Den Alltag orthodox gestalten

 

Über das christliche Urteilvermögen

 

Eine Predigt S. E. Erzbischof Dimitrios

Griechische Orthodoxe Erzdiözese von Nordamerika

 

 Jeden Tag werden wir mit unterschiedlichen Ideologien und Philosophien konfrontiert, die versuchen uns die großen Fragen des Lebens zu beantworten. Einige der Antworten sind naheliegend, wie die Ansichten der verschiedenen Religionen oder die Menge der politischen und wirtschaftlichen Theorien und Systeme, die wir in unserer modernen Welt finden. Andere sind raffinierter und können oft unser Leben bedeutend beeinflussen. In unserer gegenwärtigen Kultur haben wir eine starke Betonung materiellen Reichtums und Besitzes. Ein „erfolgreiches“ oder „gutes“ Leben wird daran gemessen was und wieviel ein Mensch besitzt oder wie „aufwendig“ sein Lebensstil ist. Unsere Kultur wird geprägt von einer Haltung des Relativismus, d.h. was für den einen wahr oder moralisch ist, muss es nicht für einen anderen sein. Das Problem dieser Art von Philosophien ist, dass sie sowohl attraktiv wie trügerisch sind. Sie sind attraktiv wegen unseres Wunsches sich „einzufügen“ – sich friedlich in die uns umgebende Kultur zu integrieren und von anderen akzeptiert zu werden. Sie sind trügerisch, wie viele andere Ideen und Haltungen, weil sie uns von der Wahrheit des Evangeliums ablenken und der Grund sind, dass die Rolle des Glaubens in unserem Leben marginalisiert wird.

 

Wenn wir das alles so betrachten, stellen wir uns vielleicht folgende Fragen: „Wie lebe ich als orthodoxer Christ in einer Welt, die voll ist mit konkurrierenden Ideen, die der Natur des Evangeliums, meinem Verständnis von Gott, meiner Beziehung zu Ihm und dem Zweck und der Aufgabe der Kirche widersprechen?“ Wir können Zuversicht in der Gewissheit schöpfen, dass Fragen wie diese für Christen keineswegs neu sind. Vielmehr bieten solche Fragen eine gute Gelegenheit über die Rolle orthodoxer christlicher Bildung im Leben unserer Zeit nachzudenken. 

 

Seit der Zeit des irdischen Daseins unseres Herrn sind Christen mit philosophischen Ideen und kulturellen Einflüssen konfrontiert gewesen, die viele dazu geführt haben mit Worten, aber auch mit ihrem Leben, Zeugnis für die Wahrheit des Glaubens abzulegen. Die Kirche wurde tatsächlich zu einem historischen Zeitpunkt gegründet, als eine Vielzahl von Ideen und damit verbundene philosophische Schulen um Aufmerksamkeit und Engagement konkurrierten. Mitten darin das christliche Evangelium, das Wahrheit, Hoffnung und Leben zu einer ständig wachsenden Zahl von Gläubigen brachte. 

 

Auch heute finden wir immer noch belehrende Anleitung in den Schriften der großen Väter und ökumenischen Lehrer unserer Kirche, z.B. bei den Hll. Gregor dem Theologen, Basilius dem Großen, Johannes Chrysostomos und Gregor von Nazianz, von denen jeder umfangreich und leidenschaftlich über Dinge predigte, mit denen die Menschen ihrer Zeit kämpften, als die sich mühten mehr darüber zu lernen, was es heißt, als Christ in einer komplexen Welt zu leben. Sogar die frühen Theologen der Kirche, wie die apostolischen Väter Ignatios von Antiochien und Klemens von Rom, oder die Apologeten Justin der Martyrer, Athenagoras, Tertullian und Theophilos, boten passende Einsichten für ihre Zeit, die auch für unsere Zeit passen. Z.B. verwickelt der Apologet Theophilos in seinem ersten von drei Briefen an Autolycus, der kein Christ war, diesen in einen ernsthaften Dialog. Dieser Dialog forscht nicht danach, was wir über Gott und die Wahrheit wissen, sondern in welcher Weise wir Ihn erkennen können. Theophilos schreibt: „Gott wird von denen gesehen, die fähig sind Ihn zu sehen, wenn sie die Augen ihrer Seele geöffnet haben.“ Er ermahnt seinen Leser Jesus Christus zu vertrauen: „Vertraue dich dem Arzt an ... der heilt und lebendig macht durch sein Wort und seine Weisheit.“ Durch diese Heilung wird jemand fähig in Reinheit, Heiligkeit und Rechtschaffenheit zu leben und zu lernen, Wahres von Unwahrem zu unterscheiden.

 

Sicher ist nicht jede Ideologie, Philosophie oder jeder kulturelle Trend förderlich oder auch nur gut. Aber der Mensch, der sich der Welt mit einem festen Fundament im christlichen Glauben und mit Wissen über die Natur und die Eigenart des christlichen Lebens stellt, wird zwischen Wahrheit und Unwahrheit unterscheiden können. Die Streitfragen der Gemeinschaft, die von den großen Vätern unserer Kirche erhoben und die Fragen, die von den Apologeten wie Theophilos gestellt wurden sind klar: Wie ist der Zustand deiner Seele? Wenn deine Seele von Sünde verblendet ist, oder wenn du dich nicht ernsthaft für eine wirkliche, volle und echte orthodoxe Bildung einsetzt, kannst du dann den Willen Gottes erkennen? Oder willst du einen kindlichen Glauben bewahren, leicht verführt durch eitle und leere Ideen?

 

Diese Fragen führen zu dem logischen Schluss, dass jemand, der seine Seele nicht unter der Führung eines fähigen und spirituellen Glaubenslehrers bildet, nicht die Reife erlangen wird zu unterscheiden, was rechtschaffen, heilig und wahr ist, von dem, was es nicht ist. Aber durch das Streben nach Reinheit der Seele wird die Wahrheit offenbar. Und wie die Seele genährt wird durch Gebet, Anbetung, Lernen und Dienst wird Gott seine Diener mit Weisheit und Verständnis segnen, und alle die sich verpflichtet haben Ihm zu folgen, Ihn zu erkennen und sich von allem abzuwenden, was trügerisch und zerstörerisch ist, und das anzunehmen, was wahr, lebenspendend und ewig ist. Die Folgerungen, die aus unserer christlichen Vergangenheit gezogen werden können, sind auch für unsere Zeit relevant. Sie berühren und betreffen Themen unserer Bildung als orthodoxe Christen und werden so immer Themen sein, über die nachzudenken wichtig ist für das dauernde Wachstum unserer Seele. 

 

 

Glaube und Werke

 

Wird man durch den Glauben oder durch die Werke gerechtfertigt? Weder durch Glauben allein, noch durch Werke allein, sagt die rechtgläubige Kirche, deren Stellung in dieser Frage sich auf die heilige Schrift stützt.

 

Alle Irrlehren, die es nur gibt, berufen sich auf irgendeinen aus dem Text herausgerissenen Vers der Bibel; solch ein Herausreißen führt fast immer zu Missverständnissen. 

 

Das Neue Testament ist nicht eine Reihe gesonderter Sprüche (die jeder verstehen kann, wie es ihm gefällt), sondern jedes Buch oder jeder Apostelbrief ist eine Einheit, und die Gesamtheit dieser Bücher und Briefe ist auch eine innerlich verbundene, geordnete Einheit: die Lehre Christi. Es ist wie bei einem Haus, das aus vielen Steinen gebaut ist und nicht wie bei einem Haufen Steine, die miteinander keine Verbindung haben. 

 

Wenn man darum Gottes Stellung zu dieser oder jener Frage erfahren will, so muss man das ganze Neue Testament lesen, indem man jede Stelle, die sich auf diese Frage bezieht, herausschreibt. Die Gesamtheit dieser Stellen wird eine genaue Antwort ergeben. Gott widerspricht sich ja nicht und Sein Wort ist Wahrheit. Sehr oft – wie auch in diesem Falle – wird man eine Stelle finden, die alle anderen zusammenfasst. 

 

Das Verhältnis des Glaubens zu den Werken ist am häufigsten in den Briefen des heiligen Apostels Paulus erörtert und man muss gestehen, dass manche Verse, wenn man sie nicht im Zusammenhang mit dem ganzen Brief liest, denen Recht geben können, die behaupten, dass man allein durch Glauben gerechtfertigt wird, unabhängig von den Werken (z. B. das Kapitel 4 im Römerbrief. Diese Stelle hat der heilige Apostel Jakobus in seinem Brief Kapitel 2:14-26 ausführlich erläutert).  Der heilige Apostel Paulus gibt selbst zu, dass seine Worte oft missverstanden worden sind. Um solch ein Missverständnis. zu vermeiden, muss man wissen, was Paulus mit dem Wort „Werke“ bezeichnete. Gemeint waren – wie es deutlich aus den vor- und nachstehenden Versen hervorgeht – die Werke des Mosaischen Gesetzes – wie Beschneidung, Waschungen, Opfer, Fasten und dergleichen. Die Juden waren überzeugt, dass das genaue Halten aller dieser Vorschriften den Menschen gerecht und gottgefällig mache.

