Das Jesus oder Herzensgebet

 

Die orthodoxe Gebetsschnur und das Jesusgebet

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Die Komboskini oder Tschotki (griechisch: κομποσκοίνι, auch κομβοσχοίνι, russisch: чётки oder вервица; serbisch: бројаница, bulgarisch: броеница, rumänisch metanii oder metanier) ist eine geschlossene Gebetsschnur, die dem Rosenkranz der katholischen Christen ähnelt. Diese Gebetsschnur wird von orthodoxen Christen für das Jesusgebet benutzt.

 

Komboskini oder Tschotki.
Komboskini oder Tschotki.

 

In Russland ist neben der geknüpften Tschotki auch eine besondere Form der orthodoxen Gebetskette, die Lestowka bekannt.  Die Lestowka wird bis heute vor allem von den Altgläubigen verwendet, jedoch auch der heilige Seraphim von Sarow hat die Lestowka zum Verrichten des Jesusgebet benutzt.

 

Die Lestowka ist meist aus Leder gefertigt. Anstelle der geknüpften Perlen der Tschotki sind auf einem Lederband kleine Lederhülsen aufgenäht. In jeder dieser kleinen Lederröhren befindet sich ein aufgerollter Zettel mit dem Text des Jesusgebet befindet. Daher leitet sich auch der russische Name „Lestowka“ = Leiterchen ab, der sowohl auf die „Himmelsleiter“ des Johannes Klimakos, als auch auf das Jesusgebet als Mittel des Aufstiegs zum Himmelreich hinweist. Die Lestowka läuft am Ende in Zwei miteinander vernähte Dreiecke aus. Die Dreiecksform symbolisiert die Allheilige Dreieinheit und die vier Seiten der beiden ineinander verbundenen Dreiecke symbolisieren die vier Evangelien.

 

Während die orthodoxen Laien im kirchlichen Gottesdienst die Tschotki nicht verwenden, wird die Lestowka bis heute von den russischen Altgläubigen am linken Unterarm beim privaten Gebet und im kirchlichen Gottesdienst getragen.

 

russische Lestowka.
russische Lestowka.
Die vier Seite der dreieckigen Engstücke dieser Lestowka sind mit den Evangelisten-Symbolen versehen. Hier sind der Adler (Evangelist Johannes) und der Stier (Evangelist Lukas) zu sehen.
Die vier Seite der dreieckigen Engstücke dieser Lestowka sind mit den Evangelisten-Symbolen versehen. Hier sind der Adler (Evangelist Johannes) und der Stier (Evangelist Lukas) zu sehen.
Auf dieser Abbildung einer Lestowka sind die Gebetszettelchen (Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich meiner) in den einzelnen Lederröhrchen zu sehen.
Auf dieser Abbildung einer Lestowka sind die Gebetszettelchen (Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich meiner) in den einzelnen Lederröhrchen zu sehen.

 

Das Jesusgebet, auch Herzensgebet oder immerwährendes Gebet genannt, ist eine besondere  Form des betrachtenden Gebetes. Die geschlossene Schnur der Komboskini oder Tschotki versinnbildlicht die Aufforderung des heiligen Apostels Paulus, die nicht nur an die Menschen, die im Mönchtum leben, sondern an alle Christen gleichermaßen erging: „Betet ohne Unterlass“ ( 1. Thessalonicher 5: 17) So erinnert uns die geschlossene Gebetsschnur an das nie endende Gebet der Kirche. Auch wenn der Einzelne, vor allem außerhalb der Klöster, dieses nur symbolisch in seinem Leben verwirklichen kann, so findet gerade durch das Gebet der Mönche und Nonnen ein immerwährendes Gebet für das Heil der gesamten Welt statt. Während die Mönche und Nonnen durch ihren Altvater (griechisch: Gerontas, russisch: Starez) schrittweise in die gesamte Fülle des immerwährenden Gebetes, von denen uns die Vätertexte in der „Tugendliebe“ (Philokalia) künden, eingeführt werden, ist diese besondere Gebetstechnik in seinem ganzen monastischen Umfang eigentlich dem Mönchtum mit seiner besonderen Lebensweise vorbehalten. Orthodoxe Christen, die  in der Welt leben, können zwar ebenfalls das Jesusgebet beten, jedoch in einfach-betrachtender Form, ohne die besonderen monastisch-hesychastischen Stufen nachahmen zu wollen, die  ohne die notwendige vollkommene Konzentration auf die innerlich-geistliche Ruhe (Hesychia (ἡσυχία = „Ruhe“, „Stille“)), die damit verbundene klösterliche Askese und unbedingt notwendige Anleitung durch den Altvater nachahmen zu wollen. Jedoch auch das ruhig-konzentrierte einfache Sprechen des Jesusgebetes schenkt, mit der notwendigen Demut vollzogen, einen vielfältigen geistlichen Nutzen.  Denn als noetisches Gebet ist das Jesusgebet ein zentrales Element jeder orthodoxen Spiritualität.

 

 

So können auch die Laien ohne weiteres an den ersten Stufen des Jesusgebetes teilnehmen:

 

Dem Gebet der Lippen.

Dem Gebet des Mundes.

Dem Gebet der Zunge.

Dem Gebet der Stimme.

Dem Gebet des Geistes.

 

Während das dem Herzen innenwohnende und sich dort von selbst verrichtende Gebet in der Regel den im Mönchtum Lebenden vorbehalten ist.

 

 Aber auch bei aller Konzentration des Mönches auf den Erwerb des Herzensgebetes, bei alle seiner Bemühung um die gelebte Askese und aller notwendigen Demut ist und bleibt das Herzensgebet allein ein freies Geschenk der Gnade Gottes. Es ist also kein ostkirchliches Mantra und die Praxis des Herzensgebetes keine christliches Pendant zu fernöstlichen außerchristlichen Meditationspraxen. Es ist kein ostkirchlicher Weg der Selbsterlösung, sondern bleibt immer zutiefst in das geistliche Leben und die Gebetserfahrung der ganzen orthodoxen Kirche eingebettet. 

 

 

Für das Jesusgebet gibt keinen einheitlichen Text.

