Die Sonntage im Jahreskreis - die Sonntage nach Pfingsten

 

Über das Verstehen des Heiligen Evangeliums

und der übrigen Heiligen Schriften 

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Es gibt vier Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas und Johannes). Sie alle verkünden die eine Person Jesus Christi und dieselben wichtigen Geschehnisse des Göttlichen Heilsplanes. Sie geben uns apostolisches Zeugnis vom Menschgewordenen Logos (λόγος), dem Sohn Gottes. Alle Evangelien dienen der Göttlichen Offenbarung, indem sie sich gegenseitig ergänzen. Der heilige Irenäus von Lyon fasst dies in die Worte  von der Viergestalt des Heiligen Evangeliums, die vom Einen Geist zusammengefügt wird. (vgl. Adversus Haereses III 11:8). Nach orthodoxem Verständnis handelt es sich deshalb um das eine Heilige Evangelium Jesu Christi, dass von den vier Evangelisten auf vier-gestaltige Weise niedergeschrieben wurde. Der heilige Irenäus bezeichnet die Viergestalt des einen Evangeliums als die vier Säulen, die die Heilige Kirche stützen.

 

Die Lesung des heiligen Evangeliums während der Göttlichen Liturgie erfolgt inmitten des Gottesvolkes, wohin der Diakon das Evangelienbuch zur Lesung getragen hat. Die ist ein Zeichen dafür, dass das Wort Gottes, der Logos, der Sohn Gottes, der in Jesus Christus Mensch geworden ist, jetzt auch inmitten Seiner Kirche durch das Wirken des Heiligen Geistes präsent ist. Als orthodoxe Christen glauben wir nicht an ein heiliges Buch - die Bibel - sondern an eine Alhheilige Person, Jesus Christus, den menschgewordenen Sohn Gottes (vgl. Matthäus 16:13-20).

 

Vom Heilswirken dieser göttlichen Person - dem Einen aus der Allheiligen Dreieinheit, der Mensch geworden ist zu unserer Erlösung - kündet uns das ganze Heilige Evangelium. Deshalb bezeichnen die Heiligen Väter das Heilige Evangelium auch als die Ikone des Wortes. Wie wir durch die Betrachtung der Christus-Ikonen den Menschgewordenen Gott auf geistliche Weise schauen können, so können wir Seine erlösenden Worte und die Berichte über Seine heilsbringenden Taten durch die Verkündigung des Heilige Evangelium hören.

 

So ist das Hören und das Verstehen des Heiligen Evangeliums für den orthodoxen Christen nicht in erster Linie eine Begegnung  mit einem altehrwürdigen Text der philosophische oder theologische, ethisch oder aufbauende Lehren zu enthalten vermag. Das Heilige Evangelium ist vor allem ein Ort der Gottesbegegnung, das in der Feier der Göttlichen Liturgie, im Gottesdienst gelesen und empfangen wird. Der Logos, das Wort des Vaters, offenbart sich uns im menschgewordenen Sohn Gottes. Deshalb spricht das Heilige Evangelium zu uns nicht in erster Linie als zu einem Individuum mit temporär bestimmten, oft sehr subjektiven Interessen, sondern als den in der Kirche als dem Leib Christi versammelten Gläubigen. Christus, das Wort des Vaters, wohnt dabei in den Worten der Heiligen Schrift wie in einem Leib. Deshalb geht der Sinn dessen, was wir in den Heiligen Evangelien geistlich hören, über das wörtliche Verständnis des uns Vorgelesenen weit hinaus. Dies wird zum Beispiel deutlich, wenn wir das Gleichnis vom barmherzigen Samariter hören. Wörtlich berichtet uns die Parabel von Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit. Geistlich gesehen sagt uns das Gleichnis etwas über das Heilshandeln Christi: Er ist es, der sich des unter die Räuber der Sünden gefallenen Seele annimmt, der in die durch unsere Sündenverhaftung geschlagenen Wunden das Öl und den Wein (Sein am Kreuz auf Golgatha vergossenes Blut) Seiner Vergebung gießt. Insofern ist die ganze Heilige Schrift , vor allem aber das Heilige Evangelium, nicht einfach geistliche oder religiöse Literatur. Die Worte der Heiligen Schrift erlangen in ihrer Verbindung mit dem Ungeschaffenen Göttlichen Wort, dem Logos, jene unauslotbare Tiefe, die sie zu Worten des Ewigen Lebens machen (vgl. Johannes 6:68). Das Heilige Evangelium übersteigt und sprengt die bloße Wörtlichkeit. Seine Worte sind jener Brunnen der Göttlicher Offenbarung, aus dem das Schöpfgefäß der Samariterin das lebendige Wasser nicht zu schöpfen vermag (vgl. Johannes 4:5-43). Dieses Schöpfgefäß mit dessen Hilfe wir zum lebendigen Wasser des Heiligen Evangeliums gelangen, ist das geistliche Leben und die Lehre der Heiligen Orthodoxen Kirche. Nicht die Philologie oder die wissenschaftliche Theologie setzen die Maßstäbe, wie die Heiligen Schriften zu interpretieren sind, sondern die liturgischen und sakramentalen Handlungen der Kirche und das in ihnen grundgelegte geistliche Leben. Denn was wir in der Heiligen Schrift suchen werden, wird uns dort am Ende auch begegnen. Der heilige Apostel Paulus formuliert diesen Zusammenhang so: Der (orthodoxe) Glaube kommt vom (geistlichen) Hören (vgl. Römer 10:17). Das Wort Gottes verharrt nicht selbstgenügsam im Buchstaben des Bibeltextes, denn die gesamte Heilige Schrift bezeugt wieder und wieder die Fleischwerdung des Sohnes Gottes, die Inkarnation des Wortes (Logos).