 

Eine solche Gesinnung zeigt der Pharisäer in dem Gleichnis. Im übrigen erläutert Paulus selbst seine Stellung zum Verhältnis zwischen Glauben und Werken, aber diesmal zeigt er was für Werke gemeint sind. Diese Stelle, die alles, was in allen Apostelbriefen über diesen Gegenstand geschrieben ist, zusammenfasst, befindet sich im Galaterbrief 5, wo er zuerst vom rechtfertigenden Glauben spricht, aber sofort erklärt, was er unter „Glauben“ versteht:

 

 V. 5. Wir aber warten und hoffen im Geiste auf die Gerechtigkeit durch den Glauben. V. 6. Denn in Christo Jesu gilt weder Beschneidung, noch unbeschnitten sein, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.

 

Diese Auffassung ist auch die Auffassung der rechtgläubigen Kirche: sie lehrt, dass der Mensch gerechtfertigt wird durch die Liebe zu Christus, die den Glauben an Ihn voraussetzt (vgl. Lk 7:47 und 50 und 1 Joh 3: 23)  und in Werken der Frömmigkeit und der Nächstenliebe sich äußert 9(vgl. 1Joh 2:4-8). 

 

Dass der Glaube allein den Menschen in keinem Falle rechtfertigen kann, behauptet gerade Paulus, der im 1Kor 13,2 schreibt: „Und wenn ich .... allen Glauben hätte, also dass ich Berge versetzte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.“

 

Außerdem heißt es im ganzen Neuen Testament, dass der Mensch nach seinen Werken gerichtet wird. Paulus schreibt unzweideutig: „Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, auf dass ein jeglicher empfange, nach dem er gehandelt hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse“ (2 Kor 5: 10). 

 

Jetzt hören wir den Heiland selbst: „... Alsdann (am Jüngsten Tage) wird Er einem jeglichen vergelten nach seinen Werken“ (Mt 16:27) „und werden hervorgehen, die da Gutes getan haben zur Auferstehung des Lebens, die aber Böses getan haben, zur Auferstehung des Gerichtes“ (Joh 5,29).

 

Durch die Taufe und die Firmung sind wir von Gott fähig gemacht worden, gottgefällige Werke zu tun, indem Sein Hl. Geist selbst seine Gnaden und Gaben in die Seele des Täuflings gelegt und ihn teilhaftig am Heilswerke Christi gemacht hat. Aber gottgefällig sind nur die Werke, die die Liebe als Antrieb haben. Andernfalls sind diese Werke nur Geschäft und Selbstsucht. Wie Paulus sehr richtig lehrt, haben solche Werke – wären sie auch die größten Heldentaten – vor Gott keinen Wert ( 1 Kor 13:3; Lk 16:15 (Was hoch ist unter den Menschen, das ist ein Gräuel vor Gott)) Der Heiland verlangt von uns, bei unseren Tun eine einzige Haltung: „Wir sind unnütze Knechte – wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren“ (Lk 17:10).

 

Sobald man von dieser Gesinnung abweicht, sind unsere besten Werke vor Gott entwertet. Im Zusammenhang mit dem Obenerwähnten ergibt sich eine im Westen sehr umstrittene Frage: 

 

Gnade oder Verdienst?

 

Da ist die Lehre der Kirche durchaus deutlich – vor Gott gibt es kein Verdienst und kann auch keines geben! Vielmehr stimmt der Rechtgläubige in die Gesinnung des Psalmisten ein:

 

„Wie soll ich dem Herrn vergelten alle Seine Wohltat, die Er an mir tut"( Ps 115:3 (bzw. 116:12) ). Und, da er nichts in sich findet, das er nicht von Gottes Gnade erhalten hat, ruft er, in Demut und Vertrauen „Gott sei mir Sünder gnädig“ (Lk 18:13)

Eine andere Stellung Gott gegenüber kennt die rechtgläubige Kirche nicht. 

 

Jedes Jahr, am „Zöllner- und Pharisäer-Sonntag“, mahnt sie die Gläubigen, in dieser einzig vernünftigen Gesinnung zu verbleiben und verspottet mit dem Heiland den Pharisäer, der sich vor Gott hinstellt und eine Anerkennung seiner „Verdienste“ verlangt. 

 

Wir sollen nie vergessen, dass wir Knechte Gottes sind, dass wir von Ihm reichlich beschenkt worden und Ihm daher dienstverpflichtet sind. Das Verhältnis Gottes zu seinen dienstpflichtigen Knechten versteht die Kirche nach dem Gleichnis von den anvertrauten Pfunden:(Mt 25:14-30; Lk 19:12-26 ) die treuen Knechte hatten ihre bloße Pflicht getan und erhoben keinen Anspruch auf eine Anerkennung. Der Herr aber freute sich über ihre Liebe und ihren Fleiß, den Er mit Ehre und hohen Posten belohnte. Der schlechte Knecht, der keine Werke darbringen konnte, wurde für seine Trägheit und Bosheit verdammt (V 26). 

 

Die Kirche lehrt uns also, dass wir für Gott arbeiten müssen, nicht nur aus Dankbarkeit, sondern aus Pflichtgefühl und mit Liebe und Begeisterung und wenn wir es versäumen, müssen wir mit Verdammung rechnen. Weil dieses Tun Pflicht ist, haben wir keinen Anspruch auf eine Belohnung: Gott verlangt nicht von uns allen dieselbe Leistung, sondern dass jeder leiste, was er kann, mit Fleiß und Liebe, weil nicht die Werke für sich, sondern der Fleiß und die Liebe Ihm gefällig sind. (So freut sich ein Vater ebensoviel über die ungeschickten, schiefen und krummen Buchstaben, mit welchen sein kleines Kind ihm mit Mühe und Schwitzen einen Brief zusammenstellt, wie über das Kunstwerk, das ein erwachsener Sohn fertiggebracht hat.) 

 

Quelle: Handbuch für rechtgläubige (orthodoxe) Christen, Orthodoxer Kirchenverein „Petrus und Paulus“, Hersbruck 1948, Seite 184 ff. 

 

 

Überlegungen zu den Bedingungen orthodoxen geistlichen Lebens

in der (Post-) Moderne:

 

Thomas Zmija v. Gojan.

 

Das Gespür für das Heilige ist eine Auswirkung der geistlichen Natur des Menschen. Diese geistliche Natur nennen die heiligen Väter in ihren Schriften den νοῦς (Nous), der nicht einfach mit dem Verstand im westlichen Sinn gleichgesetzt werden darf . Dieses geistliche Gespür ist dem Menschen in seiner Gottesebenbildlichkeit  seiner Natur, also seinem Wesen nach, eingestiftet. Es weist ihn in seiner Suche nach dem Sinn seines Lebens beständig auf das, was in ihm nicht „Lehm vom Acker“, sondern „Odem von Gott“ ist. So wird der Menschen auf das Ziel seiner irdischen Pilgerschaft hingewiesen, denn dieses Ziel des menschlichen Lebens ist die gnadenhaft geschenkte, geistliche Gemeinschaft mit Gott. Diese Gemeinschaft nennen die heiligen Väter Θεωσις (Theosis) . Unser geistliches Bewusstsein muss aber, um im Leben des einzelnen Christen Frucht tragen zu können, beständig weiter entwickelt und gepflegt werden. So lädt uns unsere orthodoxe Kirche in ihren Lebensregeln und Geboten immer wieder dazu ein, unser geistliches Gespür weiter zu vertiefen. Die Mittel dazu sind vor allen der Empfang der heiligen Mysterien (Sakramente) . Vor allem durch den Empfang der heiligen Kommunion (Eucharistie) nimmt Christus selbst Wohnung in unserem Herzen . 

 

Aber die Gemeinschaft, zu der uns Gott durch seine Liebe beruft, ist ein beständiges Angebot und kein Diktat an uns. Die Liebe Gottes lädt uns ein, leise und beständig, sie vergewaltigt uns jedoch nicht. Bei Gott, und deshalb auch im geistlichen Leben, gibt es keinen Zwang. Jedoch müssen wir Menschen unsere Bereitschaft zur Gemeinschaft mit Gott - damit also die durch den Empfang der heiligen Kommunion uns geschenkte Gemeinschaft mit Christus auch in unseren Herzen lebendig werden und in unserem Leben Früchte tragen kann - beständig weiter einüben. Die Mittel, die uns unsere Kirche dafür vorschlägt, sind ein beständiges Gebetsleben und die Einübung in die Askese . Dieses griechische Wort heißt in seinem ursprünglichen Sinngehalt jedoch „Übung“ und nicht wie im heutigen allgemeinen umgangssprachlichem Gebrauch „Selbstkasteiung“ . So bedeutet Askese für uns in der Welt lebende Christen die beständige Einübung in ein kirchlich geprägtes Leben. Dies tun wir durch ein aktives und bewusstes Mit(er)leben des kirchlichen Jahres; seiner Fest- und Fastenzeiten. Dafür aber ist unsere häufige Teilnahme an den Gottesdiensten notwendig. Nach dem orthodoxen Verständnis erfolgt unsere Erlösung durch ein freiwilliges Zusammenwirken (Syergia) von uns mit der ungeschaffenen Gnade Gottes. Gott zwingt uns nicht, jedoch erwartet er liebevoll unsere geistliches Bemühen, damit wir im Glauben wachsen und reifen können.