 

Gebräuchlich sind: 

 

„Herr Jesus Christus, erbarme Dich meiner.“

 

„Herr Jesus Christus, (Du) Sohn Gottes, erbarme Dich meiner.“

 

„Herr Jesus Christus, (Du) Sohn Gottes, habe Erbarmen mit mir Sünder.“

 

Auf dem Heiligen Berg Athos ist folgende Version des Jesusgebet bekannt:

 

„Κύριε Ἰησοῦ Χριστέ, υἱὲ τοῦ Θεοῦ, ἐλέησόν με.“ 

„Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich meiner“

 

“يا رب يسوع المسيح ابن الله ارحمني أنا الخاطئ „

“Ya Rabbi Yasou'a al-Maseeh ibn Allah, arhamni ana al-khati.” (arabisch in Transkription)

 

“Господи Ісусе Христе Сыне Божїй помилуй мя.”

 

“Doamne Iisuse Hristoase, Fiul lui Dumnezeu, miluiește-mă.”

 

 

Die Gebetskette, die für die Praxis des Jesusgebetes verwendet wird, besteht normalerweise aus 30, 33, 50 oder auch 100 Knoten. Die Gebetskette wird weniger verwendet, um die Gebete zu „zählen“, sondern sie ist ein äußeres Hilfsmittel zur besseren Konzentration auf das Gebet.

 

 

Das Jesusgebet reicht bis in die Zeit des Lebens Jesu zurück. Die heiligen Evangelien berichtet uns vom blinden Bettler Bartimäus, der zu Christus rief: „Jesus, Sohn Davids, erbarme Dich meiner“ (z.B. in Markus 10: 47, Lukas 18: 38) und der daraufhin von Christus von seiner Blindheit geheilt wurde. Bereits die Kirchenväter haben die Blindheit des Leibes immer als ein Typos für unsere Sündenverhaftung, die Blindheit der Seele gesehen. So ist es nicht verwunderlich dass bereits der heilige Pachomios, der Gründer des konobitischen Mönchtums, dieses Gebet aufgriff und in die Gebetsregel seiner Mönche integrierte. Jedoch wurde im frühen orthodoxen Mönchtum auch andere kurze Bibelzitate, oft Psalmverse, immer wieder im Gebet wiederholt. Diese wurden teilweise laut ausgesprochen, teilweise auch innerlich rezitiert. Die heutige Form des Jesusgebetes in der Form: „Herr Jesus Christus, erbarme Dich meiner“ ist bereits für das 6. Jahrhundert belegt. 

 

 

Im 12. Jahrhundert fassten dann die hesychastischen Väter auf dem Heiligen Berg Athos die bisherigen Erfahrungen mit dem Jesusgebet zusammen. Der bedeutenste unter diesen hesychastischen Vätern war der heilige Gregor Palamas (1296–1359), der zunächst Mönch auf den Heiligen Berg und später dann Erzbischof von Thessaloniki war. Die hesychastischen Väter haben das Jesusgebet nicht als erste gelehrt, sondern die vielfältigen Erfahrungen in der Kirche seit den apostolischen Zeiten mit diesem Gebet nur sytematisch zusammengeführt. Sie lehrten das Jesusgebet in seinem, heute im orthodoxen Mönchtum gebräuchlichen Rahmen aus innerer Stille oder besser gesagt: innerlich-geistliche Ruhe (Hesychia), klösterlicher Askese und der Anleitung durch einen Altvater der den Novizen und jungen, noch unerfahrenden Mönch in den Gebetsrhythmus des Herzensgebetes einführt. In Jahre 1782 hat dann der heilige Athosmönch Nikodemos Hagioreites die Vielzahl der Vätertexte über das Herzensgebet gesammmelt und in der „Tugendliebe“ (griechisch: Φιλοκαλία, russisch: добротолюбие) als einer Sammlung von Texten der wichtigsten geistlichen Schriftsteller über das Jesusgebet herausgegeben.

 

Ab dem 16. Jahrhundert gelangte die Praxis des Jesusgebetes mit russischen Mönchen, die es während ihres Aufenthaltes auf dem Athos kennengelernt hatten, auch nach Russland, wo es während des 18. Jahrhundert eine große Verbreitung erlebte. Insbesondere die heiligen Starzen Nil Sorski (1433–1508) und Païssi Welitschkowski (1722–1794) haben viel für die Verbreitung des Herzensgebetes in den russischen Klöstern und seiner festen Verankerung in der russischen Spiritualität begetragen. Dem heiligen  Païssi Welitschkowski ist es auch zu verdanken, dass das Jesusgebet im 18. Jahrhundert ebenfalls eine besondere Blüte in den Moldauklöstern erlebte, von wo aus es die gesamte Orthodoxie im heutigen Rumänien befruchtete.

 

 

In Russland entstand Ende des 19. Jahrhunderts dann ein orthodoxes Buch, dass das Jesusgebet auch unzähligen Menschen bekannt machte, die außerhalb der traditionell orthodox geprägten Länder geboren wurden. Unzählige Menschen haben seitdem durch die Lektüre der „Aufrichtigen Erzählungen eines (russischen) Pilgers“ das Jesusgebet kennengelernt und sich zum Teil auch der Heiligen Orthodoxen Kirche angeschlossen. Denn  dieses Buch wurde in viele Sprachen übersetzt,  so dass die Tradition des Jesusgebetes und das geistliche orthodoxe Leben weltweit bekannt wurde.

 

Auch die römisch-katholische Kirche Deutschlands wurde durch das Jesusgebet spirituell befruchtet, als der Kapuzinerpater Cassian Karg das Jesusgebet als eine „kontemplative Praxis für den Alltag“ lehrte. Bevor als eine der Folgen des Zweiten Vatikanischen Konzils das kontemplative geistliche Leben in der katholischen Kirche Deutschlands mehr und mehr zu verschwinden begann, war es in dieser franziskanischen Form unter den frommen Katholiken weit verbreitet.

