszukommen in den Bereich eines anderen Seins, in den Bereich des Lichtes. Den Sünden überlassen wir uns als Sklaven, dem Herren aber aus freiem Willen. Dies ist freilich nur möglich, wenn wir die Sünde in uns überwinden. Für dieses Ziel sind große Anstrengungen und echter Heroismus nötig.

 

Und deshalb wird ein Mensch, der durch die Bewegung seines Willens die Sündhaftigkeit überwunden hat, frei, während ein Mensch, der sich der Sünde überläßt, Sklave der Sünde ist. Wer die Sünde überwunden hat, erzeugt Freude, läßt in sein Herz das Licht, d. h. den Herrn, eintreten. Wenn in unserem Herzen Licht ist, haben wir das Gefühl, als wenn alles um uns herum uns erfreut, und das Sein selbst uns nahegekommen ist. So gelangen wir zu dem Bewußtsein, daß unser sündhaftes Leben ein uneigentliches, entstelltes, unglückliches Dasein ist. Das wahre Sein umfaßt nur das Gute und bringt nur Wohlergehen. Auf diese Weise ist der Kampf mit der Sünde, der wahre Fortschritt, die Quelle eines neuen Lebens, voller Freude, die uns bisher unbekannt ist. 

 

Wir sollen nicht vergessen, daß jeder Mensch seine besondere Bedeutung hat, seine eigenen Vorzüge, seine Schönheit, mit denen er der Weit dienen soll. So tritt das individuelle menschliche Dasein hervor, befreit von der Sünde und zur Fülle des wahren Lebens entwickelt, und wird zu einer wertvollen Bereicherung des Daseins der ganzen Welt. 

 

Natürlich dürfen wir bei solchen Bemühungen Anstrengungen nicht fürchten. Bei sportlichen Übungen setzen wir manchmal große Anstrengungen ein. Es fällt uns nicht schwer, für sportliche Übungen früh aufzustehen; ihretwegen können wir auf Überfluß im Essen und Trinken verzichten und besondere Übungen im ganzen Tagesverlauf machen. Auch bei solchem Verhalten können wir von Heroismus oder sogar von Askese sprechen, die freilich auf irdische Ziele gerichtet ist. Alle, die Kämpfer werden wollen, müssen sich einschränken. Sie fuhren dies durch, um einen vergänglichen Siegeskranz zu erhalten, wie für einen unvergänglichen. 

 

"Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge; jene nun, damit sie einen vergänglichen Siegerkranz erhalten, wir aber einen unvergänglichen" (I. Kor. 9, 25). Um so natürlicher ist der Heroismus für den Christen, der seine sündhafte Natur überwinden will, die ihn daran hindert, des Glück zu erreichen und ihn des ewigen Leben beraubt. 

 

Die Überwindung der Sünde gibt uns die Freude des Daseins, nicht nur dem Menschen, der mit dem Bösen kämpft und es besiegt, sondern durch seine Vermittlung wird sie auch an die anderen weitergegeben. Auf diese Weise wird die Überwindung der Sünde durch einen einzelnen Menschen zum Guthaben der ganzen Menschheit, wird Grundlage der Erneuerung der Gesellschaft. Dadurch wird das Böse auf der Erde beseitigt und das allgemeine Wohl gemehrt. Folge davon ist die Überwindung der Sünde insgesamt durch die Tugend, die die ganze Welt umfaßt. Indem er die Sünde überwindet, sammelt der Mensch in sich das Gute und zugleich die Schönheit der menschlichen Würde. Er bereichert auch die anderen. Das Gute ist  ewig. Es geht von Gott aus und strebt zu Gott zurück. Dieses Streben des Guten nach Gott ist das wahre Leben und die Verwirklichung des Reiches Gottes auf der Erde. 

 

Das Reich Gottes fällt uns nicht leicht zu, sondern ist nur mit Mühe zu erhalten. Es ist ein Gutes, das hier auf der Erde verwirklicht werden kann, nicht irgendwo in den Wolken. Das Verbleiben in den Sünden verringert dieses Gute, verringert unsere Daseinsfreude. 

 

Unsere Ureltern wurden sündlos erschaffen. Aber vom Augenblick der ersten Sünde an tritt sie gleichsam in unsere Natur selbst ein, wird mit uns geboren, hält uns in Gefangenschaft. Man muß sich davon überzeugen, daß die Sünde nicht unser Eigenes ist. Dieses Bewußtsein ist für uns sehr wichtig, weil es in uns das Bestreben weckt, uns von der Sünde zu befreien, die uns Unglück bringt. Der weitere Erfolg im Kampf mit der Sünde besteht darin, daß wir uns in gewissem Maße zu wandeln beginnen: Wer, beispielsweise, zuvor reizbar und aufbrausend war, lernt diese Ausbrüche zu besänftigen, wer geizig war, wird großzügig, ein ständig unruhiger und ärgerlicher Mensch findet Ruhe. Das Gute, das in uns ist, zeigt sich im Kampf mit unseren Leidenschatten. Dies ist eben das Kreuz, das wir so sehr fürchten. Aber mit dem Kreuz erscheint auch die Freude und die Auferstehung. Der Gedanke an die Auferstehung ist der siegende Gedanke des Guten. In der Sünde verharren ­ das heißt in der Dunkelheit bleiben, während derjenige, der im Zustand der Heiligkeit verharrt, im Licht lebt, dessen Quelle der Heilige Geist ist. In diesem Zustand vereinigt sich der Mensch wieder mit Gott, kehrt zum Vater zurück und erfährt mit seinem ganzen Wesen die Freude im Heiligen Geist. 

 

 

Wenn wir das Dunkel unseres Herzens durch das himmlische Licht vertreiben, werden wir vom Heiligen Geist erfüllt, der unser Leben von Grund auf verändert, indem er das Leben aus dem Nichtsein zum wahren Sein ruft. Dieses Licht bestimmt unsere Richtung zum neuen Leben. Der Kampf mit den eigenen Leidenschaften ist schwer, deshalb muß man sich um Hilfe an Gott wenden, ohne den wir nicht in der Lage sind unsere sündhafte Natur zu verändern. Der Herr ist uns immer nahe und hilft uns sofort. Es genügt ein kurzes, aber brennendes Gebet: "Hilf uns, oh Gott", und schon allein dadurch führen wir das neue Leben ins Dasein. Der an Gott um Hilfe gerichtete Gedanke dringt bis zum Himmel vor, und vom Himmel kommt die Antwort auf unsere Anrufung in Gestalt des Lichts, das die in unserem Herzen eingenistete Dunkelheit vertreibt. Jeder Gedanke an Gott ist Folge des Einwirkens des Heiligen Geistes auf uns. Indem wir zu Gott rufen, treten wir in einen anderen Bereich des Seins ein. Diese Verbindung mit dem Licht Gottes ist an sich selbst Handlung, denn durch unsere Bitte erreichen wir, daß das Licht Gottes über uns ausgegossen wird, und in uns die Energie zum Handeln hervorruft, so daß das Gute, das bis zu diesem Zeitpunkt in uns dämmerte, geweckt wird und an den Tag tritt.

 

Dieses Licht ist unser Leitstern. Die Anrufung Gottes erhellt unser Inneres mit himmlischem Glanz, erhellt auch unsere Umgebung, und, was das Wichtigste ist, es hilft uns, aus der grauen Eintönigkeit unseres Lebens herauszufinden, die sich hauptsächlich wegen unserer Willensschwäche einstellt. Gleichzeitig damit entsteht der Eindruck, daß durch Licht die Ewigkeit sich vor uns öffnet, deren Teilhaber wir auf diese Weise werden. 

 

Diese Verwandlung unseres Herzens vom Dunkel zum Licht oder vom Bösen zum Guten ist das Wunder der Umwandlung des alten zum neuen Menschen. Es ist das Herannahen des Himmels (zu uns), nach dem wir uns so brennend sehnen. In den Augenblicken dieser Verwandlung treten wir ohne Zweifel in ein anderes Sein ein, kommen mit der Ewigkeit in Berührung und erhalten die Gewißheit, daß dem Menschen große Kraft gegeben ist, mit Gottes Hilfe das sündhafte Leben in das Reich Gottes zu verwandeln. Dabei ist ein solcher Mensch gleichsam ein Wundertäter, denn durch den Sieg über die Sünde entdeckt er in sich Gott.

 

In unserem alltäglichen Leben sind wir zu weit entfernt und zu weit fortgerissen von der Quelle des göttlichen Lichtes; das ist ein um so größeres Unglück, als wir im göttlichen Licht die Fähigkeit erhalten können, das Unwirkliche unseres alltäglichen Lebens zu sehen und zu erkennen. 