 

Dabei dürfen wir jedoch nie vergessen, dass wir das geistliche Leben nicht „machen“ können. Selbst wenn wir alle Erkenntnis besäßen und wüssten um alle zwischenmenschlichen und kirchlichen Notwendigkeit, unser Wollen allein vermag es nicht. So erschöpft sich das geistliche Leben auch nicht in Doktrinen und Gemeinschaftsregeln. Es ist keine lediglich  äußerlich erlernbare Lebensart. Denn dann wäre es nichts anderes als bestenfalls eine religiöse Hülle. Das echte geistliche Leben gründet sich auf einer anderen Ebene. Wohl ist die Form der kirchlichen Tradition(en) für uns Orthodoxe unverzichtbar, und an einer gut gelebten Form wird auch der sie tragende Geist erkennbar. Jedoch erst der Geist erfüllt die äußeren Formen mit Leben. Nicht das bloße Einhalten äußerlicher Formen von Kirchlichkeit ist das Ziel des geistlichen Lebens - ohne dabei die wichtigen Aspekte der guten und rechten Art und der würdigen Form für die gelebte Orthodoxie in Abrede stellen zu wollen - sondern die lebendige Gemeinschaft mit Gott. Diese von der Liebe getragene Gemeinschaft zwischen Gott und dem Menschen, die wir das geistige Leben nennen, bedient sich der tradierten Form, sie lebt in ihr wie ein Fisch im Wasser. Um aber noch einmal zu betonen: Im kirchlichen geistlichen Leben ist die Verletzung der guten Form immer eine Zeichen von Schwäche, das wir als nicht mit dem inneren Sinn in Übereinstimmung stehend empfinden. Wo dies gar willentlich geschieht, empfinden wir es als Form der Aggression oder gar eindeutig als sündhaft. Gerade das Bewusstsein des orthodoxen Kirchenvolkes hat sich bis heute dafür ein besonders stark ausgeprägtes Empfinden bewahrt. 

 

Denn die orthodoxe kirchliche Kultur bietet uns in den, durchaus unterschiedlichen, Betonungsnuancen der einzelnen orthodoxen Völker die erprobten und deshalb auch für unsere heutige Zeit bitter notwendigen Vorbilder, Begriffe und Wege der Verwirklichung eines geistlichen, orthodox geprägten Lebens an.

 

Neben des tradierten Vorbildes bedarf es bei der Gestaltung des geistlichen Lebens gerade in unserer, von den unterschiedlichsten Lebensentwürfen geprägten, Zeit einer besonderen Charakterstärke im Menschen selbst, die in den Schriften der heiligen Väter „Männlichkeit“ genannt wird. Denn wenn auch in unserer, von säkularen Ideologien geprägten, Zeit der Tempel Gottes weiterhin offen steht, liegt es doch immer noch an uns selbst, ob wir den Mut aufbringen und genug Liebe empfinden, um den Ruf Gottes anzunehmen und ihn nicht zu verdrängen. So stellt uns der heilige Apostel Paulus den geistlichen Weg eines Christen im Bild des Kriegsdienstes vor. (vgl. Eph. 6, 10-19) Dieses Bild des Apostels mag vielleicht auf den ersten Blick manche erstaunen: Nicht in einem Leben stiller Beschaulichkeit und Weltferne, sondern im steten Kampf wider die gottfeindlichen Mächte in uns und um uns herum, vollzieht sich der christliche Weg der Heiligung. Diesen Kampf bis zum Äußersten ernst zu nehmen, ist das besondere Anliegen des orthodoxen Mönchtums, das den Kampf mit dem Teufel und seinen Dämonen bewusst aufnimmt. Denn in der orthodoxen Kirche weiß man sehr wohl um die Realität der dämonischen Mächte, die besonders dort aktiv werden, wo der Weg des Heils beschritten wird. Nicht ohne Grund heißt es in der Heiligen Schrift: „Ziehet an die ganze Waffenrüstung Gottes, damit ihr den listigen Anschlägen des Teufels standhalten könnt. Denn unser Kampf geht nicht wider Fleisch und Blut, sondern wider die Gewalten, wider die Mächte, wider die Herrscher dieser Welt der Finsternis, wider die Geister der Bosheit in den himmlischen Regionen“ (Eph. 6,11-12) Und an anderer Stelle heißt es: „Seid nüchtern und wachet. Denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen könne.“ (1. Petr 5,8) Für die orthodoxen Gläubigen ist dieses Wissen kein bloßer Lehrsatz, sondern lebendige Erfahrung, die in ihrer Realität der sakramentalen Erfahrung um nichts nachsteht und gleichsam ihren Gegenpol bildet. Daher wird auch jeder orthodoxe Christ von zwei gegensätzlichen Glaubenserfahrungen angegangen, die ihn nicht in Ruhe lassen: Einerseits erfährt er die göttliche Nähe und Fürsorge, die ihn auf dem Weg der Heiligung und Vergöttlichung weiterführt. Andererseits wird er angefochten von der Erfahrung des verderblichen Wirkens dämonischer Mächte, die ihn vom Weg der Heiligung weg zu führen versuchen. Darum ist, wo der Weg der Vergöttlichung (Theosis) ernsthaft beschritten wird, der Kampf mit den dämonischen Mächten ebenso unvermeidbar.

 

Deshalb ist die Wahl eines guten Beichtvaters oder geistlichen Vaters für die Entfaltung des  orthodoxen geistlichen Lebens im einzelnen Gläubigen von entscheidender Wichtigkeit. Denn die orthodoxe Glaubenslehre ist gänzlich seelsorgerlich ausgerichtet. Sie bleibt immer auf die Heilung und die Vervollkommnung, sowohl des einzelnen als auch der Gemeinschaft, ausgerichtet. So ist eine der wichtigsten Gaben des Heiligen Geistes, die neben der Fähigkeit, die heiligen Mysterien zu vollziehen, im Mysterion der Priesterweihe oder die Cheirotonie (griechisch „Handauflegung“) übermittelt werden, die Fähigkeit zur Unterscheidung der Geister, um bei der Anleitung seiner ihm anvertrauten Gläubigen den Teufel überlisten zu können.

 

Das Leben im christlichen Glauben ist in seinem Wesenskern ein Mysterion (Geheimnis). In ihm verwirklicht sich das Mysterion des Gottmenschen in zweierlei Hinsicht. Erstens im Mysterion des menschgewordenen Gottes Jesus Christus und zweitens im Mysterion des gnadenhaft vergöttlichten Menschen, wie er vor allem in der allheiligen Gottesgebärerin und Immerjungfrau Maria und dann in den Heiligen und allen Rechtgläubigen, die den Glaubensweg in ihrem Leben in Geist und in Wahrheit gehen, aufleuchtet. Dieses Geheimnis des Glaubens, das uns von der Gottesempfängnis, Gottesgeburt und Gottesträgerschaft kündet, hat uns der heilige  Roman der Melode in seinem Akathistos- Hymnus in so wunderbar weise vor Augen geführt. Hier finden wir gleichsam den Kern eines christlichen Lebens.

 

Aber in unserer, von diesseitsfixierter Lebenshaltung und Daseinsgestaltung geprägten, Zeit übertönen oft andere Töne im Konzert der vielfältigen Möglichkeiten die orthodoxe geistliche Grundstimmung, die das Leben eines Gläubigen prägen sollte. Jahrhunderte einer systematischen geistigen Verdrängung des Christlichen aus Kultur und Geistesleben haben im Abendland, aber seit dem Ende des türkischen Jochs und der damit hereinbrechenden westlich säkularen Geisteshaltung, spätestens aber seit der kommunistischen Herrschaft über Osteuropa, auch im traditionell orthodox geprägten Teil der Welt zu einer Moderne geführt, in der das menschliche Leben und seine Denkungsart nach oben hin quasi abgeschnitten ist. Deshalb neigen die Menschen in unserer modernen Gesellschaft oft zu einer quasireligiösen Verabsolutierung des rational Erkennbaren. Auch wir orthodoxen Christen können dem Zeitalter, in dem wir leben, letztendlich nicht entkommen . Als gläubige Christen, die in der Welt leben oder im Kloster für sie beten, müssen uns zu dieser Welt der Moderne und ihren Ansprüchen und Forderungen, die weithin eine hedonistische Lebensgestaltung propagieren und uns beständig auffordern so zu leben als ob es Gott nicht gäbe, in angemessener Weise verhalten. 

 

Bei uns in der Welt lebenden Christen wird dabei unsere geistliche Lebenshaltung oft auf einen tiefen Grundton in der Symphonie unseres Lebens, der dann nur gelegentlich hörbar wird, gleichsam als eine beständige Erinnerung an unsere ewige Herkunft, reduziert. Auch orthodoxe Christen machen die Erfahrung, dass die geistliche „Saite“ ihres Lebens nur selten zum Hauptklangträger ihrer Lebensmelodie wird. Zum Glück gibt es aber auch immer wieder Zeiten im Leben jedes Einzelnen, bei denen Gott die Partitur unseres Lebens in einer ganz eigenen Weise komponiert, so dass der geistliche Grundton wieder vorherrschend wird, vergleichbar etwa dem byzantinischen Gesang, wo der Ison (der Grundton) allgegenwärtig ist. In solchen Zeiten unseres Lebens erkennen wir dann all diese uns umgebenden und umwerbenden säkularen Lebensentwürfe und Lebenswege als „uneigentlich“, d.h. uns in der Tiefe unserer Seele nicht entsprechend. Sie entstammen nicht dem Bild, das Gott in uns hinein gelegt hat und werden der eigentlichen Aufgabe die Gott in unser Leben gelegt hat, nicht gerecht.

