Ein orthodoxer Christ zu sein bedeutet in erster Linie ein orthodoxes Leben zu führen. Was seinen Anfang im Gottesdienst nimmt, jenseits der Kirchentüren muss es dann seine konkrete Gestalt finden. Im alltäglichen Leben erweist sich, ob wir wirklich echte Christen sind. Hier zeigt sich, in wieweit wir unsere Person und unser ganzes Leben von Christus her begreifen. Hier zeigt sich, ob wir wirklich bereit sind, unser gesamtes menschliches Sein von CHRISTUS ergreifen zu lassen. Hier zeigt sich, ob wir offen sind für die Botschaft Seines heiligen Evangeliums, das wir in der Göttlichen Liturgie vernommen haben. Hier zeigt sich, ob wir von Herzensgrunde bereit sind, die Gnadengaben CHRISTI, an denen wir durch den Empfang der heiligen Sakramente Anteil empfangen haben, Stück für Stück an uns wirken zu lassen, damit wir vom Licht der Erlösung ergriffene Ikonen Christi werden und dem Beispiel unseres HERRN in Liebe nachfolgen. Diesen Prozess nennen die Heiligen Väter die Vergöttlichung, die das Ziel eines jeden christlichen Lebens ist. Der Ort des Weges - wo wir diesen Weg des geistlichen Lebens gehen - ist für uns christliche Laien unser Familienleben , unser Berufsalltag und die Gestaltung unserer Alltagswelt. Sie sind für uns eine fortwährende Schule, ein sich wieder und wieder Einüben in die christliche Frömmigkeit. Was wir durch unsere Teilnahme am geistlichen Leben der Kirche erfahren haben, im konkreten Alltag müssen wir dieser Erfahrung dann wiederum selbstständig Ausdruck verleihen. Diese Aufgabe nennt die orthodoxe Kirche Frömmigkeit. Während das gottesdienstliche  Leben jedoch durch überlieferte kirchliche Regeln geprägt ist, folgt der Mensch zu Hause und im Berufsalltag seinem eigenen Rhythmus. So ist das persönliche Leben des Christen der Ort der Selbsterziehung und Selbsterkenntnis, eine Schule des menschlichen Willens und Geistes. Um den rechten Weg dabei zu finden, wenden sich orthodoxe Christen an ihren geistlichen Vater. Mit ihm zusammen blicken sie dann in die Schatzkiste der orthodoxen Traditionen und des kirchlichen Brauchtums, um die jeweils passenden, Jahrhunderte lang erprobten Elemente zu finden, damit die Gestaltung eines orthodox geprägten Lebensvollzuges gelingen kann. Heute, da nicht nur unter den Gegebenheiten der Diaspora das Wissen um eine aus dem Geist der orthodoxen Kirchlichkeit gelebte Kultur zunehmend schwindet, ist diese jedoch noch wichtiger als früher, als der orthodoxe Brauch noch die Lebenswirklichkeit unserer Vorfahren prägte. Diese vom.Geist der orthodoxen Kirchlichkeit geprägte Kultur und ihre Traditionen vorzustellen, ist Aufgabe dieser Website. Jedoch ist hier klar zwischen der Heiligen Apostolischen Tradition der Kirche und den vielfältigen, lokalen kirchlichen Traditionen und dem Brauchtum der orthodoxen Völker zu unterscheiden. Während die erste gleichsam den Pulssschlag der Kirche Christi darstellt, ist die zweite nur Ausdruck der Art und Weise, wie sich die einzelnen orthodoxen Völker in eine Symponia der Vielstimmigkeit die christlich orthodoxe Glaubensbotschaft angeeignet und ihr wiederum Ausdruck verliehen haben. Insofern soll hier auch klar vor den Irrtum gewarnt werden, dem gerade fundamentalistische Kreise unter den Gläubigen viel zu leicht und allzu schnell verfallen, die Heilige Apostolische Christliche Orthodoxe Glaubensbotschaft mit ihrem Ausdrucksmittel zu verwechseln. Da jedoch ein orthodoxer Christ zu sein bedeutet, ein orthodoxes Leben zu führen, sind die Ausdrucksmittel des orthodoxen Brauchtums und der kirchlich geprägten Volkstraditionen auch heute noch ein wichtiger und richtiger Weg, dem orthodoxen Glauben im eigenen Leben gelebten Ausdruck zu verleihen.

 

 

 

Heiligkeit – Grundzug orthodoxer Religiosität

 

S.E. Emilianos Timiadis, Metropolit von Silyvria

 

Es ist schwer, ein Ereignis oder einen Menschen zu beschreiben, der der Vergangenheit angehört. Die Zwischenzeit, die uns von ihm trennt, schwächt den ursprünglichen Eindruck und verschleiert ihn unserem Blick wie ein Schatten. Wie können wir diesen zeitlichen Abstand überbrücken, wie diesen Schatten durchdringen, um mit möglichster Klarheit die Gestalten und Gesichter zu erkennen, die vom Dunkel der Vergangenheit verhüllt sind?

 

Einer ähnlichen Schwierigkeit sehen wir uns gegenüber, wenn wir das Dunkel der vergangenen Jahrhunderte durchdringen wollen, um das wahre Antlitz der Kirche zu erfassen, so wie sie Christus gewollt und am Pfingsttag eingesetzt hat, so wie sie den Menschen der ersten Jahrhunderte erschienen ist. Denn das nizänische Symbolum ist ja bereits eine geprägte Formel, die in festumrissenen Begriffen die Glaubensüberzeugung der Gesamtkirche, wie sie im Volke lebendig war, nachzeichnet und dabei die Wesenszüge des Leibes Christi herausarbeitet. Aber in welcher Gestalt und Organisationsform existierte die Kirche, bevor sie diese deutlich ausgeprägten Konturen gewonnen hatte? Wird uns die geschichtliche Forschung diese Frühzeit noch hinreichend aufhellen?

 

 Die »eine heilige Kirche«

 

Diese Schwierigkeit wird noch größer, wenn wir den Versuch unternehmen, einen besonderen Charakterzug dieser Kirche darzustellen: ihre Heiligkeit. Es ist uns bewusst, daß das menschliche Antlitz der im irdischen Kampf stehenden Kirche eine ganze Reihe von charakteristischen Merkmalen besitzt; aber unter all diesen prägenden Zügen kommt der Heiligkeit ein ganz besonderer, einzigartiger Platz zu. Man muss diese für den Zweck und das Wesen der Kirche grundlegende Bedeutung der Heiligkeit klar sehen und dazu auch noch die Beziehungen zwischen Heiligkeit und Alltag ins Auge fassen.