 

Der heilige Evangelist Johannes sagt: "Allen aber, die Ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an Seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit (vgl. Johannes 1:12-14).

 

Die Worte der Heiligen Evangelien sind eine zu Texten geronnene Erfahrung. Dies ist die Erfahrung der heiligen Apostel mit dem Messias, mit unserem Herrn Jesus Christus. Die Texte der Evangelien und der anderen Texte der Heiligen Schriften sind Verschriftlichung der apostolischen Glaubenserfahrung der Kirche. Sie sind zugleich auch Zeugnis der kirchlichen Erfahrung, dass Gottes Wort nicht Buchstabe, nicht Text, sondern Fleisch, also Leben der Kirche geworden ist. Darum ist die Aufnahme des göttlichen Wortes kein intellektueller oder rationaler Vorgang. Nur wer gegenüber dem Wort Gottes die Haltung der Allheiligen Gottesgebärerin und Immerjungfrau Maria einzunehen bereit ist, empfängt auch wie sie das Wort vom Heiligen Geist. Erst die Gnadengaben des Geistes, die im geistlich-lturgischen Leben der Heiligen Kirche präsent sind, macht aus dem Hören der Heilige Schrift für uns eine wirkliche Quelle der geistlichen Erkenntnis, die uns zum ewigem Leben führt. Die Worte der Heiligen Schriften zu verstehen heißt, das Wort so zu empfangen, wie es vom Vater in die Welt gekommen ist. Christus, dem Erlöser begegnen wir nicht durch die Philologie, die Archäologie, durch subjektivistische Bibellektüre, durch neue wissenschaftlich-hermeneutische Konzepte oder durch kühne intellektuelle Gedankenadaptionen, sondern durch das sakramental-geistliche Leben Seiner Kirche. Dies heißt nicht, dass die persönliche Bibellektüre schädlich oder gar sinnlos sei. Im Gegenteil: Das regelmäßige Lesen der im Kirchenkalender angegebenen Leseabschnitte stärkt in ganz besonderer Weise unserer geistliches Leben. Nur muss diese persönliche Bibellektüre in das geistliche Leben und Denken der orthodoxen Kirche, das heißt die pneumatisch gewirkten Auslegungen der Heiligen Väter der Kirche, eingebettet sein. Deshalb lesen gläubige orthodoxe Christen die Bibel nicht einfach als Text für sich allein, sondern in der Regel in Verbindung mit einer oder mehrerer Väterauslegungen. So hat zum Beispiel der Heilige Johannes Chrysotomus alle Evangelien und Apostelbriefe in Predigten ausgelegt.

 

Als orthodoxe Christen begreifen, hören oder lesen wir die Worte des Heiligen Evangeliums und der ganzen übrigen Heiligen Schrift nicht von der Kirche, von den Heiligen Sakramenten oder von der Göttlichen Liturgie getrennt. Insofern können wir unseren evangelischen Brüdern und Schwestern nicht zustimmen, wenn sie die Texte der Heiligen Schrift der Kirche mit der Formel "sola scriptura" ("die Schrift allein") gegenüberstellen wollen, oder wenn unsere katholischen Brüdern und Schwestern die Tradition als eine gesonderte Offenbarungsquelle der Heiligen Schrift gegenüberstellen wollen. Die gesamte Fülle des Heiligen Evangeliums und die ganze Heilige Schrift ist in der Heiligen Apostolischen Tradition enthalten.

 

Die Heiligen Evangelien sind nur der verschriftlichte Teil dieser Heiligen Apostolischen Tradition. Die Fülle des Apostolischen Glaubens ruht im Glaubensbewußtsein der orthodoxen Kirche. Deshalb sagen die Heiligen Väter auch, dass wenn uns die Heiligen Schriften alle verloren gehen würden, sie gemäß dem in der Kirche gegenwärtigen Heiligen Glaubens wiederhergestellt werden könnten, da das eigentliche Wort Gottes, der Logos, in Seiner Kirche gegenwärtig ist. Christus, das menschgewordene Wort Gottes, darf aber mit dem über Ihn geschriebenen Wort, das vielmehr Zeugnis von Ihm gibt, nicht verwechselt werden.