 

In einem solcher Augenblick des Anrufes durch Gott in unser inzwischen zu versanden drohendes Glaubensleben hinein, sollten wir mit unserer Bereitschaft zum geistlichen Neuanfang antworten. Wie dieser Neuanfang sich dann gestaltet, kommt sehr auf den einzelnen an. Gott streckt dem Menschen seine erlösende Hand entgegen, aber Gott vergewaltigt den Menschen nicht, auch nicht zu dessen Heil. Er ermächtigt ihn vielmehr in freier Entscheidung einzustimmen in das erlösende Geschehen und Mitarbeiter, Mitkämpfer und Mitsieger zu werden. Ob wir an Anfang Gottes ganze Hand fest ergreifen oder am Anfang nur zaghaft Seinen kleinen Finger halten liegt ganz bei uns. Gott liebt uns stets in gleicher, bedingungsloser Weise. 

 

 

Seine Liebe wendet ER uns in ganz besonderer Weise in den liturgisch vollzogenen, sakramentalen Mysterien zu, die Gott Seiner heiligen Kirche anvertraut hat. Und das Gott uns auch als Sünder liebt, ist nicht in erster Linie seine Widerstandskraft gegen das Böse und sein moralisches Bemühen die Voraussetzung für sein geistliches Wachstum  auf dem Weg der Heiligung, sondern die Teilnahme des Menschen an den Sakramenten und Gottesdiensten der Kirche: seine Taufe, seine Myronsalbung, das leibliche Anteilhaben am allheiligen Leib und Blut des Herrn, seine (möglichst regelmässige) Teilnahme am kirchlichen Gebet und besonders an der Göttlichen Liturgie, seine Beteiligung am Fasten der Kirche, die regelmäßige Vergebung seiner Sünden und die Erneuerung im Heiligen Geist durch den Empfang der heiligen Beichte. All dies ist nach orthodoxem Verständnis die Grundvoraussetzung für ein beständiges „Bleiben in Christus“, das die Gläubigen auf dem Weg der Heiligung und Vergöttlichung hält. Es kann also in der orthodoxen Kirche deshalb im Gegensatz zum Protestantismus auch kein Christsein geben, das ohne eine regelmäßige Teilnahme an den kirchlichen Mysterien auskommt. Jedoch wirkt der Empfang der Sakramente an uns nicht magisch. Die ungeschaffene Gnade Gottes vermittelt sich nicht an uns ohne unsere innere Beteiligung. 

 

Als Glieder am heiligen Leib der Kirche würdigt uns unser Herr Jesus Christus Mitarbeiter, Mitkämpfer und Mitsieger zu werden an der Erlösung. Und unser Herr Jesus Christus würdigt zu diesem Dienst des Mitarbeiters nicht bloß Apostel und Propheten, Bischöfe, Priester und Diakone, sondern jeden, der in der Myronsalbung die Versiegelung durch den Heiligen Geist empfangen hat (Eph. 1,13-14; 4,29-30). Denn jeder Christ ist berufen, in sich und seiner nächsten Umgebung den Widersacher Gottes zu besiegen (Phil 1,27-29) und damit nicht nur dem eigenen geistlichen Wachsen, sondern auch dem Wachsen des Reiches Gottes zu dienen.

 

Quellenhinweis: Der Artikel wurde unter maßgeblicher Verwendung der folgenden zwei Aufsätze zusammengestellt: Erzpriester Sergius Heitz; das Wachsen zur Herrlichkeit Gottes durch die kirchlichen Mysterien und das Verharren im Gebet. & Erzpriester Georgios Metallinos; der Hesychasmus als lebendiges Pfingstereignis. Beide sind im Internet unter: http://www.orthodoxie-in-deutschland.de einzusehen.

 

Ergänzungen & Anmerkungen:

 

Der Nous (νοῦς) ist nach der orthodox Tradition das „Auge des Herzen oder der Seele“ oder auch der „Verstand des Herzen“. Allgemein gesprochen umfasst der Nous die Erkenntnisfähigkeit der Herzens sowie die des Verstandes (Gedanken und Vorstellungen) Wichtig ist, dass die heiligen Väter die rationale Erkenntnisfähigkeit und die empathische (mitfühlende) Erkenntnisfähigkeit beide in der Seele bzw. - als dem Sitz der Seele - im Herzen als dem Personenzentrum des Menschen verorten.

 

Bei der Auslegung der beiden Begriffe „Bild“ (gr. eikon; lat. imago) und „Ähnlichkeit“ (gr. homoiosis; lat. similitudo) wird von manchen der heiligen Väter darauf hingewiesen, dass der zweite Begriff den Gedanken eines Entwicklungsprozesses wachruft, so dass man annehmen müsse, Gott habe Adam gleichsam als ein Kind in den Garten Eden gesetzt, da dieser nicht nur durch seine Vernunft, seinen aufrechten Gang und sein Vermögen zu herrschen Abbild des Schöpfers sei, sondern überdies die Bestimmung in sich trage, in stetem Umgang mit Gott der Teilnahme an der göttlichen Herrlichkeit als der Vollendung seines Menschseins entgegenzuwachsen. Nach dieser Anschauung und überhaupt der vorherrschenden Meinung der altkirchlichen Väter ist Adam vor dem Sündenfall noch nicht ein vollkommener, reifer Mensch, sondern vielmehr ein Menschenkind, das seine Zukunft noch vor sich hat und dazu bestimmt ist, durch stetes Wachsen in der Gottesnähe seine Vollkommenheit erst zu erlangen. Der Sündenfall hat nun nicht nur Adams Abbildlichkeit verwüstet und verletzt, sondern ihm vor allem auch die Gottesnähe entzogen und ihn auf sich selbst zurückgeworfen, was zur Folge hat, dass er von nun an aus sich selbst mit keiner Anstrengung mehr seine Bestimmung erfüllen und seine menschliche Vollkommenheit erlangen kann. In dieser heillosen Situation ist der Sohn Gottes Mensch geworden. Er, das vollkommene Ebenbild des Vaters, hat unsere Natur angenommen und wurde zum ersten vollkommenen Menschen und hat so durch Seinen Opfertod und Seine Auferstehung uns aus der Gottesferne erlöst und uns neu ermöglicht, was vorher außerhalb jeder Möglichkeit lag: dass wir die Teilhabe an der göttliche Herrlichkeit (Theosis) wiederum zu erlangen können, die nach der ursprünglichen Bestimmung die menschliche Vollkommenheit ausmacht.

 

Die Theosis (Θεωσις) bedeutet Vergöttlichung. Sie bezeichnet in der Orthodoxen Kirche die Errettung aus der Unheiligkeit zur gnadenhaften Teilnahme am Leben Gottes. Die Theosis steht im Zentrum der orthodoxen Spiritualität. Nach orthodoxer Auffassung wird das heilige Leben Gottes, welches der Gläubige in Jesus Christus durch den Heiligen Geist gnadenhaft erhält, in folgenden Stufen erlangt: Es beginnt mit den Anstrengungen des geistlichen Lebens (Askese), wächst durch die geistlichen Erfahrungen des Gläubigen zur Gotteserkenntnis und findet seine letztendliche Erfüllung in der Auferstehung des Gläubigen, wenn die Macht von Sünde und Tod völlig von Gottes Leben überwunden sind und ihre Macht über den Gläubigen für immer verlieren. Diese Auffassung der Erlösung ist grundlegend für das christlich- orthodoxe Verständnis, wie es sich direkt aus den Lehren des heiligen Evangeliums, den Darlegungen der heiligen Apostel und den Schriften der heiligen Väter  in Bezug auf das orthodoxe Glaubensleben entwickelt hat.

 

In der orthodoxen Kirche werden die Sakramente als heilige Mysterien (von griechisch (μυστήριον (Mysterion) = Geheimnis) bezeichnet: Durch die heiligen Mysterien wird den Gläubigen die unsichtbare göttliche Gnade oder die rettende Kraft Gottes mitgeteilt. Die orthodoxe Kirche hat nie eine Siebenzahl der Sakramente festgelegt, da sie die gesamte heilige Kirche und alle kirchlichen Handlungen als Mysterien betrachtet. Im lateinischen Westen war es Tertullian war es, der um 200 nach Christus den Begriff des Mysteriums erstmals mit „Sakramentum“ ins Lateinische übersetzt hat. Das brachte in der Folge einen Bedeutungswandel mit sich, der sowohl eine schärfere rechtliche Fassung als auch eine Einengung und Akzentverlagerung z.B. in der Feier der heiligen Eucharistie weg von der Epiklese hin zu den Einsetzungsworten einschloss. 