 

 Wir müssen außerdem die Unklarheit zerstreuen, die auf gewisse irrige Auffassungen zurückgeht, die in der Vergangenheit vertreten worden sind und von manchen auch heute noch aufrecht erhalten werden. Denn immer wieder wird uns aus fortschrittlichen Kreisen eine Sicht der Kirche nahegelegt, die von rein soziologischen Faktoren ausgeht. Meist werden dabei mit großer Hartnäckigkeit einige Züge der Kirche übersehen, die unbedingt zu ihrem Wesen gehören und bei einer umfassenden ekklesiologischen Betrachtungsweise keineswegs übergangen werden dürfen. Von alters her hat, um es nochmals zu sagen, die Tradition diese Grundzüge im Apostolischen Glaubensbekenntnis, der wirklichen »Charta« des christlichen Glaubens, eindeutig formuliert. In ihm lehrt uns die Tradition mit aller Klarheit, daß die Kirche weder eine anthropozentrische Vereinigung  abstrakter Natur noch sonst ein Zusammenschluss unbestimmter Art ist. Im Gegenteil, sie ist eine Gemeinschaft, die, obwohl sie aus Menschen besteht, sich sehr deutlich durch ihre charakteristischen Züge abhebt; sie ist nicht eine formlose Gruppe, sondern eine Gemeinschaft mit einem ausgeprägten, an vier Wesensmerkmalen erkennbaren Antlitz: sie ist eine, sie ist heilig, sie ist katholisch, sie ist apostolisch. »Eine heilige, katholische und apostolische Kirche«, so ist die Kirche, die Eine Wahre Kirche. Man missbraucht manchmal die Matthäusstelle 18: 20, wo wir lesen: »Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen«. Dieser Text birgt einen reichen Wahrheitsgehalt für das orthodoxe Denken, wie jedes Wort des Herrn, aber trotzdem scheint es unmöglich, daß eine wahre Kirche, daß die wahre Kirche von den vier erwähnten Merkmalen absehen kann: Einheit, Heiligkeit, Katholizität und Apostolizität. Und noch viel weniger geht es an, größeren Nachdruck auf die zahlenmäßige Zusammensetzung der Mitglieder zu legen – ob es nur zwei oder drei oder eine viel größere Anzahl sind – oder gar von einer rein anthropozentrischen Auffassung der Kirche zu sprechen.

 

Ein weiterer Punkt. Wir stehen vor einer neuen Schwierigkeit, wenn wir versuchen, wirklich den ursprünglichen Sinn bestimmter Worte zu erfassen, die man mit dem Wesen der Kirche verband. Jedes Wort birgt seine Geschichte in sich. Jedes dieser Worte stellt eine mystische Erfahrung dar, die unserem Verständnis nicht immer zugänglich ist, und vielleicht auch nicht dem aller frühen Christen zugänglich war – wieviel weniger dann dem unseren! Wenn wir ernsthaft zu begreifen versuchen wollen, was für die ersten Christen die »Heiligkeit« bedeutete und was sie für uns noch heute bedeutet, können wir uns nicht mit dem etymologischen Sinn des Wortes zufrieden geben. Wir müssen uns auf die wahre Bedeutung der »Heiligkeit« im Zusammenhang mit dem Leben Christi besinnen, jenes Christus, der die Quelle unserer Heiligung im Alltag ist. Die unerlässliche Voraussetzung dafür ist ein existentielles Vertrautwerden mit der Heiligkeit

 

 »In Christus« 

 

Eines ist sicher: die Heiligkeit definieren, überschreitet die Aussagekraft menschlicher Worte. Es ist ein Verdienst der Orthodoxie, gar nicht versucht zu haben, was Gott dem Menschen unmöglich gemacht hat, nämlich zu definieren, was sich nicht definieren läßt. In der Tat läßt sich die ganze orthodoxe Theologie definieren als eine Theologie ohne Definitionen. Sie umfasst, ohne sie zu definieren, geistige Wirklichkeiten von unbegrenzten und unabsteckbaren Weiten. In diesem Sinne läßt sich sagen, Heiligkeit kann man verstehen als einen Reflex dessen, was der heilige Paulus in den inhaltsschweren Ausdruck kleidet: »In Christus« – »leben in Christus«. Aus diesen zwei Worten strömt eine Fülle geistlichen Lebens, eines Lebens in unzertrennlicher Gemeinschaft mit Christus; das bedeutet mit Ihm leiden, mit Ihm sterben, mit Ihm auferstehen, mit Ihm die Herrlichkeit des Himmels teilen. Auf diese Weise werden die Gläubigen, die im Herrn, d.h. »in Christus« leben, vereint mit Ihm, Miterben seines Reiches.

 

Die Heiligkeit, das Leben in Christus, umfasst zwei Betätigungen, die gleichzeitig vollzogen werden, aber doch sich deutlich unterscheiden. Die erste: sich lösen von der Welt. Der Heilige ist der Mensch, der die Welt verlässt. Er verzichtet auf die Anhänglichkeit an die Freuden dieser Welt. Er hat die Freundschaft mit den Gütern dieser Zeit aufgegeben. Er bezieht eine Sonderstellung und hebt sich damit deutlich erkennbar von seiner Umgebung ab. Die Christen der ersten Jahrhunderte zeichneten sich gerade dadurch aus, daß sie leicht von der heidnischen Umwelt zu unterscheiden waren.

 

Eine andere Seite dieser ersten Vollzugsform der Heiligkeit ist die Weihe. Der Heilige ist der Liebe und dem Dienste Christi geweiht, auf immer. Er ist geweiht als Opfergabe, er ist dargebracht. Und jedes Ding, das geopfert ist, hat in sich ein Element der Heiligung. Der Heilige trägt somit die gleichen Züge wie das Opfer. Wir sehen es deutlich beim Sakrament der Taufe. Hier tritt der neue Christ durch den Verzicht auf diese Welt in eine ganz andere Welt ein. Er erhält das Recht, Bürger einer neuen Gemeinde zu sein. Vom Grunde seines Seins auf wechselt er sozusagen seine Nationalität.

 

Ein weiterer Aspekt dieses ersten Vollzugs von Heiligkeit besteht darin, daß der Christ mit dem neuen Bürgerrecht nunmehr auch einem neuen Herrn angehört. Und der Herrschaftsanspruch dieses neuen Herrn ist total. Er umfasst seinen Leib, sein Herz, seinen Verstand, seine ganze Persönlichkeit; seinen Geist, sein gesamtes Sein. Er ist sich jeden Augenblick voll bewusst, dass er mit diesem neuen Herrn und für ihn leben muss. Jeden Augenblick sagt er sich aufs neue: »Du gehörst Ihm, Du stehst zu seiner Verfügung. Du musst mit Ihm leben. Du musst für Ihn leben.« 

 

Und nun der scheinbare Widersinn: die zweite Vollzugsform der Heiligkeit. In der gleichen Zeit, wo der Heilige sich von der Welt löst, bleibt er in der Welt, mit der Welt zusammen ... der Welt der Menschen, jener Menschen, für deren jeden einzelnen sich sein Herr geopfert hat. Er liebt diejenigen, die sein Herr geliebt hat. Er hat sich seinem Herrn dargebracht und damit bringt er sich auch denen dar, die sein Herr geliebt hat.

 

 Quelle: Emilianos Timiadis, Lebendige Orthodoxie, Nürnberg und Eichstätt 1966, Seite 13 ff.