 

Literaturhinweise zur Vertiefung:

 

Kleine Philokalie - Betrachtungen der Mönchsväter über das Herzensgebet. Verlag: Patmos Verlag; ISBN-13: 978-3843604819

 

Philokalie der Väter der heiligen Nüchternheit; Verlag: Beuroner Kunstverlag ISBN-13: 978-3870713409 (vollständige deutschsprachige Ausgabe)

 

Ignatius Briantschaninow: Die Weisheit des Herzensgebetes hrsg. von Klaus Kenneth; Academic Press Fribourg; ISBN-13: 978-3722808567

 

Schule des Herzensgebetes: Die Weisheit des Starez Theophan von Theophan dem Einsiedler (Autor), Josef Sudbrack (Einleitung); Verlag: Otto Müller; ISBN-13: 978-3701306879

 

Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers; Die vollständige Ausgabe; hrg. von Emmanuel Jungclaussen;  Verlag: Herder;  ISBN-13: 978-3451049477

 

 

Einige Gedanken über das Jesusgebet

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Wie ein roter Faden zieht sich der Ruf „Herr Jesus Christus,Sohn Gottes, erbarme Dich meiner!“ durch die Zeit. Schon im heiligen Evangelium finden wir zwei Berichte (Matthäus 9:27-31 und 20:29-34), wo unser Herr Jesus Christus Blinde heilt. Beides mal erklingt der Ruf: "Jesus, Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!" Und Christus machte sie beide male wieder sehend. In unserer heutigen Zeit, wo wir oft wie Blinde den Weg zum Heil nicht mehr erkennen können, wo wir gleich Blinden den Pfad zum Himmelreich aus den Augen zu verlieren drohen, brauchen wir einen festen Halt, eine feste Verankerung in Christus. Denn unsere Gedanken sind in einer verwirrten Welt oft unbeständig, oft in alle Winde zerstreut. Hier kann die Gebetschnur und das Gebet der feste Anker bei Christus sein, der uns in unserem Leben halt gibt.

 

Die Gebetsschnur wird meist aus Seide oder Wolle her­ge­stellt und besteht aus speziell gebundenen Knoten. Bis heute besteht jeder Knoten an den Kom­bos­kini aus sieben kleinen Kreuzen, die äußerst kunst­fertig immer wieder über­ein­ander gebunden werden. Die geschlossene Schnur sym­bo­li­siert das "immer­wäh­rende Gebet". Vor allem aber dient die Schnur, die auch von Laien benutzt wird, zum Zählen der Jesus­gebete. Tra­di­tio­nell hatte ein Kom­bos­kini 100 oder 50 Knoten. Inzwi­schen sind aber vor allem 33-kno­tige Schnüre beliebt, die man wie einen Arm­reif tragen kann. Die Zahl 33 steht für das Lebensalter Jesu. Tra­di­tio­nell sind die Schnüre schwarz, inzwi­schen werden sie aber auch in vielen Farben her­ge­stellt. Dort, wo die beiden Enden der Kno­ten­schnur sich treffen, befindet sich meist ein gekno­tetes Kreuz. Die Knoten werden häufig nach 10 (bei grö­ßeren Schnüren nach 25) Knoten durch eine far­bige Perle unter­bro­chen. Die Schnur wird meist am linken Arm getragen und beim Gebet mit der linken Hand gehalten, wäh­rend die rechte Hand zählt.

 

 

His­to­risch geht die Gebets­schnur auf das frühe ägyp­ti­sche Mönchtum zurück. Sie hatte damals 150 Knoten und sollte die Mönche, die häufig Anal­pha­beten waren, bei der täg­li­chen Rezi­ta­tion aller 150 Psalmen unter­stützen. Die Überlieferung berichtet uns, dass der erste heilige, Anto­nius der Große eine Leder­schnur benutzt hat und für jedes "Herr, erbarme Dich", das er betete, einen Knoten hinein gemacht hat.

 

Aus Zeit der Wüstenväter haben wir die ersten direkten geistlichen  Anweisungen für die Praxis dieses Gebetes. So zum Beispiel beim heiligen  Makarius dem Großen und anderen Heiligen Altvätern, deren Zeugnisse heute im Buch der Philokalie (Φιλοκαλία τῶν ἱερῶν νηπτικῶν = Schönheitsliebe der heiligen Achtsamen)  zusammengefasst sind. Es waren oft Mönche die in der Einsamkeit der Wüste dieses Gebet ausgiebig praktizierten. Auch viele Kirchenväter waren mit diesem Gebet vertraut. Die hesychastischen Väter auf dem Heiligen Berg Athos, wurden zu Trägern einer bedeutenden Spiritualität, welche das spirituelle Leben im gesamten orthodoxen Osten immer wieder von neuem belebte gleich einen beständigen Herzschlag geistlich am Leben hielt. Im Zentrum ihres geistlichen Lebens stand und steht das Jesusgebet. Durch das kleines Buch „Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers“ wurde dieses Gebet in weiteren Kreisen bekannt und errang dann auch im christlichen Westen bis heute besonderes Interesse.

 

Beim Jesusgebet wird der Bittruf "Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner!"wieder und immer wieder wiederholt. Dies geschieht, damit unsere ganze Aufmerksamkeit immer stärker auf Christus gelenkt wird. Unsere Gedanken (griech.: logismoi) werden gebändigt, oder genauer gesagt, in Christus verankert. Zuerst wird dieses Gebet mit den Lippen gesprochen; es beginnt im mentalen Bereich, um sich dann seinen Weg zum Herzen zu bahnen. Vom Kopf zum Herz geht der wohl längste Weg in unserem Leben. Das Jesusgebet hilft uns dabei unsere „Mitte“ zu finden, das heißt, die Gegenwart Gottes in unserem Herzen zu berühren, den wahren Frieden und die Freude des Herzens zu erlangen.

 

Ein wichtiger Aspekt des Jesusgebetes ist die Heilung. So wie Christus die Blinden geheilt hat, so heilt Er auch die Wunden unseres Herzen und unserer Seele, das ist unsere Verhaftung an die Leidenschaften. Indem Maße wie unser ganzes Wesen durch die Anrufung Jesu auf Christus ausgerichtet wird, in dem gleichen Maße werden wir offen und bereit, uns für das Erbarmen des Sohnes Gottes zu öffnen, uns von IHM berühren und heilen zu lassen.

 

"Darum hat IHN Gott über alle erhöht und IHM den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen...“ (Philipper 1: 9).

 

In unserer heutigen Zeit brauchen wir diese feste Verankerung in Christus, um in einer verwirrten Welt, die die uns von Gott zu unserem Heil gegebenen Maßstäbe aus den Augen verloren und vergessen hat,  ein wirklich Christus-bezogenes Leben zu führen. Immer wieder werden wir abgelenkt, unsere Gedanken schweifen von Gott ab, wir verlieren uns zu oft im Lärm dieser Welt. Dabei sind wir zur Gemeinschaft mit Gott erschaffen worden und unser Herz findet erst wieder seine Ruhe, wenn wir in IHM ruhen. Dieser innere Friede erfüllt uns immer mehr, wenn wir unserer ganzes Herz, uns Sein und Streben auf Christus, Gott ausrichten und IHN in allem und über allem in uns tragen!