 

Ohne Anrufung Gottes können wir uns in keiner Weise von der Knechtschaft der Dinge befreien und bleiben den uns umgebenden Verhältnissen absolut unterworfen. Es genügt aber eine kleine Hinwendung zu Gott und alsbald wird unser Herz durch Sein Licht erhellt, und die wahre Bedeutung der Dinge in dieser Welt wird uns angezeigt. Deshalb ist es unerläßlich, so oft wie möglich unseren Alltag durch einen Strahl des göttlichen Lichtes zu erhellen, ­ durch die Überwindung der Sünde, als wenn wir ein Fenster zu unserem Inneren öffnen, damit durch dieses das himmlische Licht in unser Herz fließen kann. Dies ist die Grundlage eines schöpferischen Lebens, eines geistlichen und christlichen Lebens. Gleichzeitig ist dies die Grundlage des Wohlergehens und des Glücks. Je mehr solcher lichter Momente es in unserem Leben gibt, um so mehr wird unser Leben vom göttlichen Licht erhellt, um so stärker müssen wir die Leidenschaften abweisen, und unser Leben erhält immer mehr ungeahnter Schönheit und unerwartetem Wert. Der Mensch erfährt echte Freude des Lebens und etwas unzerstörbares Gutes. Dies aber ist nichts anderes als der Sieg über die Sünde und die Annäherung an Gott. Dann wird auf der Erde das wahre Leben Fuß fassen, um das wir täglich mit den Worten beten: "Dein Reich komme". Es ist unerläßlich, zu verstehen, daß das Reich Gottes ein wirkliches Gut und Glück auf der Erde ist. Die wahre Freude zur Befreiung des Herzens ist die Freude des Heiligen Geistes, der zu uns herabkommt. 

 

Sich Christ zu nennen heißt, aus dem Zustand des Traumes und der Untätigkeit herauszutreten und schöpferische Fähigkeiten zu zeigen. Wir müssen die Ansicht vertreten, daß das Christentum nicht passiv ist, sondern im Gegenteil sehr aktiv den Kampf mit der Sünde führt. Das Christentum ist nicht etwas Abgelöstes und unendlich Entferntes, sondern es kann im Gegenteil hier auf der Erde verwirklicht werden. Die christliche Religion ist nicht eine Religion des Kummers und der Leiden, sondern im Gegenteil eine Religion der Freude und des Wohlergehens. Der Apostel Paulus sagt: "Seid allezeit fröhlich!'' (I. Thess. 5, 16). In Wirklichkeit können wir uns aber erst dann freuen, wenn wir in uns den Zustand der Sündhaftigkeit überwinden, denn nur die Überwindung der Sünde kann der Seele jene Freude bringen, die der Anfang der Seligkeit ist. Darüber sagt der Apostel Paulus im ersten Korintherbrief : "Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und was in keines Menschen Herz gekommen ist, das hat Gott bereitet denen, die ihn lieben" (1. Korinther 2:  9). Amen.

 

Das Leben des Himmels auf der Erde -

Über seine Möglichkeit und die Mittel, es zu erreichen. 

 

 

S. E. Bischof Sergej von Prag

 

 

Der erstgeschaffene Mensch war für die Seligkeit geschaffen und verweilte im Paradies in Gemeinschaft mit Gott. Das Leben im Paradies war erfüllt. Adam und Eva befanden sich im Paradies im Zustand eines seligen Lebens, das die Widerspiegelung der Herrlichkeit Gottes in irdischer Umwelt war. Dies war das Endziel des Lebens der Menschen und der Existenz der Welt, ebenso wie die Erfüllung des Willens Gottes. Der Mensch war durch sein geistiges Wesen und seine Körperlichkeit Teil des Himmels und Teil der Erde. Das Leben im Paradies war ein Leben des Himmels auf der Erde durch die heilige Ordnung der Gefühle, die den Menschen erfüllen. Der Mensch war geschaffen als Herr über die Natur und über seine inneren Zustände. Der Mensch war der Horizont zwischen Himmel und Erde. Der Herr gab dem Menschen alles Gute, und der Mensch erfüllte die Aufgabe, die ihm von Gott auf der Erde zugedacht war ­ den Willen Gottes zu tun. In seinem Leben, in dem Verhältnis von Verstand, Gefühl und Willen war völlige Harmonie. Das Leben im Paradies in unmittelbarer Gemeinschaft mit Gott war bestimmt durch die Erfüllung des Gebotes das dem Menschen seinen Rang zuwies: Das Verhältnis des Geschöpfes zum Schöpfer. Das Bewußtsein, daß er Mensch, das heißt erschaffen, ist, sollte ihn nicht verlassen. Gott gab dem Menschen die ganze Schönheit der Welt zu seiner Freude: Die Herrschaft über die ganze Erde wurde dem Menschen unter der Bedingung eines einzigen Gebots gegeben, das seinen Gehorsam bestätigen und Ausdruck des Bewußtseins der Abhängigkeit vom Schöpfer sein sollte. Das Gebot, nicht von den Früchten des Baumes der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen, sollte den Willen des Menschen durch Gehorsam im Guten einüben. Da er ohne Sünde war, sollte der Mensch sich vervollkommen, indem er von der Möglichkeit, nicht zu sündigen, aufstieg zur Unmöglichkeit, zu sündigen. In der Fülle des Geistes sollte der Mensch über die Welt herrschen: "Füllet die Erde und machet sie euch untertan. Und herrscht über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht" (1. Moses 1: 28). Der Rang, den der Mensch im Paradies einnahm, war der Position der Engel vergleichbar. "Du hast ihn (den Menschen) wenig niedriger gemacht als die Engel, mit Ehre und Herrlichkeit hast Du ihn gekrönt" (Psalm 8: 6). Und Christus kam auf die Erde nicht als Engel, sondern als Mensch. "Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns" (Johannes 1: 14). Im Menschen sind Geist, Seele und Körper zu einem Ganzen vereint. Aber der wichtigste Teil seines Lebens ist der Geist, der ihn Gott ähnlich macht und ihn von den anderen Geschöpfen unterscheidet. Im Paradies waren Geist, Seele und Körper in ausgewogenem Verhältnis und richtiger Rangfolge. Daher rührte die Harmonie des Lebens, die dem Menschen Gutes brachte. Solches Leben war nur in unmittelbarer Gemeinschaft mit Gott möglich.

 

Durch den Sündenfall verlor der Mensch sein Wohlergehen. Der Böse gab dem Menschen den verführerischen Gedanken ein, Gott zu werden. "Ihr werdet sein wie Götter" (1. Moses 3: 5). Der Mensch ließ sich verführen und fiel, und das gesamte Verhältnis zwischen Gott und Mensch und das Gleichgewicht im Menschen selbst geriet in Unordnung. Die Harmonie verschwand. Verstand, Gefühl und Wille verloren das erforderliche ausgewogene Verhältnis: Bald gewinnt der Verstand das Übergewicht über das Gefühl, bald zeigt sich der Wille schwach gegenüber dem einen wie dem anderen. Durch den Ungehorsam, durch den Wunsch, selbst Gott zu werden, durch die Sünde zerbrach die Gemeinschaft mit Gott, und der Mensch erkannte, daß er nichts ist ­ "Staub und Asche". Die Sünde war eine Barriere zwischen Gott und dem Menschen. Es erfolgte die Trennung von Gott, der geistliche Tod und darauf euch der körperliche Tod. Die ganze Ordnung des Lebens war gestört. Die Harmonie verschwand nicht nur im Menschen, sondern euch in der gesamten Natur. "Wir wissen, daß die ganze Schöpfung bis jetzt stöhnt und seufzt", sagt der Apostel Paulus (Römer 8: 22). Im Sündenfall wurde der Plan Gottes für das Wohlergehen des Menschen gestört. Wenn der Mensch im Augenblick der Versuchung die Tugend der Unterscheidungsfähigkeit eingesetzt hätte, und darüber nachgedacht hätte, was zum Guten führt, und darüber, was für ein Unglück die Übertretung des Gebotes zur Folge hat ­ "Ihr werdet des Todes sterben", so wäre er vielleicht nicht gefallen.

 

Im Paradies spiegelte sich das göttliche Leben im Menschen, und er spiegelte in sich selbst die Herrlichkeit Gottes. Mit dem Fall wurde alles verkehrt, und das Verhältnis der Kräfte des Menschen (Verstand, Gefühl, Wille) geriet nicht nur in Unordnung, sondern es entstand eine innere Gegensätzlichkeit. Nach dem Sündenfall befindet sich der Mensch in gewissem Maße in der Gefangenschaft dunkler Mächte und gerät, indem er sich vom Gesetz des Lebens abwendet, oft in einen tierähnlichen Zustand. 

 

Sobald das Gesetz des Lebens (die Unterordnung gegenüber Gott) übertreten war, wurde der als König geschaffene Mensch zum Knecht, nicht nur der äußeren Natur, sondern auch seiner eigenen Leidenschaften. Wir leiden unter den Zuständen, denen wir unterworfen sind. Da wir das Gesetz des Seins, das uns Gutes bringt, verletzen, erhalten wir den Lohn für die Abweichung von diesem Gesetz, weshalb unser Leben voller Leiden ist.