 

 

Die Grundzüge der orthodoxen Ethik

 

Metropolit Nicolae (Mladin)von Ardea

 

 

Wie in allen ihren Aspekten, so auch unter dem Gesichtspunkt des sittlichen Lebens, setzt die Orthodoxie den christlichen Geist im Leben der Gläubigen über Jahrhunderte hinaus fort, so wie ihn Jesus Christus offenbart und wie ihn uns das Zeitalter der ökumenischen Kirche überliefert hat.

 

Die orthodoxe Kirche bewahrt unberührt den von Christo geschenkten und vom patristischen Zeitalter bereicherten geistigen Schatz und damit auch den christlich-sittlichen Geist und hat denselben vor zahlreichen Abweichungen und Irrungen geschützt. Das orthodoxe sittliche Leben befindet sich darum in einem lückenlosen Zusammenhang mit dem ursprünglichen orthodoxen sittlichen Leben und mit der ursprünglichen orthodoxen sittlichen Lehre. Es ist derselbe Geist, welcher das Leben der Gläubigen unserer Tage beseelt. Die sittliche orthodoxe Physiognomie ist unveränderlich geblieben; es ist wahrhaftig der Geist Christi, der das Leben der Gläubigen aller Zeiten gestaltet.

 

Die orthodoxe Ethik ist also eine Ethik, welche das Leben der Gläubigen erneuerte und es im Geiste und in der Wahrheit Christi ununterbrochen erneuert.

 

Dies ist ihre allgemeine Charakterisierung. Ist die Gleichsetzung der orthodoxen Ethik mit der urchristlichen Moral einleuchtend, so ist die Aufzählung ihrer Grundzüge nicht so einfach. Manche konnten bei einigen Haupttugenden, welche die Wesenszüge des orthodoxen sittlichen Typus bilden, haltmachen. Solche sind z.B. die Liebe, die Demut, die Güte u.s.w. Manche konnten sich auf allgemeine geistige Strömungen beziehen. So z.B. die Betonung des göttlichen und beschaulichen Elementes, der Hinweis auf das Jenseitige u.s.w. Manche konnten die Aufzählung der orthodoxen Grundsätze, welche das Gerüst des sittlichen Lebens bilden, für erbauliche Natur halten. Wir bekämpfen diese Problemstellungen nicht, weil jede von ihnen ihre Berechtigung und ihren Vorteil hat. Wir haben uns aber vorgenommen, einige grundsätzliche Koordinaten der orthodoxen Ethik hervorzuheben, welche die breiten Linien der Entwicklung des orthodoxen sittlichen Lebens bilden. Diese finden wir im Leben sämtlicher Gläubigen von den Anfängen der Kirche bis heute. Darum betrachten wir sie als Grundsätze der orthodoxen Ethik. Man kann sie in den folgenden, untereinander eng verbundenen drei Elementen zusammenfassen: Christozentrismus, Sobornizität und geistiges Gedeihen. Im Folgenden beschränken wir uns auf eine kurzgefasste Darstellung derselben.

 

1. Der Christozentrismus

 

Es gibt eine gesetzmässige Auffassung der Moral, welche die Moral auf eine Anzahl Gebote, die wir erfüllen müssen, reduziert. So viel und nichts mehr. Spricht man das Wort "Moral" aus, so denken manche Christen gleich an die "Bundestafel", das heißt an die Zehn Gebote, oder auch an mehrere Gebote, die uns sagen, was wir machen und besonders, was wir nicht machen "sollen".

 

Diese erscheinen als gewisse Grenzen der Handlung, als gewisse strenge Wächter des Lebens. Von hier aus die Empfindung, dass die "Moral" mit ihren Gesetzen dem Menschen einen Zwang auferlegt, seine Freiheit beschränkt, ihm das Leben in seiner vollen Intensivität zu leben, die Möglichkeit raubt. Dieser Zwang lässt in manchen Gemütern Unzufriedenheit, ja Empörung entstehen, und die Schranke wird zum Zügel, ja zum Antrieb zu überschreiten, zu fliehen.

 

Die gesetzmäßige Moral führt in manchen zu einer formellen Anpassung, zu einer äußerlichen Erfüllung des Gesetzes, zu einer Übereinstimmung mit dem Buchstaben des Gesetzes, ohne dass die Seele irgendeine Änderung erfahren hätte. Einige von diesen behaupten sogar, dass sie alle Gebote erfüllen und gerecht sind, wie die Pharisäer aus der Zeit Christi. Daher ihr Hochmut und ihr strenges verachtungsvolles Urteil, das sie anderen, "den Zöllnern und Sündern" gegenüber anwenden. Andere Gläubige finden in der Gesetzmäßigkeit eine Selbstberuhigung: sie sind zufrieden, dass sie "nicht getötet, nicht gelogen, nicht gestohlen u.s.w. haben". Sie denken aber nicht daran, diese Moral des "Nein, nicht getan" zu überholen. Für die echten Eiferer ist aber die gesetzmäßige Moral eine beständige Qual des Unerfüllten, weil sich das Leben nie in Formen unpersönlicher Gesetze gießen lässt und weil das "Gesetz" nicht alle Fragen des Lebens beantworten kann. Daher das Leiden eines skrupulösen Gewissens, welches sich nie richtig orientieren kann.

 

Die gesetzmäßige Moral kann den Gläubigen nicht umwandeln, kann ein neues Leben nicht entstehen lassen, weil das Leben aus dem Leben keimt und der erneuernde Geist aus dem Geist, nicht aber aus dem Buchstaben des Gesetzes entspringt.

 

Die christliche Moral ist tatsächlich kein Gesetzbuch, keine Summe von Geboten. Sie ist jedenfalls weder nur diese, noch in erster Reihe diese. Die christliche Moral ist vor allem Leben, ist unser Leben in Jesus Christus. Im Mittelpunkt der christlichen Ethik befindet sich darum nicht die "Bundestafel", sondern Jesus Christus. Der Christozentrismus ist der wesenhafte Grundzug der christlichen Ethik, der orthodoxen Moral. Diese Moral ist in Christo und durch Christum ein neuer Lebensgeist, eine schöpferische und erneuernde Kraft. Sie ist die Fortsetzung der Heiligkeit Christi im Leben der Gläubigen. Wir bieten hier einige Aspekte des Christozentrismus im Leben der Gläubigen.

 

Jesus Christus ist vor allem die vollkommene Verkörperung und Entdeckung der christlichen Moral. Er ist das höchste sittliche Vorbild. Der Erlöser stellt uns die Vollkommenheit als das christlich-sittliche Ideal dar, wenn Er sagt: "Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist" (Mt 5: 48). Erscheint aber die gesetzmäßige Moral mehr als eine Schranke und kann darum die Begeisterung der vollkommenen Hingabe im Menschen nicht erwecken, so ist auch die Formulierung eines abstrakten sittlichen Ideals nicht imstande, diese sittliche Begeisterung in allen wach zu rufen. Es ist wahr, dass die Vollkommenheit des Vaters kein abstraktes Ideal ist, sondern eine Wirklichkeit, die besonders unendliche Liebe zu sein scheint (Mt 5: 45). Gott der Vater ist doch unsichtbar. Zwar äußert sich Seine Vollkommenheit in der Welt, doch hat sie einen besonderen transzendentalen Charakter. Es ist aber eine festgestellte Tatsache, dass die Menschen im allgemeinen, um durch ein sittliches Ideal gewonnen zu werden, um umgestaltet zu einem höheren sittlichen Leben erhoben zu werden, ein Vorbild, eine sittliche Persönlichkeit brauchen, in der sie das verkörperte Ideal konkret anschauen können.