 

„Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich meiner.“

 

 

Über den Umgang mit bösen Gedanken

 

Ein Bruder wird von seinen Gedanken bedrängt und fragt um Rat. Einer der Wüstenväter antwortet: "Beobachte die Gedanken. Jedes Mal, wenn sie beginnen, dir etwas zu sagen, antworte ihnen nicht, sondern erhebe dich, mache eine Verneigung und bete: "Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich meiner" (Apophthegmata Patrum)

 

"Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich meiner des Sünders."

 

In der griechischen Bibel ist Kyrios = Herr die häufigste Bezeichnung für Gott. Wer sich der Herrschaft Gottes unterwirft, wird frei von der Abhängigkeit von Neid, Eifersucht, Kritiksucht, üble Nachrede, Bosheit, Groll, Zorn, Begierde, Genusssucht, Habsucht, Ehrsucht, Hochmut, Trägheit und Angst. Es gibt Menschen, die meinen, von all dem frei zu sein. Allerdings nehmen sie bei anderen diese Fehler deutlich wahr. Der Weg des Gebets hingegen öffnet die Augen für die eigenen Fehler, Vergehen, Nachlässigkeiten und Sünden.

 

Jesus bedeutet Erlöser, Retter, Befreier. Er allein kann dem Menschen helfen, frei zu werden, wenn dieser bereit ist, an sich zu arbeiten. Christus bedeutet Gesalbter, Messias. Er hat den Menschen erlöst, Er ruft ihn im Tod zu sich, Er erscheint am Jüngsten Tag, an dem alles offenbar wird, was bisher verborgen war. Er ist der Sohn Gottes. Der Vater hat Ihm das Gericht übergeben, die Vollmacht, alles in Seinem Namen zu tun.

 

 

Das Gebet als das Herzstück der orthodoxen Spiritualität

 

S. E. Metropolit Dr. Serafim Joantă

rumänisch-orthodoxer Metropolit von Deutschland, Zentral- und Nordeuropa

 

 

Das Jesusgebet als Gebet des göttlichen Namens

 

Das sogenannte „Jesus Gebet“ ist heute bekannt und wird praktiziert unter der  Fomel „Herr,  Jesus  Christus,  Sohn  Gottes,  erbarme  Dich  meiner des  Sünders“ und  blickt auf eine lange Geschichte zurück, die in den ersten christlichen Jahrhunderten  ihre  Anfänge  hat.  Die  Wurzeln  dieses  Gebetes  sind  biblisch,  sie  sind  verankert  im glaubenserfüllten  Schrei  des  Blinden  von  Jericho: „Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ (Lukas  18: 39),  beziehungsweise  im  demütigen  Gebet  des  Zöllners: „Gott, hab  Erbarmen mit mir Sünder!“ (Lukas  18: 13).  Ihre  häufige,  ja  sogar  ununterbrochene  Wiederholung  ist inspiriert  durch  das  Kyrie-eleison-Gebet,  das  bei  jeder  der  sieben Tagzeitgottesdienste  40 mal hintereinander  gesprochen  wird.  Das  Jesus-Gebet konzentriert sich auf den Namen Jesu, den menschgewordenen Gott. Die ersten Christen  wussten,  laut  Apostelgeschichte  4: 12,  dass „kein anderer Name unter dem Himmel  den Menschen gegeben (ist), durch den wir selig werden können“ als der Name Jesu,  des  Heilands.  Deshalb  wurde oft  der  Name  Jesu  angerufen.  Die Apostelgeschichte,  die auch das „Buch des Namens Jesu“ genannt werden könnte, berichtet,  dass  die Apostel  auf  den  Namen  Jesu  tauften  und  Wunder  bewirkten. Der  Name  bringt  die Person  zum  Ausdruck,  setzt  uns  in  Beziehung  mit  der Person,  vermittelt  uns  ihre  Kraft. Die Anrufung des Namens Jesu bringt uns in Einheit mit Ihm, dies aber in dem Maße, in dem wir bereit sind, uns von uns selber zu entleeren, damit in unserem Herzen  Er,  Christus selbst  Wohnung  einnehmen  kann:„Nicht mehr ich lebe, sondern  Christus lebt in mir“(Galater2:20).

 

Das Jesusgebet – Ein kurzes Glaubensbekenntnis

 

Das Jesusgebet ist auch ein trinitarisches Glaubensbekenntnis in sehr konzentrierter Form. In ihm bekennen wir Jesus als den Sohn Gottes und wahren Gott; wir bekennen auch Gott-Vater als Vater unseres Herrn Jesus Christus und wir bekennen auch, wenn auch indirekt, den Heiligen Geist, denn niemand kann sagen, dass Jesus Gott ist,  wenn er nicht im Heiligen Geist ist (vgl. 1 Korinther 12: 3). Eigentlich betet der Heilige Geist in uns und für uns, und dies mit unaussprechlichen Seufzen (vgl. Römer 8: 26). Das Jesusgebet ist, wie jedes andere Gebet, ein Gebet im Heiligen Geist. Dies jedoch nur, wenn man sich dessen bewusst wird und den Heiligen Geist nicht betrübt, indem man ihn in den Schatten stellt durch Gedanken und Taten, die seiner Heiligkeit widersprechen. In diesem Fall, aus Respekt unserer Freiheit gegenüber, verlässt uns der Heilige Geist und das Gebet wird dürr und monoton. Ebenso dürr wird auch das Leben. Der Heilige Geist kehrt zurück, wenn wir unserer Verfehlungen bewusst werden und uns wiederaufrichten.

 

 

Das Jesusgebet – Das Gebet des Herzens

 

 

 

Das Jesusgebet heißt in der orthodoxen Tradition auch „Herzensgebet“, weil bei diesem Gebet - laut der geistlichen Literatur schon zur Väterzeit - der Verstand in das Herz hinabsteigen soll. Was soll das bedeuten? In der geistlichen Tradition der orthodoxen Kirche fungiert das Herz als Zentrum des menschlichen Seins, als der Ort, wo alle psycho-physischen Kräfte wie in einem Brennpunkt zusammenkommen. Das, was wir „Verstand“ (griechisch νος = „nous“) nennen, ist auch eine Energie des Herzens. Wir gehen üblicherweise davon aus, dass die Gedanken ein Produkt des Verstandes  sind, wobei dieser in Zusammenhang mit dem Gehirn gebracht wird: unser Verstand denkt, unser  Verstand plant usw... Das stimmt auch. Dennoch dürfen wir die geistliche Perspektive nicht außer Acht lassen, nämlich, dass zwischen  Verstand und Herz eine enge Beziehung besteht, dass der Verstand selber im Herzen seine Wurzel hat. So gesehen strömen die Gedanken vom Herzen aus, und das Gehirn ist nur ein Instrument des Denkens. Herr Jesus Christus sagt: „...aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsche Zeugenaussagen und Verleumdungen...“ (Matthäus 15:19). Das Herz ist zugleich das Organ des geistlichen Lebens, denn die  bei der Taufe empfangene Gnade ist in den Tiefen des Herzens  verborgen und wirkt im  Herzen  in  dem  Maße,  in  dem  wir  an  seiner  Wirkung  mitarbeiten  durch  Glauben  und unsere Werke, worunter das Gebet das wichtigste ist.