 

Der Heilige Sabbastius von Tver.
Der Heilige Sabbastius von Tver.

 

Wie kann man aus dem Gestrüpp der menschlichen Sündhaftigkeit herausfinden auf den Weg zum Licht und zum göttlichen Leben zurückkehren? Die Rückkehr zum ursprünglichen Leben und die allmähliche Wiederherstellung der Harmonie der verschiedenen Kräfte des Menschen, die Herrschaft des Geistes und das Erreichen des Wohlergehens tritt ein bei der Befreiung von der Sünde. Die Sünde hat unser ganzes Wesen durchdrungen. Wenn in der Seele des Menschen Bosheit, Neid, Reizbarkeit ist, dann leidet er selbst und alle Menschen, die ihn umgeben. Die menschlichen Leidenschaften, die uns Streit, Tränen, Feindschaft bringen, sind die Hölle auf Erden. Zustände anderer Art, heilige oder himmlische, wie zum Beispiel der innere Frieden, sind für uns Gutes und bringen uns Freude ­ein Nachhall der Seligkeit des Paradieses. 

 

In der Sünde leben wir ein illusorisches Leben. Eigenliebe, Habsucht, Ehrsucht, Stolz überwältigen uns, und wir halten all dies für das wirkliche Leben. Wir kämpfen nicht mit der Sünde, wir sind zu irdisch geworden und haben unsere ursprüngliche Bestimmung verloren. In uns ist alles hinfällig geworden ­ verstand und Körper, und unser Wille ist geschwächt. Im sündhaften Zustand stellt der Mensch das Leben des Körpers an die erste Steile, was dem Menschen nach seiner Bestimmung überhaupt nicht entspricht. Als Folge der Nichtbeachtung seiner Aufgabe verschwindet die Harmonie im Leben und in den Gefühlen des Menschen und damit auch der Friede des Herzens. Die Verkehrung der Lebensordnung führt zu Leidenschaften und körperlichen Sünden. Wir haben kein geistliches Sehvermögen. Die sündhaften Verfassungen bewirken in uns geistliche Blindheit. Wir gehen im Dunkel und stolpern. "Wer in der Nacht geht, stolpert, weil kein Licht bei ihm ist" (Johannes 11: 10).

 

Wenn uns das Licht vom Himmel anstrahlt wie Saulus, dann erwachen wir und beginnen zu sehen, und treten aus dem mechanischen Ablauf des Leben heraus. Wenn wir wenigstens für einen Augenblick aus dem mechanischen Ablauf des Leben heraustreten und uns freiwillig zu Gott hinwenden und Ihn zu Hilfe rufen, dann erleuchtet Er unser Herz mit Seinem Licht, und unter der Einwirkung des aus sich selbst Seienden Lichts sehen wir die Dinge in ihrer wahren Bedeutung. Die Reinigung des Herzens von Leidenschaften macht uns sehend und führt uns in das geistliche Leben ein. Im Abendgebet bitten wir Gott: "Erleuchtete mir die geistlichen Augen des Herzens". Ein solches Sehvermögen ist ein großer geistlicher Gewinn.

 

Der Prozeß des Kampfes mit der Sünde ist der Beginn eines neuen Lebens, das zur Entwicklung neuer geistlicher Verfassungen führt. Diese entstehen durch die Wirkung des Heiligen Geistes bei gleichzeitiger Anspannung des menschlichen Willens. Allein das Auftreten des Willens zur Überwindung der Sünde, das neue Elemente des Lebens schafft, ist eine Äußerung der im Menschen verborgenen Kräfte des Guten. Dies ist ein geistliches, heiliges, von Göttlichem Licht erhelltes Leben, ein Leben vom Himmel, von Gott. Das Bedürfnis nach Glück, das wir alle spüren, ist ein Echo der Seligkeit, die der Mensch im Paradies in der Gemeinschaft mit Gott erfuhr. Unmittelbare Aufgabe des Christen ist die Verwirklichung des göttlichen Lebens auf der Erde. "Seid vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist" (Matthäus 5: 43). Das Christentum ist eine menschliche Pflicht. Der Christ ist im Begriff, das verlorene Gute zu gewinnen, für das er geschaffen ist, und führt einen Kampf mit dem, was sein Wohlergehen zerstört.

 

Wie geht im Menschen die Erneuerung des göttlichen Lebens auf der Erde vor sich? Christus kam im Fleische, um die Erde zu heiligen, und damit der Mensch mit eigenen Augen das göttliche Leben erkennen und durch die menschliche Glaubenstat Christi erspüren sollte, durch Sein Leben auf der Erde, die Kreuzleiden und den Tod. Die Teilnahme an Seinem Kreuz, das Abstreifen des alten Menschen und das Anlegen des Gewandes des neuen Menschen ist deshalb der Weg zur Wiederherstellung des göttlichen Lebens. Dieser erschließt sich durch die Glaubenstat des Kampfes mit der Sünde: "Das Reich Gottes wird mit Anstrengung gewonnen und die sich mühen, erreichen es" (Matthäus 11: 12).

 

 

Wenn er sich den Leidenschaften und Sünden überläßt, lebt der Mensch unter der Einwirkung des Fürsten dieser Welt und ist bereit, ihn zu verehren, um anstelle von Gutem "Gluck" zu erhalten. Der Teufel sagte zu Christus: "Alles dieses gebe ich dir, wenn du niederfällst und mich verehrst" (Matthäus 4: 9). Der Kampf mit dem Bösen ist ein Kreuz für den Menschen, aber durch das Kreuz beginnt die Herrschaft Gottes in seinem Herzen, das göttliche Leben. Das göttliche Leben ist nicht von dieser Welt. Dieses Leben ist das Reich Gottes auf der Erde. Und gleichzeitig ist dieses Leben das echteste und wirklichste ­ in seiner höchsten Form Gemeinschaft mit Gott.

 

Gemeinschaft mit Gott! Eine hohe Aufgabe, wie ist sie möglich im Rahmen unseres sündhaften, betriebsamen Lebens? Dennoch ist die Gemeinschaft mit Gott hier auf der Erde möglich. In den Heiligen erkennen wir die sichtbare Wiederherstellung der verlorenen Ordnung des Lebens: Die Harmonie und die Rückkehr zum ursprünglichen Zustand, die zur unmittelbaren Gemeinschaft mit Gott führt, das jeder Mensch erreichen kann. Der Weg dorthin geht über die Teilnahme am Kreuz Christi. Man kann kein Gutes erhalten, ohne auf dem Weg Christi zu gehen. Nur indem er Christus folgt, gewinnt der Mensch Gutes. Christus kam auf die Erde, um einen jeden sündigen Menschen zu retten, "das verirrte Schaf auf seine Schultern nehmend", und ihn zu Gott zu führen, indem er ihn erneut am göttlichen Leben teilnehmen läßt. Das göttliche Leben ist nicht ein theoretisches Ideal, sondern eine praktische Forderung. Gott kann sich nicht von der offenbar gewordenen Liebe zum Menschen lossagen, da er ihm Gutes wünscht. Wir sind gekränkt, weil die Welt nicht gut ist, und die Menschen um uns herum schlecht sind. Wir erkennen uns gegenseitig nicht als Brüder und sehen um uns herum nur Fremde. Durch die Aufrichtung des göttlichen Lebens, in dem Maße wie es durch Christus auf uns übergeht, in dem Maße wie wir an Seinem Kreuz teilnehmen, d.h. in unserem Herzen mit den Zuständen des Dunkels und Entzweiung kämpfen, in eben dem Maße nähern wir uns einander an, und finden in den anderen das uns gemeinsame Göttliche. Christus wendet sich an jeden Menschen, an seine menschlichen Möglichkeiten, damit er durch Vervollkommnung lernt, für jenes Gute zu leben, das sich ihm im Zuge seiner Vervollkommnung eröffnet. Christus richtet den sündigen Menschen auf, indem er darauf hinweist, daß der Mensch Ebenbild Gottes ist. Wir sind nach dem Ebenbild und Gleichnis Gottes geschaffen, haben aber mit der Sünde die Schönheit der ursprünglichen Gestalt verloren. Das Ebenbild Gottes ist in uns verdunkelt, das Dunkel umhüllt es und verbirgt uns voreinander, und wir sehen einander nicht in unserem währen Wesen. Die Sünde hat das Bild (Ikone) Gottes in uns verdunkelt. Wir kennen uns selbst nicht und sehen in den anderen nicht das Ebenbild Gottes. Christus ist gekommen, um das verdunkelte Bild (Ikone) Gottes im Menschen wiederherzustellen. Indem wir mit der Sünde kämpfen, waschen wir auf unserer Ikone (die wir selbst darstellen), Staub und Teer der Sünde ab, die Ikone wird erneuert und bringt das Ebenbild Gottes in uns zum Vorschein. Dies ist die wahre Gestalt des Menschen, Spiegelbild Gottes auf der Erde. Indem wir die Leidenschaften ersticken, ersticken wir nicht unsere Natur. Wir bleiben hitzköpfig, aber wir beseitigen die Sündhaftigkeit, die das Göttliche daran hindert, in uns offenbar zu werden. Wie Ikonen, die von der Zeit dunkel geworden sind, erneuert werden, so erstrahlen die menschlichen Seelen durch den Hauch des Heiligen Geistes, indem sie ihr ursprüngliches Bild wiederherstellen. Das göttliche Zeichen unserer Tage ­ die Erneuerung der dunkel gewordenen Zeichnung der Ikonen zu einem Zeitpunkt, da anscheinend die Sünde volles Bürgerrecht erhalten hat, ist ein Symbol und ein Aufruf Gottes zum Ablegen des alten Menschen und dem Aufbau des neuen Menschen. Dies ist vielleicht der Ruf Gottes an die sündige Menschheit in der letzten Stunde. 