 

Nichts gewinnt, nichts begeistert, nichts wandelt einen mit solcher Gewalt um wie das Begegnen einer außerordentlichen sittlichen Persönlichkeit, durch welche das sittliche Ideal Leben wird, Geist wird, Kraft wird. Das sittliche Leben verlangt mit Notwendigkeit die Verkörperung des Ideales in Persönlichkeiten. Daher sehen wir, wie weit sie nicht nur das Blickfeld der Gesetzmäßigkeit, sondern auch die Perspektive des abstrakten Ideals überholen.

 

Die christliche Ethik erfüllt diese, dem sittlichen Leben notwendige Bedingung. Sie besitzt in der Person, im Leben Jesu Christi die unübertroffene Verkörperung der göttlichen Vollkommenheit, des christlich-sittlichen Ideals. Die göttliche Vollkommenheit erscheint in menschlicher Gestalt, im menschlichen Leben. Jesus Christus ist der fleischgewordene Sohn Gottes. Darum, wer den Sohn sieht, der sieht den Vater; wer den Sohn sieht, der kennt den Vater (Joh 12: 45; 14: 7-9). Das Ideal der Vollkommenheit, "so wie der Vater vollkommen ist", wird vor unseren Augen Leib, verkörpert sich durch Den, Der "ein Mensch, gleich uns" geworden, Der unter uns Menschen gelebt hat. Dies ist das große Wunder, dass Gott, das heißt "das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns ... voller Gnade und Wahrheit" (Joh 1: 14).

 

Zwar "ist Er uns gleich", doch über alle Menschen erhaben. Sind alle Menschen sündig, so ist Jesus Christus ein Mensch, gleich wie wir "außer der Sünde" (Hebr 4,15). Das reine Licht der Heiligkeit strahlt folglich in Ihm, ohne den Schatten der Sünde. Hat jeder Mensch ein Element des Egoismus in sich, so ist in Jesus Christus die grenzenlose, die selbstlose Liebe bis zum Opfer. Das reine Licht der Liebe, ohne Schatten der Ichsucht, strahlt in Ihm. Gibt es in jedem Menschen einen gewissen Hochmut, so ist Jesus Christus die Demut bis zum Tode auf dem Kreuz (Phil 2: 7 f). In ihm finden wir in einer reinen, vollkommenen Form und ohne jede Spur der Unvollkommenheit, die Gesamtheit der Tugenden. 

 

Er ist die im menschlichen Leben verkörperte göttliche Heiligkeit. (Ihn sehen wir nicht nur als einen vollkommenen Menschen, sondern als Gott-Mensch über alle Menschen erhaben).

 

Er ist also das vollkommene Vorbild, den wir als eine Leuchte anschauen und der uns mit der Schönheit Seiner Vollkommenheit erobert. Wer Jesum als die sittliche Vollkommenheit anerkennt, der fühlt sich von Seiner Heiligkeit hingerissen und widmet sich dem Herrn mit seinem ganzen Wesen.

 

Unser Erlöser bietet sich selbst als ein Vorbild an. Er fordert uns auf, Ihm zu folgen, uns selbst zu verleugnen und ihm nachzugehen (Mt 10,38; 16,24). Er sagt uns: "Lernet von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig" (Mt 11: 29): denn "ein Beispiel habe ich euch gegeben, dass ihr tut, wie ich euch getan habe" (Joh 13: 15). Jesus stellt sich aber nicht nur hinsichtlich der Selbstverleugnung, der Sanftmut und Demut als Vorbild, als "Beispiel" hin, sondern auch hinsichtlich anderer Tugenden und ganz besonders hinsichtlich der Tugend der Liebe. Die Nächstenliebe ist nicht nur ein Gebot, sondern sie ist im vollkommenen Vorbild der Person, des Lebens Jesu Christi verkörpert. Darum ist das Gebot des Alten Testamentes: "Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst", vervollkommnet und ein neues Gebot geworden, in der Tatsache, dass das Vorbild der Liebe Jesus Christus ist.

 

"Ihr sollt euch lieben" ist nicht etwas Unbestimmtes, ohne Umriss, sondern es hat ein konkretes Bild: "So wie ich euch geliebt habe." Ihr sehet doch, wie ich euch geliebt habe, wie ich den Menschen geliebt habe, und so – nach meinem Beispiel – sollt ihr euch lieben. Die Liebe Jesu Christi dem Menschen gegenüber wird das höchste Vorbild, der vollkommene Prüfstein unserer Nächstenliebe (Joh 13: 34).

 

Diesen Aufruf des Erlösers zum Eifer befolgten die heiligen Apostel ganz genau. Sie betrachteten sich als "Nachahmer" Christi und fordern die Gläubigen auf, ebenfalls Seine "Nachahmer" zu werden: wir sollen lieben, wie Christus geliebt hat, wir sollen vergeben, wie Christus vergeben hat, wir sollen so dienen, wie Christus gedient hat, wir sollen uns so opfern, wie er sich geopfert hat, wir sollen demütig sein, wie Er demütig war, wir sollen heilig sein, wie er heilig war (1. Kor 11: 1; Eph 5:1 f; Kol 3: 13; Röm 15: 2 f; Phil 2: 5-8; 1 Joh 2: 6; 3: 7).

 

Die Heiligen aller Zeiten befolgten den Ruf des Erlösers, der heiligen Apostel;. sie sahen in Jesum Christum das höchste Vorbild, wonach sie ihr Leben führten.

 

Jesus Christus, das vollkommene Vorbild, strahlt im Laufe der Jahrhunderte und zieht die Gläubigen, die Ihm ähnlich werden, Seine "Nachahmer" werden wollen, an sich heran. An der Grundlage des christlich-sittlichen Lebens, aller christlich-sittlichen Begeisterungen, aller christlich-sittlichen Verwirklichungen liegt keine Summe der Gebote, kein abstraktes christliches Ideal, sondern die Person und das Leben Jesu Christi, der ein "Beispiel" für alle Gläubigen, bis ans Ende der Zeit bleibt. Darum ist die christliche Ethik, die orthodoxe Moral keine "Gesetzmäßigkeit", sondern Leben, sie ist kein Buchstabe, der tötet, sondern Geist, "der lebendig macht". Sie stillt ihren Durst aus der ewig lebendigen Quelle ihres vollkommenen Vorbildes: Jesus Christus. 