 

Das Wort Gottes wohnt nicht im Buch der Bibel oder in den einzelnen Texten der Heiligen Schriften. Es wohnt in der Allheiligen Gottesgebärerin und Immerjungfrau Maria. Es wohnt in der orthodoxen Kirche. Es wohnt im Glaubensbewußtsein der Gemeinschaft der orthodoxen Gläubigen. Es wohnt in der Verherrlichung (δόξα  = "doxa") der orthodoxen Gottesdienste. Deshalb ist die orthodoxe Kirche, der aus vielen Gliedern bestehende ungeteilte Leib des Herrn, auch jener geistliche Verstehensraum, dessen das geschriebene und gesprochene Wort der Heiligen Schrift bedarf, um durch das Wirken der Gnadengaben des Heiligen Geistes für uns zum Wort Gottes zu werden.

 

 

Sonntag des Zöllners und der Pharisäers ((Lukas 18:9–14)

 

von Erzpriester Andrew J Demotses 

 

St. Vasilios Greek Orthodox Church, Peabody, Massachusetts, USA

 

Jesus Christus erzählte uns das Gleichnis vom Zöllner und dem Pharisäer um uns vor der großen geistigen Gefahr des arroganten Vertrauens in unsere eigene Selbstgerechtigkeit zu warnen, die mit der Verachtung für diejenigen gepaart ist, die wir als niedriger als uns selbst einstufen. So wollte uns Jesus vor der schrecklichen geistlichen Krankheit des Pharisäertums beschützen.

 

Diese Krankheit der Seele zeigt sich zuerst als absolutes Vertrauen in die Richtigkeit der eigenen Ansichten und Urteile. Sie nimmt die persönliche Überlegenheit über andere an. Dieser verkehrte Ausdruck des Selbstvertrauens wird schnell zur unkritischen Selbstzufriedenheit und Selbstgerechtigkeit, zu einer Art gedankenloser Selbstbewunderung. Er findet grenzenloses Gefallen am Selbst und an allem was es tut.

 

Schauen wir uns den Pharisäer im heutigen Gleichnis an. Er geht in den Tempel Gottes um seinem eigenen Selbst, seinem Idol, Weihrauch zu opfern. Er verkündet seine Heiligkeit und zählt seine guten Werke auf. Er bewundert und lobt sich. Er ist schließlich nicht wie die Anderen, die bis zum Hals in der Unmoral und dem Bösen stecken. Mitten in seinem vermutlichen Gebet zögert er nicht das Gallengift seines Hasses auf den Zöllner auszugießen, den er in einer entfernten Ecke beten sieht. Mit übertriebener Selbstzufriedenheit verweist er auf sein sorgfältiges Fasten und seine großzügige Unterstützung des Tempels. Er beachtet tatsächlich die Gesetze des Alten Bundes ganz genau.

 

Auch wenn wir uns von der Haltung und dem Benehmen des Pharisäers abgestoßen fühlen, müssen wir doch ehrlich genug sein zuzugeben, dass wir ihm – öfter als nur ein paar Mal – erstaunlich ähnlich sind. Wer von uns möchte nicht gerne Andere denken lassen, dass er besser als in Wirklichkeit ist? Wer von uns erlaubt sich nicht manchmal einen Mangel an Respekt gegen Andere? Gibt es überhaupt jemand unter uns, der nachsichtig ist seinem Urteil über Andere und strenger in seiner Selbstkritik? Ich zweifle ehrlich daran. Jeder von uns hat mehr oder weniger etwas von diesem Pharisäer in sich. Etwas von dieser Selbstbeweihräucherung und Selbstgerechtigkeit. Um uns von vor der Ansteckung durch diese Krankheit zu schützen braucht es nichts weniger als fortwährenden Kampf und wachsame Anstrengung unsererseits.

 

Ein wirklich christliches Herz sucht zu tun was recht ist, als einfachen und natürlichen Ausdruck seiner Verantwortung als Person. Aber auch dann sollten wir wissen, dass unsere guten Taten nicht eine Vollkommenheit widerspiegeln und nicht der Grund für wachsenden Stolz sein dürfen. Deshalb schrieb der Heilige Basilius der Große, der sein ganzes Leben dem liebenden Dienst an Anderen gewidmet hat: „Auch wenn wir irgendwie fähig wären, alles zu tun, was von uns verlangt wird, müssten wir folgern, dass wir unwürdige Knechte des Herrn sind. Denn auch wenn wir all dies getan haben, werden wir doch nur unsere Mindestpflicht und -verpflichtung wahrgenommen haben und nicht mehr.“

 

Diese Verdammung der blasierten Selbstzufriedenheit des Pharisäers führt uns zur Rechtfertigung des Zöllners, der seine persönliche Unzulänglichkeit nur zu gut fühlt und ehrlich zugibt. Der Zöllner ist zugegebenermaßen von einer Menge von Sünden belastet. Aber er ist sich seiner Sündhaftigkeit und geistlichen Armut sehr bewusst. Deshalb steht er hinten im entferntesten Winkel des Tempels. Es wagt es nicht einmal die Augen zum Himmel zu erheben. Mit tiefen Seufzern flüstert er sein kurzes Gebet: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“

 

Sein Gebet ist eine Bitte, ein zerknirschtes Flehen. Die Reue, dieses Eingeständnis und die Anerkennung der persönlichen Unvollkommenheit ist nichts weniger als der Eckstein des gesamten geistlichen Lebens. Dies ist wiederum untrennbar verbunden mit der Demut der Seele. Diese Demut erlaubt der göttlichen Gnade unser Leben zu verklären und zu heiligen.