 

 

Christus kam als Mensch auf die Erde, und indem wir Ihm folgen, legen wir den neuen Menschen an und legen den alten Menschen ab. Unsere sündhaften Verfassungen zerstören die Harmonie des Lebens. Notwendig ist ein richtiges Verhältnis zwischen Geist, Seele und Körper: Das Übergewicht der Seele über den Körper und des Geistes über die Seele, was den Menschen zur ursprünglichen Harmonie zurückführt. Dann wird der Mensch durch das Hervortreten des göttlichen Lebens in ihm in seiner königlichen würde wiederhergestellt und wird erneut zum Herrn der Natur. Wie wir sehen, ordnen sich den Menschen, die den Willen Gottes erfüllen, wie dem Heiligen Sergej von Radonesch oder dem Heiligen Serafim von Sarov, wilde Tiere und Elemente unter. Und das ist nicht verwunderlich, denn der Mensch kehrt zu seiner Bestimmung in dieser Welt zurück. 

 

Ohne das Übergewicht des Geistes haben wir keine ganzheitliche Verfassung, die sich bei der Trennung von der Sünde ergibt. Wir leben nicht im Geiste, das heißt der Geist ist höher als unser seelisches Leben. Im Bereich des Seelischen Lebens spüren wir nur gelegentlich das Wehen des Heiligen Geistes: "Der Geist weht, wo Er will, und du hörst Seine Stimme, doch du weißt nicht, woher­ Er kommt und wohin Er geht" (Johannes 3: 8). Gewöhnlich treten die Wirkungen des Heiligen Geistes in uns nicht hervor, weil wir durch die Sünde gefesselt sind. In dem Maße, wie der Mensch sich von der Sünde befreit, in dem Maße beginnt der Heilige Geist, in ihm zu wirken. Wir bemerken, daß der befreite Geist bei den Heiligen die Räumlichkeit überwindet, da die Heiligen Wunder wirken. Für die, deren Herz vorbereitet ist, ist an einem Wunder nichts Seltsames, sondern das Wunder ist das Wirken Gottes in der Fülle Seiner Macht. Das unvorbereitete Herz nimmt Wunder nicht an, und die Menschen suchen, um sie zu verstehen, unterschiedliche Erklärungen, ohne die göttliche Wirkung zu erkennen. Wunder wurden auch zur Zeit des Lebens Christi auf der Erde abgelehnt, z.B. das Wunder an dem von Geburt Blinden. Die von heiligen Menschen vollbrachten Wunder stören nicht die Naturgesetze, sondern stellen sie wieder her. Alles kehrt zur ursprünglichen göttlichen Ordnung zurück.

 

Was ist das geistliche oder "himmlische" Leben, und wie soll man es anfangen? Man kann das geistliche Leben nicht verstehen, ohne sich ihm zu nähern. Das geistliche, ''himmlische" Leben ist das Gegenteil des fleischlichen, sündhaften Lebens. Der im Seelischen stehende Mensch mit fleischlicher Verfassung kann das geistliche Leben nicht verstehen. "Der im Seelischen stehende Mensch nimmt nichts, vom Geist Gottes an" (1. Korinther 2: 14). Sie sprechen verschiedene Sprachen: Der eine erlebt in der Kirche Freude, dem anderen ist es langweilig. 

 

Sündhafte Herzen hören nicht die göttlichen Klänge des Himmels. Wie Musikerlebnisse ohne musikalische Bildung unverständlich sind, so sind auch geistliche Erlebnisse solchen Menschen unzugänglich, die durch die Sünde unrein sind und nicht damit kämpfen. Das geistliche Leben beginnen wir erst im Prozeß des Kampfes mit der Sünde zu verstehen. Das Gleiche wird durch Gleiches erkannt, und Gott wird durch Heiligkeit erkannt. Uns bringt das näher zu Gott, worin wir Gott ähnlich (verwandt) sind. Wir sind Gott ähnlich durch die Eigenschaften, die sich, durch die Wirkung des Heiligen Geistes in uns, von Gott ausgehend in uns widerspiegeln. Eine Stufe der Gemeinschaft mit Gott ist die Heiligkeit. Die Verfassungen der Heiligkeit sind nicht als vollkommene Sündlosigkeit anzusehen sondern als einzelne Zeitpunkte des christlichen guten Handelns, Zeitpunkte, in denen die Früchte des Heiligen Geistes, zum Beispiel der innere Friede, im Menschen feste Formen annehmen. Die Verfassungen der Heiligkeit erhalten in uns Festigkeit durch den Kampf mit der Sündhaftigkeit, der Überwindung dieser oder jener sündhaften Zustände der Seele und des Leibes. Dieser Kampf ist schmerzhaft, verbindet sich mit dem Kreuz und der Glaubenstat, aber er führt zur Heiligkeit. Das Endziel ist die Gemeinschaft mit Gott, aber der Weg dahin ist die Heiligkeit. Gott offenbart sich uns im Ergebnis unseres Wollens und unserer Glaubenstat. "Gott ist es, der in euch wirkt Wollen und Handeln zu seinem Wohlgefallen" (Philemon 2: 13). Er läßt uns seine Güte erkennen, leuchtet den Guten und den Bösen, weil Gott Liebe ist. 

 

 