 

Ist Jesus Christus das vollkommene Vorbild, so ist Er auch die Kraftquelle der sittlichen Verwirklichung. Wenn wir von Jesus Christus als einem Vorbilde reden, so konnte uns wahrhaftig dünken, dass wir Ihn als jemanden darstellen, der irgendwann lebte und uns das leuchtende Bild Seiner Heiligkeit, die fortwährend andere Seelen gewinnt, hinterließ. In diesem Fall würden wir mit eigenen Kräften kämpfen, dem Vorbild, das vor Jahrhunderten lebte, ähnlich zu werden. Aber die Beziehung zwischen Gläubigen und Christus beschränkt sich nicht darauf. Jesus Christus ist für den Gläubigen auch heute lebendig, der Tod hat ihn nicht besiegt, sondern er lebt ewig und befindet sich stets in Gemeinschaft mit uns. Zwischen dem Gläubigen und Jesus Christus setzt sich ein so lebendiges und tiefes persönliches Verhältnis fest, dass Christus in ihm und er in Christo lebt: "Er bleibt in mir und ich in ihm" (Joh 6,56).

 

 

 

Dies bedeutet, dass die Heiligkeit Christi nicht nur als Vorbild zum Nachahmen vor uns steht, sondern dass diese Heiligkeit sich über uns ergießt, uns [S. 89] heiligt und uns "in Christo anzieht" (Gal 3: 27). Die Heiligkeit Christi reinigt uns demnach von der Sünde, macht uns "heilig", macht uns zu "einem neuen Geschöpf". Wir stehen durch die heiligen Sakramente in einer persönlichen Beziehung zu Jesus Christus, und Seine Kräfte ergießen sich auf uns und wandeln uns um. Durch unsere Gebete und durch unsere guten Werke vertiefen wir diese Gemeinschaft mit Jesus Christus, und Seine Heiligkeit durchdringt uns immer mehr. Der Gläubige erhält frische Kräfte und wird durch diese Gemeinschaft mit Christus erneuert. Was menschlich unmöglich ist, wird in Christo möglich. Die Ähnlichkeit mit Christo – dem Vorbild, ist, nur durch die sittlichen Kräfte des Menschen, unmöglich: sie wird, durch die Erneuerung dieser Kräfte in Christo, durch die Zusammenarbeit des Menschen mit der göttlichen Gnade, mit Jesu Christo, der in uns wohnt, möglich.

 

Jesus Christus ist also kein Bild aus anderen Zeiten, dessen sittliche Züge wir auf die Leinwand unserer Seele, unseres Lebens, einprägen sollen sondern Er ist eine ewig lebendige Person, eine Quelle göttlicher Kräfte, durch welche wir nach Seinem Ebenbild gestaltet werden und auf die Gestalt Seiner Vollkommenheit zu, gedeihen vermögen.

 

Die christliche Moral ist christozentrisch, weil Jesus Christus das höchste Vorbild, die ewige Quelle der sittlichen Kräfte aller Gläubigen, von den Heiligen Aposteln bis zum Ende der Zeiten, bleibt. Christus als ewiges Beispiel und als lebenspendender Geist steht im Mittelpunkt der orthodoxen Moral. Die orthodoxe Moral beschränkt sich darum nicht auf die Erfüllung von einigen Geboten, sondern sie ist das Leben in Christo, mit Christus und für Christus. Sie ist die Fortsetzung des Lebens Christi im Leben der Gläubigen über alle Zeiten, sie ist die in Seinen "Jüngern" ständig verkörperte Heiligkeit Christi.

 

 

 

2. Die Sobornizität = Gemeinschaftlichkeit

 

Der zweite Grundzug der orthodoxen Moral ist die Sobornizität. Sie ist vom Christozentrismus untrennbar. Der Christozentrismus kann aber einen individualistischen oder einen sobornistischen (gemeinschaftlichen) Charakter haben.

 

In einer anarchischen individualistischen Auffassung betont man das Individuelle, nicht das Gemeinschaftliche, jeder Gläubige tritt selbständig in Beziehung zu Christus. Die Beziehung zu Christus erscheint als eine Beziehung zwischen zwei von den anderen "abgesonderten" Personen. Sie ist eine rein individuelle Beziehung. Jesus Christus reflektiert sich in jedem Gläubigen ganz abgesondert, so wie das Sonnenlicht, welches in verschiedenen Kristallen, die keine Verbindung miteinander haben, sich reflektiert. Eine derartige Perspektive weicht natürlich vom Christozentrismus zum Egozentrismus ab, das heißt, anstatt den Gläubigen nach dem Ebenbilde Christi zu gestalten, gestaltet sie das Ebenbild Christi nach der Auffassung des Gläubigen. Von der "Christoformisierung" des Menschen gelangt man zur "Vermenschlichung" Christi.

 

Die individualistische Perspektive liegt – nur im entgegengesetzten Sinn – auch in der Form des absoluten Individualismus. Nicht jeder Gläubige tritt einzeln in Beziehung zu Christus, sondern die Deutung, eines einzigen ist absolut maßgebend für alle Gläubigen, für die ganze Kirche. Das Ebenbild Christi wird, so wie es von einem einzigen Menschen gedeutet worden ist, verabsolutiert und allen aufgedrungen.

 

Diesen zwei Formen des individualistischen Christozentrismus stellt die Orthodoxie den sobornostischen Christozentrismus gegenüber. Dieser entspricht der Heiligen Schrift und dem ökumenischen kirchlichen Geiste der ersten christlichen Jahrhunderte. Hier gilt das Verhältnis: Christus – Kirche. Christus ist wahrhaftig nicht in die Welt gekommen, um allein zu bleiben oder um einige Jünger zu erlösen oder um Sein Werk allein zu entfalten. Er ist in die Welt gekommen, um die Welt zu erlösen und sie zu erneuern. Er ist die neue Wurzel, der neue Adam, aus dem eine neue Menschheit emporsprießt, durchdrungen und umwandelt von Seinem Geiste. 

 

Er ist der neue Stamm, aus dem der neue Baum mit den Zweigen, Blättern, Blüten, Früchten sich entfaltet, der Baum, der durch die Säfte des Geistes Christi lebt; Er ist das Haupt, das sich einen "Leib" gestaltet und der die Verkörperung Seines Geistes ist. Christus ist das "Haupt", weil er das Leben und die Einheit der Kirche, die Quelle der göttlichen Gnade, welche die Kirche beseelt, der Herr und die Kraft des Gedeihens und der Vervollkommnung der Kirche ist; und die Kirche ist "der Leib Christi", weil Christus in ihr lebt und der Geist ihre "Seele" ist. Die Kirche ist auf diese Weise die Fortsetzung der "Fleischwerdung" Christi in der Welt.

 

Sie umfasst die ganze Menschheit, den Kosmos auch. Nach dem heiligen Kyrill von Alexandrien haben wir am Anfang (in Bethlehem) eine persönliche Fleischwerdung des Logos und in der Kirche eine gemeinschaftliche, insofern Er in uns wohnt und uns zu einem einzigen Leibe vereinigt (Adv. Nest. IV, PG 76, 193). Das Ebenbild Christi ist lebendig und unverfälscht in Seiner Kirche.