 

Die Haltung, die wir erwerben müssen, wenn wir ein Gebet, das vor Gott annehmbar ist, aufopfern wollen, ist vielleicht am Besten in den Worten ausgedrückt, die Jesus Selbst uns gesagt hat: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht, und meine Last ist leicht“ (Matthäus 11:28-30).

 

Ein großes Vorbild für christliches Almosengeben ist der heilige Nikolaus von Myra - er bewahrte so drei mittellose Mädchen vor einem Leben in Prostitution.
Ein großes Vorbild für christliches Almosengeben ist der heilige Nikolaus von Myra - er bewahrte so drei mittellose Mädchen vor einem Leben in Prostitution.

 

19.Sonntag nach Pfingsten  - 2. Lukas-Sonntag

 

Zur Apostellesung am 2. Lukas-Sonntag (2. Korinther 9:6-11)

 

Die Lesung für den 2. Lukas-Sonntag enthält einige allgemeine Betrachtungen über das Almosengeben: gib reichlich und freudig und Gott wird sich Seinerseits großzügig gegen dich erweisen; je mehr du säst, desto mehr wirst du ernten.

 

Dieser Abschnitt kann besser verstanden werden, wenn man ihn in seinem Gesamtzusammenhang betrachtet, d.h. in seiner Stellung innerhalb des ganzen neunten Kapitels des zweiten Briefes an die Korinther, in dem der Heilige Paulus von der Sammlung spricht, die er für die armen Christen Jerusalems organisiert. Paulus, der den Brief irgendwo in Makedonien schreibt, hatte den Makedoniern gegenüber mit der Großzügigkeit der Korinther geprahlt: er hatte ihnen erzählt, dass die Korinther diese Sammlung schon seit einem Jahr vorbereiteten. Er wäre traurig, wenn ihn die Korinther wegen ihres Geizes im Stiche ließen und ihn vor den Brüdern in Makedonien sogar mit Schande bedeckten.

 

Zwei Sätze aus der heutigen Lesung geben uns einen sehr praktischen Hinweis. Paulus schreibt (9:7): „Jeder gebe, wie er es sich in seinem Herzen vorgenommen hat ...“. Almosen dürfen nicht gedankenlos gegeben werden oder abhängig von den Umständen oder Gefühlen; Almosen zu geben ist eine Form des Dienstes (9:1); es ist deshalb notwendig vorher zu überlegen was man geben kann, was man geben sollte, damit wir das Geld, das wir für Gott verwalten, zum besten Nutzen einsetzen: wir sollen unsere Almosen in unserem Herzen vorbereiten. Wenn wir dann die Entscheidung getroffen haben, sollen wir ohne Bedauern, ja mit Freude geben, denn „Gott liebt einen fröhlichen Geber“ (9:7).

 

Hier zitiert Paulus aus dem Alten Testament. Er formt einen Test um, der davor schon bearbeitet worden war. Denn die Worte „Gott ehrt einen fröhlichen Geber“ finden sich in der Septuaginta (der griechischen Version der hebräischen Bibel) als Zusatz zum hebräischen Text von Vers 8, Kapitel 22 des Buchs der Sprüche. Eines der deutero-kanonischen Bücher, Jesus Sirach, sagt: „Bei all deinen Gaben mach ein freundliches Gesicht, und froh weihe den Zehnten“ (Jes Sirach 35:8). Ob er nun aus dem Gedächtnis zitierte und ihm der genaue Text nicht präsent war oder ob er ihn bewusst verändern wollte, er schreibt jedenfalls, dass Gott ‚liebt’, obwohl im Original steht Gott ‚ehrt’.

 

Wir wollen uns nicht über diese Änderung aufregen, die eigentlich eine Verbesserung darstellt. Gott liebt die, die freudig geben, nicht nur wenn es um Almosen geht, sondern jedes Mal wenn wir Gott geben was uns teuer war, jedes Mal wenn wir um Seinetwillen eine schmerzliche Prüfung über uns ergehen lassen, jedes Mal wenn wir einer Versuchung widerstehen. Wir sollen also „nicht verdrossen und nicht unter Zwang“ (9:7) geben, sondern aus Zuneigung spontan und heiter.

 

Quelle: A Monk of the Eastern Church, The Year of Grace of the Lord.

 

 

Zwanzigster Sonntag nach Pfingsten (3. Lukas-Sonntag)

 

Die Witwe von Nain 

 

An diesem zwanzigsten Sonntag nach Pfingsten (3. Lukas-Sonntag) zeigt uns die Kirche, wie das Erbarmen Jesu einen Sieg über den Tod davonträgt. Jesus kommt durch die Stadt Nain; er trifft auf den Leichenzug des einzigen Sohnes einer Witwe; bewegt vom Schmerz der Mutter, heißt er sie, nicht zu weinen; dann fasst er die Bahre an und befiehlt dem jungen Mann aufzustehen. Der Tote richtet sich auf, beginnt zu sprechen, und Jesus übergibt ihn seiner Mutter. Das Volk wird von Furcht ergriffen und preist Gott (Lukas 7:11-17).