Wie kann man das geistliche Leben erkennen? Das geistliche Leben wird an seinen Früchten erkannt. Quelle des geistlichen Lebens ist der Heilige Geist. Die Früchte des Heiligen Geistes werden wirklich auf der Ebene der Verbindung des auf den Kampf mit der Sünde gerichteten menschlichen Willens mit der Gnade Gottes. Die Früchte des Heiligen Geistes sind nach den Worten des Apostels Paulus: Liebe, Freude, Friede, Langmut, Güte, Barmherzigkeit, Glaube, Sanftmut, Enthaltsamkeit (Galater 5: 22). In der Weit sind die Früchte des Heiligen Geistes durch den Menschen hindurch zu erkennen. Dies sehen wir an den heiligen Menschen, die ein heiliges, geistliches, himmlisches Leben führen. Das heilige, geistliche, himmlische Leben ­ das sind gleichbedeutende Wörter. Christus selbst ­ das inkarnierte Wort Gottes ­ kam in uns zugängliche Umstände, damit wir das Strahlen der Gottheit nicht fürchten und über einen Menschen das Göttliche annehmen können, damit dieses himmlische Leben in der Herrschaft des Lichtes unserem Herzen und unserem Leben erreichbar werde. Die Gegenwart Christi auf der Erde war für die Menschen eine Offenbarung des göttlichen Lebens in irdischen Umständen. Auf der Erde hat Christus Seine strahlende göttliche Herrlichkeit andeutungsweise gezeigt, wie dies bei der Verklärung des Herrn auf dem Berg Tabor geschah. "Auf dem Berge hast au dich verklärt, und soweit sie es faßten, sahen Deine Jünger Deine Herrlichkeit, Christus unser Gott." Die Widerspiegelung Gottes in uns in dem Maße unserer Reinheit ist für uns Gutes. Wenn im Menschen der Heilige Geist wirkt, kehrt in ihm Friede, Sanftmut und die Freude im Heiligen Geist ein. Es erfolgt die Erleuchtung des sündhaften Menschen, oder seine Umwandlung. Indem der Mensch durch seine Glaubenstat die Kräfte des Dunkels überwindet, schafft er in seinem Herzen Raum für Gott bis zum Grade der Herrschaft Gottes, da das Leben des Himmels ­ das Reich Gottes ­ in sein Herz einzieht. Mit der Herrschaft des Herrn beginnt das Reich Gottes in uns, und das Herz wird zum Ort der Einwirkungen des Heiligen Geistes. Dies kann Eigenschaft jedes einzelnen von uns werden. Menschen, die als Ergebnis des Erlangens des Heiligen Geistes in solcher Verfassung verharren, haben offensichtlich das Glück erreicht. Das Erlangen des Heiligen Geistes ist die unerläßliche Aufgabe unseres Lebens, die uns Gutes bringt, wie wir dies bei dem Heiligen Serafim von Sarov lernen. ­ Der Einzug der Heiligkeit in der menschlichen Seele ist der Sieg über die sündhafte Natur, die nach dem Sündenfall unsere gewöhnliche Verfassung ist. Wenn wir mit den sündhaften Verfassungen kämpfen, erkämpfen wir im Herzen Raum für die Einwirkungen des Heiligen Geistes. Die Wirkung des Heiligen Geistes bringt uns die innere Verfassung des Friedens. Dies ist das eigentlich wirkliche Leben. Dieser Friede wird erreicht im täglichen Kampf mit der Sündhaftigkeit, die dem im Seelischen befangenen Menschen eigen ist, und in ihrer Überwindung. Das Seelische ist das Natürliche. Das Gute im natürlichen Menschen ist eine Gabe Gottes. Der Christ muß es nutzen, um in sich das geistliche Leben aufzubauen. Das Geistliche ist das, was durch schöpferische Anstrengungen unseres Willens mit der Hilfe Gottes auf den natürlichen Verfassungen des Menschen aufgebaut wird. Der Christ lebt mit einer bestimmten Aufgabe: Er besiegt das Schlechte in sich und vermehrt das Gute. Ein solches Leben kommt nicht von allein und nicht auf einmal, sondern ist das Ergebnis der Glaubenstat, der Annäherung an Gott, den Vater, wie bei dem verlorenen Sohn, der, nachdem er viele Entbehrungen erlitten hatte, beschloß, zu seinem Vater zurückzukehren. Er stand auf und ging zum Vater, und der Vater, kam ihm entgegen. Es geschieht ein gegenseitiges Handeln Gottes und des Menschen. Um geistliche Verfassungen zu erreichen, zum Beispiel Frieden und Sanftmut, muß man viele Anstrengungen und Mühen aufwenden. Auf Anstrengung und Bemühung antwortet der Herr mit Seiner Gnade, und es entsteht ein Komplex von Verfassungen, die uns Gott verwandt werden lassen. Diesen Vorgang nennt man Rettung der Seele. Im Sieg über das Sündhafte zeigt sich die wahre Gestalt des Menschen. Die Überwindung unseres Eigensinns vernichtet nicht unsere Einzigartigkeit. Der Mensch ist durch die Sünde zu Staub und Asche geworden, zum "alten Menschen". Das Ablegen des "alten Menschen", die Wiederherstellung der wahren Gestalt des Menschen ist Rückkehr zu Gott. Gott ist die friedvolle Ordnung in den Gefühlen, den Gedanken, dem Willen. Indem wir die Barriere unserer Fleischlichkeit unserer körpergebundenen Sündhaftigkeit überwinden, treten wir durch die Einwirkung der Gnade Gottes ein in die Verfassungen der Heiligkeit in dem Maße, wie Gott sich in uns widerspiegelt. Diese Augenblicke des Sieges über die Sünde sind Wirkungen des Heiligen Geistes, das geistliche, heilige Leben.

 

Es existiert die Ansicht, daß christliche Tugenden nur Handlungen nach außen sind, zum Beispiel unterschiedliche Werke der Barmherzigkeit. Viele christliche Verfassungen sind inneres gutes Handeln. Aus einzelnen Momenten des guten Handelns entstehen gute Eigenschaften, welche Stufen darstellen, die uns in die himmlische Wohnstatt führen und uns näher zu Gott bringen. Die Verfestigung einzelnen Momente eines solchen Leben gibt uns Gutes, das zur Seligkeit wird. Die Stufen dorthin wurden von Christus in der Bergpredigt in den Geboten der Seligkeit gezeigt. Sie sind schon hier auf der Erde spürbar für die, die sie ausführen: "Selig sind, die reinen Herzens sind, die Sanftmütigen, die Friedfertigen". Die Schau Gottes von Angesicht zu Angesicht, die Fülle der Seligkeit, wird im künftigen Leben eintreten, jetzt jedoch können wir in dem Maße, wie Gott sich in uns widerspiegelt und in uns leuchtet, und indem, wir die Früchte des Heiligen Geistes hervortreten lassen, als Herrlichkeit Gottes widerspiegeln: "Euer Licht leuchte vor den Menschen, daß sie eure guten Werke sehen und euren himmlischen Vater preisen" (Mathäus 5: 16). Wenn wir die Sünde besiegen, bewirken wir das Gute und spiegeln damit die Herrlichkeit Gottes wider. Jeder Sieg über dunkle sündhafte Verfassungen spiegelt gleichsam einen göttlichen Lichtstrahl wider. Die Urquelle des Guten ist Gott. Gott ist es, der auf der Erde das Gute durch uns schafft. Die guten Werke, die der Mensch tut, sind eine Einwirkung des Heiligen Geistes auf ihn. Jedes gute Werk ist Werk Gottes. Sofern Gott Quelle des Guten ist, ist in dem Menschen, der Gutes tut, Gott wirksam. Indem wir Gutes tun, sind wir Mitarbeiter Gottes. Durch das Gute bereiten wir die Möglichkeit, daß Gott in der Welt in Erscheinung tritt, der Handelnde ist jedoch der Herr Selbst. Gutes tun ist das ewige Leben. Das Gute ist der Kampf mit der Sünde und das der Sünde entgegengesetzte Handeln. Durch die Tätigkeit des Willens im Kampf mit der Sünde erlangen wir den Heiligen Geist und pflanzen damit das Gute auf der Erde ein. Da das Gute seine Quelle in Gott hat, macht es uns zu Teilhabern des ewigen Lebens. Und wir ernten die Früchte des Heiligen Geistes, wenn wir nicht nachlassen. "Laßt uns aber Gutes tun und nicht müde werden, denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten, wenn wir nicht ablassen. (Galater 6: 9). Durch das Erlangen des Heiligen Geistes werden uns die Tore der Ewigkeit, die Wohnstatt im Himmel im künftigen Leben, geöffnet, hier auf der Erde aber die Verfassungen der Heiligkeit. Friede und Freude im Heiligen Geist, die, wenn sie in unser Herz einziehen, uns Gutes bringen, die, wenn sie sich verstärken, die Seligkeit bringen, die in der Gemeinschaft mit Gott liegt. Das Reich Gottes beginnt hier auf der Erde, in unserem Herzen, in der Erfüllung des Herzens durch heilige Verfassungen und Gefühle, die unser Leben umwandeln. Die Entwicklung heiliger Verfassungen ist Herabholen des Himmels auf die Erde. Dann treten wir in den Kreis der vom Himmel kommenden Gefühle ein. Dem Menschen ist die Aufgabe gestellt, die Herrlichkeit Gottes, das Licht Christi widerzuspiegeln. In dem Maße, wie wir in unserem Leben das Licht Christi wirksam werden lassen, kommen wir naher zu Gott, treten wir ein in die himmlische Wohnstatt und erfahren die Seligkeit in der Gemeinschaft mit Gott. Der Mensch ist in die Welt gesandt in seiner Einzigkeit (Individualität), die in der Vielfalt der göttlichen Gaben, unter der Einwirkung der Gnade Gottes sich entfaltend, die Herrlichkeit Gottes widerspiegeln soll. Indem wir uns umwandeln und in Gemeinschaft mit Gott eintreten, spiegeln wir Lichtstrahlen Gottes und haben dadurch an der Herrlichkeit Gottes teil. Von den heiligen Menschen strahlt das Licht Christi aus. Ein Lichtstrahl vom Himmel, der die Erde erreicht, der den Menschen durchdringt und in ihm durch die Kraft der göttlichen Gnade erstrahlt, dabei die Menschen zu sich ruft und anzieht, strahlt erneut auf und kehrt zum Himmel zurück. Gott ist die Sonne, die sich in der ganzen Menschheit spiegeln soll. Das letzte Ziel der Welt ist die Herrlichkeit Gottes, für jeden einzelnen aber ist es die Vergöttlichung (Athanasius der Große) oder die Rettung der Seele, das heißt die Rückkehr des Menschen zu seinem Urbild, das er durch den Sündenfall verloren hat. Amen.

 

 

 

 

Der heilige Bischof Ignatij (Brjantschaninov), wird in der russischen Kirche „der Erleuchter“ genannt, weil er sowohl ein sehr wichtiger Altvater (Starez) der monastischen Wiedergeburt im Russland des 19. Jahrhunderts als auch ein wichtiger spiritueller Berater für orthodoxe Christen, die ein am Glauben und dem kirchlichen Leben orientiertes Leben in der Welt führen, gewesen ist. Zu Beginn seiner eigenen geistlichen Entwicklung stand er in einem engen Kontakt zum heiligen Starez Leonid aus dem Optina-Einöd-Kloster. Seine Schriften bezeugen eine tiefgehende Kenntnis der Heiligen Schrift und der Werke der Heiligen Väter. Als ein wahrer Hüter der orthodoxen Tradition macht der heilige Ignatij das Wissen der Heiligen Väter für uns fruchtbar, indem er ihre Gedanken auf die geistlichen Anforderungen der modernen Zeit anwendet. So wurde er im Russland seiner Zeit zu einem hervorragenden Seelsorger im Geiste der orthodoxen Tradition.