 

Das Haupt und der Leib sind eins, genauso sind Christus und die Kirche untrennbar. Die Kirche ist ohne Christus tot, weil Christus ihr Leben ist; Christus ist ohne Kirche unvollständig, weil die Kirche die "Erfüllung" Christi ist (Eph 1,22; Kol 2,19). Die göttlichen Energien strömen aus Jesus Christus in die Kirche, und auf diese Weise verkörpert sich der Geist Christi und verbreitet Sich und Sein Werk in die Welt. Die Kirche ist eine vom Geiste Christi durchdrungene und umwandelte Menschheit. Da aber sowohl in Christo, wie auch in der Kirche derselbe Geist, der Geist Christi waltet, können wir sagen, dass sie "ein Christus" ist, weil die Einheit von "Kopf" und "Leib" unzerstörbar ist. Nun verstehen wir die Worte: "Der ganze Christus ist nicht der Kopf, sondern eins mit dem Leib." "Der Kopf und der Leib bilden einen Menschen. Wer ist das Haupt? – Derjenige, der aus der Jungfrau geboren ist. Wer ist der Leib? – Seine Braut, das heißt die Kirche ... und der Vater wollte, dass diese zwei einen einzigen Menschen bilden: Christus-Gott und die Kirche".

 

Aus dieser Einheit zwischen Christus und Kirche ergibt sich deutlich die Verurteilung des Individualismus, weil der Gläubige, welcher in einer Beziehung zu Christus ist, sich gleichzeitig in einer Beziehung zur Kirche befindet – und weil Christus in Seiner Ganzheit in der Kirche, nicht aber in einem einzigen Glied derselben ist, und weil Christus das einzige "Haupt" der Kirche, die Sein Leib ist, bleibt. Vom ersten Augenblick seiner christlichen Existenz – von der Taufe – an, befindet sich der Gläubige gleichzeitig in Christus und in der Kirche; in Beziehung zu Christus und zur Kirche, sein Gedeihen und sein Vervollkommnen setzen sich stets in Christo und in der [S. 91] Kirche fort. Er ist ein "Glied" der Kirche und folglich befindet er sich in Verbindung mit dem "Haupt" und mit dem "Leib", dessen "Glied" er ist. ‚In Christo sein’ und ‚in der Kirche sein’ sind so unzertrennbare Beziehungen, dass man die eine ohne die andere nicht denken kann: wer in der Kirche ist, der ist auch in Christo, wer in Christo ist, der ist auch in der Kirche. Deshalb, wer sich taufen läßt, der "zieht Christum an", aber gleizeitig wird er auch Mitglied der Kirche, wer die Heiligen Geheimnisse empfängt, der vereinigt sich mit Christo, aber er vereinigt sich auch mit seinen Brüdern, mit denen er eine "Leib" bildet. Der Individualismus ist ausgeschlossen: der Christozentrismus ist mit der Sobornizität untrennbar verbunden, weil Christus das Haupt, und die Kirche – der Leib – "einen Menschen", "einen Christus" bilden.

 

Die Sobornizität besteht also darin, dass der Gläubige kein abgesonderter, sondern von Anfang an ein "Mitglied" der Kirche (der kirchlichen Gemeinschaft) ist. Er ist Bestandteil eines "Leibes", eines Organismus, eines Ganzen, er ist solidarisch mit dem Ganzen und mit den anderen "Gliedern" dieses Ganzen. Er ist einverleibt in die kirchliche Gemeinschaft und von ihrem Geist durchdrungen, er nimmt lebendigen Anteil an ihrem Gedeihen. Befindet er sich in Beziehung zu Christus, so befindet er sich gleichzeitig in Beziehung zur Kirche, deren "Mitglied" er ist.

 

Vom sittlichen Standpunkt aus fühlt sich der Gläubige – in erster Reihe – als "Mitglied" der Kirche, als Bestandteil eines Ganzen. Die Kirche ist seine "geistige Mutter"; in ihm pulsiert der Geist der Kirche, und sein Leben und Gedeihen hängen davon ab, in welchem Maß er ein lebendiges Glied der Kirche ist. Durch die Gnade Christi gebärt ihn die Kirche zu neuem Leben, führt ihn, nährt ihn mit geistiger Nahrung und bietet ihm alle notwendigen Mittel für die Vervollkommnung. Sie ist die notwendige gnadenhafte Umgebung für seine geistige Vervollkommnung. Wird sich der Gläubige dessen bewusst, was die Kirche für ihn bedeutet, muss er im Dienste der Kirche stehen. Der Gläubige bringt seinen Beitrag zum Fortschritt der Kirche und durch seine Vervollkommnung. Gleichwie jeder Fortschritt der Kirche dem Gläubigen zunutze kommt, wird auch jeder Fortschritt des Gläubigen der Kirche zum Vorteil. Aber außer diesem Beitrag muss er sich mit der Kirche und mit ihrem Leben identifizieren und im Dienste des Gedeihens des ganzen "Leibes" stehen. "Nun aber sind der Glieder viele; aber der Leib ist einer" (l Kor 12,20). Alle Glieder sind Bestandteile des Leibes, sie haben Leben, weil sie Bestandteile des Leibes sind, alle erfüllen einen Dienst im Leibe, alle sind dem ganzen Leibe nützlich. Jedes Glied hat seine Gabe: einige sind Apostel, andere Propheten; einige sind Lehrer, andere sind mildtätig, und oft werden die für schwach gehaltenen Glieder nützlicher. Diese Glieder mit mannigfaltigen Gaben dienen alle zum "Aufbau der Kirche", ihr Zweck ist, dass die Kirche "erbaut" wird (l Kor 12: 22.28-30; 14: 4.12). Aber über allen Gaben ist die Liebe. Die Liebe gibt unser ganzes Wesen dem Gute der Gemeinschaft hin und stellt uns in den Dienst der Kirche.

 

Die erste Seite, der erste Aspekt der Sobornizität ist also die Einverleibung in das Ganze, in die große Gemeinschaft, durch welche und für welche wir leben; der Dienst an der Kirche. Die zweite Seite, der zweite Aspekt der Sobornizität ist das Liebesverhältnis zu den anderen "Gliedern" der Kirche. Unter diesen besteht eine Einheit, eine gegenseitige Abhängigkeit, weil alle Gläubigen "Glieder" desselben "Leibes", der Kirche, sind. "Es kann das Auge nicht sagen zur Hand: ich bedarf dein nicht; oder wiederum das Haupt zu den Füßen: ich bedarf euer nicht." Sondern der Wille Gottes ist, "auf dass nicht eine Spaltung im Leibe sei, sondern die Glieder füreinander gleich sorgen. Und so ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit; und so ein Glied wird herrlich gehalten, so freuen sich alle Glieder mit" (l Kor 12,21.24-26). Es handelt sich also um eine gegenseitige Ergänzung und eine Solidarität der Glieder. Keiner ist mehr abgesondert, sondern befindet sich in einer Solidarität mit den anderen; keins sorgt allein nur für sich, sondern sorgt auch für die anderen; keins ist nur für sich verantwortlich, sondern auch für die anderen. Die Freude des einen ist die Freude auch der anderen; das Leid des einen ist auch das der anderen; der Sieg des einen ist auch der der übrigen Brüder; der Sturz des einen tut auch dem anderen leid. So tragen wir die Last einer für den anderen, so unterstützen wir uns gegenseitig auf dem Wege der Erlösung (Gal 6: 2; Eph 4: 25). Was mir gehört, das gehört auch meinem Bruder, und was ihm gehört, das ist auch mein. und alles, was ich für das Beste meines Bruders tue, das kommt auch mir zugute, und alles, was er für mein Bestes tut, das kommt auch ihm zugute. Alles ist gemeinsam und jeder Verdienst des einen gehört allen, gleichwie jeder Nachteil des einen alle betrübt.