 

Wie gesagt, das Thema dieses Evangeliums ist das Erbarmen Jesu. Durch reinen Zufall trifft Jesus auf diesen Leichenzug. Jesus ist fremd in Nain, er ist der Familie fremd, die das Leid getroffen hat. Es scheint keinen Grund zu geben, aus dem Jesus in Nain seine besondere Kraft zeigen will. Aber doch, es gibt einen Grund, einen einzigen Grund: Jesus, der den Schmerz der Mutter sieht, „hatte Mitleid mit ihr“. Das erste Wort Jesu ist nicht der dem Toten gegebene Befehl, sondern das an die Mutter gerichtete tröstende Wort: „Weine nicht!“ Und als der junge Mann sich aufrichtet, lesen wir im Evangelium nicht, dass er zu ihm gesprochen hat (auch wenn er ohne Zweifel zu ihm gesprochen hat), sondern wir lesen, dass Jesus „ihn seiner Mutter gab“. (Man bemerke, dass das Evangelium sagt, „ihn gab“ und nicht „ihn zurückgab“. Indem Jesus den jungen Mann auferweckt, hatte er ein besonderes Besitzrecht über ihn erlangt, und diese barmherzige Gabe macht er jetzt der Mutter.)

 

Die Evangelien berichten von drei durch Jesus bewirkten Auferweckungen: die des Sohnes der Witwe von Nain, die von Jairus' Tochter und die des Lazarus. In allen drei Fällen scheint in erster Linie das Mitleid Jesu gegenüber dem Schmerz der Nächsten der Grund für das Wunder zu sein. Die drei Fälle zeigen uns einen liebenden und mitfühlenden Jesus.

 

Wenn auch dieser Mitleidsgedanke zuvorderst betont werden muss, so darf man doch nicht verkennen, dass die Auferweckungswunder auch einen anderen Grund haben: sie offenbaren, dass der Messias alle Macht über das Leben und den Tod hat. Einige Details des heutigen Evangeliums bringen diese Macht ans Licht: da ist die Autorität, mit der Jesus den Leichenzug stoppt; die feierliche und gebieterische Form seiner Worte: „Ich befehle dir, junger Mann: Steh auf!“; und die Tatsache, dass der Evangelist, der in den ersten Zeilen desselben Kapitels einfach von „Jesus“ spricht, jetzt das Wort „Herr“ gebraucht: denn es handelt sich um die Begegnung des Herrn des Lebens mit dem Tod und menschlichem Schmerz. Bemerken wir, dass die drei in den Evangelien überlieferten Auferweckungsfälle alle aufeinanderfolgenden physischen Aspekte des Todes betreffen. Jesus auferweckt die noch auf ihrem Bett liegende Tochter des Jairus, er auferweckt den Sohn der Witwe von Nain, den man auf einer Bahre trägt, er auferweckt den schon beigesetzten und zerfallenden Lazarus: Die Herrschaft Jesu über den Tod ist vollkommen; das gilt für die verschiedenen Aspekte des geistigen wie auch des physischen Todes, und die Auferweckungsberichte der Evangelien zeigen  symbolisch, wie Jesus das Leben den Sündern wiedergibt. Schließlich sollte man mehr Aufmerksamkeit, als es im allgemeinen geschieht, auf die Rolle der Frauen bei den Fällen.Die Evangelien berichten von drei durch Jesus bewirkten Auferweckungen: die des Sohnes der Witwe von Nain, die von Jairus' Tochter und die des Lazarus. In allen drei Fällen scheint in erster Linie das Mitleid Jesu gegenüber dem Schmerz der Nächsten der Grund für das Wunder zu sein. Die drei Fälle zeigen uns einen liebenden und mitfühlenden Jesus. Wenn auch dieser Mitleidsgedanke zuvorderst betont werden muss, so darf man doch nicht verkennen, dass die Auferweckungswunder auch einen anderen Grund haben: sie offenbaren, dass der Messias alle Macht über das Leben und den Tod hat. Einige Details des heutigen Evangeliums bringen diese Macht ans Licht: da ist die Autorität, mit der Jesus den Leichenzug stoppt; die feierliche und gebieterische Form seiner Worte: „Ich befehle dir, junger Mann: Steh auf!“; und die Tatsache, dass der Evangelist, der in den ersten Zeilen desselben Kapitels einfach von „Jesus“ spricht, jetzt das Wort „Herr“ gebraucht: denn es handelt sich um die Begegnung des Herrn des Lebens mit dem Tod und menschlichem Schmerz. Bemerken wir, dass die drei in den Evangelien überlieferten Auferweckungsfälle alle aufeinanderfolgenden physischen Aspekte des Todes betreffen. Jesus auferweckt die noch auf ihrem Bett liegende Tochter des Jairus, er auferweckt den Sohn der Witwe von Nain, den man auf einer Bahre trägt, er auferweckt den schon beigesetzten und zerfallenden Lazarus: Die Herrschaft Jesu über den Tod ist vollkommen; das gilt für die verschiedenen Aspekte des geistigen wie auch des physischen Todes, und die Auferweckungsberichte der Evangelien zeigen symbolisch, wie Jesus das Leben den Sündern wiedergibt.