 

Über die körperliche und die seelische Askese

 

Heiliger Ignatij Brjantschaninov. (святитель Игнатий Брянчанинов)

 

Der Retter der Welt besuchte während Seiner Wanderschaft auf der Erde, in unserem Tal der Vertreibung und Leiden, zwei fromme Frauen, Blutschwestern, Martha und Maria, die in Bethanien außerhalb Jerusalems wohnten. Sie hatten in Bethanien ihr eigenes Haus. Sie hatten einen Bruder – Lazarus, der gewürdigt wurde, als Freund des Gottmenschen und Seiner Apostel bezeichnet zu werden (Jo. 11, 11). Aus dem Evangelium ist ersichtlich, daß der Herr wiederholt das Haus der frommen Familie besuchte. Bei einem solcher Besuche erweckte Er Lazarus auf, der schon vier Tage im Grab gelegen hatte.

 

Der heilige Evangelist Lukas berichtet, daß sich Martha bei dem hier erwähnten Besuch des Herrn in diesem Haus um die Bewirtung des höchstverehrten Gastes mühte, während Maria Ihm zu Füßen saß und Seinen Worte lauschte. Martha sorgte sich einzig darum, daß die Bewirtung vollkommen zur Zufriedenheit ausfiele, bat den Herrn, Maria zu gebieten, daß sie ihr helfe. Der Herr aber entgegnete: Martha, Martha, du machst dir viele Mühen; eines aber ist vonnöten: Maria aber hat den guten Teil erwählt, der ihr nicht genommen wird (Lukas 10: 41 -42). Nach der Auslegung der heiligen Väter, wird mit Martha geheimnisvoll die körperliche Askese dargestellt, mit Maria die geistliche (Seliger Theophylakt und viele andere Väter). Der Bericht von diesem Besuch des Herrn bei den beiden Schwestern wird gemäß der Ordnung der Kirche an allen Feiertagen der Gottesmutter gelesen. Aus diesen beiden Gründen muß die Untersuchung des Ereignisses und der Lehre, die darin enthalten sind, besonders interessant sein.

 

 

Martha war die ältere Schwester und wird vom Evangelisten als Hausherrin dargestellt. Sie nimmt den Heiland ins Haus auf, sie wacht über die Bewirtung, bereitet Speise vor, räumt den Tisch auf, bringt die Speisen. Ihr Dienen ist ununterbrochene Tätigkeit. Und die körperliche Arbeit gemäß dem Altersvorrang nimmt im asketischen Leben eines jeden Jüngers Christi den ersten Platz ein. “Körperliche Tätigkeit, – sagte der heilige Isaak der Syrer, – geht der geistliche Tätigkeit voran, so wie die Schöpfung des Körpers Adams der Schaffung seiner Seele voranging. Wer körperliche Tätigkeit nicht erlangt hat, der kann auch keine seelische Tätigkeit haben: die letztere wird aus der ersteren geboren, wie die Ähre aus dem gesäten nackten Weizenkorn” (56. Rede). Die körperliche Askese besteht in der körperlichen Ausführung der Gebote des Evangeliums. Hierher gehört: das Geben von materieller Barmherzigkeit, Gastfreundschaft, Mitgefühl mit den unterschiedlichen Nöten und Leiden der bedrängten und leidenden Menschheit. Hierher gehört die Keuschheit des Körpers, die Enthaltsamkeit von Zorn, von Luxus, von Vergnüglichkeiten und Zerstreuung, von Verhöhnung und Verurteilung, von allen Worten, die Bosheit und Unreinheit des Herzens zum Ausdruck bringen.

 

Hierher gehört Fasten, Nachtwachen, Psalmengesang, Knieverbeugungen, Stehen beim Gebet in der Kirche und im Kämmerlein.… Die körperliche Askese reinigt die Seele allmählich von Leidenschaften und macht sie mit dem Geist des Evangeliums vertraut. Die Gebote des Evangeliums übergeben bei ihrer Erfüllung in der Tat ihrem Erfüller allmählich die ihnen innewohnenden tiefen Gedanken und das tiefe Gefühl; sie teilen dem Erfüller Wahrheit, Geist und Leben mit. Die körperliche Askese hat ihre Grenze und ihr Ziel: diese Grenze und Ziel sind im entschiedenen Übergang des Asketen zur geistlichen Askese beschlossen. Durch den entschiedenen Übergang wird der allmähliche Übergang gekrönt. Das Dienen der Martha war abgeschlossen, als die Bewirtung des Herrn vollbracht war.

 

Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte auf Sein Wort (Lukas 10,:39). Die Stellung, die Maria einnahm, dient als Kennzeichnung des Zustandes der Seele, die des Eintritts in die geistliche Askese gewürdigt ist. … Wer das Dienen an Gott im Geist erreicht hat, läßt die äußerlichen Tätigkeiten hinter sich, verläßt die Sorge um andere Arten der Gottgefälligkeit, oder verwendet sie in Maßen und selten, in Fällen besonderer Not. Mit seinem Geist liegt er dem Heiland zu Füßen, hört einzig auf Sein Wort, erkennt sich als Geschöpf Gottes, und nicht als selbständiges Wesen (Psalm 99:3), erkennt sich als Objekt der Bearbeitung und Gott als Wirkenden (Johannes 15:11), überanwortet sich vollkommen dem Willen und der Lenkung des Heilands. Ganz offensichtlich erlangt die Seele einen solchen Zustand durch mehr oder weniger anhaltende Askese. Auch Maria hätte nicht dem Herrn zu Füßen sitzen und die ganze Aufmerksamkeit auf Seine Lehre lenken können, hätte nicht Martha die Sorge um die Bewirtung übernommen. Dienst und Verehrung Gottes im Geiste ist eben genau jenes gute Teil, ist dieser selige Zustand, das im irdischen Leben seinen Anfang nimmt und nicht aufhört, wenn die körperliche Askese mit dem Ende des irdische Lebens eingestellt wird. Das gute Teil bleibt ein unabdingbarer Bestandteil der Seele in der Ewigkeit, erhält in der Ewigkeit seine volle Entwicklung. Das gute Teil wird der Seele nicht genommen, die es erworben hat, sondern bleibt stets ihr Eigentum.

 

 

Die körperliche Askese wird sehr häufig durch einen durchaus wichtigen Mangel gestohlen. Dieser Mangel tritt dann in Erscheinung, wenn der Asket seine Askese unvernünftig betreibt, wenn er der Askese übermäßige Bedeutung beimißt, wenn er die körperlichen asketischen Übungen um ihrer selbst willen betreibt, fälschlicherweise in ihnen seine ganze Lebensweise, seine gesamte Gottgefälligkeit auf sie beschränkt und begrenzt. Mit einer solchen falschen Einstellung geht immer die Erniedrigung der geistlichen Askese einher, das Bestreben, die um sie Bemühten davon abzuhalten. Das war mit Martha geschehen. Sie hielt das Verhalten der Maria für falsch und ungenügend, ihr eigenes aber für wertvoller, achtenswerter. Der barmherzige Herr verwirft Marthas Dienst nicht, sondern bedeutet ihr liebevoll, daß in ihrem Dienen viel Überflüssiges und Nichtiges ist, daß das Tun Mariens das wesentliche Tun ist. Mit dieser Bemerkung reinigte der Herr die Askese Marthas von Überheblichkeit und lehrte den körperlichen Dienst in Demut zu vollbringen. Genau! Körperliche Askese, die noch nicht von geistlichem Verstand erleuchtet ist, enthält immer viel Eitles. Derjenige, der sich darin abmüht, auch wenn er sich um Gottes willen müht, müht sich doch im alten Menschen; auf seinem Acker wächst mit der Weizen auch Unkraut; er kann in seinen Gedankengängen und seiner Tätigkeit nicht frei sein vom Einfluß des fleischliche Sinnens. Wir alle müssen der vom Herrn gegebenen Belehrung die notwendige Aufmerksamkeit schenken, und unsere guten Werke, die wir mit Hilfe des Körpers vollbringen, mit äußerster Demut, wie Sklaven, ausführen, die verpflichtet sind, den Willen ihres Herrn zu erfüllen, da sie diesen Willen wegen ihrer Ohnmacht und sündigen Verwundung nicht richtig erfüllen können. Für diejenigen, die sich in körperlicher Askese üben, ist es sehr wertvoll zu wissen, daß es eine andere Askese gibt, die unvergleichlich höher steht, geistige Askese, die von der göttlichen Gnade überschattet ist. Wer kein geistliches Tun besitzt, sagte Isaak der Syrer, bleibt den Geistesgaben fremd (Belehrung 56), gleich wie seine körperlichen asketischen Übungen aussehen. Der große Lehrer der Mönche vergleicht das körperliche Tun, das für sich alleine steht, und dem das Tun des Geistes in der inneren Zelle nicht entspricht, mit einem unfruchtbaren Schoß und trockenen Brüsten: denn körperliches Tun kann dem Verstand Gottes nicht nahekommen (hl. Isaak der Syrer, 58. Rede, zit. nach hl. Nil Sorskij, Vorwort zur Überlieferung). Das sehen wir an Martha. Sie war so mit ihrer Arbeit beschäftigt, so überzeugt von deren Bedeutung, daß sie den Herrn nicht um Seine Anweisung bat, was Ihm wohlgefällig sei, sondern ihr eigenes Verständnis und ihre Anweisung einbrachte, sich um ihre Erfüllung einsetzte.