 

Diese beiden Aspekte, der Sobornizität (das Verhältnis zum Ganzen und das Verhältnis der Glieder untereinander im Rahmen des Ganzen) durchdringen sich gegenseitig, denn jeder Dienst an dem Ganzen ist auch den Gliedern zum Vorteil, gleichwie jede Unterstützung der Glieder dem Ganzen zugute kommt. Zwischen dem Fortschritt der Kirche und ihrer Mitglieder gibt es eine sehr enge Verbindung. Die Kirche gelangt zur Vollkommenheit tatsächlich nur, wenn ihre Mitglieder die Vollkommenheit erreicht haben. Wenn also die Kirche die zum Fortschritt notwendigen geistigen Kräfte ihren Mitgliedern schenkt, so ist der Kampf für die sittliche Vollkommenheit der Mitglieder, die Bedingung für den sittlichen Fortschritt der Kirche.

 

Aus den Dargestellten ergibt sich also, dass die orthodoxe Moral christozentrisch und sobornostisch (gemeinschaftlich) ist. Sie begründet sich auf das Einswerden mit Christo und mit der Kirche, sie ist Leben in Christo und in der Kirche.

 

3. Das geistige Gedeihen

 

Es könnte einen dünken, dass es im Rahmen dieses sobornostischen Christozentrismus für die Einzelperson keinen oder nur einen bedeutungslosen Platz gibt. Im Gegenteil, wir können ruhig behaupten, dass eben hier der geeigneteste Raum für das geistige Gedeihen, für die Heranbildung der christlichen sittlichen Persönlichkeiten ist. Das Ersetzen Christi durch Seine Gebote gebiert den Legalismus, der Legalismus gebiert den Formalismus, und der Formalismus kann keine Persönlichkeiten gestalten, sondern nur Fanatiker der Formen, Hochmütige einer scheinbaren "Gerechtigkeit". Dies ist das Ergebnis der Deutung des Christozentrismus im Sinne der Gesetzmäßigkeit. Dieselben Früchte trägt das Ersetzen der Sobornizität durch die äußere Disziplin, wenn die Kirche als eine sichtbare Organisation und der blinde Gehorsam betont wird.

 

Das Heranwachsen in der Atmosphäre des unbeschränkten Individualismus gebiert eine stete innere Unruhe in solchen Personen, die ihr Gleichgewicht nicht finden und sich von verschiedenen individuellen Bestrebungen beherrschen lassen.

 

Im Gegenteil, der Gläubige, der in Jesu und in der Kirche lebt, besitzt die notwendigen Bedingungen zum geistigen Gedeihen bis zur Höhe einer christlich-sittlichen Persönlichkeit. Wir sagten, er soll geistig gedeihen, weil die christliche Ethik die innere Umwandlung, die Bereicherung der geistigen Kräfte betont und weil die Persönlichkeit durch einen besonderen geistigen Reichtum chiarakterisiert wird. Diese innere Umwandlung und dieses geistige Gedeihen ist durch Legalismus und äußere Disziplin unmöglich. Sie ist möglich durch eine innere Gemeinschaft mit Jesus Christus und mit all denen, mit welchen wir in Christo eins sind, d.h. durch Christozentrismus und Sobornizität. Daher die Betonung der Liebe, durch welche wir mit Christus und mit der Kirche eins werden.

 

Die Liebe vereint uns mit Christus. Sie verwirklicht eine so innige Einheit zwischen uns und Christus, dass Er in uns und wir in Ihm sind, dass wir "ein Geist" mit Ihm werden.

 

Diese Einheit bedeutet aber unsere Auflösung in Christo nicht, sondern der Unterschied zwischen Christus und uns bleibt und wir werden von Seiner Heiligkeit durchdrungen, von Seinem Licht verklärt, durch Seinen Geist vervollkommnet. Die sittlichen Züge Jesu Christi prägen sich in unser Wesen ein, und wir werden Jesu Christo immer mehr ähnlich. Sein Geist lebt in uns und schenkt uns die "Form" Christi. Die Heiligkeit Christi verkörpert sich in unserer Person und in unserem Leben. Unsere eigene Persönlichkeit wächst und gedeiht im Lichte und in der Wärme der Liebe Christi, gleichwie die Blumen im Lichte und in der Wärme der Sonne wachsen und gedeihen. Die großen sittlichen Persönlichkeiten der Christenheit entfalteten sich und wirkten im Geiste Christi. Dabei bewahrten sie ihre Eigenart und handelten in verschiedenen Verhältnissen. In ihnen ist die Anwesenheit und das Wirken Christi wahrnehmbar, aber eben darum auch die Anwesenheit und das Wirken der eigenen Persönlichkeit. In Jesus Christus wird die eigene Person nicht abgeschafft, sondern sie blüht in einer unaussprechlichen Schönheit bis zu ihrer Vervollkommnung und bereichert sich mit ungeahnten geistigen Energien. Schreiten wir auf dem Wege zur Vollkommenheit in Christo noch so weit fort, die Höhe Seiner Heiligkeit werden wir doch nie erreichen können. Darum ist das geistige Gedeihen grenzenlos: es ist ein unaufhörliches Fortschreiten, weil sein Ideal das Erreichen der unerreichbaren Vollkommenheit in Christo ist.

 

Die Liebe einigt uns auch mit der Kirche, mit unseren Mitmenschen. Die Christusliebe öffnet unsere Herzen für die Gemeinschaft mit allen. Wer Christum liebt, der liebt auch seine Kirche: wer Christum liebt, der liebt auch seinen Nächsten. Er umarmt die ganze Welt, die ganze Schöpfung. Er reiht sich ein in die große Gemeinschaft derer, die mit Christo eins sind. Widmen wir uns der Kirche und unseren Mitmenschen, so bereichern wir uns mit gei- [S. 94] stigen Schönheiten, ergießen sich in uns neue sittliche Kräfte, wir gedeihen im Geiste und werden vollkommen. Das Leben in der Gemeinschaft mit unseren Mitmenschen schafft die eigene Person nicht ab, sondern erweitert sie, entfaltet sie und erhebt sich auf die Gipfel der Vollkommenheit. Wir schreiten nicht einzeln, abgesondert auf die Vollkommenheit zu, sondern gemeinsam mit der Kirche, mit den anderen. Wir unterstützen uns dabei gegenseitig, damit wir durch eine gemeinsame Kraftanwendung alle Hindernisse beseitigen und uns mit allen Tugenden krönen. Die Kirche lässt uns immer mehr vom Geiste durchdringen, damit in allen ihren Gliedern der Geist Christi strahle. Das Endziel ist, dass "Christus in allen, alles ist".