 

Die Schau der Herrlichkeit Gottes setzt ein Organ voraus. Als solches wird bei den heiligen Vätern das Herz als das Personenzentrum des Menschen, als der Sitz seiner Seele verstanden. So ist in der biblischen und patristischen Tradition das Herz der Ort unserer Kommunikation, unserer Gemeinschaft mit Gott, die durch eine Kraft der Seele, den Nous oder Geist des Menschen verwirklicht wird. Der Nous, der von der Logik oder dem Verstand zu unterscheiden ist, bringt in seiner korrekten Funktion das geistige Gebet in uns hervor. Wir sprechen dann vom Herzensgebet als Erfüllung des Apostelwortes vom „Beten ohne Unterlaß“ (1. Thes. 5,17). Das Herzensgebet ist, nach dem Zeugnis des heiligen Basilius dem Grossen das dauernde Gedächtnis Gottes im Menschen. Im untätig werden dieser geistlichen Funktion des Herzen ist das Wesen des Sündenfalls zu suchen. Und durch das Nichtfunktionieren oder die Unterfunktion dieser geistlichen Zentralfunktion des Herzen kommt es beim Menschen dann zur Verwechslung des Personenzentrums (das ist die betende Seele im Herzen) mit der Tätigkeit des Gehirns oder des Körpers.  Die Rettung des Menschen besteht in der erneuten Ausrichtung auf die geistlichen Funktion des Herzen, so dass er zur wahren Gemeinschaft mit Gott und den Mitmenschen zurückkehren kann. Dieser Prozeß der Heilung des menschlichen Herzens wird in der Tradition der heiligen Väter Reinigung oder auch Erleuchtung des Herzens genannt. Sie wird von den heiligen Vätern in drei Stufen beschrieben: Erstens: Die Reinigung: Die Reinigung ist die Befreiung des Herzens von allen Gedanken (Röm. 2,29), guten wie bösen, und die Beschränkung dieser Gedanken auf den Bereich des Verstandes. So wird dem Geist (nous) Raum geschaffen. Zweitens: Die Erleuchtung: Die Erleuchtung ist das Kommen der Gnade des Heiligen Geistes ins menschliche Herz (Röm. 8,26). Dadurch kommt es zur Aufhebung oder Umwandlung der selbstsüchtigen Liebe in die selbstlose Liebe. Dann kann der Mensch in wahrer Gemeinschaft mit seinen Mitmenschen leben. Diese Gabe des Heiligen Geistes vermittelt im Inneren des Menschen dann die Rechtfertigung, die Versöhnung, die Annahme an Kindes statt, den Frieden, die Hoffnung und die Erneuerung des Menschen. Drittens: Die Verherrlichung: Die Verherrlichung schließlich ist die Vergöttlichung, also die Teilhabe der Seele und des Leibes an der Unsterblichkeit und an der Unvergänglichkeit – die Vollendung des Menschen und seiner Existenz in der Schau der ungeschaffenen Gnade des dreieinigen Gottes zur Vervollkommnung der Liebe.

 

Der Begriff Hesychia als Grundlage des Hesychasmus gehört er seit der Erscheinung der organisierten Askese (dem Mönchtum) im 4. Jh. zum geistlichen Lebensweg eines jeder orthodoxen Christen. Das Wort Hesychia findet sich jedoch schon im Neuen Testament (Apg. 22,2; 2. Thes. 3,12; 1. Tim. 2,11-12) und beide Begriffe, sowohl die Hesychia als auch der davon abgeleitete Hesychasmus, sind eingebettet in die Lebensweise, die zu Gott hinführt. Diese Lebensweise hat ihren Ursprung im Neuen Testament, einerseits dort, wo die Rede ist vom ununterbrochenen Gebet (1. Thes. 5,17: “betet ohne Unterlaß”) und andererseits vom reinen Herz (Mt. 5,8: “Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen”). Eine nähere Beschreibung dieser Lebensweise sowie deren theologische Begründung findet sich bei den großen asketischen Vätern Makarius von Ägypten (4. Jh.), Evagrius aus dem Pontus (4. Jh.), Diadochus von Photike (5. Jh.), Johannes Klimakus (7. Jh.) und bei vielen anderen heiligen Vätern der Kirche, besonders den Kappadokiern (Johannes Chrysotomus, Basilius der Grosse, Gregor von Nyssa). Es geht also um eine Praxis, die als Hauptwesenszug einer in das geistliche Leben der Kirche eingebetteten Existenz zu sehen ist, und keineswegs um eine Neuerung, die erst durch den heiligen Symeon den Neuen Theologen (11. Jh.) oder durch den heiligen Gregor Palamas (im 14. Jahrhundert) in das geistliche Leben der orthodoxen Kirche eingeführt wurden. Nach der Darlegung des heiligen Gregor Palamas kann niemand kann das Wesen Gottes schauen. Die Wesenheit Gottes ist das radikal andere, jenseits jedes Begriffes. Dies bedeutet aber zugleich die vollständige Ablehnung jeder Analogie in Gott. Es gibt also keine Analogie zwischen dem Geschaffenen und dem Ungeschaffenen, zwischen der Kreatur und Gott. Die Brücke zwischen Geschaffenem und Ungeschaffenem sind allein die Energien (Wirkkräfte) Gottes. Nach den Darlegungen des heiligen Gregor Palamas wird die Erfahrung der göttlichen Energien jedem nach seinem Maße zuteil. Die vollkommene Schau Gottes ist das Mysterion des achten Tages; sie gehört zum kommenden Zeitalter nach der Wiederkunft Christi. Alle aber, die würdig sind, gelangen bereits in diesem Leben, wie die heiligen Jünger auf dem Berg Tabor, zur Teilhabe an der ungeschaffenen Gnade Gottes. Die Vereinigung des ganzen Menschen, seiner Seele und seines Leibes, mit dem ungeschaffenen Energie Gottes ist durch die Gnade Gottes möglich. Nach der orthodoxen Erlösungslehre ist die Rettung und. das Heil unsere Vereinigung mit den Energien Gottes der Gnade nach. Der Christ hat so die Möglichkeit in der Welt zu leben, aber nicht von der Welt zu sein. So wird allen Menschen der Weg zu Gott geöffnet. Dieser mit dem Begriff „Hesychasmus“ bezeichnete geistliche Lebensweg bildet die Quintessenz des Christseins in seiner authentischen Erscheinung als Orthodoxie. Orthodoxie und Hesychasmus gehören zusammen, weil alles, was den Begriff des Hesychasmus umfasst, genuin mit dem Lebensziel der Kirche als der Leib Christi, der in der Welt vergöttlichend anwesend ist, übereinstimmt. Der heutige Zeitgeist und die von ihm geprägten Intellektuellen innerhalb und außerhalb des Christentums, aber auch viele Theologen der westlichen Kirchen können das Wesen des Hesychasmus nicht begreifen, weil es nicht bloß um ein theologisch-philosophisches System geht, sondern um eine ganzheitliche Lebensweise, die die Rettung des Menschen und der ganzen Schöpfung verwirklichen will. Nach christlich- orthodoxen Verständnis ist das christliche Leben nicht nur eine geeignete Vorbereitung für ein Leben nach dem Tode, sondern vor allem die Umgestaltung unseres Lebens. Bei dieser Umgestaltung geht es um nicht weniger als die Verwandlung selbstsüchtiger und egozentrischer Einzelwesen in eine Gemeinschaft von Personen in eine Gemeinschaft (= die heilige orthodoxe Kirche) die in selbstloser Liebe, die nicht das ihre sucht (vgl. 1. Kor. 13, 5). Es geht also um nichts weniger als um die Gemeinschaft der Heiligen, die die ständige Gegenwart Gottes in dieser Welt ist. Das geistliche Leben der orthodoxen Kirche ist in seinem Wesen die Erfahrung der Gegenwart Gottes, also der Gegenwart der ungeschaffenen Energien Gottes schon in dieser Welt und dadurch die von Gott gegebene Möglichkeit des Menschen, der Gnade nach in die Gemeinschaft mit Gott integriert zu werden. Die Menschwerdung des ewigen Logos Gottes hatte einen doppelten Zweck: Zum einen sollte ER die Werke des Teufels zerstören und zum anderen sollte ER uns in die Lage versetzen „dass wir die Sohnschaft empfangen“ (vgl. 1. Joh. 3,8; Gal. 4,5). So bedeutet das geistliche Leben im Sinne der Orthodoxie:

 

Eine Überwindung der Ideologien, da das geistliche Leben kein System, sondern eine Lebensweise ist.

 

Eine Überwindung der Moral, verstanden als ein Regel- oder Gesetzsystem. Denn im geistlichen Leben geht es nicht um Moral, sondern um den Erwerb einer Gesinnung, die auf ein Verhalten ausgerichtet ist, das als „Frucht des Hl. Geistes” wirksam wird (Gal. 5,22).

 

Eine Überwindung der Religion als Metaphysik, weil es im orthodoxen geistlichen Leben um eine Erfahrung der Selbstoffenbarung Gottes im Leben Seiner Kirche und nicht um philosophische oder esoterische Gedankengebäude über Gott geht.

 

Eine Überwindung jeder Art von fundamentalistisch oder nationalistisch missverstandener „Orthodoxie“, da diese nicht auf die Versöhnung aller Menschen mit Gott ausgerichtet ist. Denn aus der Heiligen Schrift wissen wir von Gott: „Er hat uns zuerst geliebt“ (1. Joh. 4,19). Und der heilige Johannes Chrysostomus sagt: „Gott haßt nie, wir sind es, die hassen“ Und in der Erlösungsperspektive der orthodoxen Kirche sind alle Menschen dazu geschaffen, Kinder Gottes zu werden um die Herrlichkeit Gottes in Christus zu sehen. (vgl.: Joh. 17,22.24). Die orthodoxe Kirche schickt niemand in den Himmel oder die Hölle; sie bereitet nur die Gläubigen darauf vor, die Herrlichkeit Christi zu sehen, was jedem Menschen möglich ist. Gott liebt die Verdammten nicht weniger als die Heiligen. Er will, dass allen geholfen wird, aber nicht alle nehmen diese Hilfe der Kirche an.