 

 

 

Die Schwierigkeit zu beten besteht darin, dass sich während des Gebetes unser Verstand, durch Äußerlichkeiten zerstreut und es nicht schafft ins Herz herabzusteigen, um der Gnade zu begegnen und die Freude des Gebetes zu erfahren. Warum aber ist es so schwierig für den Verstand in das Herz hinabzusteigen? Weil unser Verstand angezogen wird von äußeren Dingen, in denen wir uns zerstreuen und unsere ganze Energie verbrauchen. Durch dieses Anhaften an die Sinnlichkeit, durch diese ständige Sorge um die Zukunft stehen wir im Widerspruch zu den Worten Jesu: „Macht euch also keine Sorge und fragt nicht: Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen? Denn um all das geht es den Heiden“ (Matthäus 6:31-32).

 

 

 

Dennoch eine Grundbedingung, dass wir mit dem Verstand im Herzen beten können, das heißt, mit einem reinen (ohne fremde Gedanken) Gebet, ist genau die Sorglosigkeit. Oft ist es auch so, dass selbst wenn wir an Gott denken oder über Ihn sprechen, dies in einer  rein rationalen Art und Weise geschieht, das heißt, auf der Ebene einer Vernunft, die vom Herzen abgekoppelt ist. Dies entspricht einem Zustand der Entfremdung des Verstandes vom Gebet und von der Meditation der Mysterien Gottes. Mit anderen Worten: Wenn wir weit weg von unserem Herzen leben oder unser Herz nicht als Zentrum unserer Existenz betrachten, ist das Erreichen eines reinen Gebets sehr schwierig. Das Resultat ist Stress, ein ständiges Gefühl von Unvollkommenheit und Unzufriedenheit.

 

 

 

 

Der Mensch als Mikrokosmos

 

Das  Herz  fasst  in  sich  das  ganze  menschliche  Wesen  zusammen,  das  Herz  ist  der Kristallisationspunkt  des  menschlichen  Seins.  Die Väter  der  orthodoxen Kirche behaupten, dass  das  Herz  in  sich  nicht  nur  das  ganze  menschliche  Wesen  zusammenfasst,  sondern  auch  den  ganzen  Kosmos.  Der  Mensch  ist  ein  Mikrokosmos,  das heißt,  der  Mensch befindet sich in der Mitte der Schöpfung, die wiederum in seinem Herzen zusammengefasst  wird.  Die  menschliche  Person,  geschaffen  nach  dem  Bilde  Gottes,  spiegelt  in sich  das  Mysterium  des  einen,  dreieinigen  Gottes  wider. 

 

In  Gott  begegnet  uns  das Mysterium der absoluten Einheit und Andersheit. Die Einheit der göttlichen Natur (griechisch οσία = ousia), die allen drei Personen gemeinsam ist und in jeder der drei Personen voll  und ganz anwesend ist, löst nicht die Eigenschaft, Andersheit und Einzigartigkeit jeder Person für sich auf. In Analogie dazu, wird der ganze Kosmos in jedem Menschen zusammengefasst; der Kosmos kann somit auch als eine Ausbreitung der menschlichen Natur verstanden werden. Zugleich ist jeder Mensch einzigartig, er lebt und manifestiert in absolut personaler Form die menschliche Natur. Das ist das Mysterium des Menschen als Person, wohl aber nicht des Menschen als Individuum.

 

Denn das Individuum trennt sich durch Sünde von der Einheit mit seinen Mitmenschen und verschließt sich in sich selber. Der Prototyp des Menschen als Person, „des ganzheitlichen Adams“ oder des wahren Menschen ist Jesus Christus, denn nur Er hat in sich wahrlich die ganze Menschheit und die ganze Schöpfung zusammengefasst. Und dies, weil Er der einzige Mensch ohne Sünde ist. Er ist dabei von niemandem und von nichts getrennt. Alles lebt in Ihm. Deshalb kann niemand als Person die Vollkommenheit erreichen außerhalb der Beziehung zu Jesus Christus, denn niemand kann die menschliche Natur zerstreuende und zerstörende Sünde überwinden außer durch Jesus Christus, der die Sünde überwunden hat. Zugleich erreicht die Person die Vollkommenheit durch die Liebesgemeinschaft mit seinen Nächsten und im Sich-Opfern  für sie. Je mehr wir uns für unsere Nächsten opfern, desto mehr werden wir durch die Teilnahme an ihrem Leben bereichert und wir verwirklichen dadurch unser Person-Sein, worin man von niemandem und nichts mehr getrennt ist und alles in sich trägt.

 

 

Die Wirkung der Sünde

 

Die Sünde lässt die menschliche Natur auseinanderfallen, sie schwächt sie und führt sie zum Tode, zuerst zum spirituellen, dann zum leiblichen Tod. Im Zustand der Sünde entfremdet sich der Mensch seiner selbst, er verschließt sich in sich und isoliert sich von den anderen, wodurch das Verhältnis zu den Nächsten auf eine Beziehung reduziert wird, in der man die anderen ausnützt, um die eigenen Ziele zu erreichen. Von einer Person wird er zum Individuum. Der große russischstämmige orthodoxe Theologe Vladimir Lossky sagt, dass das  „Individuum die auf die niedrigsten Ebenen der Existenz angelangte Person“ darstellt. Die Sünde tritt in das Herz des Menschen durch die Versuchung des Bösen. Sein Name selbst im Griechischen διαβάλως  = „diabolos“  bringt  seine  Tätigkeit  zum  Ausdruck:  er  ist  der  Verwirrer,  der  Fakten-Verdreher; der, welcher Spaltungen und Zwist sät; der, welcher die Einheit, den Frieden, die Harmonie zerstört. Das Werk des Widersachers ist dem Werk des Heiligen Geistes entgegengesetzt,  welcher  der  Geist  der  Einheit,  des  Friedens  und  der  Harmonie  ist.