 

Schließlich sollte man mehr Aufmerksamkeit, als es im allgemeinen geschieht, auf die Rolle der Frauen bei den Fällen von Auferweckung richten. Hier ist es der Schmerz der Mutter, der Jesus bewegt (und man könnte sagen, dass die Witwe von Nain einen wichtigeren Platz im heutigen Evangelium hat als ihr Sohn). Die Frau des Jairus vereint ihre Tränen denen ihres Mannes. Marta deutet Jesus an, dass er ihren Bruder auferwecken könnte. Ähnlich ist es außerhalb der Evangelien. Petrus auferweckt Dorkas (Gazelle) auf das Drängen der Witwen von Lydda (Apostelgeschichte 9:36-41). Elias auferweckt den Sohn der Witwe von Sarepta wegen des Schmerzes der Mutter (3. Könige 17:17-23). Auch wegen der Mutter auferweckt Elischa den Sohn der Schunemiterin (4. Könige 4:18-37). Der Verfasser des Briefes an die Hebräer hat also recht zu schreiben: „Frauen haben ihre Toten durch Auferstehung zurückerhalten“ (Hebräer 11:35). Vielleicht werfen diese Textstellen (wie das heutige Evangelium) ein verschleiertes Licht auf einen Aspekt des spirituellen Dienstes der Frauen. Die Bekehrung der Sünder ist der Auferstehung der Toten ähnlich; nun hat das Gebet der Frauen, insbesondere der Mütter und der Frauen, deren Leben vollkommen Gott geschenkt und geweiht ist, oft einen bemerkenswert wirkungsvollen Wert der Fürbitte, und in diesem Sinn kann ein verborgenes und kontemplatives Leben ein apostolisches Leben sein.

 

Quelle: A Monk of the Eastern Church; The Year of Grace of the Lord (Ein Mönch der Ostkirche; Das Jahr der Gnade des Herrn).

 

 

22. Sonntag nach Pfingsten (5. Lukas-Sonntag)

 

Der Reiche und Lazarus

 

Am 5. Lukas-Sonntag bringt uns die Kirche das Gleichnis vom Lazarus und dem reichen Mann näher (Lk 16,19-31). Dieses Gleichnis ist in mancher Hinsicht einmalig in seiner Mischung von Realismus und Symbolismus. Es ist das einzige Gleichnis in dem Jesus einem der Handelnden einen Namen gibt, so dass manche sich fragten, ob es nicht vielleicht die Erzählung von einem tatsächlichen Ereignis sei. Das Gleichnis zeichnet den krassen Gegensatz zwischen einem luxuriös gekleideten und im Luxus schwelgenden reichen Mann, und einem Bettler, der vor seiner Türe lag, übersät von Schwären, die von den Hunden geleckt wurden und der sich nur wünschte von den Brosamen essen zu dürfen, die vom Tische des Reichen fielen. Sowohl Lazarus wie der Reiche sterben, aber ihr weiteres Schicksal ist sehr unterschiedlich. Der Reiche, im Hades gequält (der Hades ist nicht notwendigerweise ein Synonym für die Hölle im heutigen Wortsinne. Der Hades wurde gedacht als ein Ort, wo alle Toten das Letzte Gericht erwarten; es war sowohl Paradies als auch Gehenna. Im oben genannten Fall ist allerdings klar das Letztere beabsichtigt), fleht Abraham an, ihm Larazus zu schicken, der – jetzt im Himmel – seinen Finger ins Wasser tauchen solle, um so die Zunge des verzweifelten Mannes zu kühlen, der nun in den Flammen litt. Abraham antwortet sanft, dass das unmöglich sei: während seiner Lebenszeit habe der Reiche Anteil an allen guten Dingen gehabt und Lazarus nur am Leid; nun sei die Lage umgekehrt, und zusätzlich sei ein unüberbrückbarer Abgrund zwischen den beiden. Aber der Reiche drängt: erlaube dem Lazarus wenigstens zu meinem Vater und den fünf Brüdern zu gehen um sie vor einem solchen Schicksal zu bewahren. Auch das ist nutzlos, antwortet Abraham, denn wenn sie nicht auf Moses und die Propheten gehört haben, wird sie auch die Stimme eines von den Toten Zurückgekehrten nicht überzeugen.