 

Mit dem Begriff der Askese bezeichnet man ein, mit der geistlichen Arbeit an sich selbst erfülltes Leben, dessen Ziel die Vernichtung der eigenen Leidenschaften ist: Wollust, Ehrgeiz, Bosheit, Neid, Völlerei, Faulheit usw., und die Erfüllung der Seele mit dem Geist der Keuschheit, der Demut, der Geduld und der Liebe, welche niemals eine für sich alleinstehende Tugend, sondern nur die Begleiterin und Vollführerin der aufgeführten Eigenschaften der Seele ist. Natürlich wird ein orthodoxer Christ, der in einen geistlich orientiertes Leben hineinwachsen will, selbst schnell einsehen, dass er sich von der in unserer Gesellschaft vorherrschenden Diesseitsorientierung abwenden und ein intensives Glaubensleben führen muss. Jedoch haben alle diese Aufopferungen keinerlei eigenständigen Wert in den Augen Gottes, sondern bekommen diesen nur für uns selbst als notwendige Bedingung für das Erlangen geistlichen Wachstums. Einen viel größeren Wert hat in den Augen der geistlichen Väter die geistliche Askese. Sie läuft im Bewußtsein des einzelnen Menschen ab: Selbstwiderstand gegen die persönlichen Leidenschaften, beständige Selbstprüfung der eigenen Motivationen und Selbstnötigung zur Wahl des als gut Erkannten, Kontrolle über die aufkeimenden Gefühle, Kampf mit den eigenen, schlechten Gedanken, und, daraus folgend, immer wiederkehrende Reue und Beichte, die mit dem festen Vorsatz die Gelegenheiten zur Sünde (= die Versuchung) zu meiden, verbunden sein muss. All diese asketischen Übungen, die eigentlich nichts anderes sind als ein beständiges Hineinwachsen in das Leben eines orthodoxen Christenmenschen, sind für den modern geprägten Menschen oft besonders fremd. In seinem Buch „Das geistliche Alphabet“ spricht der heilige Bischof Tichon von Zadonsk, (+1783) zu uns darüber: …Durch Seine Inkarnation, Seine Demütigung und Sein Leiden für unsere Sünden brachte uns der Erlöser durch Seine Person und Gemeinschaft mit Ihm die Möglichkeit eben dieser geistlichen Betätigung, und in diesem erschließt sich unser Weg zur Erlösung. Die einen gehen diesen Weg freiwillig und bewusst (Phil. 2, 12), indem sie ein geistliches Leben verbringen, andere leben es fast gegen ihren Willen, ändern sich durch die von Gott gesandten Leiden und die kirchliche Disziplin, wieder andere reinigen erst kurz vor ihrem Tod ihre Zerstreuung durch Beichte und erlangen Erleuchtung im Jenseits; das Wesen der christlichen Aufopferung besteht jedoch in der Askese, in der Arbeit an der eigenen Seele; darin auch besteht das Wesen der christlichen Theologie. (...) Das Christentum [ist] eine asketische Religion..., das Christentum [ist] die Lehre von der schrittweisen Abstoßung der Leidenschaften, über die Mittel und Bedingungen allmählicher Erlangung von Tugendhaftigkeit ...; diese Bedingungen sind einerseits innere, bestehend aus Aufopferung, andererseits von außen kommende, bestehend aus unseren dogmatischen Grundsätzen und gnadenerfüllten Mysterien, die alle die eine Bestimmung haben: nämlich die menschliche Sündhaftigkeit zu heilen und uns zur Vollkommenheit empor zu führen. 

 

Der Irrtum des Fundamentalismus besteht letztendlich darin, nicht erkennen zu wollen, dass auch der Rückzug in ein religiöses Ghetto nur eine, zwar negative Verhältnisbestimmung zu den Anforderungen und Postulaten der Moderne darstellt. Orthodoxe Fundamentalisten können meisten sehr genau sagen, wogegen sie sind, aber meist nur sehr ungenau oder bisweilen auch gar nicht, wofür sie im positiven Sinne eintreten wollen. So flüchten sie sich in ein imaginiertes heiliges Russland oder in eine postulierte Romaiosyne eines angeblich durch und durch christlich geprägten byzantinischen Reiches, um einer im christlich- orthodoxen Glauben verankerten Auseinandersetzung mit den Erscheinungen der Moderne ausweichen zu können. Im Gegensatz zu den heiligen Vätern, die sich aus dem christlichen Glauben heraus mit dem Denken und der Kultur der heidnisch geprägten Antike ihrer Umwelt mit dem Ziel, diese zu verchristlichen, auseinandersetzten, flüchten sich die heutigen Fundamentalisten in eine idealistisch verklärte Vergangenheit. Im Übrigen ist diese Vergangenheit dann etwas national sehr unterschiedliches, wenn man sich die verschiedenen Ideologien der einzelnen Fundamentalismen genauer betrachtet.

 

 

Der Orthodoxe Glaube in seiner Verbindung

des kirchlichen mit dem privaten Leben

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Nach dem Selbstverständnis frommer orthodoxer Christen besucht eine gläubige Familie die Gottesdienste der Kirche häufig und wenn möglich gemeinsam. Wenn möglich, sollte eine solche Familie auch einen gemeinsamen Beichtvater haben und gemeinsam die heiligen Gaben empfangen.

 

Doch sind solche Regelungen keine starren Gesetze, sondern Weisungen - oder noch besser Empfehlungen - die dem Leben, im Falle unseres orthodoxen Glaubens, dem geistlichen Leben, förderlich sein sollen. Gerade in der Diaspora heißt die Grundregel hier nicht: „das machen wir halt schon immer so“, sondern vielmehr: „das machen wir aus folgenden guten Gründen so“. Auch sollten wir die praktischen Lebensäußerungen unseres orthodoxen Glaubens nicht als Teil religiös motivierter Folklore missverstehen, durch die wir unsere Zugehörigkeit oder die unserer Kinder zu einer bestimmten Volksgruppe oder Ethnie sicherstellen wollen. Die orthodoxe Kirche ist kein russischer, griechischer, serbischer, rumänischer oder arabischer religiös aufgestellter Heimatverein, sondern die am konkreten Ort um unseren Herrn Jesus Christus, die Chöre der Engel und alle Heiligen versammelte betende Gemeinschaft, in der das orthodoxe geistliche Leben für uns erfahrbar wird, das bedeutet, wo wir unseren Herrn Jesus Christus Selbst immer tiefer kennenlernen dürfen.

 

Insofern gehen wir gemeinsam in die Kirche, weil wir in der Gemeinschaft der heiligen Kirche, also in der Gemeinschaft des zur Feier der Heiligen Liturgie versammelten Volkes Gottes, die Gegenwart Gottes in besonders intensiver Weise erfahren und dort durch den Empfang der heiligen Sakramente die gnadenhaft an uns wirkende Vergöttlichung erfahren dürfen und dadurch Schritt für Schritt immer christusförmiger werden können.

 

Auch ist es hilfreich, jedoch keine kanonische Vorschrift, wenn alle Mitglieder einer orthodoxen Familie einen gemeinsamen geistlichen Vater (Beichtvater) haben, da dann das religiöse Familienleben, das in der Orthodoxie als Leben in einer Hauskirche verstanden wird, von den gleichen geistlichen Ratschlägen und seelsorgerischen Richtlinien geprägt werden kann. Wenn der geistliche Vater alle Familienmitglieder besonders gut kennen lernt, kann er den einzelnen Menschen in der Familie dann auch viel besser raten und ihnen bei auftretenden Schwierigkeiten konkrete Hilfestellungen geben. Hierbei ist jedoch die Regel des kirchlichen Brauchtums immer nur als gute helfende Ordnung und nie als Zwangsjacke zu verstehen. So ist es zum Beispiel weder legitim noch ratsam, wenn in einer junge Ehe der Mann oder die Frau moralischen Druck auf den Partner ausübt, damit der andere ab jetzt den eigenen Beichtvater als Seelsorger der sich neu herausbildenden ganzen Familie akzeptiert. Hier gilt es einen für beide Ehepartner sich „gut anfühlenden“ Weg zu suchen und zu finden. Denn Seelsorge basiert auf Empathie und Vertrauen und geistliches Vertrauen kann zwar aufgebaut jedoch niemals aufzwungen werden.