 

Jede Sünde hat ihren Ursprung in einem Gedanken, in einem Bild, welches die Realität  verfälscht  und  uns  glauben  lässt,  dass  wir  das  Gute  tun.  So  haben  es  die  ersten Menschen  geglaubt,  so  glauben  es  wir  auch  heute  noch,  obwohl  wir  allein  durch  die bittere Erfahrung Adams weiser hätten werden müssen. Manchmal sind wir seelisch so  schwach,  dass  wir - wie  es  in  Römerbrief  7:19  ausgedrückt wird -nicht  das  Gute tun, das wir wollen, sondern das Böse, das wir eigentlich nicht wollen. Es kann aber auch sein, dass die Sünde unbewusst, auf dem Hintergrund eines Zustandes der inneren  Konfusion  vollzogen  wird,  oder,  was  noch gravierender  ist,  dass die  Sünde  zum Habitus wird.

 

Was ist aber eigentlich die Sünde? Die Theologie lehrt uns, dass die Sünde die Übertretung des Willens Gottes ist, das Ignorieren seiner Gebote, die dem Menschen gerade  zu  seinem  Schutz  gegen  eine  Entmenschlichung  gegeben  wurden.  Die  Sünde  ist also eine Entscheidung oder eine Erfahrung gegen die Natur, ein Missbrauch der Natur. „Der Lohn der Sünde ist der Tod“ (Römer 6: 23) mit dem ganzen Bündel an Leidenserfahrungen,  die  dem  Tod  vorausgehen.  Jedoch  hat  dieses  eher  „juridische“ Sündenverständnis  zu  einer  konträren  Reaktion  und  daher  zur Negation der  Sünde  geführt nach dem Motto: „der Mensch ist frei, es gibt keine Sünde!“ Und weil es keine  Sünde  gibt,  gibt  es  auch  nicht  den  Widersacher,  der  der  Ursprung  der  Sünde  ist.  In derselben Logik wird man dann leicht auch die Nichtexistenz Gottes behaupten. Und doch, diese Illusion führt dazu, dass wir in unserem Leben keinen Sinn mehr haben.  Es  entsteht  damit  ein  Widerspruch,  dass  wir  die  Sünden  als  solche  zwar  negieren können,  nicht  jedoch  die  Konsequenzen  der  Sünde,  die  uns  täglich  plagen,  durch  so viel Leid und Unzufriedenheit, das wir in unserer Seele gesammelt haben.

 

 

Die  Askese  als  Mittel  im  Kampf  gegen  die  Sünde 

und  als  Unterstützung für das Gebetsleben

 

Niemand kann die Sünden überwinden ohne die Hilfe der Askese. Die christliche Askese  verfolgt  die  ontologische  Transformation  des  Menschen  nicht  nur durch seine äußere  Anpassung  an  die  moralischen  Prinzipien  des  Evangeliums.  Die  Askese  betrifft in gleichem Maße den Geist und den Leib, zwei Wirklichkeiten, die nicht voneinander  getrennt  werden  können.  Die Askese  des  Geistes betrifft  vor  allem  den  Verstand, der als Tür für die guten oder bösen Gedanken fungiert; denn jedes Wort und jede Tat geht auf einen Gedanken zurück. Deshalb betont die ganze orthodoxe spirituelle Tradition die Bedeutung der Wachsamkeit oder Nüchternheit (griechisch: νψις = nepsis), damit man die bösen Gedanken nicht akzeptiert und die guten, positiven Gedanken fördert.

 

Der  letzte  große  orthodoxe  Beichtvater,  der insbesondere  die  Bedeutung  der Askese der  Gedanken  hervorgehoben  hat, war  der  serbische  Starez  Tadej von Vitovnica (1914-2003). Seine Schüler haben seine Predigten und geistlichen Worte herausgegeben;   es   gibt   bereits   mehrere   Übersetzungen   in   verschiedenen Sprachen.   Seine Schlussfolgerung ist folgende und kann gut nachvollzogen werden: „So wie deine Gedanken sind, so ist auch dein Leben“ (das  ist  übrigens  auch  der  Titel  einer  seiner Schriften).

 

Die Askese des Geistes bezieht sich auch auf die Nüchternheit beziehungsweise Wachsamkeit  des  Verstandes  beim  Gebet.  Während  wir  beten,  soll  der Verstand  bei  den Worten  des  Gebetes  gesammelt  bleiben,  damit  er  sich  nicht zerstreut.  Wachsam  auf das  Gebet  und  im  Gebet  konzentriert,  wird  der Verstand  den  Sinn  der  Gebetsworte oder  Gebetsgedanken  vertiefen  und  wird  so leichter  ins  Herz  absteigen  können,  so dass das Gebet zu einem Herzensgebet wird, das heißt, ein warmes Gebet, welches das ganze menschliche Wesen einschließt.

 

Die  christliche  Askese  betrifft  jedoch  auch den  Leib,  der  durch  die  Sinne  die Beziehung zur äußeren, materiellen Welt herstellt. Das Wachen über die fünf Sinne ist für den geistlichen Fortschritt wesentlich: „Denn alles, was in der Welt ist, die Begierde des Fleisches, die Begierde der Augen und das Prahlen mit dem Besitz, ist nicht mehr vom Vater, sondern von der Welt“ (1. Johannes 2:16). Deshalb werden wir aufgerufen nicht  die  Welt  zu  lieben,  ebenso  nicht  die  weltlichen  Dinge.  Es  gibt  einen  ständigen Gegensatz  zwischen  dem  Geist  dieser  sündengeprägten  Welt  und  dem  Geist  Christi, der uns über die Welt erhebt, nicht damit sie verurteilt wird, sondern damit sie erlöst wird.  Deshalb  braucht  man  eine strenge  Askese  des  Leibes,  damit  man  nicht  vom Geist dieser Welt, das heißt, von der Sünde, bestimmt wird.

 

Der Apostel Paulus schreibt diesbe-züglich: „...ich züchtige und unterwerfe meinen Leib, damit ich nicht anderen predige und selbst verworfen werde“(2. Korinther 9:27). An anderer Stelle schreibt er: „Ihr habt im  Kampf  gegen  die  Sünde  noch nicht  bis  aufs  Blut  Widerstand  geleistet“ (Hebräer 12:4).  Daraus  leitet  sich  das asketische  Wort  ab: „gib dein Blut, damit du die Gnade empfängst“. 