 

Dieses Gleichnis ist in einem ganz anderen Ton geschrieben als die Erzählungen von Heilungen und Gnade, die so häufig sind im Lukas-Evangelium. Es ist eine ernste Warnung. Egoistisches Vergnügen in dieser Welt wird mit Leiden in der nächsten Welt bezahlt; die Armen werden die Fülle haben. Die allgemeine Bedeutung des Gleichnisses ist so klar, so einfach, dass es keiner Erklärung bedarf. Einige der Einzelheiten aber sind es wert näher betrachtet zu werden. „Vor der Tür des Reichen aber lag ein armer Mann ...“ Die Welt des Elends und des Leids ist keine unwirkliche, weit entfernte Welt. Gott Selbst legt dieses Elend vor mein Tor, vor meine eigene Tür; Er wird mich nicht um abstraktes Mitleid für weitentferntes Elend bitten, das zu lindern ich nicht wirklich kann, sondern Er wird mich fragen was ich tat um einem „armen Mann“ zu helfen – einem wirklichen Menschen in Not, der real und gegenwärtig ist – „namens Lazarus“, den Er ausgewählt hat, damit ich meine Barmherzigkeit an ihm zeige. Was dieser Lazarus braucht – Geld, Pflege, moralische Unterstützung – ist unwichtig. Wichtig ist, dass meine Augen ihn, der vor meiner Türe liegt, bemerken (das heißt ihn, den Gott ausersehen hat mir die Chance zu geben ihn zu finden) und dass ich etwas für ihn tue. Wir sehen, dass der Reiche nicht besonders hartherzig oder grausam gewesen zu sein scheint: er sündigte durch Nachlässigkeit, er hat Lazarus einfach nicht bemerkt. Gott wird mich nicht notwendigerweise tadeln, wenn ich mein Herz vor unglücklichen Leuten verschließe; Er wird mich tadeln, zu sorglos und zu egoistisch nicht daran gedacht zu haben es zu öffnen.

 

Der Gegensatz zwischen dem jeweiligen Ende ihres Lebens ist eklatant: „Als nun der Arme starb, wurde er von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Auch der Reiche starb und wurde begraben“ (Lukas 16:22). Der Eine wurde ‚von Engeln getragen’ der Andere wurde ‚begraben’. Bestimmt mit all dem Gepränge, das einem Reichen zusteht, aber auch mit allem, was das Wort ‚begraben’ an Endgültigkeit impliziert, und im Gegensatz zu dem Getragenwerden durch die Hände der Engel. ‚Von Engeln getragen’ oder ‚begraben’: dieses Schicksal, im geistigen Sinne, ist nicht allein den Toten zugedacht: schon in diesem Leben kann ein Mensch von Engeln Gott näher gebracht werden oder sich begraben und vom Staub bedecken lassen, dem allein er anhing. Der Gegensatz zwischen diesen beiden Schicksalen wird sogar betont: „zwischen uns und euch ist ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund, so dass niemand von hier zu euch ... kommen kann“ (16:26). Ist das eine Bestätigung der unwiderruflichen und ewigen Natur des Leidens der ‚Verdammten’? Wir wollen diese theologische Frage nicht hier erörtern. Aber wir sehen, dass der Reiche sogar im Hades (welcher Natur er auch immer sei) keineswegs reuig erscheint – es steht außer Frage, dass Gott jemandem, der jetzt seine alte Haltung bereut und seinen eigenen Egoismus verurteilt, Gnade erweisen würde: aber es gibt hier nicht die Spur eines solchen Bedauerns. Was wir lesen ist nur, dass der Reiche sich zuerst wünscht, dass seine Schmerzen gelindert würden und dann, dass seine Familie nicht ein solches Schicksal erdulden müsse.

 

Schließlich schauen wir uns den Ausdruck an „ ... sie werden sich nicht überzeugen lassen“ (16:31). Gott möchte, dass wir von der Umkehr überzeugt sind: die Umkehr, die er wünscht, ist nicht die Frucht der Unterordnung unter eine äußere Macht oder des Schocks, den ein wunderbares Zeichen wie die Rückkehr eines Menschen von den Toten erzeugen kann (als Jesus einen anderen Lazarus von den Toten auferstehen ließ gab es keine Umkehr bei den Pharisäern). Diese Umkehr muss die Frucht einer inneren Überzeugung sein, eines langen und unvermeidbaren Einwirkens des GEISTES auf unseren Geist – denn im geistigen Leben muss alles aus dem GEIST kommen.

 

Quelle: A Monk of the Eastern Church, The Year of Grace of the Lord.

 

 

Dreiundzwanzigster Sonntag nach Pfingsten (6. Lukas-Sonntag)

 

Die Heilung des Besessenen von Gerasa (Lukas 8:26-39)

 

 von Meropolit Anthony von Suroš 

 

Die heutige Erzählung über die Heilung eines Menschen, der von einer ganzen Legion Dämonen besessen war, zeichnet vor uns ein sehr anrührendes und wunderbares Bild, denn es zeigt, wie wertvoll jeder Mensch für Gott ist und wie sehr Er jeden schätzt.

 

Wir treffen in der Erzählung auf einen Menschen, der, wie jeder Mensch, in seiner Existenz so auf der ganzen Welt einzigartig ist. Um ihn, nicht nur um sein Schicksal in der Ewigkeit, sondern auch um sein Dasein auf der Erde, um seine seelische und physische Gesundheit streiten der Mensch gewordene Gott und der Widersacher, der Satan: Sie streiten um diese eine für sich einzigartige, menschliche Persönlichkeit, denn jeder von uns ist in den Augen Gottes unendlich wertvoll. Hat Christus etwa nicht selbst gesagt, dass der gute Hirte die 99 Schafe, die keiner Sorge bedürfen, allein lässt, um das eine zu suchen, das verloren gegangen war? Und so sehen wir Christus und Ihm gegenüber, von Angesicht zu Angesicht mit Ihm streitend, die Ursache und Quelle allen Bösen, den Fürst der Finsternis, den Satan. Die körperlichen und seelischen Leiden dieses Menschen sind ein Teil der Schrecklichkeit dieser Welt, die durch die menschliche Sünde, das heißt dadurch, dass der Mensch sich von Gott abgewandt hat, entstellt ist.