 

Die orthodoxe Kirche schätzt auch nicht das Eingehen einer konfessionsverschiedenen Ehe. Dies hat das letzte Panorthodoxe Konzil im Jahr 2016 noch einmal deutlich herausgestellt. Jedoch erlaubt die Kirche „kat oikonomian“, also aus Barmherzigkeit mit den Lebensumständen und Schwächen der einzelnen Menschen, dass eine solche Verbindung durch das Ehesakrament von der Kirche gesegnet wird. Die kanonische Voraussetzung dafür ist, dass das Ehepaar das Sakrament der Krönung durch einen orthodoxen Priester empfängt, dass der orthodoxe Partner in dieser Eheverbindung an der Ausübung des orthodoxen Glaubens nicht behindert wird und dass die Kinder aus dieser Ehe orthodox getauft und erzogen werden können. Das religiöse Leben in einer Ehe kann jedoch nie, ob nun beide Partner orthodox sind oder einer der Partner evangelisch oder katholisch ist, nur von einem Ehepartner allein gelungen gelebt werden. Insofern ist hier zu bedenken, dass eine rein formale Zugehörigkeit zu Orthodoxie des erwählten zukünftigen Ehepartners für einen frommen orthodoxen Christen noch keineswegs eine „besseres“ Gelingen des persönlichen religiösen und des kirchlich orientierten Lebens bedeutet. Hier kann die Verbindung mit einem zwar nicht zu orthodoxen Kirche gehörenden, doch von Herzen an Christus glaubenden evangelischen oder katholischen Christen weitaus besser zum religiösen Gelingen der ehelichen Gemeinschaft beitragen. Da die Ehe im orthodoxen Sinn grundsätzlich als eine Kirche im Kleinen, als eine Kirche im Hause, verstanden wird, ist sie auch der Ort, wo das Gebet, das geistliches Leben und der orthodoxe Lebensrythmus aus Fest- und Fastenzeiten in unserem Leben gleichsam „Fleisch wird“, das bedeutet, in unserem eigenen Leben und dem unserer Familie ihre konkrete Lebensgestalt annehmen kann. Insofern ist es wichtig, dass nicht nur konfessionsverschiedene Ehepaare, sondern alle verheirateten orthodoxen Christen, schon vor dem eigentlichen Beginn der ehelichen Gemeinschaft im Sakrament der Krönung zum einen miteinander genau zu besprechen versuchen, wie sie sich die gemeinsame Gestaltung ihres persönlichen christlichen Heims vorstellen und zum anderen das vertrauensvolle Gespräch zu einen ihnen sympathischen orthodoxen Priester suchen, der sie später trauen und als geistlicher Vater beziehungsweise Ratgeber begleiten soll. 

 

Das orthodoxe Eheverständnis begreift die Qualität der ehelichen Gemeinschaft nicht, wie die säkulare Umwelt, vom Moment der romantischen Verliebtheit her. Die eheliche Liebe im christlichen Verständnis ist eine tiefe gemeinschaftliche Verbundenheit, die das eigentliche Ziel des irdischen Lebens, den Weg zu Gott, gemeinsam fest ins Auge fasst. Deshalb werden beim „Tanz des Isaias“, wenn die gekrönten Eheleute den Hochzeitstisch mit dem Kreuz und dem Evangelienbuch zusammen mit dem Priester und ihren Trauzeugen umschreiten, auch die Märtyrertropare gesungen. Tiefe emotionale Verbundenheit zwischen den Eheleuten gehört zum Gelingen einer christlichen Ehe untrennbar hinzu. Jedoch sollte die Gemeinschaft der die Ehe Eingehenden nicht bloß auf körperlicher Anziehung und verliebter Empathie beruhen, sondern sich auf eine breite Basis von tragfähigen Gemeinsamkeiten stützen. Dies ist auch der Grund, warum sich das Gebot Gottes, die Ehe nicht (durch vor- und außereheliche) sexuelle Gemeinschaft zu brechen, einen tiefen Anhaltspunkt in der Struktur der menschlichen Psyche hat. Sexuelle Gemeinschaft führt dazu, dass wir mit unserem Partner ein Fleisch werden, wie es uns die Heilige Schrift sagt. Diese fleischliche Gemeinschaft überdeckt jedoch oft die fehlenden seelischen und geistigen Gemeinsamkeiten, die dann aber oftmals im Laufe des Ehelebens doch zu Tage treten und am Ende zum Scheitern der Ehe führen können.

  

Der orthodoxe kirchliche Brauch, dass die Familie wenn möglich gemeinsam zum Empfang der heiligen Kommunion herantreten sollte, ist eine weitere Fassette dessen, dass die orthodoxe Familie als eine Kirche im Kleinen, als eine Hauskirche verstanden wird. Gebet, Fasten und das Leben nach den Traditionen des kirchlichen Jahres sind, wie oben bereits ausgeführt, der leibhafte Ausdruck unseres orthodoxen Glaubens. Dies alles und damit auch die Vorbereitung auf den Empfang der heiligen Kommunion funktionieren im Rahmen der familiären Gemeinschaft einfach viel besser als in der Vereinzelung.

 

Wie bereiten wir uns auf den Besuch der Kirche vor? Dies ist keine so einfache Frage, wie es auf den ersten Blick scheint. Vieles ist von Bedeutung, von unserer Kleidung angefangen bis zu unserer inneren Gestimmtheit. Die Kirche ist das Haus Gottes, der Ort, wo Himmel und Erde sich berühren, der Ort, wo die heiligen Mysterien (Sakramente) gefeiert werden. Wenn wir zu einem für uns wichtigen weltlichen Termin gehen, zum Beispiel zu einem Vorstellungsgespräch in einem entscheidenden beruflichen Auswahlverfahren, werden wir unsere Kleidung sorgfältig auf den Anlass abstimmen und uns auch mental gut darauf vorbereiten. Insofern sollten wir zumindest eine gleichartige - wenn nicht notwendigerweise noch intensivere -  innere und äußere Sorgfalt an den Tag legen, wenn wir in die Gegenwart Gottes eintreten wollen. So sollten wir uns mit Eifer und unter Wahrung der notwendigen Sorgfalt auf unser Eintreten in die Gegenwart Gottes vorbereiten. Dann wird sich die Gnade Gottes auch nicht wegen einer Nachlässigkeit im Umgang mit dem in unserem Leben Allerwichtigsten vor uns verbergen.

 

Über die Bedeutung der Kleidung beim Besuch der Kirche spricht schon der heilige Apostel Paulus. Ob sein Auftrag, dass die Frauen ihr Haupt bedecken sollen, zeitliche oder grundsätzliche Bedeutung hat, darüber gibt es zwischen den verschiedenen orthodoxen Lokaltraditionen keine übereinstimmende Meinung. Jedenfalls ist nicht alles, was der heilige Apostel an Bräuchen und äußeren Verhaltensweisen in den von der griechisch-römischen Kultur und dem antikem Ethos geprägten Gemeinden rund ums Mittelmeer anordnete, Bestandteil der unveränderlichen Heiligen Apostolischen Tradition. So haben etwa seine Anweisungen an die Sklaven unter den Christen, sich ihren Herrn im Gehorsam unterzuordnen, in einer modernen demokratisch strukturierten Gesellschaft wohl keine bis heute fortdauernde Bedeutung. Deshalb sind bestimmte Details der christlichen Bekleidungsvorschriften aus der Antike wohl eher ein veränderlich-zeitgebundener Ausdruck der damaligen christlichen Lokaltradition. Dies gilt auch für die Regel, dass die Frauen in der Kirche ihr Haupt bedecken müssen. Im heutigen Russland werden die Regeln des heiligen Apostels meist dahingehend verstanden, dass die Frauen in der Kirche ein Kopftuch zu tragen haben. Jedoch weiß jeder russische Kulturhistoriker um die relative Zeitgebundenheit der heutigen postsowjetischen russischen Kirchenregeln, waren doch im vorrevolutionären Russland die für den Kirchenbesuch geltenden Konventionen vielfach andere, an denen sich sowohl die unterschiedlichen gesellschaftlichen Stände, als auch die regionalen Bevölkerungsgruppen mit durchaus deutlich unterscheidbaren Bekleidungsgewohnheiten unterscheiden ließen. In Griechenland, Serbien, Rumänien oder den orthodoxen Gemeinden des vorderen Orients und in der westlichen Diaspora bildet heute das Kopftuch der Frauen bei weitem kein so eindeutig identitätsstiftendes religiöses Merkmal frommer orthodoxer Frauen wie es im heutigen russisch-orthodoxen Kontext der Fall. Hier lassen sich im Übrigen religionssoziologisch durchaus argumentative Parallelen und Einflüsse aus dem streng ritualististisch orientierten Weltverständnis der russischen Raskolniki, die sich im 16. Jahrhundert von der Gesamtorthodoxie abgespalten haben, aufzeigen. 

  

Vergleichbares gilt im Übrigen auch für die heute im russisch-orthodoxen Milieu erhobene  Forderung, Frauen mögen in der Kirche auf das Tragen von Hosen verzichten. Die Praxis, dass auch Frauen Hosen trugen war im 18. und 19. Jahrhundert, wie die ersten Portraint-Photographien der unterschiedlichen orientalischen Bevölkerungsgruppen durch westliche Reisende eindeutig belegen, in den in der Kultur des Orients beheimateten orthodoxen Gemeinden, vor allem in Kleinasien, die gängige Praxis. Hieran sieht man eindeutig, das das jeweilige kulturelle Lebensumfeld bedingt, was die örtlichen orthodoxen Gemeinden für schicklich und der Würde des Gottesdienstes für angemessen halten. Beim Besuch eines Gottesdienstes in einer orthodoxen Kirchengemeinde, deren Mitglieder nicht meinem eigenen Kulturkreis angehören, ist das Vorbild der Heiligen Monika, der Mutter des seligen Bischofs Augustinus von Hippo, sicherlich hilfreich und richtungsweisend. Als sie aus Nordafrika nach Rom kam, stellte sie fest, dass in Rom vielfach andere Bräuche das kirchliche Leben prägten als in ihrer Heimat. Dazu merkte sie an, dass die nordafrikanischen Bräuche sicherlich genauso gut wie die römischen seinen, doch da sie nun in Rom lebe, wolle sie hier nun auch mit den hiesigen Gläubigen den römischen Bräuchen folgen. Hinter dieser weisen Regel sich dem vor Ort üblichen Anzupassen steht im Übrigen die gleiche christliche Grundhaltung wie hinter der Möglichkeit, aus den zeitgebundenen Einzelvorschriften sinnhafte Grundregeln ableiten, die der Würde der orthodoxen Kirche als dem Haus Gottes und dem Gottesdienst als Versammlung des Gebetes würdig Rechnung tragen.