 

Die  leibliche  Askese  umfasst  Enthaltsamkeit  beim  Essen, Trinken,  eheliche Enthaltsamkeit  (1.  Korinther  7:5),  das  Stehen  beim  Gebet,  Nachtwachen, Niederknien (Metanien) usw. Das Nahrungsfasten am Mittwoch und am Freitag, wie  auch in den Fastenzeitperioden während des Jahres gilt als erste Empfehlung auf diesem  Weg,  denn  dadurch  können  unterschiedliche  Leidenschaften überwunden  werden. Niemand könnte etwa die Unzucht ohne Fasten überwinden. Die leibliche Askese  zielt  jedoch  nicht  auf  die  Abtötung  des  Leibes,  sondern  auf die  Abtötung  der  Leidenschaften, die den Leib zerstören. Vielmehr zeigt sich dasFasten als großer Segen für  die  Gesundheit  des  Leibes.  Es  hilft  darüber hinaus  dem  Verstand,  sich  besser beim Gebet zu konzentrieren und ins Herz herabzusteigen. Niemand kann mit vollem Magen gut beten, der Verstand ist in diesem Fall viel zu anfällig gegenüber sinnlichen Ausprägungen. Die leibliche Askese ist also für die Verinnerlichung des Gebetes und für  die  Erfahrung  der  Gnade  im  Herzen  grundlegend.  Es  gibt  kein  geistiges,  mystisches Leben ohne Askese.

 

 

Geduld und Ausharren

 

Die Geduld als Ausharren im Leiden und beim Tragen des Kreuzes ist ebenso Teil der Askese und hilft uns im Gebet voranzuschreiten. Die schlimmen Ereignisse in unserem Leben und die Leiden führen uns oft dazu, Hilfe von Gott zu erbitten. Es gibt keinen Menschen, der nicht ein Kreuz trägt; der Sinn dieses Kreuzesoffenbart sich jedoch erst allmählich entsprechend seinem Voranschreiten im Glauben und im Tragen des Kreuzes mit Geduld. Um wieder den Apostel Paulus zu zitieren: „Ich aber will mich allein des Kreuzes Jesu Christi, unseres Herrn, rühmen, durch das mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt“ (Galater 6:14).

 

Die Kirchenväter  haben  auch  die  Aussage geprägt,  dass „allein das Kreuz Theologe ist“,  in dem  Sinne,  dass  wir  uns  Gott  nur  dann  annähern  und  uns  mit  Ihm  vereinigen  können,  wenn  wir  das  Kreuz  akzeptieren. Nur  im  mit  Geduld  getragenen  Leiden  macht  der  Gläubige die grundlegende Erfahrung seiner  eigenen  ontologischen Schwachheit und seiner absoluten Abhängigkeit von Gott. Der Glaube selbst bedeutet eine Kreuzigung des Verstandes gegenüber einer rein rational-analytischen Art und Weise, wie man das Leben versteht und zugleich den Eintritt in die Sphäre des Mysteriums.

 

Das  Leben  ist  ein  großes  Mysterium.  Die  ganze  Existenz  ist  Mysterium.  Das  Kreuz beziehungsweise das Leiden hat einen inneren Zusammenhang mit der Sünde, auch wenn dieser Zusammenhang oft nicht leicht herzustellen ist. Klar ist sicherlich, dass nicht Gott das Leiden geschaffen hat, ebenso hat er nicht den Tod als Gipfel der Existenz geschaffen. Gott lässt jedoch das Leiden zu, denn das Leiden - das mit Geduld und Hoffnung getragen  wird - entwürdigt  nicht  den  Menschen,  sondern veredelt  ihn  und  heiligt ihn, gerade weil in dieser Erfahrung die Kraft Gottes sich manifestieren kann. Gerade im Leiden ist die Anwesenheit Gottes deutlich spürbar: „meine Kraft erweist sich in der  Schwachheit“,  sagt  der  Herr,  und  Paulus schreibt  diesbezüglich: „wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“ (1.  Korinther 12: 9.10). 

 

Selbst  wenn  wir  das  Gefühl  haben, dass  wir  von  allen  verlassen  werden,  selbst  von  Gott,  wirkt  die  Gnade  in  den  Tiefen unseres Wesens. Gott lässt kein Leiden zu, welches die Kraft des Menschen übersteigt (laut  1 .Korinther 10:13). Eines ist sicher: nichts lässt uns mehr unsere  Gebetserfahrung vertiefen und auf unserem Weg zur Heiligung vorankommen als das Leiden. Die große Wahrheit, die jedoch schwer zu akzeptieren ist, ist die, dass allein das Kreuz zur Erlösung führt. Ein orthodoxer Hymnus sagt dazu: „Siehe, große Freude ist durch das Kreuz für die ganze Welt gekommen!“. Kreuz  und  Leiden  werden  zur Freude, wenn sie mit Glauben und Hoffnung akzeptiert werden.

 

Das Jesusgebet und die Kirche

 

Das Jesusgebet ist im Raum der Kirche entstanden. Derjenige, der dieses Gebet praktiziert, soll in die Kirche integriert sein, das heißt, an den Sakramenten der Kirche teilnehmen, vor allem an der Heiligen Eucharistie. Durch die Taufe werden wir zu Gliedern der Kirche, das heißt, zu Gliedern des Leibes Christi und dadurch füreinander zu Gliedern; die  Eucharistie  stärkt  in  uns  das  Bewusstsein  der Gemeinschaft  und  der  Einheit  in Christus und führt uns allmählich dazu, dass wir eins werden mit Ihm und eins werden  untereinander. Selbst  die  Eremiten,  die  sich  gänzlich  dem  Jesusgebet  widmen, enthalten  sich  samstags  und  sonntags  nicht  der  Sakramente  Christi,  das heißt, der  Kommunion. 

 

Das  Gebet  par  excellence  bleibt  die  Eucharistie:  daraus  leitet  sich  die Lebenskraft  jeder  weiteren  Form  des  privaten Gebetes  ab.  Das gemeinschaftliche und das private  Gebet ergänzen  sich  gegenseitig:  das  eucharistische, gemeinschaftliche Gebet bildet die objektive Basis des privaten Gebetes und dasprivate Gebet gibt dem gemeinschaftlichen  Gebet  Qualität.  Derjenige, der viel Privat betet,  schreitet  in  der  Erfahrung  des  reinen  Gebetes  voran,  und  dieses reine  Gebet  hilft ihm  immer  mehr und immer besser auch das Gebet der Kirche zu verstehen und es in sich zu assimilieren.