 

Warum ist die Lesung dieses Berichtes des Evangeliums von der heiligen Kirche für alle Feste der Gottesmutter angesetzt? Weil die Gottesmutter dem Gottmenschen den erhabensten körperlichen Dienst darbrachte und den erhabensten Dienst des Geistes, da sie in ihrem Herzen alle Seine Worte legte (Lukas 2: 51), indem sie alles, was mit Ihm von Kindheit an geschah, bewahrte und alles was Ihn betraf in ihrem Herzen zusammenlegte (Lukas 11: 27). Zur Erklärung dessen wird dem Bericht aus dem folgenden Kapitel des Evangeliums der Anruf einer Frau an den Herrn hinzugefügt, die die Lehre des Herrn gehört hatte: selig der Leib, der Dich getragen, und die Brüste, die du gesogen hast (Lukas 11: 27), und die Antwort des Herrn auf diesen Aufruf: dadurch sind selig die das Wort Gottes hören und es bewahren (Lukas 11: 28). Die Antwort Gottes auf menschliches Urteil! Menschliches Urteil erkannte die Gottesmutter als selig allein wegen der Geburt des Gottmenschen aus ihr: der Gottmensch erhöht die Würde der Gottesmutter, indem Er als besonders selig diejenigen bezeichnet, die das Wort Gottes hören und halten. Diese Seligkeit besaß die Gottesmutter über allen Menschen, da sie den Worten des Gottmenschen lauschte und sie mit solchem Mitgefühl bewahrte, welches keiner der Menschen hatte. Hier wird wiederum dem Dienst des Geistes Vorrang über den körperlichen Dienst eingeräumt, im Gegensatz zum menschlichen Urteil.

 

...Sowohl kalte als auch erhitzte körperliche Askese, die der geistigen fremd ist, fremd jenem geistlichen Sinnen, welches das Wort Gottes fordert, und welches die Seele der körperlichen Askese sein muß, ist verderblich. Sie führt zu Überheblichkeit, zu Verachtung und Verurteilung des Nächsten, führt zu Selbstverblendung, bringt den inneren Pharisäer hervor (Heiliger Gregor Sinait, 137 Kapitel, Kap. 19, Philokalie, Teil 1), entfremdet von Gott, vermählt dem Satan.

 

Wenn Gottes Gnade den Asketen reichlich überschattet: dann offenbart sich in ihm reiche geistige Askese, die zu christlicher Vollkommenheit führt. dann offenbart sich in der Seele ihre Sündhaftigkeit, die ihr bisher verborgen blieb! Dann... entsteht Gebet und Tränen in der tiefsten Tiefe der Seele, Geist und Herz artikulieren sie, während der Mund schweigt, sie streben dem Himmel zu, werfen den Betenden dem Herrn zu Füßen, halten ihn bei den Füßen des Heilands: die Seele, die ihre Sündhaftigkeit und die unendliche Größe Gottes bekennt, geht ein in die Vollkommenheit, wird von der Rechten des allgütigen Gottes, der den Menschen schuf und ihn auch wiedererschafft, zur Vollkommenheit geführt. Segne, meine Seele, den Herrn! Und vergiß nicht, was Er dir Gutes getan. Er vergibt dir all dein Unrecht, Er heilt all deine Krankheiten, Er erlöst dein Leben vom Verderben, Er krönt dich mit Erbarmen und Gnade. Wie ein Adler wird deine Jugend dir neu (Psalm 102: 2–5) durch die Allmacht des Heilands, der unsere Natur in Sich erneuerte und uns erneuert. Amen.

 

 

Über die Sünden

 

Der Diener Gottes Georg, der nicht näher bekannt gemacht werden wollte.

 

Für viele Menschen gehören Sünden nicht zum Alltagsleben der modernen Welt. Sie stellen in ihren Augen einen Anachronismus dar, sind nicht mehr zeitgemäß. Man will sich nicht vorschreiben lassen, wie man zu leben habe und schon gar nicht mit dem moralischen Zeigefinger gedroht bekommen. Nicht selten ruft die Erwähnung des Begriffes „Sünde“ sogar ein ironisches Lächeln hervor: „Von diesen moralin-sauren Vorschriften ist der heutige Mensch zum Glück frei“ scheint es auszudrücken und gleichzeitig schwingt dabei mit, dass die Sünde eine süße Verlockung ist und die Übertretung von Geboten dem persönlichen Genuss zu Gute kommt, ja dass gerade das Versuchen des Verbotenen besonders lustvoll ist. Brave Menschen kommen in den Himmel, böse überallhin…

 

 

In vielen Gebeten bitten wir um die Vergebung unserer Sünden, unserer Schuld. „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ heißt es im Vaterunser, dem Gebet des Herrn. Folgende Fragen habe ich mir dazu oft gestellt: Welche Schuld habe ich denn schon groß auf mich geladen? Kann man überhaupt leben, ohne täglich eine der vielen „kleinen Sünden“ zu begehen? Reicht es nicht, sich an die Zehn Gebote zu halten? Wir alle machen doch Fehler. Ist das denn gleich „Sünde“? Das Leben fordert mir viel ab; warum soll ich mir das Leben noch schwerer machen, indem ich mich als Sünder begreife? Glaube soll doch aufbauen, die Auseinandersetzung mit meinen Sünden zieht mich aber runter.

 

 

Früher wusste ich nicht, was mit dem Begriff der Sünde überhaupt gemeint ist. Die kürzeste und zugleich umfassende Definition gab mir unser Priester: Sünde ist alles, was sich zwischen dich und Gott stellt und alles, was sich zwischen Dich und deine Mitmenschen stellt. Das erinnert stark an das Liebesgebot aus dem Neuen Testament „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen, aus deiner ganzen Seele, aus deinem ganzen Gemüte und aus allen deinen Kräften. Dies ist das erste und größte Gebot. Ein zweites aber ist diesem gleich: du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Matthäus 22: 37-39)

 

Sünde ist, was dich von deinem Nächsten entfernt. Das ist unendlich viel. Die Aufmerksamkeit, die du dem anderen verwehrst. Wenn du ihn nicht ernst nimmst. Wenn du ihm etwas unterstellst. Wenn du nicht aufrichtig zu ihm bist. Wenn du mehr auf deinen eigenen Vorteil bedacht bist. Wenn du ihn verletzt oder traurig machst. Wenn du ihn in eine Notlage versetzt. Wenn du ihm Hilfe verwehrst.


Viele dieser Sünden begeht man jeden Tag. Manchmal willentlich, manchmal unabsichtlich. Mir wurde klar, dass Sünde nicht die eine große, böse Missetat ist, sondern sehr alltäglich. Wir begehen täglich Sünden, die uns von unseren Mitmenschen entfernen. Wie ist das denn auch zu schaffen, immer aufrichtig zu sein und jedem gerecht zu werden? Es ist für uns nicht zu schaffen. Aber Gott ist alles möglich. Durch unser Bemühen und die Gnade Gottes haben wir die Chance, unser Leben zu verbessern.

 

In der orthodoxen Tradition bezeichnen wir das "Gleichnis von verlorenen Sohn" als die Parabel "über den Sohn, der umkehrte" (Lukas 15: 11-32).
In der orthodoxen Tradition bezeichnen wir das "Gleichnis von verlorenen Sohn" als die Parabel "über den Sohn, der umkehrte" (Lukas 15: 11-32).

 

Mag sie auch noch so alltäglich sein, jede Sünde wiegt schwer. Und es ist nicht an uns, den Grad ihrer Schwere zu bestimmen. Jede Sünde haben wir sehr ernst zu nehmen. Und es ist nicht unser Recht, sie uns selbst zu verzeihen. Aber wir haben allen Anlass, auf die Gnade Gottes zu hoffen, dass er so barmherzig ist, uns die Vergehen nicht anzurechnen, obwohl wir es nicht wert sind.