 

Und wir sehen Gott, der gekommen ist, um diesen Menschen zu retten. Nicht nur als ein geistiges Wesen, sondern in seiner gewöhnlichen und einfachen Existenz als Mensch. Die Heilige Schrift bezeichnet den Satan als den Widersacher, weil er alles Gute bekämpft, was Gott den Menschen anbietet. Und er kämpft gegen das Gute – und wiederum spreche ich mit den Worten der Heiligen Schrift – als Lügner und Mörder. Die Lüge ist der Versuch, einen Menschen in eine Welt des Unwirklichen zu locken oder hineinzustürzen, in eine Welt, in der man nicht leben kann. Die Lüge ist die Entstellung der Wahrheit mit dem Ziel, Leben unmöglich zu machen und es zum Untergang zu führen.

 

Christus ist die Wahrheit. Ist es nicht wunderbar, sich klar zu machen, dass Christus die Wahrheit ist? Nicht nur in dem Sinne, dass Er der wahre Gott ist. Er ist auch der wahre Mensch! Wenn wir uns an Christus wenden, dann wird sowohl unser ewiges Schicksal als auch unsere menschliche Ganzheitlichkeit wiederhergestellt. Das erkennen wir aus der heutigen Evangeliumslesung. Das Netz des Wahnsinns, welches der Lügner und Mörder geflochten hat, wird zerrissen von Dem, Der die höchste und vollkommene Wirklichkeit ist, sowohl die göttliche als auch die menschliche.

 

In dieser Geschichte gibt es aber noch einen anderen Punkt, auf den ich eingehen möchte. Der Mensch wurde geheilt und sein einziger Wunsch war es nun, bei Dem zu bleiben, Der ihm seine Unversehrtheit wieder zurückgegeben hatte, Der ihm ein neues Leben – das ewige Leben bereits hier auf der Erde – ein menschliches Leben in all seiner Fülle aufgetan hat. Doch Christus gebietet ihm etwas anderes. Er sagt zu ihm: Kehr zurück in dein Haus und sage den anderen, was mit dir geschehen ist.

 

Das meint Er auch zu uns allen. In dem einen oder anderen Moment, und manchmal vielleicht auch im Verlaufe eines gesamten Zeitabschnitts, fühlen wir, dass wir den Saum des Gewandes Christi berührt haben und sich etwas ganz Neues: richtiges Leben, Schönheit und – ja die Wahrheit selbst – vor uns aufgetan haben. Und wir wollen daran festhalten und dort bleiben, wo dies mit uns geschehen ist. Das kann unter Menschen geschehen sein, die uns dieses Gefühl des Neuen gegeben haben oder durch das gemeinsame Gebet in der Kirche. Wo auch immer sich dies zugetragen haben mag und wir in aller Fülle all das erhielten, was Gott uns anbietet und gegeben hat, sollten wir immer seine Stimme hören, die zu uns spricht: Du hast Heilung erfahren, du bist nun ein neuer Mensch, geh deshalb nun zu den Deinen, geh zu deinen Freunden und zu all denen, die dieses Neue noch nicht erfahren haben und erzähle ihnen, was geschieht, wenn man Christus begegnet, dem Mensch gewordenen Gott! Berichte ihnen alles so, dass auch sie zu neuen Menschen werden können und schon jetzt hier auf Erden, bereits in der Zeit, in das ewige Leben eingehen können.

 

Dieses Wort ist nicht nur an den einen Menschen gerichtet, der vor so vielen Jahrhunderten geheilt worden war. Dieses Wort gilt für jeden von uns. All das, was uns gegeben ist, sollten wir auch verkündigen und es teilen, großzügig teilen, denn Millionen von Menschen dürsten nach einem Leben in Fülle, welche nur Gott zu geben vermag.

 

Lasst uns deshalb diese Botschaft vernehmen, die Botschaft, dass jede einzelne menschliche Persönlichkeit Gott so viel wert ist, dass Er alle anderen vergessen kann, um den einen mit Seiner Sorge zu umgeben, der in Not geraten ist. Deshalb ist auch der Satan so eifrig dabei, die Netze des Verderbens für jeden von uns zu flechten. Denn wenigstens einen den Händen Gottes zu entreißen, heißt, Gott jemanden wegzunehmen, den Er mit all Seinem Leben und all Seinem Tod lieb hat. Wenn wir das Volk Gottes sind, dann sollten wir darauf hören, was jenem Mensch gesagt worden war, uns darüber freuen, was uns geschenkt wurde und uns auf den Weg machen, um dieses zu teilen, um auch anderen jene Unversehrtheit und jene Erneuerung des Lebens zu bringen, die wir, wenn auch nicht immer, so doch in besonders gesegneten Momenten unseres Lebens in uns fühlen. Amen.