 

Niemand kann in Gemeinschaft mit dem Leib Christi bleiben ohne dass er auch das Gebet  mit  den  Nächsten  miteinschließt,  und  ebenso  kann  niemand  im  geistigen Leben voranschreiten, wenn er sich nicht nach einem ununterbrochenen Gebet sehnt.

 

Durch  ein  Gebet,  welches  vom  Kontext  der  Kirche  abgekoppelt  wird,  wächst  in uns das  Risiko  des  Egoismus,  was  dem  Geist  des  Gebetes  grundsätzlich widerspricht. Denn das Gebet muss in uns das Gefühl der Gemeinschaft stärken.

 

 

Alles ist Gnade

 

Ich habe vorher eine asketische Maxime erwähnt: „Gib dein Blut, damit du die Gnade empfängst“. Eine andere asketische Maxime ist „alles ist Gnade“, denn die Gnade ist unverdient.

 

Diese zwei Aussagen scheinen sich zu widersprechen: einerseits eine starke Betonung der Askese, andererseits eine ebenso absolute Betonung der Gnade.  Im Glauben sind diese zwei Dimensionen vereinbar und kommen zur gleichen Geltung.

 

Solche Antinomien sind auf der Ebene des Glaubens öfter anzutreffen, denn dort wird die Logik nicht einfach außer Kraft gesetzt, sondern gekreuzigt und verwandelt.

 

Im geistigen Leben sind diese zwei asketische Maximen in gleicher Weise zu berücksichtigen: einerseits sollen wir uns immer bewusst sein, dass alles in unserem Leben Gnade ist, das heißt, Wirken Gottes, und dass „Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt“ (Römer 8:28), andererseits aber auch, dass Gott unsere Mitarbeit an seinem Wirken erwartet (vgl. 1 Korinther 3:9).

 

Gott vollzieht nichts ohne unser Mitwirken, aus Respekt unserer Freiheit gegenüber, die Er uns in der Schöpfung geschenkt hat. Diese συνεργία  = „Synergeia“, dieses Zusammenwirken zwischen unserem Wirken und Gottes Wirken besteht gerade im Sich-Verfügen-Lassen gegenüber dem Wirken der Gnade. Dieses Sich-zur-Verfügung-Halten können wir nur durch ständiges Gebet und durch Askese bis zum Blut erreichen, denn nur wenn in uns die Leidenschaften  schwächer werden, können wir immer mehr für das Wirken der Gnade transparent  werden, die uns nach dem Bilde Christi gestaltet. Letztendlich ist also alles Gnade! Ich verweise auf 1. Korinther3:6-7: „Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber ließ wachsen. So ist weder der etwas, der pflanzt, noch der, der begießt, sondern nur Gott, der wachsen lässt.“

 

Am Ende möchte ich noch betonen, dass das Jesusgebet nicht nur spezifisch für Mönche und Nonnen ist, sondern sich für alle Christen eignet. Sicherlich stimmt es, dass dieses Gebet vor allem im monastischen Milieu praktiziert wird, es ist „das alltägliche Gebet des Mönches“. Wenn ein Novize das monastische Gelübde ablegt, wird ihm in   Kirche ein sogenannte Metanien-Gebetskranz gegeben, der laut dem dazugehörenden Gebet folgendes repräsentiert: „das Schwert des Geistes, das das Wort Gottes ist, zum Gebet in jeder Stunde zu unserem Heiland Jesus Christus. Er muss jederzeit im Geist und im Herzen, im Verstand und im Mund den Namen Jesu Christi haben und sagen: „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner!“(Das Rumänische Euhologion-Ordnung bei den kleinen Einkleidung in den Mönchsstand).

 

Viele Heilige empfehlen aber allen Christen die Praxis des Jesusgebetes, unabhängig der geistlichen Stufe, auf der sie sich befinden. Der HeiligeVasile von Poiana Mărului (Rumänien), der erste hesychastische Autor zu Beginn des 18. Jahrhunderts, welches als das Jahrhundert der hesychastischen Erneuerung bekannt ist, schreibt:  „Der Heilige Symeon von Thessalonike (14. Jahrhundert) empfiehlt den Bischöfen, Priestern, Mönchen und allen Gläubigen dieses heilige Gebet und dass sie es, geeint mit dem Atmen, jederzeit aussprechen.“

 

Das  Jesus-Gebet  ist  gerade  durch  seine  Kürze  sehr  gut  geeignet,  um  den  Geist  fürs und aufs Gebet zu konzentrieren. Das Jesusgebet kann demnach leicht zu Hause, auf der  Straße,  beim  Arbeiten,  auf  der  Reise  gebetet  werden,  und dies  nur  durch  eine kleine Bemühung der Konzentration. Langsam gewöhnt sich der Geist an dieses Gebet und die Wirkungen des Gebetes treten ein: innere Ruhe, seelisches Gleichgewicht, Warmherzigkeit, Liebe für die Mitmenschen - alle Zeichen des Wirkens der Gnade in unserer Seele.

 

Im Kloster Antim in Bukarest, in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, zu Beginn  der  kommunistischen  Herrschaft,  ist  der  geistliche  Kreis  mit  dem  Namen „Der brennende Dornbusch“ gebildet worden, in dessen Rahmen Vertreter der intellektuellen Elite Bukarests die Kenntnis der hesychastischen Tradition vertieften und die Praxis des Jesus-Gebetes lernten. So sind viele Intellektuelle dazu gekommen, das Jesus-Gebet  zu  praktizieren,  einige  von  ihnen  ununterbrochen,  das heißt,  auch  während ihrer intellektuellen Arbeit.

 

Daraus lässt sich leichter verstehen, dass das ununterbrochene  Gebet  eigentlich  ein  Zustand  des  Gebetes  ist.  Es  ist  ein  Gebet  über  die  Worte hinaus, entspricht der Ekstase, wenn man darin einen Zustand im Heiligen Geist versteht: „Ich schlafe, aber mein Herz wacht“ (Hohelied 2:5). Diese zeitgenössische Erfahrung beweist einmal mehr, dass die Praxis des Jesus-Gebets in allen Kontexten möglich ist. Wir brauchen nur den Mut dazu.