 

Auf diese Weise vereint mit Christo, mit der Kirche und mit seinen Mitmenschen gedeiht der Gläubige im Geist und wird immer ähnlicher mit Christo, ein immer lebendigeres Mitglied der Kirche. Er wird eine christlich-sittliche Persönlichkeit, die ihren Lebensgeist aus Christo und Seiner Kirche bezieht und die durch eine unaufhörliche Mitwirkung mit Christo und Seiner Kirche reiche Früchte trägt.

 

Betonen wir das geistige Gedeihen, so schließen wir die "Werke", das Wirken nach außen nicht aus. Die Werke müssen die Frucht, der Ausdruck der inneren Erneuerung, die Äußerung des Geistes werden. Sie müssen aber gleichzeitig im Dienste dieser Erneuerung stehen. Darum macht uns die orthodoxe Moral darauf aufmerksam, dass die guten Werke ihren Wert verlieren,wenn sie nicht auch der Liebe entspringen und wenn sie nicht die Liebe (die innere Umwandlung) zum Endziel haben. Sie haben einen Wert nur, insofern sie von der Liebe beseelt sind und Liebe erzeugen. In diesem Sinn ist auch der Wert der Gebote zu verstehen. Haben wir den Legalismus verurteilt, weil er die christliche Ethik auf einige Gesetze herabsetzt, so haben wir die Gesetze selbst nicht verurteilt. Die Gebote haben ihre Bedeutung; sie sind die Äußerungen der Liebe. Wer Christum liebt, der erfüllt Seine Gebote und wer seinen Nächsten liebt, der erfüllt das ganze Gesetz, indem er nichts Böses, nur Gutes tut. Und die Erfüllung der Gebote aus Liebe hat das Gedeihen der Liebe zur Folge. Denn bei der Bildung der christlich-sittlichen Persönlichkeit handelt es sich nicht um eine jedwede Liebe, sondern um die Liebe Christi, um die Liebe des Ähnlichwerdens mit Christo, folglich um eine ganz bestimmte Liebe. Eine geistige Liebe, eine reiche Liebe, eine opferbereite Liebe, eine Liebe, welche die Gebote Gottes erfüllt. Jetzt aber erscheinen die Gebote nicht mehr als einfache Einschränkung des Lebens, sondern als Äußerungen des neuen Lebens, welches sich im Gläubigen festgesetzt hat, als Äußerungen des neuen Lebensgeistes in Jesu Christo.

 

Selbstverständlich geschieht dieses geistige Gedeihen nicht von selbst, nicht spontan. Es verlangt das Anspannen aller Kräfte des Gläubigen im Kampfe gegen die Sünde und für das Gleichwerden mit Christo; denn der Weg zur Vollkommenheit ist schwer. Er ist ein unaufhörlicher Kampf, mit großen Versuchungen, mit kleinen oder großen Niederlagen, aber auch mit guten Aussichten. Wir sind in Christo, in der Kirche eine neue Schöpfung geworden. Wir haben in uns alle Kräfte für die Eroberung der sittlichen Vollkommenheit. Wenn wir konsequent mit Christo und mit der Kirche zusammenwirken, wenn wir den guten Kampf führen, so werden wir das Ränkespiel des Bösen überwinden und in der Tugend fortschreiten. Das geistige Gedeihen ist das Ergebnis der unaufhörlichen Zusammenarbeit mit Christo und mit Seiner Kirche. Wir werden nicht allein vollkommen, sondern in Christo und in der Kirche, aber um vollkommen zu werden, müssen wir mit unserer ganzen Kraft mitwirken.

 

Aus diesen kurzen Betrachtungen verstehen wir, dass die sittliche Entwicklung des Gläubigen weder auf der Linie der Automatisierung durch sein Gießen in gewisse äußere Formen, noch auf der Linie des anarchischen Individualismus geschieht, sondern auf der Linie des geistigen Gedeihens in Christo und in der Kirche. Durch dieses geistige Gedeihen gewinnt Christus eine Gestalt im Gläubigen, die Kirche mit ihren "Gliedern" vervollkommnet sich und der Gläubige selbst wird zu einer sittlichen Persönlichkeit, welches neues Leben ausstrahlt.

 

4. Schlussfolgerungen

 

Die orthodoxe Ethik, als christliche Moral ist eine geistige Moral. Sie will "das Gefäß" nicht erst von außen reinigen, um es innen unrein zu lassen, sondern sie reinigt das Gefäß erst von innen, weil in einem reinen Herzen reine Gedanken, gute Worte und Werke entstehen. Sie versucht nicht, den Gläubigen von außen her durch gewisse "Gesetze" einzuschränken, ihn formell zu disziplinieren, sondern lässt ihn von einem neuen Geist, vom Geiste des Lebens Jesu und Seiner Kirche, durchdringen, durch die Kraft dieses Geistes umwandeln und macht aus ihm ein neues Glied der Kirche. Sie betont das geistige Gedeihen in Christo und in der Kirche. Darum ist sie christozentrisch und sobornistisch.

 

Dies bedeutet aber nicht, das "Gesetz" aus dem sittlichen Leben auszuschließen. Die Liebe selbst ist das grundlegende "Gebot", das wir anerkennen. Dies ist aber das Gebot des Lebens in Jesu Christo. Die "Gebote", wie zum Beispiel die Zehn Gebote, betrachtet man als Äußerungen der Liebe, des erneuerten Geistes; denn wer liebt, wer in Jesu Christo und in der Kirche lebt, der erfüllt die Gesetze nicht nur formell, sondern wirklich, der tut seinem Nächsten nichts Böses an, sondern nur Gutes. Die Gebote sind keine äußeren Beschränkungen, sondern sie sind im Herzen des Vergeistigten eingetragen, und ihre Erfüllung ist etwas Natürliches und kein Zwang.

 

Darum kann man die sittliche Erziehung der Gläubigen nicht auf die sogenannte "Moralisierung" beschränken. Diese besteht nur aus Kritik und Drohung mit der Strafe, aus dem Aufzählen, was zu tun und was zu lassen ist. Die echte sittliche Erziehung gründet sich auf die Begeisterung für das christlich-sittliche Ideal, auf die Erweckung und Verstärkung der Liebe zu Christus, zu den Heiligen, zur Kirche, zu den Nächsten und zu allen Geschöpfen. Das Wesenhafte ist Christum zu lieben und in Christo die ganze Schöpfung zu lieben. Wer Liebe zu Gott und zur Schöpfung geworden ist, der wird den Willen Gottes tun, der wird Seine Gebote erfüllen und wird nicht nur zur eigenen Vervollkommnung, sondern auch zum Fortschreiten seiner Nächsten, seiner Heimat, der ganzen Menschheit beitragen. Dies beweisen uns die ersten christlichen Jahrhunderte und das ganze geschichtliche Leben der Orthodoxie. Die große Macht der orthodoxen Moral besteht im neuen Geist des Lebens in Christo und in der Kirche, damit alle in Christo leben und alle Christo ähnlich werden sollen.

 

 

 

Eine Begebenheit aus der Sowjetzeit:

 

Im Lager fragt ein Gefangener einen ebenfalls inhaftierten Priester:

 

– Und wo ist die Gerechtigkeit?

 

– Gerechtigkeit ist in der Hölle.

 

– Und was ist dann im Paradies?

 

– Im Paradies ist Gnade…