 

 

Es heißt „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott“. Wenn wir also, statt zu versuchen mit aller Kraft unseren Herrn zu lieben, uns hinreißen lassen, all unsere Energie ausschließlich in unseren Beruf, in Hobbies und Zerstreuung zu investieren, wenn unser Leben bestimmt ist von der Liebe zum Auto, zum Computer, zu Essen und Trinken, das ganze Jahr darauf ausgerichtet ist, einen schönen Urlaub zu machen, der Fußballclub, die Pop-Gruppe, das schöne Haus mit Garten unser Herz ausfüllen, machen wir uns schuldig. Denn es ist klar, dass wir uns dadurch von Gott entfernen. Und Sünde ist alles, was sich zwischen Gott und dich stellt.

 

 

Wenn wir es vorziehen, uns und unsere Wünsche in den Vordergrund zu stellen, werden wir sündig. Weil wir uns dadurch vom Mitmenschen entfernen und von Gott. Nur wenn wir versuchen, weniger uns selbst zu leben, können wir uns von der Sünde entfernen.

 

Nach der Auslegung der Heiligen Väter ist der verlorene Sohn ein Bild für die von den Leidenschaften in die Irre geführte Seele. Wenn wir Buße tun und umkehren nimmt uns der Vater (ein Typos für Christus) ohne Vorwurf in Liebe auf.
Nach der Auslegung der Heiligen Väter ist der verlorene Sohn ein Bild für die von den Leidenschaften in die Irre geführte Seele. Wenn wir Buße tun und umkehren nimmt uns der Vater (ein Typos für Christus) ohne Vorwurf in Liebe auf.

 

Es gibt Sünden, die Jesus selbst benennt: „Aus dem Herzen des Menschen kommen böse Gedanken und mit ihnen Unzucht, Diebstahl und Mord; Ehebruch, Habsucht und Niedertracht; Betrug, Ausschweifung und Neid; Verleumdung, Überheblichkeit und Unvernunft“ (Markus 7: 21-22). Darüber hinaus kennen wir die Achtlasterlehre nach Evgarius Ponticus. In ihr werden Völlerei, Unzucht, Geiz, Zorn, Traurigkeit, Trägheit, Eitelkeit, Stolz als zentrale Sünden, die häufig andere Sünden nach sich ziehen, identifiziert. Diesen Sünden ist eins gemeinsam: Immer steht das Ich im Vordergrund, die eigenen Wünsche und Empfindungen.

 

Warum ist es nötig, sich mit seinen Sünden auseinander zu setzen? Wo es doch ein so quälender Prozess ist, dem man gerne aus dem Weg gehen möchte. Wo es mir doch so schwer fällt, mich wirklich auf Gottes Gebot einzulassen, vor dem meine Sünden auf einmal ganz klar werden. Und wo es so schnell passiert, wieder die richtige Sichtweise zu verlieren und großzügig mit seinen vermeintlich kleinen Vergehen umzugehen.

 

Wenn wir Jesus nachfolgen wollen, dann gibt es nur den einen Weg, den Er selbst beschreibt: „Wer mir folgen will, muss sich und seine Wünsche aufgeben, sein Kreuz auf sich nehmen und hinter mir her gehen.“ (Markus 8: 34-37). Wenn eben gerade dies Sünde ist, nur sich und seinen eigenen Wünschen zu leben, anstatt sie aufzugeben und für Gott und die Mitmenschen zu leben, dann ist es klar, warum der Weg, auf den Jesus uns ruft, nur über die Auseinandersetzung mit der Sünde führen kann. Ich glaube, der ernsthafte Kampf mit den eigenen Sünden ist ein Teil dessen, was „sein Kreuz tragen“ bedeutet. Zur Ernsthaftigkeit gehört dazu, nicht den Grad der Sünde ermessen zu wollen, sondern selbst anscheinend „kleine Sünden“ vollkommen wichtig zu nehmen und nicht eigene mit den Sünden anderer zu vergleichen.

 


 

Über das Gottesgeschenk des Kirchgangs

 

von einem orthodoxen Priester aus den USA

 

 

Leider sehen viele von uns den Gang zur Kirche mehr als lästige Verpflichtung denn als Geschenk. Wir müssen uns aber dabei immer wieder vor Augen führen, dass wir in einer Gesellschaft mit vielen Verführungen und zahllosen sich widersprechenden Botschaften leben und es dringend erforderlich ist, dass wir uns gegenseitig helfen, charkterfeste und glaubensstarke Christen zu werden und zu bleiben. Nur wenn wir uns gegenseitig unterstützen können wir Verirrungen vermeiden, beständig bleiben und die wahre Wertigkeit unserer Wünsche und Bedürfnisse - unsere Prioritäten, die wir in unserem Leben setzen - in die richtige Reihenfolge bringen. So schreibt der Heilige Paulus „Laßt uns nicht unseren Zusammenkünften fernbleiben, sondern ermuntert einander umso mehr“ (Hebräer 10: 25).

 

Wenn ich als Priester die Menschen besuche, bin ich immer wieder erstaunt, dass die, die wegen einer körperlichen Behinderung die Kirche nicht mehr besuchen können, dieses Gottesgeschenk mehr als alle anderen zu schätzen wissen. Bemerkenswerterweise lässt ihr Glaube oder ihre Begeisterung nicht nach wegen ihrer Behinderung. Sie warten sehnsüchtig darauf, dass ihnen die Sakramente der Kirche gebracht werden und viele bitten um die Tonaufnahmen der sonntäglichen Katechesen, der Sonntagspredigten und der täglichen Betrachtungen, die wir ihnen zu Verfügung stellen, damit sie sie mithören zu können. Ihre unfreiwillige Einschränkung bedeutet keine Verminderung ihres Glaubens, sondern sogar eine Vertiefung ihres geistlichen Lebens.

 

 

Ihr Beispiel sollte auch für uns eine Lehre sein:

 

Für diejenigen, die in die Kirche gehen, sind sie eine beständige Mahnung, dass unsere Anwesenheit beim Gottesdienst keine Erfüllung einer (lästigen) Pflicht ist, sondern der Empfang eines Gottesgeschenks und die Gelegenheit zur Erneuerung unseres leiblichen und geistlichen Menschseins, das zur liebenden Gemeinschaft mit Gott erschaffen wurde.

 

Für diejenigen von uns, die unter verschiedenen, oberflächlichen Ausreden den Gottesdienst versäumen, sollten diese tief gläubigen Menschen ein Vorbild sein, damit wir uns nicht selbstvergessen im Trubel und den Versuchungen dieser Welt verlieren und es aus leichtsinniger Gleichgültigkeit zulassen, dass unser Glaube geschwächt und untergraben wird.

 

Wer wegen seiner schlechten Gesundheit, seinem hohen Alter und der damit verbundenen körperlichen Gebrechlichkeit, einer besonders verantwortungsvollen Aufgabe oder anderer wichtigen, nicht aufschiebbaren Verpflichtung am Besuch der Gottesdienste gehindert ist, sollte sich jedoch unbedingt an den Sonn- und Feiertagen feste Zeiten für das Gebet reservieren, in denen er sich mit Herz, Seele und Geist  mit den Gottesdiensten der Kirche verbinden kann. 

 

Vor allen aber sollten die Kranken und Gebrechlichen unter uns den Priester regelmäßig um seinen Besuch bitten, damit sie dem Brot der Engel und dem Kelchdes Heiles nicht auf lange Zeit fernbleiben müssen und ihr geistliches Leben deshalb zu vertrocknen droht. 

 

Für die Menschen, die in der Krankenpflege, bei Polizei oder Feuerwehr, in der Gastronomie oder Hotellerie berufstätig sind gilt: Überprüfe, ob es für dich - trotz deiner zeitlich angespannten Lebenssituation - nicht doch noch Möglichkeiten zum Besuch des Gottesdienstes gibt. Sprich mit deinem Priester über deine Lebenssituation, damit ihr gemeinsam Möglichkeiten zur Teilnahme am kirchlichen Leben und für den Empfang der heiligen Mysterien finden könnt.

 

 

Denn wir alle sind Teil der Kirche, auch wenn wir sie wegen besonderer Umstände nicht besuchen. Wir können, wie die Menschen, die nicht mehr so beweglich sind, für die Kirche, für die Geistlichkeit, für ihre Nöte und ihre Menschen beten.

 

Gleichzeitig müssen aber diejenigen von uns, die nicht so eingeschränkt sind, die Kirche zu jenen bringen, die sie nicht besuchen können. Deshalb sollten wir sie regelmäßig besuchen, ihnen das Antidoron bringen und Gottes Gegenwart in ihrem Leben sein. Für die Ausübung diesen Dienstes bedarf es im Übrigen nicht der Priesterweihe. Auch müssen wir nicht im Mönchstand leben, um den Aufruf Christi zu den Werken der Barmherzigkeit vernehmen zu können. Jeder von uns: Männer und Frauen, Jugendliche und Rentner sind  zu diesem Dienst für Christus berufen. Denn der HERR spricht zu uns durch den Mund des heiligen Apostels Paulus: „Einer trage des anderen Last; so werdet ihr das Gebot Christi erfüllen“ (Galater 6: 2).