 

In der Kleidung drücken wir unsere Persönlichkeit, die Stimmung unserer Seele aus. Wenn wir vor Gott hintreten, sollten wir dies in einer Haltung der Demut und Bescheidenheit tun. So ist für Frauen und Männer sowohl in der Bekleidung, als auch im Auftreten und Verhalten all das unangebracht, was die Aufmerksamkeit auf sich zieht und die anderen Gläubigen vom Gebet ablenkt. Auch nicht weniger wichtig als unsere Bekleidung ist unsere innere Haltung, mit der wir zur Kirche kommen. Sind wir friedlich, oder böse, rechthaberisch, belehrend oder nachtragend gestimmt? Diese Stimmungen beeinflussen unsere Ausstrahlung auf andere und tragen damit nicht unwesentlich zur Atmosphäre in der Kirche bei. Im orthodoxen Gebetbuch nach der russischen Tradition wird am Beginn der Morgen- und Abendgebete der folgende Ratschlag gegeben: “Warte ein wenig, bis sich alle deine Gefühle beruhigt haben und deine Gedanken alles Irdische hinter sich gelassen haben.” Dasselbe gilt auch für unsere Besuche in der Kirche. Nicht umsonst beginnt der zentrale Teil der Göttlichen Liturgie, die Darbringen der Heiligen Gaben, mit dem großen Einzug, bei dem wir im Cherubikon, dem Hymnus der Heiligen Engel, sinnfällig singen: „Die wir die Cherubim im Mysterium abbilden… lasset uns nun ablegen alles irdische Sorgen.“

 

Insofern ist es sicher bei unserem heute so laut, vielstimmig und schnelllebig gewordenen Alltagsleben richtig und wichtig, dass wir beim Besuch der Kirche zunächst einmal unsere Sinne zu sammeln versuchen und unser Bewusstsein damit für die Anwesenheit Gottes öffnen. Dies ist auch einer der Gründe, warum unsere orthodoxe Kirche soviel Wert darauf legt, dass wir am abendlichen Vespergottesdienst oder der Nachtwache (in der russischen Tradition), beziehungsweise am Orthros (in der griechischen und rumänischen Tradition) teilzunehmen versuchen. Diese Gottesdienste und eine auf die Feier der Göttlichen Liturgie am folgenden Tag abgestimmte Gestaltung des (Vor-)Abends hilft unserer Seele und unserem Geist, sich auf die Feier der Allheiligen Geheimnisse vorzubereiten und einzustimmen. Jedoch auch hier gilt: Gott lädt uns ein, ER spricht zu unserem Gewissen doch ER zwingt uns zu nichts. So steht es immer auch in unserer Verantwortung, welche Ernsthaftigkeit wir aufzubringen bereit sind, um uns mit Geist, Seele und Leib darauf vorzubereiten, dem lebendigen Gott in der Feier Seiner Heiligen Sakramente zu begegnen.

 

 

Über das Fasten

 

von S. E. Metropolit Maximos von Pittsburgh

 

Das Fasten ist in unseren Tagen zu einem der am meisten vernachlässigten geistlichen Werte geworden. Viele der heutigen orthodoxen Christen fasten recht wenig oder überhaupt nicht, weil die Natur des Fasten missverstanden wird oder wegen der verwirrenden oder verkehrten Prioritäten in seiner Anwendung.

 

Das Große und Heilige Konzil der Orthodoxen Kirche, von dem geplant ist (Anmerkung der Redaktion: Der Artikel stammt aus dem März 2004), dass es in naher Zukunft zusammentreten wird, hat das Problem des Fastens als eines der ersten Punkte auf seiner Agenda. Es ist zu hoffen, dass durch das Konzil die uralte Praxis der Kirche, das Fasten als ein wichtiges Mittel des geistigen Wachstums, wieder den ihr zustehenden Platz im Leben der Kirche findet.

 

Fasten wurde vom Herrn Selbst geübt. Nachdem Er vierzig Tage lang in der Wüste gebetet und gefastet hatte, konnte Er dem Teufel siegreich begegnen (Matthäus 4:1- 11). Der Herr Selbst bat die Jünger das Fasten als eine wichtige Waffe für geistige Siege zu nutzen (Matthäus 17:21; Markus 9: 29; Lukas 2: 37). Seine Jünger folgten dem Beispiel des Herrn (Apostelgeschichte 14:23; 27:9 1.Korinther 7: 5; 2. Korinther 6:5: 11: 7 usw.). Was ist Fasten? Warum ist es so wichtig? Warum geht den so wichtigen Festen wie Ostern und Weihnachten eine Fastenzeit voraus?

 

Die Wichtigkeit des Fastens hängt von seiner Bedeutung ab. Viele Väter haben über das Fasten geschrieben. Unter Anderen hat uns der Heilige Basileios inspirierte Kommentare über das Fasten hinterlassen. Der Heilige Basileios sagt uns, dass das Fasten nicht nur Enthaltsamkeit von Nahrung bedeutet, es ist zu allererst Enthaltsamkeit von der Sünde. Die Kirche beschreibt in ihrer Hymnologie (im Triodion), die auf den Lehren der Väter beruht, das Fasten als die Mutter der Keuschheit und Umsicht, als den Ankläger der Sünde und den Anwalt der Reue, als ein den Engel würdiges Leben und die Erlösung des Menschen. Alles das kann das Fasten werden, wenn es im rechten Geiste beachtet wird.

 

Zuerst ist Fasten Enthaltsamkeit von Nahrung. Da es uns von den irdischen Gütern und Zwängen loslöst, hat das Fasten einen befreienden Effekt für uns und macht uns würdig zu einem Leben im Geiste, einem Leben ähnlich dem der Engel. Zweitens ist das Fasten, als Enthaltung von schlechten Gewohnheiten und Sünde, die Mutter der christlichen Tugenden, die Mutter vernünftigen und nützlichen Denkens. Wir können nun die richtigen Prioritäten setzen zwischen dem Materiellen und dem Spirituellen und dem Spirituellen Vorrang geben.

 

Fasten ist der Anwalt der Reue. Adam und Eva waren Gott gegenüber ungehorsam. Sie verweigerten, sich der verbotenen Frucht zu enthalten. Sie wurden Sklaven des eigenen Begehrens. Nun aber können wir durch Fasten, durch Gehorsam gegenüber den Regeln der Kirche, welche die geistigen und materiellen Güter betreffen, in das Leben im Paradies zurückkehren, zu einem Leben in Gemeinschaft mit Gott. So gesehen ist Fasten ein Mittel der Erlösung. Die Erlösung ist ein Leben, das wir im Einklang mit dem göttlichen Willen, in Gemeinschaft mit Gott leben. 

 

Wegen des befreienden Effekts des Fastens, sowohl im materiellen wie im geistigen Sinne, hat die Kirche das Fasten mit der Feier der großen Feste unserer Tradition verknüpft. Ostern ist natürlich unser größtes Fest. Es ist das „Fest der Feste“. Es ist das Fest der Befreiung von den Fesseln der Sünde, von der verderbten Natur, vom Tod. Denn an diesem Tag hat Christus durch Seine Auferstehung von den Toten uns „vom Tod zum Leben und von der Erde zum Himmel“ (Auferstehungskanon) erhoben, Christus, „unser neues Pascha“, hat uns aus dem Land der Sklaverei, der Sünde und des Todes befreit und ins gelobte Land der Freiheit, der Wonne und der Herrlichkeit geführt, aus unserem sündhaften Zustand zum auferstandenen Leben. 

 

Es ist daher nur zu angemessen sich auf diese Feier durch ein befreiendes Fasten sowohl materiell als auch spirituell vorzubereiten. Das ist die tiefe Bedeutung des Fastens während der Wochen vor Ostern. Machen wir uns die geistlichen Reichtümer der Kirche zu nutze. Machen wir Gebrauch von den erlösenden Gaben, die sie uns durch ihr sakramentales Leben, durch ihre Feiern der zentralen Mysterien der Erlösung in Christus bietet. Bedienen wir uns der geistlichen Waffen, um

 

„den guten Kampf zu kämpfen, den Lauf der Fasten zu vollenden, den Glauben unversehrt zu bewahren, die Häupter der unsichtbaren Schlangen zu zermalmen, als Sieger über die Sünde zu erscheinen und ohne dem Gericht zu verfallen auch zur Anbetung der heiligen Auferstehung zu gelangen“.

Liturgie der vorgeweihten Gaben, Gebet hinter dem Ambo

 

Das ist die Herausforderung der Großen Fastenzeit: das Fasten zu nutzen um das auferstandene Leben zu erlangen, sich mit dem auferstandenen Herrn zu vereinen. Wer könnte sich weigern eine solche Herausforderung anzunehmen?